Vorgeblättert

Leseprobe zu Mircea Cartarescu: Der Körper. Teil 1

18.08.2011.
Ich erlebe nichts mehr wirklich, obschon ich mit einer Intensität lebe, die sich in schlichten Empfindungen gar nicht ermessen lässt. Vergeblich öffne ich die Augen, denn ich kann nicht mehr sehen. Vergeblich pflanze ich mich vor meinem ovalen Fenster auf und versuche Töne aufzufangen. Es ist, als hätte ich nicht nur einige wenige, sondern Milliarden Sinne, und jeder ist anders als der andere, jeder auf andere Reize eingestellt: der eine nur auf die Form der Tasse, aus der ich meinen Kaffee trinke, ein anderer auf die Form des Traums von heute Nacht. Ein nächster wiederum auf das schreckliche Flüstern in meinen Ohren, das ich - im zerschlissenen Schlafanzug, die Sohlen auf dem Heizkörper - vor einigen Jahren an der Stefan-cel-Mare-Chaussee in meinem Zimmer sitzend sehr deutlich gehört habe. Ich nehme keine Lichtveränderungen mehr wahr, unterschiedliche Tonhöhen, nicht die Chemie der Nelke und des Spülwassers, sondern stets ganze Szenen, sie erfasst plötzlich ein virtueller Sinn, der sich im Zentrum meines Hirns ad hoc jeweils eigens für jene eine glasige und wellenschlagflüchtige Szene auftut, er geht eine Reaktion mit ihr ein, verändert sie, plattet sie ab, besetzt sie wie eine Amöbe und bildet mit ihr zusammen eine neue Wirklichkeit, zugleich uralt und unmittelbar gegenwärtig, von Sehnsucht erhellt und von Fremdheit verdunkelt. Als müssten die Dinge, um mir zustoßen zu können, mir alle bereits zugestoßen sein, als gäbe es alles schon in mir, nur eben nicht groß aufgegangen und als Ganzes, sondern in kümmerlichen, eng umeinandergewickelten schrumpeligen Folien, lauernd in den Strukturen des Gehirns - aber auch in meinen Drüsen, meinen Organen und meiner Abenddämmerung, meinen Häuserruinen -, wartend auf Bestätigung und Nahrungszufuhr durch die modulierte Flamme des Daseins, die ihrerseits noch unerfüllt ist und embryonal. Ich empfinde nur noch, was ich schon einmal empfunden habe, träume nur noch Träume, die ich bereits einmal geträumt. Ich öffne die Augen, doch nicht um der Farbe und Umrisse willen, denn es ist nicht mehr so, dass sich das Licht in Korpuskel spaltet, um den Glaskörper meines Auges und die durchsichtigen Schichten der Netzhaut zu durchdringen und in den kegelförmigen Zellen Rhodopsin zu erzeugen; nein, ganze in Rhodopsin gemeißelte Bilder tauchen auf einmal auf, umgeben von einer Art Aura aus Tonfetzen, Glühfäden des Geschmacks, des Geruchs, von Frost und Hitze, Schmerz und Mitgefühl, von einem Rechtsdrehen des Kopfes, das der Gleichgewichtssinn bestätigt und ausgleicht. Ganze Stadtteile finden sich ein, mit ihrer Zeit, ihrem Raum und ihrer Emotion, vor allem jedoch mit ihrem Realitätsgehalt - denn sie können real sein oder geträumt, imaginiert oder zugeleitet über jenes unnennbare Geäst, durch das unsere einzelnen Leben mit denen der Vorfahren verbunden sind -, da kommen Lippen und Geschlechtsteile auf uns, gleiten Straßenbahnen im Winter durch schmutzigen Schnee über die Schienen heran, kommt hin und wieder Mutter und bringt mir etwas zu essen, taucht zuweilen Herman auf. Ich könnte von all diesen Dingen gar nichts mitbekommen, wenn sie sich in meinem Gehirn (meiner Welt) nicht in veränderter Form neu wieder herstellen würden, wenn ihnen da nicht die Knospen aufbrächen, wenn ich mir nicht in jedem Augenblick meines Lebens sagte: "Dies habe ich schon einmal erlebt, da bin ich schon einmal gewesen" - so wie du das Licht nur sehen kannst, wenn das Licht zuvor schon im Okzipitalbereich deines Lebens war und den Sinn für Licht hat entstehen lassen. Daher ist mein Leben bereits gelebt und mein Buch bereits geschrieben, ist doch die Vergangenheit alles, die Zukunft nichts.

