Vorgeblättert

Leseprobe zu Mircea Cartarescu: Der Körper. Teil 3

18.08.2011.
In der dichten Dämmerung erinnerten die Blätter an die Häutchen, die Mutter mit dem Messer aus dem Fleisch herauslöste, oder ans Perlmuttschimmern einer Schwimmblase. Die Kugel bewegte sich über feuchte Häutchen voller Kapillargefäße. Unter dem Gewicht des durchsichtigen Globus weiteten sich die mit Kugelschreiber gemalten Schriftzüge so sehr, dass man durch ihre blauen Röhrchen das Blut fließen sehen konnte. Beim Darüberhinrollen der Kugel erschienen zwischen den Buchstaben Schweißdrüsen, freie Nervenenden und Vater-Pacini-Körperchen, Hautfett und Melanin (das an der einen oder anderen Stelle Muttermale oder gar Warzen bildete), und danach verschwand alles wieder im porösen Blatt des Manuskripts. Was war es, mein Buch? Eine Rose mit - bereits - Hunderten Blütenblättern? Eine Perle, der ich eine Perlmuttschicht nach der andern hinzufügte? Ich las nie von hinten her, brachte niemals die Ordnung der Blätter durcheinander, die unwiderruflich dem Pfeil der Zeit folgte. Die zuletzt geschriebene Seite wegzulegen und die vorletzte wiederzulesen wäre einer sadistischen Häutung gleichgekommen, hätte meinem Manuskript unerträgliches Leid zugefügt. Denn Epidermis war allein die letzte Seite wirklich. Die übrigen, obzwar jede selbst dieses Stadium hinter sich hatte, waren nach unten gesunken, im Stapel aufgegangen, hatten diesem so stetig neue Gestalt gegeben, bis er schließlich kein Blätterteig mehr war, sondern ein kompaktes Tier aus gläsernem Stoff, die Haut überzogen mit Zeichnungen als Deckschicht. Ich schreibe kein Buch, sondern ziehe einen Embryo heran im tristen Uterus meines Schädels, meines Zimmers, meiner Welt.

Dies aber war der Stand der Dinge vor Monaten, als die Ruinen des Stadtteils noch da waren und die Vagabunden, die man aus der U-Bahn oder sonstwo weggejagt hatte, noch in irgendwelchen Kammern mit ausgebrochener Wand Unterschlupf fanden. Nun hatte sie der Winter jedoch auch von dort vertrieben. Die großspurigen Wände mit rundem Oberlicht und Jugendstildekor waren über den Winter ganz und gar mürbe geworden, und die Fäkalien der Strolche hatte der Schnee zugedeckt. Das Frühjahr kam mit Schlammmassen, mit dem Duft der grünen Maulbeerruten und mit Baggern. Ich sah durch das ovale Fenster meiner Mansarde, wie nach und nach, gleichsam in einem Spiel mit Miniaturautos, gelbe und orange Insekten aus Metall mit schmutzigen Hydraulikzylindern und bis aufs blanke Eisen abgescheuerten Kippbechern die Wände niederrissen, die Grundmauern aushoben, die Zäune verbogen und aus der Erde zerrten, alles auf Kipplaster packten und ein kahles, von Raupenketten zerwühltes, morastiges Gelände zurückließen. Nachts wurde im wüsten Licht der Scheinwerfer gearbeitet. Manchmal ging ich hinunter, und obzwar der Schlamm bis über den oberen Rand der Schuhe reichte und mir auf die Füße sickerte, gab ich nicht auf, ehe ich das Operationsfeld erreicht hatte. Da wurde ein Krieg geführt. Der Feind, auf dem Ruhebett überrumpelt, verteidigte sein Geister-Territorium mit nackter Brust, schimmeliger Haut, zertrümmerter Nase, offenem Mund und blinden, doch schreckgeweiteten Augen. Am Frühjahrshimmel hoch über den Gorgonen und Chimären funkelten und grummelten duftend die Sterne. Vor dem Hintergrund ihrer Wirbel zeichneten sich Außenmauern ab, an denen noch die Balkone mit den beiden vergebens ihre Gipsmuskeln anspannenden Atlanten klebten. Mitten in der Scheinwerferglut stießen die bezahnten Becher zu, die Mauer krachte auseinander, der Putz wirbelte in Flocken und Splittern umher, die Backsteine lösten sich voneinander, wobei wattige Spinnennester zum Vorschein kamen, und plötzlich kippte das ganze Dekor um, lag hingebreitet als Müll und Reliquien unterm gewaltigen Aprilmond. Die Scheinwerfer entzogen den Bauten die Farben und füllten sie mit flüssigem Wachs. Sie stippten sie leicht in den wächsernen Fokus, so wie man einen Schlüssel eintaucht, um zwecks Nachbildung einen Abdruck davon zu machen, und vernichteten danach das Original, so dass nur die Negativabgüsse der alten Villen heil blieben, vollgestopft mit den konkaven Masken der Gorgonen von einst. Zwar war ich von oben bis unten verdreckt, wenn ich mich auf den Heimweg machte, doch in der Jackentasche hatte ich mal einen Gipsfinger mit echtem Nagel, dann wiederum eine schmiedeeiserne Blume, der zwischen den schwarzen Blütenblättern zarte Staubgefäße gesprossen waren, von durchscheinendem Grün und mit dick pollenbeladenen Korpuskeln obendran.

