Vorgeblättert

Leseprobe zu Miljenko Jergovic: Freelander. Teil 2

01.02.2010.
"Bestimmt nicht!", bestätigte der Postbote und genehmigte sich noch einen Travarica.
So saßen sie auf dem Balkon, es war Mittag vorbei, aber die Sonne brannte nicht mehr, es war Ende August und die Jahreszeit zwischen Sommer und Herbst brach an, in der sich der Mensch am wohlsten fühlt. Schließlich sah der Postbote auf die Uhr, stand auf und ging mit jenem Stöhnen zur Tür, das auch als Verabschiedung durchgeht, und Professor Adum rutschte tiefer in den Liegestuhl und hielt das Gesicht in die Sonne. Er hätte bis zum Abend so liegen können und weder gefroren noch geschwitzt. Man hörte das Geschrei vom Schulhof, ein paar Jungs spielten Fußball, einer brüllte: "Sascha, Sascha, ach fick dich, Sascha", wie in einem Film über Illegale, in dem man bis zum Schluss nicht weiß, ob Sascha nun ein Mann oder eine Frau ist. Vom Markt in Utrina drang der Geruch von Cevapcici und Benzin herauf, und irgendwo röhrte ein Lkw, der sich in einer Gasse verkeilt hatte und nicht wenden konnte, und das beunruhigte den Professor, denn er hatte seinen alten Volvo vor dem Markt geparkt, und dort wendeten die Lkws häufig.
Er stand auf und sah hinunter. Vom sechzehnten Stock aus sollte man alles sehen, aber er konnte nicht orten, aus welcher Richtung das Motorengeräusch kam; der Lkw war von Bäumen verdeckt.
Er zog Schuhe an, warf einen Blick in den Spiegel, strich über den Schnauzer und ging hinaus. Es dauerte, bis der Aufzug kam, auch darüber regte er sich ein wenig auf. Vor dem Haus klaubten Kinder leere Flaschen auf.
"Onkelchen, Onkelchen!", rief ein Junge hinter ihm her. Der Professor drehte sich um, die Kinder lachten und zeigten mit dem Finger aufeinander: "Der war's, der war's!" Mindestens ein Dutzend Kinder, vielleicht mehr, als wären sie klassenweise zur Reinigungsaktion ausgerückt. Er sah zu ihnen hin, wollte sagen, sie sollten sich schämen, brachte aber nichts heraus. Er gähnte wie ein Karpfen in der Fischabteilung beim Filetieren, und dann rutschte ihm heraus:
"Ihr scheißungezogenen Bengel!"
Er erschrak über seine eigene Stimme - hoffentlich hatte ihn keiner der Nachbarn gehört -, drehte sich um und wechselte die Straßenseite. Die Kinder lachten in seinem Rücken. Waren da nur Jungs oder waren es Mädchen oder beides? Komisch, dass ihm in letzter Zeit solche Sachen entgingen.
