Vorgeblättert

Leseprobe zu Miljenko Jergovic: Freelander. Teil 1

01.02.2010.
"Da sieht man, wie sich alles gegen einen kehrt!", sagte Professor Karlo Adum, als der Postbote gehen wollte. Der hätte sich nur verabschieden brauchen, mit der Rechten wie ein Fähnrich a.D. an die Schläfe tippen und zum Aufzug drehen müssen, aber der Professor gab sich nicht geschlagen, sondern wiederholte die Formel zum dritten oder vierten Mal: "Da sieht man, wie sich alles gegen einen kehrt!", und danach konnte der Postbote nicht fortgehen, sondern musste warten, bis die Zeit wieder reif war, bis sich Seufzer und Achselzucken aneinandergereiht hatten, Augenbrauen und Mundwinkel wenigstens drei Mal in die Höhe geschnellt waren, so wie alte Männer ihr Beileid bekunden oder die Neuigkeit von einem Tumor in der Prostata erzählen, der vielleicht keiner ist, die Ärzte haben ja keine Ahnung, trotzdem gehen die Augenbrauen hoch, wenn es ein Tumor ist und wenn der Tumor wächst und wenn es da unten auf- und wieder zugemacht wird, denn dafür gibt es keine Worte, und Worte lassen sich nur vermeiden, indem sich die Augenbrauen heben und senken, und wenn Augenbrauenzucken olympische Disziplin würde, wären unsere Leute Olympiasieger, vor allem die Bewohner der Hochhäuser in Novi Zagreb und unter denen wiederum vor allem die Rentner.
     Der Postbote, der Adum seit gut fünfundzwanzig Jahren kannte, weil er seit fünfundzwanzig Jahren die Post in Zaprude austrug, hatte ihm nie seinen Namen gesagt, und es interessierte Karlo Adum auch nicht. Falls ihm je der Gedanke gekommen sein sollte, dass dieser schnauzbärtige Mann aus dem Dorf Trzic Vuk Karadzics Geburtsort, einen Namen haben musste, hätte er es wohl für unanständig gehalten, ihn danach zu fragen. Vor allem nach 1990. Einem aus Trzic konnte die Frage nach seinem Namen nur unangenehm sein. Deswegen blieb der Postbote besser der Postbote, als den er ihn all die Jahre kannte, ihn und Ehefrau Stefa aus Kriz sowie die drei Töchter Dubravka, Jadranka und Planinka, die er noch nie gesehen, von denen er aber gehört hatte, und zwar nicht nur vom Postboten, sondern auch von den Nachbarn, denen es nicht passte, dass der Postbote mit Stefa für zwei Monate wegen seiner Knieprobleme zur Kur ging und von einem Alkoholiker vertreten wurde, der jeden Brief falsch einwarf und sich damit herausredete, auf den Briefkästen stünden nicht die Namen der jetzigen Bewohner, sondern von Menschen, die 1968 hier eingezogen wären, manchmal sogar von Menschen, die hier nie gewohnt hätten, aber weil der Postbote auch so wusste, wo wer war, waren die Namen nicht notwendig; den eigenen Namen am Briefkasten empfanden die Leute als Gipfel der Indiskretion. Kehrte der Postbote jedoch nicht aus der Kur zurück, müsste er wegen der Knie in Frührente, dann wäre jeder Bewohner des Hochhauses gezwungen, seinen Nachnamen für alle sichtbar anzubringen. Davor grauste den Leuten. Herr Apostolovski aus dem zweiten Stock, ein pensionierter Arzt, der früher im Militärkrankenhaus gearbeitet hatte, bat auf der Hauptpost um die Adresse des Briefträgers für den Bezirk Zaprude. Eine Beschwerde? Nein, keinesfalls! Also eine Indiskretion, bekam er zu hören. Lazari, der Taxifahrer, klapperte mit dem Auto auf der Suche nach dem Postboten und seiner Stefa an einem Wochenende sämtliche Kurbäder ab, um dem Mann alle erdenkliche Unterstützung der Bewohner des Hochhauses sowohl in medizinischer wie in jeder anderen Hinsicht anzubieten, auch jedwede finanzielle Unterstützung, damit er nur ja nicht die Erwerbsunfähigkeit beantragte. Natürlich fand er ihn nicht, denn der Postbote war in Bizovacke Toplice, und wie hätte er ihn da finden sollen, wo doch Apostolovski gesagt hatte, Bizovacke Toplice sei nicht für Knieprobleme. Am Ende kehrte der Postbote gesund und wie neugeboren zurück. Alle freuten sich. Auch Karlo Adum und seine Frau Ivanka, obwohl die Beschriftung ihres Briefkastens - Adum-Schwartzer - die tatsächlichen Verhältnisse widerspiegelte und sie nichts zu befürchten hatten, sollte eines Tages ein anderer Briefträger eingesetzt werden.
