Vorgeblättert

Leseprobe zu Miriam Toews: Kleiner Vogel, klopfendes Herz. Teil 1

20.06.2011.
ERSTES KAPITEL

Jorge hat gesagt, ich muss erst eine bessere Ehefrau werden, vorher kommt er nicht zurück. Es ist ja okay, hat er gesagt, wenn ich ihn im Bett mit dem Arm oder Bein berühre, sogar mit dem Fuß, falls er sauber ist, aber ich soll ihm nicht so auf die Pelle rücken, dass er halb erstickt. Wie das denn, fragte ich ihn, ich seh dich doch eh kaum mehr, und er antwortete, umso besser für dich. Kein Mensch würde außerdem ehrlich sagen, warum er geht, und die Gründe wären dann ja eigentlich auch egal. Ich stellte mich ihm in den Weg, damit er nicht ging, und flehte ihn an, doch zu bleiben. Er fasste mich an den Schultern, und dann rubbelte er mir die Arme, als wäre mir kalt, und ich umarmte ihn.
     Wie soll ich denn eine bessere Ehefrau werden, wenn ich keinen Mann mehr zum Üben habe?, fragte ich ihn, und er meinte, genau durch solche Fragen mache ich mich ja so einsam. Wieso er mir solche Antworten hinpfeffert, wollte ich wissen, die nur dazu da sind, meine Fragen bloßzustellen, wieso er in letzter Zeit so komisch ist und wieso er damit, dass ich beim Schlafen mein Bein über seins lege, überhaupt Probleme hat, wieso er immer wieder abhaut und wieso er dauernd den Macker raushängen lässt statt einfach Jorge zu sein, und dann hielt er mich ganz fest und wollte, dass ich still bin, dass ich aufhöre zu zittern, aufhöre, ihm den Weg zu versperren, aufhöre zu heulen und aufhöre, ihn zu lieben.
     Wie ich das denn anstellen soll, fragte ich ihn, aber er meinte, nein, Irma, Schluss jetzt, wir sind doch keine Kinder mehr. Was denn daran kindisch sein soll, dass ich ihn liebe, hätte ich am liebsten noch gefragt, aber ich fügte mich und hielt den Mund. Er sah so traurig aus, die Augen halb geschlossen und ganz leer, und dann gab er mir einen Kuss und ging. Aber bevor er losfuhr, hat er mir noch eine neue Taschenlampe geschenkt, mit dicken Babybatterien, und darüber bin ich heilfroh, denn das ist eine stockfinstere, zappendustere Gegend hier.