Der Volvo stand so da, wie er ihn vorgestern bei der Rückkehr aus der Stadt abgestellt hatte. Orangefarben, Originallackierung, Baujahr 1975, unfallfrei, erster Halter ... Vor einem Jahr hatte er versucht, ihn zu verkaufen, aber als ihm so ein Schnösel zweihundert Euro dafür anbot, nahm er davon Abstand und meldete sich nicht mehr auf Anzeigen. Er wollte mindestens drei- bis viertausend für den Wagen bekommen. Es war ein gutes Auto, zuverlässig, es ließ einen nie im Stich. All die Jahre hatte er ihn gepflegt: zweimal pro Jahr große Inspektion machen lassen, regelmäßig den Ölstand geprüft, war immer nur auf asphaltierten Straßen gefahren und nie schneller als hundertdreißig ... Der Volvo schaffte durchaus hundertsechzig und hundertsiebzig, aber der Professor glaubte fest, dass ein Auto wie ein gutes Pferd war, das im lockeren Trab die halbe Welt umrundet, das man aber nur in Todesgefahr oder wenn die eigene Frau in den Wehen liegt im Galopp reiten darf. Der Professor hatte sich nie in Todesgefahr befunden und Frau Ivanka, Gott sei ihrer Seele gnädig, konnte keine Kinder haben, und so war der Volvo nie schneller als hundertdreißig gefahren, er hatte ihn nur im Trab geritten und dreißig Jahre und manches Jahr darüber erhalten. Jetzt aber standen sich Halter und Auto gegenüber, beide alt und müde, an dem einen zerrte bereits die Schwerkraft des Grabs, während das andere angeblich nur noch zweihundert Euro wert war, kaum so viel wie die beiden Tankfüllungen, die er 1975 nach Stockholm benötigt hatte, dem Venedig des Nordens, wohin der Professor und Frau Ivanka auf Einladung von Tante Silva gefahren waren, der Witwe des Feldmarschalls Pozaic, dessen Name man in Briefen nicht erwähnen durfte, weil er auf dem Bild einer Militärparade zu sehen war, wie er Pavelic auf einem Schimmel mit gezücktem Säbel im Namen des früheren kroatischen Oberkommandos der Truppen an Isonzo und Piave Meldung erstattet, pensionierter österreichisch-ungarischer Offiziere, siebzig-, achtzigjähriger Greise, denen der Poglavnik mit der Umbenennung in Reserveverband des kroatischen Heeres oder wie das damals hieß eine Ehre erwies, und auch wenn sich der alte Pozaic während des Bestehens des unglückseligen Staates nie wieder in einer Uniform oder in der Nähe der Ustascha blicken ließ, packte Tante Silva wegen dieser einen, auf der Titelseite der Spremnost veröffentlichten Fotografie beim Anmarsch der Partisanen solche Furcht, dass sie den Greis bis nach Schweden und Stockholm ins Exil trieb, wo der Feldmarschall in den sechziger Jahren mit hundert Jahren starb, woraufhin Tante Silva Heimweh nach Zagreb bekam, sich aber nicht zurück traute, obwohl sie niemandem etwas getan hatte, sondern lieber die Neffen und Nichten, die es Gottseidank gab, nach Stockholm einlud und in ihrer großen, hellen Wohnung direkt an einem Kanal unterbrachte, auf dem Enten, Schwäne und andere Wasservögel schwammen und ins Fenster schauten, als wollten sie sich vergewissern, dass dort Gäste aus dem fernen Süden weilten.
Er stand vor dem Markt, betrachtete den Volvo und fand es unfassbar, dass der gerade mal so viel wert sein sollte wie das Benzin bis Stockholm. Wesentlich teurere Autos, die derzeit durch Zagreb fuhren, würden es nicht bis Stockholm schaffen, etliche würden auf halbem Weg liegen bleiben, irgendwo mitten in Deutschland auf der Autobahn auseinanderfallen, aber der Volvo, der nachweislich bis zum Nordpol fahren würde, war praktisch wertlos. Nur ein altes Auto ist noch weniger wert als ein alter Mensch. So ist das halt. Schade, dass das keiner in einem Zeitungsartikel oder besser noch in einem Buch aufschreibt, dachte der Professor, denn dieser Satz bliebe als nackte Wahrheit haften, eine von vielleicht zehn oder fünfzehn nackten Wahrheiten im Leben.
Er war dem Volvo wie einem letzten Freund verbunden, wollte ihn aber trotzdem los sein, weil ihn das Auto an etwas erinnerte, das ihm Angst einjagte und von dem er nicht sagen konnte, was es war. 1975, als er zum Entsetzen des ganzen Lehrerzimmers einen nagelneuen Volvo gekauft hatte, wie ihn weder der Mittelstürmer von Dinamo Zagreb noch der Bildhauer fuhr, der Titos Denkmäler baute, war Karlo Adum vierunddreißig Jahre alt gewesen. Für das Geld hätte man damals ein Haus in Sestine oder zwei Wochenendhäuschen auf Hvar bekommen, aber das war ihm egal, er war jung, und solange man jung ist, muss man sich seine Wünsche erfüllen, und er hatte sich diesen Volvo gewünscht. Mit dem Alter kommen andere Autos, billiger in der Anschaffung und im Verbrauch, Hauptsache man ist gesund und der Kopf sitzt auf den Schultern, Karlo wird noch dies und das fahren, bei dem Anfang, die Menschen werden sich auf dem Mond ansiedeln und Mondautos fahren ...
Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, mit dem Volvo alt zu werden und darin alles zu beerdigen, was ihm wichtig war. Doch genau das hatte der Professor getan: In dem Volvo hatte er seine Mutter und den Bruder der Mutter und Ivanka beerdigt. Er hatte die fixe Idee, sinnlos wie jede fixe Idee, aber trotzdem konnte er sich ihrer nicht erwehren, dass sein Leben wieder einen Sinn bekäme, wenn er den Volvo losschlagen und ein neues Auto kaufen könnte. Es wäre ein Zeichen, dass sein Leben nicht mit vierunddreißig aufgehört hatte.
Faktisch jammerte der Professor über etwas, worüber sich jeder andere gefreut hätte.
"Oho, dreißig Jahre lang ein Auto fahren, das nicht kaputtgeht! Hat Gott denn ganz die armen Kfz-Mechaniker vergessen?", hatte der Postbote laut lachend gesagt, als der Professor von dem neuen Auto und den metaphysischen Defiziten des alten erzählte.
Bis tief in die Nacht saß Karlo Adum in der Küche und las das Telegramm. Wenn er am Ende ankam, kehrte er an den Anfang zurück und analysierte den Text, den er bereits auswendig kannte, Wort für Wort, einschließlich des Namens des Unterzeichnenden: Dr. Jozo Sunaric, Advokat. Vielleicht war es eine Falle. Es hatte einen Jozo Sunaric gegeben, der war 1918, als das erste Jugoslawien gegründet wurde, zu dem März-Treffen von Politikern aus allen südslawischen Ländern der österreichisch-ungarischen Monarchie nach Zagreb gekommen. Der war auch Rechtsanwalt gewesen und in Sarajevo geboren. Zweiunddreißig Jahre später, als der zweite Staat gegründet wurde, hatte ihn Pavelic zu seinem Stellvertreter ernannt, nach drei Monaten aber wieder abgesetzt, und seither hatte man von Sunaric nichts mehr gehört. War es möglich, dass heute noch ein Advokat mit demselben Vor- und Zunamen in Sarajevo lebte? Und wenn nicht: Was wollte jemand ihm, dem Geschichtslehrer, mit dieser Unterschrift sagen?
Er telefonierte ab dem frühen Morgen. Zuerst rief er die Auskunft an, nach langem Klingeln meldete sich eine Frauenstimme, unfreundlich wie der Sozialismus und mit starkem bosnischen Akzent. Er fragte, welche Tageszeitungen in Sarajevo herauskämen, ob es die Oslobođenje noch gebe? Kalt entgegnete sie, die Oslobođenje erscheine täglich, und zählte drei weitere Blätter auf, der Professor verstand die Namen nicht, wagte aber nicht nachzufragen. Er sagte Danke und Doviđenja, worauf sie mit Prijatno antwortete, wie die Kellnerin, die Mitte der fünfziger Jahre in BusovaCa Raznjici mit Zwiebeln vor ihn hingestellt hatte.
Er rief bei der Oslobođenje an und fragte, ob in Sarajevo vor neunzehn Tagen ein Tadija Melkior Adum beerdigt worden sei. Die Männerstimme am anderen Ende der Leitung lachte kurz auf.
"Bitteschön, woher soll ich das denn wissen?"
"Sie könnten im Archiv nachsehen."
"Welches Archiv, hier ist nicht die Leichenhalle."
Der Professor legte auf, rief wieder die Auskunft an und verlangte die Nummer der Leichenhalle.
"Es gibt keinen Nutzer dieses Namens", lautete die Antwort, und bevor er eine weitere Frage stellen konnte, hatte die Gegenseite aufgelegt.