So stand ich in der grünlichen Frühjahrsdämmerung erneut in der Uranusstraße vor dem scharlachroten Obelisken, der mit seinen elf Stockwerken nun als einziges Objekt im Kosmos dem exorbitanten und exophthalmischen Gespenst da oben auf dem allmählich grünenden Hügel noch die Stirn bot, diesem "Haus des Volkes" mit Nebel-Frontispizen und Vakuum-Strebepfeilern. Auf dem enormen, wie die Erdkugel gewölbten Brachland zwischen den beiden Bauten fuhr mitunter ein mit seinen Heiligen beladenes Kirchlein rumpelnd auf Rollschuhen von einer Station zur nächsten, ließ an den Kreuzungen die Glocken bimmeln, ein alter orthodoxer Pope bediente die Kurbel mit dem Potentiometer und hielt von Zeit zu Zeit an, um die Weiche zu stellen. Ein unterhalb des Schutzheiligen befestigter Rückspiegel half dem Trambahnlenker in Soutane und mit langem verknotetem Bart, seitlich entlang der Fresken an den Wänden sehen zu können, was sich hinten auf dem Stoßdämpfer tat, wo die verdreckten Straßenkinder das Gleichgewicht zu halten versuchten, indem sie sich an den Glockenseilen des mittleren Turms festhielten. Zu Fuß oder indem ich eine der Kirchen nahm - in der Nacht suchten sie scheu die Depots zwischen den Wohnblocks auf -, gelangte ich schließlich nach Hause, betrat die Eingangshalle des Blocks, rief den vorsintflutlichen Fahrstuhl, um mich von ihm zwischen die Wolken zu meiner helldunkel flackernden Wohnung bringen zu lassen. Ich stand endlos wartend an der schwarz gestrichenen Drahttür des Fahrstuhls, dessen aufragender Käfig von der Wendeltreppe weich umschlungen wurde. Die Kabine war schwer wie ein Panzerschrank und brachte das ganze Gebäude ins Schlottern, wenn sie grandios und unaufhaltsam, langsamer als eine Schnecke, in den üppig mit kaffeebrauner Vaseline geschmierten Gleitschienen herunterkam. Es dauerte länger als eine Minute, bis die pechschwarzen Darmschlaufen am Boden der Kabine auftauchten und in der Grube unterhalb des Erdgeschosses verschwanden, um schließlich die im Halbschatten spiegelnden Kristallfenster in ihrer wie Mariä Verkündigung wirkenden Pracht erscheinen zu lassen. Tag für Tag betrat ich freiwillig die Falle aus Holz, Pech und Quarz, betrachtete die Druckknöpfe aus Ebonit, auf denen die Zeit Spuren hinterlassen hatte, Streichholzflammenspuren, Spuren brutaler Zerstörungswut, zumal an jenen der unteren Etagen, an die auch die Kinder heranreichten, und drückte den letzten in der Reihe; der trug, da er allein von mir benutzt wurde, den Abdruck meines Zeigefingers bereits tief eingeprägt, und ich konnte meine Fingerspitze jedes Mal von neuem in die Ebonitvertiefung einpassen. Und beobachtete jedes Mal durch das transparente Fleisch meines Fingers hindurch, wie Bläschen voller Dopamin zur gerillten Haut an der Spitze drängten, sich daran schmiegten, eins wurden mit ihr, wie sie zerplatzten und den Neurotransmitter - heiß wie eben erst gespritztes Sperma - in den Mikrometerraum zwischen Finger und Druckknopf sprühten, wo er in Strudeln zur Synapse des rissigen Plastikteils zog. Die funkelnde Flüssigkeit wiederum drang durch die Poren, tauschte Botschaften, gab Parolen aus, öffnete Riegel und Nocken und erreichte so schließlich die Hauptnervenbahn des alten, blasierten Fahrstuhls. Der Befehl nahm den Weg über den schändlichen Nerv, der den Block erigiert hielt und seine Schwellkörper mit Abendrot vollpumpte, langte dann beim Rückenmark an, durchzuckte die Flügel des grauen Schmetterlings in einem vielfarbigen Reflexbogen und setzte schließlich den uralten Motor in Gang.