Kennengelernt habe ich Jorge in Rubio beim Rodeo. Auch wenn er kein Cowboy war, sondern bloß zuguckte. Wir durften eigentlich gar nicht zum Rodeo, aber mein Vater war weg, auf Besuch bei einer anderen Kolonie in Belize, und meine Mutter meinte, wenn wir die Jungs mitnähmen, dann dürften meine Schwester Aggie und ich mit dem Pick-up zum Rodeo, dann könnte sie sich nämlich ausruhen. Vielleicht war sie da schwanger. Oder sie hatte das Baby grade verloren, das weiß ich nicht mehr so genau. Jedenfalls waren ihr an dem Tag die Regeln egal, und deshalb landeten wir auf einmal beim Rodeo. Wahrscheinlich war ich vor lauter Freude, der Farm mal entronnen zu sein, ganz durchgedreht und deshalb so mutig, auf alle Fälle saß da eben Jorge, ganz allein, guckte zu und ging immer mit den Bewegungen der Cowboys so mit. Das fand ich lustig, deshalb stellte ich mich einfach zu ihm und sagte hallo.
     Spielst du Cowboy?, fragte ich ihn auf Spanisch.
     Er grinste. Ich glaube, es war ihm ein bisschen peinlich.
     du Mennonitzka?, fragte er.
     Nö, ich bin echt eine, sagte ich.
     Er fragte, ob ich mich zu ihm setzen will, und ich sagte ja, aber bloß kurz, ich müsse wieder zu Aggie und den Jungs zurück.
     Wir unterhielten uns in gebrochenem Englisch und Spanisch, obwohl, unterhalten ist zu viel gesagt, denn kaum hatte ich mich hingesetzt, verflüchtigte sich mein Mut, und mir schlotterten die Knie. Wenn jetzt jemand sieht, dass ich mit einem Mexikaner rede, und bei meinem Vater petzt!, dachte ich. Jorge erzählte, er sei in der Stadt, weil er für seine Mutter, die in Chihuahua City lebte, irgendwas besorgen solle - was, weiß ich nicht mehr. Er habe einen Job, Autos von Juarez über die Brücke nach El Paso fahren, und er kriege vierzig Dollar pro Auto und stelle keine Fragen.
     Was denn für Fragen?, wollte ich wissen.
     Keine eben, sagte er.
     Aber wieso Fragen?
     Was in den Autos ist oder wer mich bezahlt und wann oder so. Ich halt einfach die Klappe. Er wirkte jetzt auch ein bisschen nervös, und dann beobachteten wir beide eine Weile die anderen Zuschauer auf der Tribüne und schwiegen die meiste Zeit.
     Die Leute starren uns schon an, sagte er.
     Ach was, sagte ich.
     Doch. Der da drüben zum Beispiel. Jorge hätte beinahe mit dem Finger auf ihn gezeigt, ich hielt ihn gerade noch davon ab.
     Dass eine junge Mennonitin auf ein Rodeo geht, sei doch komisch, meinte er, und ich konnte nur sagen: Tja, das stimmt. Ich versuchte ihm zu erklären, welche Regeln mein Vater aufgestellt hatte, dass er aber im Moment nicht da war und meine Mutter immer so müde und so, und dann redeten wir auf einmal über Mütter und Väter, und irgendwann erzählte er die Geschichte von seinem Vater.
     Richtig verstanden habe ich davon nur, dass sein Vater seine Mutter verlassen hat, als er noch ganz klein war, und dass seine Mutter eines Tages ankündigte, er werde heute seinen Vater kennenlernen; er solle sich ordentlich anziehen und brav sein. Sie würde ihn an der Ecke vor ihrem Haus absetzen, da würde sein Vater auf ihn warten, und dann könnten sie beide sich unterhalten und vielleicht zusammen was essen, und danach würde ihn der Papa wieder an derselben Ecke absetzen. Jorge war damals fünf und dachte: für seinen Vater ordentlich anziehen, das hieß vor allem, seine Turnschuhe sauberzukriegen. Er wusch sie also mit Shampoo in der Badewanne und stellte sie zum Trocknen in die Sonne. Als es so weit war, setzte seine Mutter ihn an der Ecke ab und verabschiedete sich, und Jorge stand eine ganze Weile allein da. Es wurde immer dunkler. Irgendwann fing es an zu regnen, und er machte sich allmählich Sorgen. Wo blieb denn sein Papa? Ein paar Männer waren vorbeigefahren, aber keiner hatte angehalten und ihn mitgenommen. Es regnete immer heftiger. Jorge ließ den Kopf hängen und musste dabei plötzlich feststellen, dass seine Turnschuhe schäumten. Wolken von Seifenbläschen schwammen um seine Füße herum, und er kannte sich überhaupt nicht mehr aus. Er war noch zu klein, um zu verstehen, dass er seine Schuhe nach dem Waschen nicht ausgespült hatte und dass das jetzt der Regen besorgte, dass sie deswegen so schäumten. Er kam sich vor wie ein Trottel. Wie ein Clown. Er schämte sich in Grund und Boden. Als er die Schuhe gerade ausziehen und an der braunen Erde des Gehwegs abwischen wollte, damit sie mit dem Schäumen aufhörten, kam ein Auto; ein Mann stieg aus und erklärte, er sei sein Vater. Er fragte Jorge, was denn mit seinen Turnschuhen los sei, und Jorge meinte, er wisse es auch nicht. Sie hätten einfach angefangen, so komisch zu schäumen. Sein Vater blickte ihn an und meinte, das würden Schuhe aber sonst nicht tun. Jorge wollte ihm eigentlich erklären, dass er bloß für seinen Papa hatte ordentlich aussehen wollen, aber irgendwie brachte er das nicht richtig heraus, sondern fing vor Scham an zu heulen.
     Und dann?, fragte ich.
     Hat mein Vater gesagt, dass ihm meine Schuhe gefallen, wie sie sind, dass er sie toll findet und auch solche will, sagte Jorge. Da ging?s mir erst mal viel besser. Und dann sind wir Krabbencocktails essen gegangen. Danach hat er mich wieder an der Ecke abgesetzt, und ich hab ihn nie wiedergesehen.
     Ach, sagte ich. Wo ist er denn hin?
     Keine Ahnung, antwortete Jorge. Aber ich war mir sicher, dass er bloß wegen meiner blöden Schuhe nie wiedergekommen ist. Er hatte mich eben angelogen. Natürlich wollte er nicht auch solche Schuhe, das ist doch totaler Quatsch. Irgendwann habe ich dann beschlossen, mich nie wieder wie ein Trottel zu benehmen.
     Aber du hast doch nicht absichtlich den Clown gespielt, sagte ich. Du wolltest einfach saubere Schuhe anhaben, wenn du deinen Vater kennenlernst. Das hatte deine Mutter dir ja eingeschärft.
     Stimmt, sagte er, vielleicht ist das alles auch total unlogisch. Trotzdem habe ich da beschlossen, in Zukunft cooler zu sein und nicht mehr alles so ernst zu nehmen.
     Das sei wirklich blöd, sagte ich, aber ich müsse jetzt zu Aggie und den Jungs zurück. Dann sehe ich dich wahrscheinlich auch nie wieder, sagte er, mit einem Grinsen. War nett, dich kennenzulernen. Na ja, sagte ich, er könnte mich ja vielleicht mal auf unserem Feld besuchen, bei dem Sprühflieger, der dort den Geist aufgegeben hätte, und dann beschrieb ich ihm den Weg, er solle am Abend dort auf mich warten.
     Aber dass du dich ja ordentlich anziehst und benimmst, sagte ich, nur kam das in meinem Spanisch nicht richtig rüber, so dass er den Witz nicht verstand, der sowieso nicht so toll war; jedenfalls nickte Jorge und sagte, er würde die ganze Nacht auf mich warten, notfalls auch das ganze Jahr. Ich war solche romantischen Sprüche nicht gewohnt, deshalb antwortete ich, so lange würde es bestimmt nicht dauern. Am liebsten hätte ich noch gesagt, dass auch ich mein halbes Leben lang alles Mögliche getan hatte, damit die anderen dableiben, und dass es nie funktioniert hatte, aber dann dachte ich, wenn ich so anfing, dann wäre in unserer Beziehung von vornherein mit drin, dass alles nicht klappt.

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