     "Da sieht man, wie sich alles gegen einen kehrt!", wiederholte Karlo Adum zum vermutlich siebten Mal und ließ den Postboten endlich seines Weges ziehen.
     Es war Freitag, in der Hand hielt er ein ungeöffnetes Telegramm, er wird es später auf den Küchentisch legen und sicher nicht vor dem Abendessen öffnen. Die meisten Menschen fürchten sich vor Telegrammen, weil sie sich vor Tod, Krankheit und Unglück fürchten. Eine gesegnete Minderheit freut sich über Telegramme, weil sie Telegramme erwartet, die alle Alltagssorgen fortpusten. Karlo Adum war das Telegramm gleichgültig, und so vergaß er es, tja, das Leben hatte sich eben gegen ihn gekehrt.
     Es fing damit an, dass der 31. Dezember 2005, wie ihm schriftlich mitgeteilt wurde, sein letzter Arbeitstag war. Er hätte mit Schuljahresende gehen sollen, aber Karlo nutzte sein gesetzliches Recht, bis zum Ende des Kalenderjahres zu bleiben, in dem er seit vierzig Jahren im Arbeitsleben stand. So hieß das offiziell.
     Die letzten vier Monate verbrachte er entweder im Lehrerzimmer oder in der Schulbibliothek und gab keinen Unterricht, und seine Kollegen nahmen ihn schon nicht mehr wahr. Als er sein Fach im Lehrerzimmer ausräumte, stand der Tisch hinter ihm voller Saft- und Coca-Cola-Flaschen, Plastikbechern, einem Teller mit aufgeschnittenem Schinken, der wie ein Chemielabor roch, und ekligem Gummikäse, so bleich wie ein Kindertod. Man stieß auf das neue Jahr an, laut schreiend gingen die Lehrer der Abschlussklassen ein und aus, die Musiklehrerin, Magda Simic, eine alte Jungfer aus Kutina, schüttete sich Heidelbeersaft auf die weiße Bluse und brach vor allen Leuten in Tränen aus, der Rektor tröstete sie und schüttete Salz aus einer Schachtel mit der Aufschrift Soda-Salz Tuzla auf den Fleck, wie der Albaner vor dem Spiel am Sportplatz gekochte Maiskolben salzt und dabei freundlich lächelt, damit ihn die Fans der ortsansässigen Mannschaft nicht verprügeln. Genau so salzte der Rektor die verweinte Lehrerin, Salz zieht alle Flecken heraus, glauben Sie mir, liebe Kollegin, und lächelte sie mit der Ergebenheit des Opfers an. Karlo sah ihn, während er seine Sachen in einen Koffer packte, hin und wieder an und genoss es, dass der Rektor seine Blicke nicht bemerkte. Endlich konnte er sehen, was ihm jahrelang entgangen war, wie der rasende Vorspann japanischer Filme.
     Als er sich verabschiedete, erwiderte niemand seinen Gruß. Sie dachten, Kollege Adum würde seine Sachen ins Auto tragen und dann noch einmal hochkommen.
     Drei Monate später, Ende März, hatte Ivanka die ersten Schwindelanfälle. Sie verstummte mitten im Satz, griff sich an die Stirn, als hätte sie etwas vergessen. Neben dem Herd stand ein Stuhl bereit, auf den setzte sie sich, wenn ihr, während sie die Polenta rührte, schwarz vor Augen wurde, ganze Galaxien rasten durch dieses Schwarz, ganze Zeitalter und Blumentöpfe mit Stiefmütterchen.
     "Das ist die Frühjahrsmüdigkeit", tröstete sie ihn, der sich Sorgen machte, "das ist bloß die Frühjahrsmüdigkeit."
     Dann ging sie ins Krankenhaus, um sich gründlich untersuchen zu lassen, bekam über Beziehungen einen Platz im Rebro. Karlo fuhr nach Hause, um ihr ein Nachthemd, Toilettensachen und etwas zum Lesen zu holen - er packte Doktor Schiwago ein, den hatte sie zum letzten Mal 1977 in Podaca am Meer gelesen -, aber in der Stadt war viel los, der Verkehr war wegen des Besuchs eines amerikanischen Politikers zusammengebrochen, und er brauchte lange, bis er wieder im Krankenhaus war, volle zwei Stunden, und als er es endlich geschafft hatte, reichte ihm Doktor Sremec die Hand und sagte:
     "Es tut mir leid, lieber Professor, Ihre Frau ist von uns gegangen!",
     und in diesem Moment hatte Professor Adum den Eindruck, dass nicht zwei Stunden, sondern mindestens zwei Jahre seit ihrem Abschied verstrichen waren, und fühlte sich schuldig, weil er Ivanka so lange allein gelassen hatte.