Nachdem er die kroatische Botschaft, die katholische Hochschule und das Kloster des Heiligen Antonius angerufen hatte, meldete sich bei Pokop, einem Unternehmen, das sich offensichtlich mit der Beerdigung der Katholiken Sarajevos befasste, wieder eine Frauenstimme, ebenso kalt, aber im Unterschied zu der vorhergehenden spickte sie ihre Sätze mit den typisch kroatischen Wörtern, die überall auf der Welt und also auch in Sarajevo Menschen verwenden, die warum auch immer während des Sprechens ständig daran denken, dass sie Kroatisch und nur Kroatisch sprechen.
"Wir sind gehalten, Informationen dieser Art nur engen Anverwandten weiterzugeben, aber Sie sagten, Sie seien das Bruderkind, also der Neffe, also gut, wahrscheinlich sagen Sie die Wahrheit, Ihr Oheim wurde auf dem Friedhof Vlakovo am zehnten Erntemonat bestattet ...", sagte die Stimme und sprach das Wort Erntemonat mit einer befremdlichen Befriedigung aus, als sei es ein Genuss, sich die Zunge an einer Brennnessel zu verbrennen.
Der Professor zog sich gegen halb elf an und begab sich ins Erdgeschoss, damit er den Postboten auf keinen Fall verpasste. Er wartete neben die Eingangstür gekauert und streichelte eine zahme graue Katze, die bereits seit einigen Tagen um das Hochhaus herumschlich. Sie gehörte jemandem, fand aber wohl den Rückweg nicht, oder sie war mit dem Auto aus einem anderen Stadtteil hergebracht und ausgesetzt worden. Aber sie wirkte ganz entspannt, kniff die Augen zusammen, hob den Kopf unter Karlos Fingern, die sie am Hals berührten, würdevoll und selbstsicher, als wisse sie genau, wo sie hingehörte, und sehe sich ein wenig in der Welt um. Das ist der Unterschied zwischen Katzen und Hunden oder zwischen Katzen und Menschen: Sie machen sich keine Sorgen, wenn sie verlassen werden oder sich in einer fremden Welt zurechtfinden müssen.
Der Professor freute sich, die Katze wiederzusehen. Irgendwann wird sie umgebracht werden, jemand wird mit dem Fuß nach ihr treten und ihr das Rückgrat brechen, oder sie gerät unter ein Auto, und dann wird Karlo Adum Gewissensbisse haben. Er bereitete sich auf dieses Gefühl vor.
Der Postbote kam gegen elf.
"Kommen Sie bei mir vorbei, wenn Sie Zeit haben."
"Ich muss den Mestrovic-Platz und die Baburicina mitmachen, das wird dauern."
"Kein Problem, ich warte auf Sie."
"Ich könnte morgen kommen, da habe ich meinen freien Tag."
"Besser heute, kommen Sie lieber heute", der Professor staunte über seine eigenen Worte. So etwas hätte er früher nie gewagt, und jetzt rutschte es ihm einfach so heraus.
"Entschuldigung, Sie müssen natürlich nicht. Kommen Sie nur, wenn Sie es schaffen. Im Übrigen muss ich vielleicht noch einmal in die Stadt, da ..."
"Ich komme auf jeden Fall", der Postbote unterbrach ihn. Die Klappen der Briefkästen mit falschen Namen und denen bereits verstorbener Personen schepperten. An diesem Tag kamen die Rechnungen für Wasser und die Müllabfuhr.
Mittag war längst vorbei, als sie einander auf Campinghockern auf dem Balkon gegenübersaßen, als wollten sie ein Streitgespräch anfangen. Der Professor schenkte Travarica in zwei Kristallgläschen, was wird das, eine Feier?, fragte der Postbote, der an normale Gläser gewöhnt war, die Adum für dieses Mal gegen diese kleinen, vor langer Zeit in Florenz gekauften eintauschte, wohin er ebenfalls mit dem Volvo gefahren war, Frau Ivanka konnte nicht mit, weil sie zur goldenen Hochzeit von Tante Flora und Uncle Simon nach Wien musste, und deswegen hatte er ihr in Florenz einen Hut gekauft, wie ihn Anna Magnani trug, und diese Schnapsgläschen, in die so viele Tränen passten, wie man beim Schneiden einer Zwiebel weint, hatte Ivanka gesagt. Zu Weihnachten, Ostern und am Tag der Republik holte er sie statt der normalen Gläser heraus, in die viel mehr geht, woraus der Postbote schloss, dass der Professor fastete, dann spürt man nicht, wenn man etwas getrunken hat, man hat nur den Eindruck, an zwei, drei dalmatinischen Kräutern gerochen zu haben, und schon biegt sich eine Zypresse im Wind über dem Grab.