So fuhr ich dann - unerträglich langsam - Etage um Etage aufwärts und musste, ohne einschreiten zu können, mitansehen, wie sich überall Abscheuliches zutrug (hier hatte sich eine alte Frau mit langen grauen Zöpfen heulend auf den Mosaikboden geworfen, da schlitzte ein Soldat sich mit einem gezahnten Küchenmesser die Adern auf; dann wiederum rissen ein paar Schmutzfinken einen Hasen aus Stoff und Stroh vor den Augen seiner kleinen Herrin in Stücke); ganz ähnlich fuhr ich als Kind Fahrstuhl - schwer zu entscheiden, ob im Traum oder in alten Erinnerungen - durch die zunehmend bevölkerten Etagen hell erleuchteter und mit Waren angefüllter Kaufhäuser, wobei ich den Kopf an Mutters Hüfte drückte, die, riesengroß wie eine Statue, mit dem Kopf bis zur Glühbirne an der Kabinendecke reichte. Immer fuhren wir nur aufwärts, abwärts ging es nie anders als über die hintenherum führenden schmierigen Treppen bis hinaus auf die Straße voller Scheinwerfer und Neonleuchten. Ein andermal fuhr ich auf einer einfachen Platte ohne Wände und Decke, befestigt allein an einem in luftiger Höhe verschwindenden Kabel, ein riesiges und windiges Fahrstuhlhaus hoch. Mehr war es nicht, was die Kabine ausmachte: ein hin und her schlingerndes, seitlich anschlagendes Brett, durch dessen Ritzen ich in den leeren Abgrund unter mir blicken konnte. Die rauen Wände waren von Teer geschwärzt und die eisernen Türen, die sich übereinander reihten, durch merkwürdige Mechanismen verriegelt. Erfolglos versuchte ich sie im Vorbeigleiten aufzustoßen, und sie folgten wahrhaft endlos aufeinander. Als das schwindelerregende Hin-und-Her-Balancieren, der Blick ins Nichts darunter und das ewige An-die-Wände-Prallen mir den Magen für alle Zeiten zu verrenken drohten, gelangte ich jedoch unverhofft an eine türlose Öffnung, sprang trotz der Gefahr, zwischen Wand und Bretterplatte eingeklemmt hängen zu bleiben, hindurch und fand mich auf dem Flur einer stillen, überdimensionierten Etage wieder, in die ich vorher nie gelangt war. Alles hier, Traurigkeit, Unruhe, Angst eingeschlossen, war doppelt so groß wie in Wirklichkeit: die Ficusbäumchen in ihren Konservenbüchsen, die Zigarettenkippe auf dem Mosaikboden, die mittels Schablone an eine Wand gemalte Etagenzahl, die Türen mit den Gucklöchern in einer die menschliche Körpergröße überschreitenden Höhe mit unerreichbarem Klingelknopf. Die in ewigem Mattgrün getönte Luft war eisiger und kräftiger als wo immer sonst.

