Vorgeblättert

Leseprobe zu Maria Sonia Cristoff: Patagonische Gespenster. Teil 2

19.08.2010.
Ausflug III: Ich verlasse den Ort zu Fuß, in nördlicher Richtung, dort soll es einen riesigen Felsen geben, der aussieht wie eine auf dem Rücken liegende Frau im Profil. Es gibt keinen eindeutig festgelegten Weg, also bewege ich mich ein wenig auf gut Glück voran. Die Sonne steht hoch am Himmel und die Ebene, aus der sich hier und da Felsformationen erheben, die aussehen wie dichte Rauchwolken, die von einer Brandstelle aufsteigen, kommt mir auf einmal vor wie Wadi Rum, jene Wüste, die T. E. Lawrence einst in ihren Bann schlug. Nach einer Weile kommen mir zwei Reiter entgegen. Weder grüßen sie mich, noch ich sie, die Stille ist bedrückend.
     Es hat etwas Befreiendes und zugleich Einschüchterndes, einfach so aufs Geratewohl dahinzuwandern. Ich komme an einer verlassenen Hütte vorbei, nur zwei Lehmwände sind übrig, die mehr oder weniger rechtwinklig zueinander stehen. Auf einem flachgedrückten Felsen, der mindestens dreimal so groß ist wie ich, lasse ich mich zum Rasten nieder - auf dem Rücken, wie die steinerne Frau, die sich hier irgendwo in der Nähe aufhalten muss. Da sehe ich zum ersten Mal die Teros. Sie sind allgegenwärtig; ganz egal, wie es auf der Erde unter ihnen aussieht, ziehen sie ihre Kreise, fliegen umher. Schließlich gehe ich weiter. In ziemlicher Entfernung glaube ich einen See zu entdecken. Ich beschließe, ihn zum Ziel meiner Wanderung zu machen, meinem Gehen damit eine Richtung zu geben, allerdings scheint die Entfernung kein bisschen abzunehmen, während ich auf den See zulaufe, im Gegenteil. Wann, zu welchem Zeitpunkt, tritt der Moment ein, in dem das Gehen angenehm wird und man sich in einen anderen Zustand versetzt fühlt? Nach dem ersten Tag, nach der ersten Woche? Und wann und wie setzt der Mechanismus ein, der den Rhythmus des Gehens und des Schreibens zusammenführt? Wie war das bei Monod, bei Sebald, bei Thoreau, Lawrence, Patrick Leigh Fermor? Im Boden öffnen sich Furchen, wahrscheinlich stammen sie von dem Wasser, das zum See hin abfließt, wenn es zu tauen beginnt. Jetzt sind sie trocken, und ich erwähle mir erst eine, dann eine andere davon zum Weg. Sie hat sich so tief in die Erde eingegraben, dass ich irgendwann das Gefühl habe, zwischen ihren immer höher aufragenden Wänden zu verschwinden. Ich suche mir eine andere Furche. Ein paar Pferde, die niemandem zu gehören scheinen, kommen auf mich zu. Auf einmal sind die Teros wieder da, ganz so, als wollten sie mich von hier vertreiben. Ich sehe mich suchend nach einem Ast um, um mich damit zu verteidigen, als die Vögel zum Sturzflug auf meinen Kopf ansetzen. Sie schreien, ich auch. Der See ist immer noch weit weg. Irgendwann stehen überall sogenannte Blutsauger-Kakteen. Wenn man den Wissenschaftlern glaubt, genau wie den Überlieferungen der Indios, sind sie essbar. Außer den Genannten scheint in der Gegenwart jedoch niemand diesen Glauben zu teilen. Als die Sonne sich allmählich dem Horizont nähert, meine ich, dem See nahe zu sein, aber der Boden wird so sumpfig, dass ich darauf verzichte, bis an sein eigentliches Ufer zu gehen. Erst spät kehre ich zu meinem Stockbett zurück, die Mädchen sind aber noch wach und erwarten mich. Zaubermeisterin, nennen sie mich, denn wer Bücher schreibt, kann für sie nicht zu den Normalsterblichen gehören. Ich soll ihnen von meinem Ausflug erzählen. Ich denke mir irgendetwas aus, nur als sie mich fragen, ob ich unterwegs irgendwann Angst gehabt habe, sage ich, ja, natürlich, vor den Teros, die haben mir einen wahnsinnigen Schrecken eingejagt. Da fangen sie alle an zu lachen, hemmungslos, bis sie kaum noch Luft kriegen. Unter ihrem schallenden Gelächter schlafe ich ein, bevor sie mir noch mehr Fragen stellen können.