     Ich könnte die überladene Architektur meines Lebens unmöglich aufrechterhalten, wäre ich nicht selbst voll und ganz Sinnesorgan dafür. Und so wie das Auge nichts anderes empfangen und verstehen kann als nur das pure Licht, weil Licht es in den porösen Schädelknochen gemeißelt hat, ja wie nichts sonst auf der Welt Licht empfangen und verstehen kann, so ist auch das kompakte Bündel der Folien und Membranen meines Körpers, mit der Anatomie und Melancholie seiner Wickelungen, mit seiner dreidimensionalen, aldehydgleich undurchschaubaren Struktur ein einziges großes Sinnesorgan, das ausschließlich auf mein Leben reagiert, auf diese Energie, die weder Licht noch Ton ist, nicht Geruch, nicht Geschmack, nichts Taktiles oder Synästhetisches und auch kein Gewebezerfetzen. Nichts sonst könnte andernfalls mein Leben je aufnehmen, es zöge im Unsagbaren dahin, gleich Billionen anderer Reize, mit denen niemand etwas anfangen kann, wie Licht in Welten ohne Augäpfel, wie Kälte in Welten ohne Epidermien. Ich bin ein einziges großes Sinnesorgan, offen wie die Seelilien filtere ich durch das weiße Fleisch meiner Nerven die Strudel dieses einmaligen Lebens, dieses einmaligen Meeres, das mich nährt und birgt. Ein einziger analytischer Blick nur, eine einzige klarsichtige Sinneszelle, der fortwährend der Sonnenwind meines Lebens entgegenweht, mit seinem kapriziösen Fransensaum wie polare Morgenröte, seinen verworrenen Abenddämmerungen und blendenden Tagesanbrüchen, die zwischen die durchsichtigen Häutchen dringen, mir Nieren und Speicheldrüsen erleuchten, mir mit Fluor und Arsen das Knochengerüst aufzeichnen und die Eingeweide mit Quecksilber färben. Dies verändert mich, bringt chemische Abweichungen hervor, Erinnerungen und Reflexe, Bilder und Töne, setzt Hormone und Träume frei, Fahrstühle und Nächte und nie gesehene monströse Fratzen, und dieser ganze organische und psychische und tragische und ethische und musikalische Strom wird - die aufsteigenden Pfade des Göttlichen hinan - weitergeleitet, durch die Fontanelle, durch mystische Synapsen und engelgleiche Axone hin zur Sehnervkreuzung des uns umfangenden Gehirns, und von da zum Sehhügel des Karma und hinein in die Projektionen auf Wahrnehmungsbereiche, wo die bündelweise versammelten Heiligen und Richter - durchsichtige Schädel, von goldenen Ringen umrahmt, Zyan- und Flammenzungen vor den Mündern - dabei sind zu messen, zu wiegen, auszuteilen. Umgewandelt in Codes und Symbole, in allegorische Ballette, überwölbt mein unförmiges Leben den Schädel der Gottheit, nimmt ihn in seine Obhut wie ein Regenbogen, wie ein elektrischer Homunkulus - riesige Finger mit Tausenden Gelenken, Lippen wie ein Saxophonbläser, dabei aber ein Winzling, ein am seidenen Faden hängendes Würmchen. Die Gottheit nämlich ist ein enormes Gehirn, eine würdevolle, von Batterien schwach blau erleuchtete Meduse mit Milliarden Sinnen, die hinabgleitet in den Abgrund der Nacht. Ihre Kuppel wird von leichtem Pulsieren erschüttert, und ihre Transparenz ist goldene Liebe pur. Eine große Meduse, die denkt. Ein Denken allerdings, das nicht in Kategorien des Denkens, sondern in solchen des abgründigen Nichts denkt, von dem es umgeben ist, gleichsam als wäre die ganze pulsierende Kathedrale - an sich zwar größer, schmuckreicher, komplexer als des Denkens Kraft, sie zu denken, goldener als die Kraft der Liebe, sich selbst zu lieben, ja mächtiger als die Macht, gebieterischer als der Wille - nur ein winziger Webfehler des allumgebenden Nichts, eine Unregelmäßigkeit des makellosen, das ganze Vakuum ausfüllenden Todes, ein niemals zu ortender Hohlraum im Felsgestein der Nacht ohne Ende. Die an sich schon eine Fehlleistung des Über-Nichts, der Ultra-Leere, des Todes in todfacher Potenz und des Aleph in alephter Potenz ist. So ist am Ende auch die Gottheit nichts anderes als ein fantastisches Sinnesorgan, geöffnet im Kristall des Nichts, welches selbst wiederum Sinnesorgan ist für ein tiefer verborgenes Nichts. Falten in Falten, einer Rose gleich, einer Vulva.