Unzählige Male ist mir in meinen Träumen das Treppenhaus des Blocks an der Stefan-cel-Mare-Chaussee erschienen, wohin wir umgezogen waren, als ich fünf Jahre und ein paar Monate alt war, in einem milchigen Herbst, der an dem großen, noch in Gerüste und Betonverschalungen gepackten Bau fraß. Der Block, auf dem freien Gelände vor der Dâmboviţa-Mühle erbaut, war stets den kalten und feuchten Winden vom Tonola-See her ausgesetzt, in dessen Nachbarschaft der Zirkus stand. Die Mühle dröhnte damals so laut aus allen elektrischen Mehlsieben, dass die Stille an den Sonntagen ganz und gar unnatürlich wirkte und man von der Ödnis Ohrensausen bekam. Die Pappeln, die heute so hoch sind wie der Block und im Sommer ein Wattebauschtreiben loslassen, das sich in flauschigen Belägen an den Mauerkanten festsetzt und nicht allein den Platz hinter dem Block schneeig weiß werden lässt, sondern gleichsam auch die Luft zwischen ihm und der Mühle, waren damals gerade erst gepflanzt und nicht höher als der Betonzaun. Im Traum betrat ich die Eingangshalle unseres Treppenaufgangs, wo sich rechts die Briefkästen befanden, die heute an einer anderen Wand angebracht sind. Ich schloss den Briefkasten mit der Nummer 20 auf - wie vertraut mir doch seine Lage unter all den anderen war! - und fand darin jedes Mal Stöße von Briefen und anderem. Zeitungen, Ausrisse aus Zeitschriften, Schulhefte mit Rechenaufgaben, Postkarten mit fremden, unmöglich zu ortenden Ansichten, Dinge, die mir große Freude bereiteten, ich verschlang alles begierig.