Ausflug IV: Wieder verlasse ich den Ort in Gesellschaft von Atilio Namuncura. Wir fahren einen Feldweg entlang, durchqueren ein Gatter und halten schließlich keine zwei Meter von einer Stelle, wo ein Mann arbeitet. Links ist das Haus, rechts sieht man am Ende einer Schlucht - falls man auf einer Hochebene von Schluchten sprechen kann - einen großen klaren See. Dies ist eindeutig ein privilegierter Ort, die Bäume lassen erkennen, dass sich schon seit langer Zeit jemand darum kümmert. Wir bleiben im Auto sitzen: Atilio will zeigen, dass er recht hatte mit der Voraussage, der Mann werde keinerlei Notiz von uns nehmen. Wir könnten den ganzen Nachmittag dort verbringen, ohne dass er auch nur für einen Moment aufhören werde, seine Lehmziegel zu fabrizieren - er werde uns keines Blickes würdigen. Lehmziegel, wie er sie herstellt, sind das meistverwendete Baumaterial in dieser Gegend; sie bestehen aus einer Mischung aus der Erde, wie sie hier überall zu finden ist, plus roter Tonerde plus Wasser plus Pferdemist (der hier das sonst gebräuchliche Sägemehl ersetzt). Sobald alles vorbereitet ist, verteilt man diese Bestandteile auf einem flachen Stück Boden, holt ein Pferd und lässt es so lange im Kreis darüber laufen, bis das Ganze gut durchmischt ist. Dann füllt man einen Eimer mit der Mischung und kippt den Inhalt an einer anderen Stelle wieder aus, wo man, wie Atilio sagt, die Masse in Blöcke aufteilt und anschließend trocknen lässt. Geduldig und hingebungsvoll wie ein Konditor streicht der Mann die ausgebreitete Masse glatt. Und sieht dabei tatsächlich kein einziges Mal zu uns auf. Offensichtlich täuscht er diese Gleichgültigkeit jedoch nicht vor - was am Ende nur mehr Anstrengung erfordern würde, als einfach zu grüßen; im Gegenteil, er ist unbestreitbar ganz und gar in seiner eigenen Welt versunken. Leute wie er, die so viel Zeit in völliger Einsamkeit zubringen, stellen vermutlich irgendwann fest, wie überflüssig das meiste ist, was wir bei einer Unterhaltung zueinander sagen. Eine Weile - ein, zwei Stunden später - geben wir auf, steigen aus und unterbrechen ihn bei seiner Arbeit. Es gelingt uns sogar, ihn dazu zu bringen, uns aufzufordern, ihm ins Haus zu folgen. Atilio legt im Küchenherd ein paar Holzscheite nach. Der Mann sagt, er heißt Gregorio und arbeitet hier nach Stückzahl - Atilio übersetzt: Er ist nicht fest angestellt, sondern bekommt eine bestimmte Summe pro fertiggestelltem Lehmziegel. In den Gesprächspausen, da, wo jeder andere schweigen würde, pfeift Gregorio. Wir sitzen zu dritt um den Herd, er mit lang ausgestreckten Beinen, die Hände in den Hosentaschen, pfeifend, den Blick zur Decke gerichtet. Atilio sagt, hier habe sonst immer ein gewisser Humberto gelebt. Gregorio sagt, er sei noch nicht lange hier, davor habe er in der Nähe des Rio Chico gearbeitet, nördlich von Chubut. (Pfeift.) Ihm habe es noch nie gefallen, sich allzu lange an ein und demselben Ort aufzuhalten, da gewöhne man sich bloß allzu sehr daran. Er kommt irgendwohin, tut, was zu tun ist, und zieht weiter. (Pfeift.) Seit er hier ist, war er noch nie im Dorf, außer wenn sein Laster es ihm