"Ich habe beschlossen zu fahren. Was immer an der Sache dran ist, ich muss fahren", sagte der Professor.
"Richtig so. Selbst wenn es nichts zu erben gibt, obwohl es bestimmt was zu erben gibt, wer würde sich so einen Scherz erlauben, in Sarajevo kennt Sie sonst niemand, wer hätte die Adresse gewusst, vielleicht ist Ihnen Ihr Onkel noch nützlich."
"Den Teufel soll man um nichts bitten."
"Da sitzen Sie, ein gebildeter Mann und Geschichtslehrer, und reden wie eine alte Oma aus Vuk Karadzics Trzic."
"Ich wollte Sie aber um etwas bitten", flüsterte der Professor. "Haben Sie vielleicht eine Pistole?"
Der Postbote zuckte zusammen und hustete. Er wollte sagen, nein, hätte er nicht, aber so, dass es für ihn selbst und für alle, die eventuell und gegebenenfalls über amerikanische Satelliten zuhörten, ganz eindeutig war, dass er keine Pistole besaß und weder 1991 noch in den Jahren danach eine besessen hatte, auch keine andere Schusswaffe, weder eine Flinte noch ein Scharfschützengewehr, den Kopf hätte er verloren, wenn jemand auch nur gedacht hätte, einer aus Trzic aus Serbien, könnte eine Waffe besitzen. Selbst nach fünfzehn Jahren war die bloße Frage eine Drohung.
"Nein, was soll ein Postbote mit einer Pistole", lachte er laut, damit es über die amerikanischen Satelliten zu hören war.
"Können Sie eine besorgen?"
"Natürlich, in der Post. Wer mehr als fünf Grußkarten kauft, bekommt eine gratis. Außerdem brauchen Sie einen Waffenschein."
"Auf den Waffenschein muss man warten, und ich brauche die Pistole morgen."
"Wofür?"
"Stellen Sie sich nicht dumm."
Der Postbote verlor die Lust, sah in sein leeres Glas und hoffte, dass er bald gehen konnte.
"Es ist mir halt wichtig, und an wen soll ich mich denn sonst wenden, wenn nicht an Sie", sagte der Professor.
Der Postbote schwieg, aber es war ihm nicht gleichgültig, es wäre niemandem gleichgültig, wenn sich ihm einer anvertraut, weil er sonst niemanden hat.
Um acht Uhr abends hatte der Professor eine Pistole. Eine Crvena Zastava, Baujahr 1966, gut erhalten und geölt. Gebracht hatte sie ein großer, schlanker Mann mit grauem Haar und einem dichten schwarzen Schnurrbart, der sich als Domagoj vorgestellt hatte. Wie viel bin ich schuldig?, fragte der Professor. Mir nichts, antwortete der Mann, drehte sich um und ging zum Lift. Aber ich bitte Sie!, rief er hinter ihm her, während er die Pistole in der Hand hielt. Tu das Ding weg!, zischte der Mann, und der Professor floh grußlos in die Wohnung. Hoffentlich hatte ihn niemand gesehen.