     Ich aber filtere derweil mein Leben. Ich schlürfe, schlucke, trinke es, sehe es, rieche es, knabbere daran, lebe es, hasse es, besitze es. Ich, Wurm mit vier symmetrischen Abteilungen, verwandle mein Leben in verschlüsselte Impulse und übermittle es in dieser Gestalt hierarchisch nach oben. Schädel und Brustkorb bezeugen das Paradies, färben sich beim Eintauchen in Glückseligkeit wie Lackmuspapier. Ich denke, ich atme, und ich treibe mein Sprudelblut durch die Adern. Dies ist das Dreieck meines Glücks, die Pyramide meines Menschentums, und: mein Engelschor, der da singt auf dem weitläufigen Nerven- und Muskelteppich des Bauchfells. Bin ich glücklich, so denke ich, atme und spüre mein Herz schlagen. Es sind dies die Funktionen eines Vogels, Flügel ausgebreitet über diamantenem Schädel. Es sind drei klare und blaue Augen, geöffnet auf Schmetterlingsflügeln. Bestünde ich nur aus Hirn, Herz und Lunge, so wäre ich ein Gott, denn Götter haben keine sumpfigen Eingeweide. Ich wäre einem Raumschiff vergleichbar, das in einem Strahl aus Luft und Blut dahinbrausend seinen Verstandpiloten zwischen die Sterne befördert. Er aber, der Homunkulus im perlmuttschimmernden Myelingewand, würde am eigenen Körper wie auf einer hochkomplizierten Schalttafel herumhantieren, ließe millionenfach verästelte Finger über die Milliarden Härchen und Poren seines denkenden Leibes laufen. Und das Raumschiff wäre bis obenhin angefüllt mit goldschimmernder Hirnflüssigkeit, im Schädel des abartig schönen Piloten aber ließe ein anderer Homunkulus Zehntausende spinnfadengleiche Finger über den eigenen Körper tanzen, während in seinem Schädel wiederum ein anderer Homunkulus in Goldflüssigkeit schwebte. Der Leib des jeweils größeren wäre stets der Kosmos des jeweils kleineren, und Welt, Nacht und Gott wären nichts weiter als ineinandergeschachtelte Kosmen, getrennt voneinander durch immer dünnere Schädelwände, Schädel im Schädel im Schädel ?

     Doch bin ich nicht nur Engel, sondern zugleich auch entsetzlicher und grotesker Dämon, lauernd unterm Bauchfell wie eine haarige Tarantel. Hier habe ich Gedärme und Nieren und im rötlichen Schrumpelsack darunter die sonderbaren Eier, die die Zeit denken. Sowie die Röhre, durch welche ich als ein Halbes und ein zum verträumten Vibrio Reduziertes dem Unterleib eines anderen Universums zustrebe. Hier versinke ich, hinabfahrend in einem Strahl von Urin und Sperma, in Schändlichkeit, hier atme ich die Schwefelglut der Hölle. Und wie mein Schädel mit dem Gehirn darin durch die ineinandergewachsenen Universen segelt, so werden die Spermien vom Feuer im Skrotum und der Erde im Darm durch die Zeit befördert, die den Raum quer durchschneidet, dergestalt mit ihm ein schwereloses Quarzkreuz bildend. Und da nun, die Hölle: Nackte Männer- und Frauenleiber vereinigen sich unter Gestöhn und Konvulsionen, drängen endlos auseinander hervor, Vaginen und Gebärmütter werden zerfetzt, die erektilen Glieder füllen sich mit Schmiermittel und Blut, werden alt und kraftlos, faulen vor sich hin und sondern doch immerzu Eizellen und Spermien ab, mörderische Kapseln, die lichtquantengleich den sinnlichen Mund anderer Frauen, die haarigen Waden anderer Männer erleuchten, Eltern und Kinder und abermals Eltern und Kinder lassen die Fäulnis der verschleuderten Organe, der in Särgen aus dem gleichen blendenden Quarz langsam dahinschwindenden Gebeine hinter sich zurück. Bäuche um Bäuche, in denen Bäuche stecken, als seien die Mütter und Töchter allesamt eine in der anderen eingeschlossen, eine endlose Reihe von Schwangeren, ewiger Wechsel von Gebärmutterwänden und Föten, die im Leib Föten tragen, Gebärmütter in Gebärmüttern in Gebärmüttern ?

     So ist denn die himmlische Meduse nicht allein Gehirn und nicht nur Denken, sie ist gleichzeitig Sex und Liebe, und dies nicht durch eine Verschmelzung der Dinge des Fleisches mit Prinzipien, sondern kraft ihrer Wesensgemeinschaft, denn letztlich, in den Sturmgewitterkammern an den Extremen, ist der Hyperverstand, also der Raum, nichts anderes als der Hypersexus, der ja die Zeit ist. Der Hyperraum aber, der das Denken ist, ist nichts anderes als die Hyperzeit, welche die Liebe ist. Das Hyperdenken wiederum ist alles und damit nichts sonst als die Hyperliebe, welche Nichts ist. Und das unfassbare, unausweichliche, unabänderliche Alles/Nichts ist doch wahrhaft mein Leben selbst, das ich mit meinem Körper als Sinnesorgan erfahre, in dessen Saft ich flattere und flackere, das ich in dem Maße erfinde, wie es mich erfindet, bis es sich schließlich verdichtet, wohingegen ich mich verdünne und aus uns beiden ein Leib/Leben-Komplex wird, innerhalb dessen nicht mehr unterscheidbar ist, wer wen erschafft und sabotiert. Denn die Matrix meiner Organe drückt meinem Leben eine verschlüsselte Form auf, die einzige, die von der grauen Substanz verstanden werden kann. Über sie vermittle ich dir den Geruch meines Haars und den Geschmack meiner Lippen, die Farbe meiner Augen und die Härte meiner Nägel. Du findest alles in diesem einzigen großen Code, in diesem Kodex, diesem unlesbaren Buch, diesem Buch.

zu Teil 2