     Dann war die Beerdigung, Männer mit grauen Anzügen und Krawatten liefen durchs Haus, überwiegend alte Männer, und Frauen mit schwarzen Lacktaschen und grauen Haaren, die bläulich wie das Meer vor Vis schimmerten, ein tiefes Meer voll blinder, hässlicher Fische, und alle umarmten den Witwer, als wollten sie sich von ihm verabschieden, als würde er dem Sarg in die Dunkelheit des Krematoriums nachspringen und sich mit dem lautlosen Aufzug ins Feuer begeben. In den Tagen danach riefen sie an, fragten nach seinem Befinden, luden ihn zum Mittagessen ein, es war die Jahreszeit, in der man gern kräftige Rinderbrühe kocht, aber er schützte unaufschiebbare Termine oder eine Reise nach Split vor, bis die Einladungen seltener wurden, das Telefon tagelang nicht klingelte, er ging zum Supermarkt Brot kaufen und keinen Schritt weiter, und eines Tages hatten ihn alle vergessen. Auch für die Nachbarn auf derselben Etage wurde er unsichtbar. Er lief an ihnen vorbei wie der Schatten des Maurers, der bei dem Bau des Hochhauses tödlich verunglückt war. Nur der Postbote war ihm geblieben.
     "Du bist aus Vuks Heimat, du kannst dir sicher vorstellen, was das heißt, wenn sich das Leben verkehrt", er drückte ihm die Hand, und der Postbote lachte und erwiderte etwas und beides so laut, dass es durchs Treppenhaus hallte und die Lider hinter den Spionen zusammenzuckten.
     Karlo Adum, pensionierter Gymnasiallehrer für Geschichte, lag auf dem Sofa und las Zeitung. Der Ton am Fernseher war abgedreht, der amerikanische Präsident bewegte stumm die Lippen, der Fernfahrer lag auf dem Lenkrad, während Blut über sein Gesicht floss, durch die zerschossene Scheibe sah man Wüste und eine palästinensische Fahne, über Kroatien wechselten sich Sonne und weiße Schäfchenwolken ab, neben Kroatien gähnte eine dunkler, gesichtsloser Abgrund in Form von Bosnien, über dem es weder Sonne noch Wolken gab, die Spieler von Dinamo Zagreb fielen sich gegenseitig um den Hals, die Skiläuferin Janica Kostelic hatte ein Kinn wie der Boxer im Trickfilm, Frauen aus Sestine ließen in einem Werbefilm aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg Regenschirme kreisen, und im Abspann drehte sich anders als früher, als Karlo noch jung war, kein Globus.
     Bald sah er zum Bildschirm, bald in die Zeitung, während sich draußen zwischen den Hochhäusern von Novi Zagreb die Dunkelheit herabsenkte und langsam die Turopolje-Ebene verschlang.
     Er schloss die Augen, hörte die Autos, die Richtung Stadt fuhren, wo in Kürze das Nachtleben beginnen würde, die Straßenbahnen, die über die Brücke rumpelten, weit entfernt krachten Schüsse und Gewehrsalven, die auf einen neuerlichen, wie auch immer gearteten, aber jedenfalls großen kroatischen Sieg hindeuteten. Wo wird denn freitags gespielt?, dachte Professor Adum, und dann überlegte er, ob es überhaupt Freitag war oder nicht doch schon Samstag, der Fußballtag - die Demokratie unterschied sich in erster Linie dadurch vom Sozialismus, dass die Spiele der Fußballliga samstags und nicht mehr sonntags stattfanden -, nur um dann an das Telegramm zu denken, das er nicht aufgemacht, sondern in die Küche gelegt hatte, aber er war sich nicht mehr sicher, ob der Postbote wirklich ein Telegramm gebracht hatte oder er sich das nur einbildete, dann döste er wieder ein, und sicher geisterte das Telegramm durch seine Träume, bis es ihm gänzlich entfiel.