Herrje, wie viele Leute mir doch schrieben, wie viele Menschen Anteil nahmen an mir! Ich stieß auf Liebesbriefe, darin Herzen, ausgeschnitten aus rotem Glanzpapier, und versuchte die weiblichen, bis zur Unlesbarkeit verschnörkelten Schriftzüge zu entziffern, vertiefte mich so lange darein, bis mir das Mädchen leibhaftig erschien: brünett, Pagenkopf-Frisur, leuchtende Augen, und wir plauderten miteinander in einem Lokal am Meeresstrand; dann aber wandte ich mich doch wieder dem Brief zu und war erneut in der Eingangshalle des Blocks, die man mit den Leitern der Malermeister, mit Pumpen und Kalkeimern vollgestellt hatte. Ich stieg die Stufen zum Fahrstuhl hinauf, auch sie voll mit Kalk, zerfledderten Zeitungen, Stücken von Dämmplatten und Ziegeln, und dennoch: Vor dem großen Portal, das sich zum Fahrstuhlhaus hin öffnete, dieser Treppenaufgang wie der einer Kathedrale, der sah ganz genau so aus, wie ich ihn damals im Herbst unseres Einzugs gesehen hatte, als der Fahrstuhl und seine grünen Blechtüren noch nicht eingebaut waren. Ein rätselhaftes Tor zum luftleeren Raum, fünfmal größer, als ich gewachsen war. Ich näherte mich ihm voller Angst, verharrte lange in jenem Rahmen aus weißer Wand und wagte einen Blick hinauf in jene die Besinnung raubende Perspektive der acht Etagen messenden Leere, die sich nach oben hin verjüngte und auf eine winzige Decke zulief, um sich schließlich im Dunst nie gesehener Höhe zu verlieren. Danach ging ich in die Hocke und ließ mich langsam hinabgleiten in die etwa einen Meter tiefe Grube, aus der sich der Riesenschlot in die Höhe stemmte. Zerknüllte Zeitschriftenblätter, ausgebrannte Glühbirnen, Folien und ölige Papierstücke von alten Kondensatoren, Batteriezellen und gewundene Kotwürste vermischten sich da mit altem, versteintem Staub. Selbst im Traum war mir bewusst, dass ich vorzeiten tatsächlich einmal da hinabgestiegen war, dass ich, bis zu den Knien im Müll steckend, den Kopf in den Nacken gelegt, das beängstigende Aufragen der zunehmend schmaleren Wände mit den von Stockwerk zu Stockwerk dichter aneinandergerückten Öffnungen für die später einzusetzenden Türen bestaunt hatte. So heftig hatte ich meinen Kopf zurückgeworfen, dass die noch durchscheinenden, knorpeligen Halswirbel knackten und ich mich von meinem Knabenleib löste, aufstieg in der blassen Luft des Fahrstuhlhauses, vorbei an den Türen, gemächlich levitierend zunächst, dann allmählich immer schneller, bis es ein irrsinniges Hochschießen war und die Luft sich goldgelb färbte, ein zunehmend furioser Goldsturm, als jagte mich ein visionäres, auf Milliarden Atmosphären verdichtetes Gas wie eine Gewehrkugel aus geschmolzenem Gold durch die Röhre, die auf den Himmel gerichtet war. Die Türöffnungen huschten gleich schneller und schneller abgespulten Filmbildern an mir vorbei, und es waren nicht mehr nur acht, sondern endlos viele, und sie verbanden sich bald zu einem einzigen Schlitz, der sich in einer weit ausholenden Spirale aufwärts wand, ein Drall, in den ich mich beim irren Hochschnellen einschraubte. Über dem Kopf aber hatte ich nicht mehr die schlichte, weiß gekalkte Decke mit der Öffnung für die bald zu verlegenden Kabel, sondern ein Kirchengewölbe, eine mit bunten und wirren Allegorien ausgemalte Kuppel, die ähnlich dem Himmel unaufhaltsam höher wuchs, je mehr ich mich darauf zu bewegte. Trotzdem kam ich bei ihr an, konnte die verunstalteten Cherubim, die Jungfrauen mit Jünglingsbrustknospen, die übernatürlich schönen Büßergestalten in den Flüssen aus Blut immer deutlicher erkennen. Mit meinen blonden Locken, die flüssiges Gold versprühten, steuerte ich durch den Azur das bemalte Gewölbe von riesigen Ausmaßen an, so riesig, dass mir mehr und mehr Arme und Hüften nicht mehr ins Blickfeld passten, sondern klein gepresst in dunstige Fernen rückten, und plötzlich waren da nur noch ein grauenerfülltes hochrotes Gesicht, ein im Schrei geöffneter Mund und geweitete Augen, dann verengten sich auch die Züge des bei lebendigem Leib aufgezehrten Märtyrers wie eine Iris um die Pupille, und übrig blieb nur der Mund, das pechschwarze Loch, in das ich, gerade mal photonengroß, für die Dauer der Ewigkeit hineinstürmte.

Ich schraubte mich hinein in die Kristallruhe der Dunkelheit, war einziger Verkündiger, einziger Lichtpunkt, einziges Wort, die einzige Nachricht in einer Welt, die nicht sendet und nicht empfängt. Ich schwebte im Innern des Schweigens, hatte die Vorstellung von Geschwindigkeit und Vorwärtsbewegung längst hinter mir gelassen, ich flatterte jetzt durchsichtig und schimmernd wie das faltige und fransige Gewürm der Tiefsee. Und natürlich kam auf einmal die Dämmerung herauf. Natürlich füllte die rotflammende Sonne das Kristall des Schweigens im Nu, wie man ein Reagenzglas mit Blut vollgießt. Eine komplizierte Sonne, von strahlender, trauriger Anatomie. Mit flüssigen Membranen voller Poren für die Natrium- und Kaliumionen, mit Chemorezeptoren, die plötzlich von azurnen und grünen Facetten leuchten wie Edelsteine oder wie die Punktaugen an den Stirnen der Spinnen. Mit einer Photosphäre wie zu Zöpfen geflochtene verdünnte Flammen. Und natürlich, natürlich durchstieß ich jene Membranen und segelte, von oben bis unten damit überzogen wie von einem Spinnennetz aus Licht, karavellengleich der Sphärenmitte entgegen. Und im Zentrum der Sphäre verschmolz das Licht mit meinem Gehirn und meinem Schrei.

*

Mit freundlicher Genehmigung des Zsolnay Verlages
(Copyright Zsolnay Verlag)


Informationen zum Buch und Autor hier