Vorgeblättert

Leseprobe zu Maria Sonia Cristoff: Patagonische Gespenster. Teil 1

19.08.2010.
(Reportage Nr. 7, S. 151-173)

Sieben

Evita, Gardel, Kirchner, Ginobili, Perez Esquivel, Favaloro, Fangio, Borges, Maradona, Coria, Sabato: kleine Fotos von ihnen allen sind auf dem Poster kreisförmig um ein Porträt Sarmientos angeordnet, dazu sein Satz: "Mensch, Volk, Nation, Staat - alles: Alles steckt in diesen bescheidenen Schulbänken." Das Poster, das ursprünglich wohl in leuchtenden Farben gedruckt werden sollte - der Etat reichte dann doch nur für dieses verblichene gelbliche Etwas -, hängt an der Tür der Schule, wo ich untergebracht bin. In El Cain, dem einzigen Ort auf der sagenumwobenen Somuncura-Hochebene, gibt es nichts, was als Unterkunft für Gäste herhalten könnte; dafür darf ich hier in der Schule eins der Stockbetten benutzen, in denen die Mädchen schlafen, die während des Schuljahres nicht nach Hause zurückkehren, und wenn alle anderen fort sind, kann ich auch das Lehrer-Bad benutzen. Beim Duschen höre ich durchs Fenster die Stimmen der Jungen und Mädchen, die um diese Uhrzeit auf dem Gelände hinter dem Gebäude Fußball spielen. Es hat etwas Voyeuristisches, sich in einer Schule aufzuhalten, wenn niemand sonst da ist, so als dürfte man öffentliche Räume eigentlich nur betreten, wenn auch die Öffentlichkeit mit anwesend ist. An den Tafeln stehen noch Reste dessen, was tagsüber gelehrt wurde, und auf dem Boden liegen Essensreste - nichts von alldem hat mit mir zu tun, ich fühle mich ein wenig wie ein Detektiv, der einen Tatort untersucht, auch wenn in diesem Fall niemand von mir irgendeine Art von Aufklärung erwarten kann.

Eines Nachmittags merkte ich beim Duschen, dass von draußen keinerlei Geräusche zu hören waren. Die Kinder machen wahrscheinlich gerade etwas anderes, dachte ich zuerst, aber dann fiel mir ein, dass die Schulen nicht mehr sind, was sie früher einmal waren: Und wenn alle tot sind und in einem der Klassenzimmer irgend so ein junger Kerl lauert? Einer von diesen Halbstarken, die heutzutage gerne einmal mit der Pistole, die ihre Eltern neben Brille und Aspirin in der Nachttischschublade aufbewahren, in der Schule erscheinen? Um mich herum lauter leere Klassenzimmer, und ich unter der Dusche, an dem Ort, wo Frauen im Film regelmäßig etwas zustößt. Das Haar voller Shampoo, stieg ich aus der Dusche und schloss die Türe ab. Alles blieb still, und auf einmal kam mir die Schule riesig groß vor. Ich wartete noch eine Weile, ob etwas zu hören war, aber nichts geschah. Um mir die Zeit zu vertreiben, standen mir ein alter Computer und ein Schrank mit Glastüren und Vorhängen zur Verfügung. Ich öffnete ihn; vor mir lag ein in blaues Packpapier eingeschlagenes Heft, in dem ein gewisser Raul Dolores Garcia, der offenbar mehr als zwanzig Jahre lang Direktor der Schule gewesen war, sich Notizen gemacht hatte. "El Cain: Offizieller Gründungstag des Ortes ist der 11. März 1915. El Cain liegt im Tal, auf der untersten Stufe mehrerer treppenartig angeordneter Hochebenen, felsiges Terrain, trockenes Klima, jährliche Temperaturschwankungen von 35° bis -14°. Im Winter schneit es normalerweise, besonders schlimm war es ?48, der Schnee erreichte eine Höhe von zwei Metern." Später fand ich heraus, dass diese Notizen die einzigen Aufzeichnungen sind, in denen die Geschichte des Ortes festgehalten wird.

"Zu Hause, natürlich!", rufen die Mädchen, wenn ich sie abends, von meinem Bett aus, frage, ob sie, die jetzt in ihren Betten liegen, lieber hier, im Ort, sind oder bei sich zu Hause. Obwohl es hier Strom und Heizung gibt. Obwohl man ihnen hier nicht fast die ganze Zeit nur Fleisch vorsetzt. Obwohl manche Eltern einmal in der Woche oder alle vierzehn Tage zu Besuch kommen. Obwohl sie später von hier nach Maquinchao gehen und dort weiter lernen können, in der Sekundarschule, um eines Tages Lehrerinnen oder was auch immer zu werden. Sie sind doch nicht verrückt. Ihr Zuhause tauschen sie um nichts in der Welt ein. Warum sich das von selbst versteht, können sie nicht sagen, aber das spielt auch keine Rolle. Es sind zehn Mädchen im Alter von sechs bis zwölf Jahren. Wenn ich nachts zurückkomme, sind sie noch wach und warten auf mich, ganz egal, wie spät es ist. Sie sehen aus ihren Stockbetten hervor, und wir unterhalten uns - ich dem Blick ihrer versammelten Augenpaare ausgesetzt -, solange man uns lässt: Irgendwann kommt wie der Unhold aus einem Grimmschen Märchen ein Lehrer, macht das Licht aus und sagt, wir sollen ruhig sein. Er macht seine Abendrunde, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung ist. Wie jede Art von Überwachung flößt seine Gegenwart eher Angst als das Gefühl von Sicherheit ein.