gesagt hat. Atilio übersetzt: Er meint nicht nur Alkohol und Zigaretten, sondern auch Mate-Tee, Zucker und was man sonst noch an Gebrauchsgütern auf dem Land nicht bekommt. (Gregorio pfeift.) Die Mischung hat er fertig, jetzt macht er die Blöcke, sprich: die Ziegelsteine. (Pfeift.) Das Problem ist nur, man macht seine Blöcke, immer schön gerade und alle gleich, und plötzlich kommt so ein Regenguss und man kann wieder von vorne anfangen. Übersetzung: Hier regnet es nie, aber wegen der Wiesen und der Schafe, die genug zu fressen brauchen, sehnen alle den Regen herbei und denken deshalb ständig an den Regen, auch wenn sie darüber manchmal vergessen, dass, so wie in diesem Fall, die Erfüllung eines Wunsches auch ein Unglück sein kann.

Ausflug V: Ich verlasse den Ort in südlicher Richtung, wo irgendwo Antoninas Haus sein soll. Man muss ungefähr fünf Kilometer auf einem gut befestigten Weg gehen, bis das Gelände ein wenig ansteigt, und da ist dann ihr Haus. Das hat sie selbst mir gesagt, als ich ihr gestern im Ort begegnete. Sie blieb mitten auf der Straße stehen und fragte mit lauter Stimme, was ich hier mache. Sie hatte mehrere Taschen in der Hand: Ins Dorf kommt sie, um ihr Schaffleisch auf dem Markt gegen alles Mögliche einzutauschen - was auch immer: Der Erste, der ihr ein Angebot macht, bekommt irgendwann den Zuschlag. Auf andere lässt sie sich danach gar nicht mehr ein. Sie trug eine Pumphose, die ihr mindestens drei Nummern zu groß war, und dazu eine gefütterte Schaffellmütze mit Ohrenklappen, wie ein Antarktisforscher. Und was für eine Mütze setzt sie im Winter auf? Dieselbe, Schätzchen, dieselbe. Mütze ist Mütze. Als ich bei ihrem Haus ankomme, hat sie die Mütze nicht auf, das verunsichert mich, so wie wenn jemand, der ständig eine Brille auf der Nase hat, die Brille plötzlich absetzt, um die Gläser zu putzen. Komm rein, Schätzchen, komm rein. Antoninas Haus ist aus Lehm, der Boden festgestampfte Erde. Auf dem mit einem Wachstuch bedeckten Tisch liegt die große Sensation dieses Tages: ein frisch geschlüpftes Truthahnküken, das die Hunde am liebsten gleich auffressen würden. Das Küken befindet sich in einer Pappkiste; in den Deckel hat Antonina einen Schlitz gemacht, damit das Tier Luft bekommt. Das Problem ist, dass es durch diesen Schlitz auch hinausschlüpfen kann, und damit es nicht im Rachen dieser Hungerleider landet, hat sie ein Netz darüber gelegt. Während ich zusammen mit ihr in der Küche war, entschlüpfte das Truthahnküken allerdings mindestens zwanzigmal aus seinem Pappgefängnis; das Netz hing ihm dabei über den Rücken und flatterte wie das Cape von Superman. So kanns gehen im Leben, Schätzchen, so kanns gehen. Man muss immer auf der Hut sein und wissen, wie man sich wehren kann. Sie hat die Mistkerle, die ihr das Haus wegnehmen wollten, mit dem Messer in der Hand aus der Küche gejagt. Mit dem Messer hier, das sie mir zeigt. Antonina lebt in einem Gebiet, das nicht zum Steuereinzugsbereich der Gemeinde gehört; hier kann man eine bestimmte Anzahl von Tieren besitzen und muss keine Abgaben dafür bezahlen, anders als innerhalb des Einzugsbereiches. Sie