     Professor Adum merkte sich Träume nicht. Und was er sich nicht merkte, das gab es nicht. So war er wie die meisten Menschen mit ähnlich gelagerten Problemen davon überzeugt, dass er nicht träumte, wo er sich doch an keinen Traum erinnern konnte.
     Gegen halb drei wachte er auf.
     Er stand über der Kloschüssel und wartete auf den Strahl, zog ab und ging in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken, wartete, bis der Spülkasten voll war und wieder Stille herrschte, so dass er auf die nächtlichen Geräusche im Hochhaus lauschen konnte, das Schnarchen, das Dauerweinen eines Kindes, den Lift auf dem Weg nach oben oder unten, das Wasser in den Leitungen, Stimmen im Treppenhaus und wieder Stille, die nicht lange anhielt, weil irgendwo eine Klospülung betätigt wurde. Nachts rauschten ganze Niagarafälle durchs Hochhaus. Er horchte hin und dachte an die Menschen, die in diesem Moment irgendwo ins Wasser sprangen, in einen Fluss oder einen See oder ins Meer, Gott, wie viele mögen es sein, dort, wo es Tag ist, und dort, wo es Nacht ist, ertränken sich Menschen, und er hörte seelenruhig dem Wasser zu, das durch die Fallrohre fließt oder gefangen in den Windungen der Heizkörper gluckert.
     Adum schaltete nicht das Licht ein, sondern saß im Dunkeln, legte die Arme um die Knie und lauschte. Er wartete darauf, dass gegen vier die Wecker rasselten. Die weckten Frauen, die ihren Männern die ersten morgendlichen Antibiotika verabreichten, dann die Herzmittel und all die Medikamente, die den Menschen ein langes Sterben ermöglichen. So dachte Professor Adum darüber. Und so hatte er im Lehrerzimmer geredet, denn solche Dummheiten mochte Ivanka nicht hören, bis es eben so gekommen war, dass er keinem mehr etwas erzählen konnte.
     Gegen elf klingelte der Postbote. Er öffnete und wollte die Post in Empfang nehmen. Aber der Postbote kam mit leeren Händen.
     "Ist was Schlimmes passiert?"
     "Keine Ahnung ... wo denn?"
     "Na, bei Ihnen."
     "Nein, Gott bewahre, wie kommen Sie darauf?"
     "Ich dachte nur ..."
     "Kommen Sie doch herein, wollen Sie einen Schnaps? Sie sind ganz blass, schwerer Tag."
     "Nein, ich wollte nur sehen, ob mit Ihnen alles in Ordnung ist."
     "Aber warum soll denn nicht alles in Ordnung sein?"
     "Wegen dem Telegramm, dachte ich ... Ob Sie was brauchen."
     "Ach, gut dass Sie mich daran erinnern, das habe ich noch gar nicht aufgemacht."
     Postbote und Professor saßen auf dem Balkon, der Postbote trank Schnaps, kroatischen Kräuterschnaps, Travarica, der noch vom verstorbenen Dominis stammte, dem Kroatisch- und Literaturlehrer, der mit der Pensionierung nach Jelsa gezogen war und dort Jahr für Jahr Schnaps gebrannt und mit Heilkräutern eingelagert hatte, bis man ihn eines Tages tot auffand. Er war wie Ivanka zwischen Galaxien, Zeitaltern und Stiefmütterchen gestorben. Der Postbote trank schon im zehnten Jahr Dominis' Travarica, wann immer ihn Professor Adum auf ein Gläschen einlud, und bekam zu Weihnachten und Ostern je eine Flasche geschenkt, und trotzdem waren die Vorräte noch nicht einmal zur Hälfte aufgebraucht, so viel Schnaps hatte der Verstorbene auf Vorrat gebrannt.
     Der Professor hielt das Telegramm und wunderte sich:
     "Tadija Melkior Adum, ja, stimmt, das war mein Onkel, und ob dieser Teufel mein Onkel war, der ältere Bruder meines verstorbenen Vaters, Ilija Baltazar Adum, aber wissen Sie, ich bin sechsundsechzig, ich bin ein alter Mann, meinen Vater hat Gott mit nicht einmal zweiundfünfzig zu sich gerufen, und ich soll glauben, dass sein älterer Bruder jetzt erst gestorben ist? Er war fünf Jahre älter! Wenn ich richtig rechne, wäre mein Vater jetzt siebenundneunzig, das heißt, Tadija wäre hundertzwei geworden. Sie können sagen, was Sie wollen, da hat sich doch jemand einen üblen Scherz erlaubt. Oder jemand will mich hereinlegen. Die Zeiten sind so, Menschen sind zu allem fähig. Man kann nicht vorsichtig genug sein, mein Lieber!"