Er packte Sachen in Ivankas Lederkoffer. Zwei Anzüge, sämtliche weißen Hemden, die er besaß, ein Dutzend Krawatten, die Schuhe fürs Theater. Wenn sie ihn an der Grenze durchsuchen würden, würde er sich mit so vielen Krawatten nicht verdächtig machen. Nicht einmal im Iran, dachte er, würden sie einen Alten filzen, der mit zehn Krawatten unterwegs ist, und auf jeder Krawatte ist ein Zeichen: Universiade 1987, Leichtathletik-Meisterschaften Split 1990, Kroatische Telekom, Rade KonCar, Kroatische Streitkräfte ... Die legte er wieder in den Schrank. Wer in seinem Alter mit einer Krawatte der Kroatischen Streitkräfte reist, macht sich verdächtig. Er packte noch einen Berg Socken ein, zwei Handtücher - er mochte Hotelhandtücher nicht, wer weiß, ob sie ordentlich gewaschen worden waren -, Toilettensachen und ganz zum Schluss noch für alle Fälle einen dicken Pullover.
Die Pistole schob er unters Bett, neben den Reisepass und die Schuhe, und legte sich hin.
Professor Karlo Adum war überrascht, denn er träumte. Seit seiner Jugend hatte er nicht mehr geträumt. Oder seit seiner Kindheit. Er wunderte sich in seinem Traum darüber, während er durch die verlassenen Straßen einer Stadt schlenderte, durch die er im wachen Zustand nie gegangen war. Wie in einem Schwarzweiß-Film glichen die Fassaden Pappkulissen, alle Fenster waren blind. Beim Teufel, schrie der Professor in seinem Traum, die hätten doch anständige Fenster machen können, wenn sie schon Häuser aus Pappe bauen. Und dann schlug er die Faust mit aller Kraft an die Wand, um zu zeigen, wie unsolide das alles war.
Er tat sich furchtbar weh, hatte das Gefühl, sich jeden einzelnen Knochen in der Hand gebrochen zu haben, aber er wachte nicht auf. Es tat ihm im Schlaf weh, er wäre gern aufgewacht, aber der Wunsch erfüllte sich nicht.
"Für wen wurden diese Häuser mit blinden Fenstern gebaut?", fragte der Professor.
"Für Menschen, mein Sohn, wie alle Häuser", antwortete eine Stimme.
Im ersten Moment erkannte er sie nicht. Er stand mitten auf der Straße, vergaß die Schmerzen und erinnerte sich plötzlich.
"Wo bist du?", fragte er.
"Aber mein Sohn, wo bin ich, mich gibt's doch nicht. Ist dir nicht ganz wohl, tun dir die Finger weh?" Die Stimme klang besorgt.
"Wohnt hier jemand?"
"Natürlich, mein Sohn, viele Leute sind da, wie die Ölsardinen, die Häuser sind gestopft voll."
"Wo sind sie?"
"Die sind da, siehst du sie nicht?" Wieder klang die Stimme besorgt.
Der Professor wusste nicht weiter und legte ein Ohr an eine Hauswand. Tatsächlich hörte er Stimmen, Kindergeschrei, den Streit zwischen einer Frau und einem Mann, Wasserrauschen in der Toilette, das Gluckern in den Heizkörpern, den Postboten, der Frau Naumovski etwas zuruft: Ihre Schwester aus Kicevo hat sich gemeldet, was sagt sie, gibt es viel Paprika, kocht sie Ajvar?
"Wie halten die es da drin ohne Fenster aus?", fragte er, aber die Stimme antwortete nicht mehr, er hörte nur den Widerhall einer leeren, weiten Welt, einer Stadt, in der niemand wohnte, von Wiesen und Wäldern, die an die Vororte grenzten, und vom Meer, das sich irgendwo in weiter Ferne zu einem Ozean ohne ein einziges Segelboot dehnte, denn es gab keine segelnden Menschen.
Dann hörte man Pferdehufe klappern, es klang wie der Fleischhammer auf dem Küchenbrett, und dazu ein schriller, hoher Ton, ganz fürchterlich, so fürchterlich, dachte der Professor, dass er einen Lebenden aus dem Schlaf reißen würde.
Die Kutsche kam näher. Zwei Pferde, das eine weiß, das andere schwarz, zogen einen schwarz lackierten Leichenwagen, die Achse war gebrochen, das Rad musste jeden Moment brechen und quietschte.

Teil 3