sei verstockt und lasse nicht mit sich reden, hätten sie gesagt, deshalb würden sie sie vor den Richter führen, um die Anglegenheit endlich zu klären. Pah, nicht mit ihr! Sie lässt sich von niemandem nirgendwohin zerren. Sie ist ganz alleine hingegangen. Hat sich beim Richter vorgestellt und ihn völlig kirre gemacht mit dem, was sie ihm zu sagen hatte. Dabei hat sie kein Blatt vor den Mund genommen. Auch das mit dem Messer hat sie zugegeben: Wie soll sich denn eine Frau allein sonst wehren, wenn man ihr das Einzige wegnehmen will, was sie besitzt, und das nach der Mühe, die es sie gekostet hat, in seinen Besitz zu gelangen? He? Herr Richter? Antonina hat sich ein kompliziertes System ausgedacht, um das Wasser für ihren Mate immer schön warm zu halten, es besteht aus diversen Gefäßen und Verbindungsröhrchen, wie in der Werkstatt eines Alchemisten, weshalb sie während unserer Unterhaltung nicht eine Sekunde lang ruhig dasitzen kann. Was sie aber keineswegs daran hindert, ständig neue Themen aufzutischen - sie redet für ihr Leben gern. Das Einzige, was dabei stört, ist das Truthahnküken, aber nachdem mir die Aufgabe zugewiesen worden ist, es wieder in die Kiste zu bugsieren, sobald es einen neuerlichen Fluchtversuch unternimmt, ist dies mein Problem, sie lässt sich dadurch jedenfalls nicht aus der Ruhe bringen. Ja, alle Männer hat sie sich mehr oder weniger auf diese Weise vom Leib gehalten. Die sind doch zu nichts zu gebrauchen. Was soll sie bitte mit einem Mann? Damit er sie blöd anschaut, wenn sie einmal nichts gekocht hat? Damit er sie hin und wieder ins Bett schleift, nur damit sie dann merkt, dass er schon wieder besoffen ist? Damit er ihr mit den Schafen hilft? Nein, Schätzchen, nein. Das mit dem Bett regelt sie selbst, sie entscheidet, wann und mit wem, Säufer kommen ihr nicht ins Haus, und wer schnarcht, ist bei ihr ebenfalls fehl am Platz. Um von den Schafen gar nicht erst zu reden - da kann ihr so leicht keiner das Wasser reichen. Zurzeit läuft es allerdings nicht so gut: Der Bock ist abgehauen, und die Hunde haben ihr ein paar Schafe gerissen. Die waren total ausgehungert, die Hunde. Aber da hilft einem auch kein Mann, bei sowas. Blödsinn, sie sieht doch die Frauen im Dorf mit ihren Ehemännern, alle lassen sie die Schultern hängen und trauen sich kaum, den Mund aufzumachen, und die anderen tun und lassen, was sie wollen. Nein, Schätzchen, nein. Wie die Männer in der Stadt sind, weiß sie nicht, aber die hier glauben, man ist da, um sie zu bedienen. Pah. Der einzige Mann, dem sie jemals zu Diensten war, ist ihr Sohn, ein Prachtkerl, jetzt arbeitet er bei der Polizei in Maquinchao. Sooft er kann, kommt er zu Besuch, er ist ein guter Sohn. Antonina fragt, ob ich den kleinen Truthahn nicht ein bisschen wiegen kann, vielleicht hört er dann ja auf mit seiner Herauskletterei. Ich nehme ihn zwischen die hohlen Hände und spüre, wie das Herz in dem zerbrechlichen Körper schlägt, zwischen den noch weichen Knochen. Der Truthahn schreit weiter herum, und ich sage mir, wie einfach wäre es, ihn zum Schweigen zu bringen, ich brauchte bloß die Hände zusammenzupressen.

Teil 3