     "Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?", fragte der Postbote.
     "Das ist das nächste Problem. Ich habe ihn nie kennen gelernt. Die beiden zerstritten sich kurz nach meiner Geburt, da war ich vielleicht ein halbes Jahr alt. Das war mehr als ein Streit, da ist Blut geflossen, die haben im Treppenhaus mit Pistolen und Äxten rumgefuchtelt und mein Vater hat dabei den Daumen der rechten Hand verloren. Können Sie sich das vorstellen, wenn der Daumen weg ist? Das ist wie wenn Sie keine Hand mehr haben, nur ein bisschen schlimmer, weil Sie die vier Finger ständig daran erinnern, dass Sie mit denen nichts mehr anfangen können. Mein Vater hat so lange mit den Fingernägeln über die Küchenwand gekratzt, bis sie geblutet haben. Der fehlende Daumen hat ihn letztlich umgebracht. Wie ein Hund ist er verreckt, nur weil er nicht wusste, was er mit seinen Fingern anfangen soll. Er hätte bestimmt noch zwanzig, dreißig Jahre gelebt, wenn ihm der Bruder auch die Finger abgehackt hätte."
     "Worüber haben sich die beiden gestritten?"
     "Ich weiß es nicht, darüber wurde zu Hause nicht geredet."
     "Hat er den Bruder manchmal erwähnt?"
     "Ja, natürlich. Er erzählte, wie sie sich während des Ersten Weltkriegs in dem schlimmen Winter 1915, als ihnen das Holz ausging und der Großvater in Galizien kämpfte, unter der Bettdecke warmgehalten haben. Sie stellten ihre Fußsohlen aneinander und strampelten dann mit den Beinen, als würden sie Fahrrad fahren. Sie radelten nach Amerika, nur sie beide, aber sie kamen nie an, weil sie immer vorher einschliefen. Viele Kinder sind in diesem Winter im Schlaf erfroren, aber die beiden hat das Fahrradfahren gerettet, nicht so sehr Federbett und Steppdecke. Als ihnen die Mutter, also meine Großmutter Anka, erklärte, dass man nicht mit dem Fahrrad nach Amerika fahren kann, sind beide krank geworden, sie haben Diphtherie und Keuchhusten bekommen und nur knapp überlebt. Zum Glück kam dann bald das Frühjahr. Das hat mein Vater über Onkel Tadija erzählt. Auch in seinen anderen Geschichten war Tadija noch ein Kind, der geliebte große Bruder, der ihn beschützte und mit nach Amerika nahm."
     "Und er hat nicht erzählt, was später vorgefallen ist?"
     "Nein, nie."
     "Seltsam, dass er nicht von dem Erwachsenen geredet hat."
     "Geredet hat er von ihm, ihn aber eigentlich immer nur verflucht. Die Augen sollen ihm herausfallen, soll er doch statt Finger lauter Daumen haben, die Nägel sollen ihm in die Zunge und in das Ding zwischen den Beinen wachsen ... So ein Zeug hat er erzählt, während er mit den Fingernägeln die Wand bearbeitete. Dem Ärmsten fielen noch nicht einmal gute Flüche ein, er redete zusammenhangloses, dummes Zeug, vor dem sich kein Kind gefürchtet hätte. Aber er hat gekratzt, er hat gekratzt, bis die Nägel an der nutzlosen rechten Hand nicht mehr nachwuchsen. Es hat Jahre gedauert, bis ich begriff, wen er da verflucht hat. Er vermischte die Kindergeschichten von seinem älteren Bruder nie mit dem erwachsenen Tadija Adum. Und wenn er von Tadija, dem Teufel, erzählte, dachte er nie an den Bruder."
     "Hat sich der Onkel je nach Ihnen erkundigt?"
     "Soviel ich weiß nicht. Wenn doch, hat es mir meine Mutter nicht erzählt. Sie ist vor fünf Jahren gestorben, und bis dahin hat sie ihn insgesamt vielleicht zwei, drei Mal erwähnt. Und zwar nur, wenn ich sie zufällig während der Abendnachrichten im Altenheim besuchte und da Bilder vom belagerten Sarajevo gezeigt wurden, dann sagte sie: Jetzt kriegt der alte Teufel, was er verdient hat, es gibt einen Gott! Dann bekreuzigte sie sich, und das versetzte mir einen Schlag. Im Fernsehen sieht man, wie in den Straßen einer Stadt Blut fließt, und sie preist Gott dafür. Einfach war das nicht."

Teil 2