Tagsüber treibe ich mich ruhelos in der Umgebung des Ortes herum. Der einzige Grund, in El Cain zu bleiben, wäre, um zu lesen, aber ich wüsste nicht, wo: Man hat mir eins der unteren Stockbetten zugewiesen, wo man sich immer wie der Schinken im Sandwich vorkommt, weshalb ich mich erst dort hineinlege, wenn ich keine andere Wahl mehr habe, und dann erwarten mich schon die Mädchen mit ihren Unterhaltungen. Es gibt aber auch keinen öffentlichen Ort, an dem ich mich mit meinen Büchern niederlassen könnte; es gibt zwar eine Bar, aber in dieser Bar gibt es nirgendwo eine Ecke, in der man in Ruhe ein Buch aufschlagen und lesen könnte.

Ausflug I: Ich verlasse den Ort auf dem Weg, an dessen anderem Ende, eine beträchtliche Anzahl von Kilometern entfernt, Maquinchao liegt. Ich gehe spazieren, sage ich zur Erklärung, obwohl ich in Wirklichkeit um jeden Preis dem Grauen einer langen und lärmenden Mittagspause entkommen will. Das Letzte, was ich diesmal beim Fortgehen zu hören bekomme, ist eine Mischung aus zwei summenden spin blades, die wie ein Paar elektronischer Kampfhähne in einer roten Plastikwanne aufeinander losgelassen werden, plus im Hintergrund ein Fernsehapparat, plus eine live vorgetragene Zamba, die von El Cain handelt: "Auf dem Hügel de la Cruz / eines schönen Tages / saß ich still und dachte / auf einem spitzen Fels. / Ein Stückchen ab vom Wege / am Fuß des Berges findest du / den See, den Zeugen mancher Schlacht. / Und sieh nur in der Ferne, / unsere stolze Hoffnung, / dort erhebt sich unser Dorf / im Kampf für ein besseres Morgen." Wie ruhig ist dagegen das Leben in der Großstadt, sage ich mir. Beim Weitergehen beginne ich unwillkürlich, den Text der Zamba, der mir nicht aus dem Kopf will, auf seinen Wahrheitsgehalt zu überprüfen: Da ist der Hügel, diverse Felsspitzen, das Dorf, und auch der See. Was nicht da ist, ist das epische Element der Zamba: Mit "Schlacht" bezieht sie sich auf den Tod zweier Dorfbewohner, Abraham und Mustafa, ermordet von zwei Bandoleros mit Namen Patiño und Troncoso, die während der zwanziger Jahre die Gegend unsicher machten. Die beiden Erstgenannten waren angeblich eines Nachmittags in der Bar, wo sie, vom Gin und dem Spott der anderen Gäste angestachelt, den Entschluss fassten, sich auf die Jagd nach Patiño und Troncoso zu machen. Sie fanden sie schon bald, bekamen es aber ebenso schnell mit der Angst zu tun: Auf der Flucht gelang es ihnen nicht, rechtzeitig eine der rettenden Felsspitzen zu erreichen, weshalb sie sich in ihrer Not kopfüber in den See stürzten. Sobald sie wieder auftauchten, um Luft zu holen, erlegten die anderen beiden sie, wofür sie nicht mehr als eine Kugel pro Mann benötigten. Als jemand aus dem Ort mir später erzählt, Troncoso habe seinerzeit zu seinem Großvater gesagt, er und Patiño hätten "zwei Enten im See erlegt", erscheint vor mir unwillkürlich eine Szene wie aus einem der Comicfilme, die ich als kleines Mädchen sah: Der gleichen Logik folgend - und mit der gleichen Begleitmusik - wurde darin jede Ungeschicklichkeit mit einer Grausamkeit bestraft, die mir, warum auch immer, so gerecht wie lustig erschien.

Ausflug II: Ich verlasse den Ort in Begleitung von Atilio Namuncura, einem Verwandten von Ceferino Namuncura. Selbst bei Tempo hundertvierzig ist Atilio imstande, dort, wo ich bloß die kompakte Masse der Somuncura-Tafelberge sehe, alle möglichen Einzelheiten auszumachen. Atilio ist in Chubut geboren, also in Patagonien, er betrachtet sich aber als Rionegriner, wie er betont. Er lebt und arbeitet in Viedma, ist aber viel unterwegs, er sieht regelmäßig in den entlegensten Ecken und Winkeln der Provinz nach dem Rechten. Dafür nimmt er gewissermaßen die Büroarbeit in Kauf - offiziell gehört er zur Leitung des Entwicklungsamtes der Provinz, eigentlich fungiert er jedoch, wie ich feststelle, als Bote und Kundschafter: Er kennt jeden einzelnen Bewohner dieser, auf den ersten Blick, scheinbar unbewohnten Hochebene, und er ist auch imstande, mit ihnen in einer Weise ins Gespräch zu kommen, die allen anderen verwehrt bleibt. Er weiß, worüber man reden darf und worüber besser nicht, wann man einen kleinen Witz anbringen kann und wann man lieber einfach eine Weile gar nichts sagt, er ist in der Lage, herauszufinden, wie es den Leuten geht, ohne eine einzige Frage zu stellen. Oft genug gelingt das aber auch ihm nicht, wie er erzählt. Als er im Jahr davor mit einem Professor von der Universität Bologna unterwegs war, sagte der Mann, den wir heute als Ersten aufsuchen werden, kein Wort, sie blieben eine gute Stunde dort und er machte nicht ein einziges Mal den Mund auf. Dabei handelt es sich hier um Leute, die monatelang niemanden haben, mit dem sie sprechen können, die also das dringende Bedürfnis verspüren sollten, sich mit jemandem auszutauschen. Aber nichts da, kein Wort. Nicht einmal ein Dankeschön für die Säcke mit Mehl, das Öl und die anderen Sachen, die die Regierung einmal jährlich an die Kleinbauern verteilt. Dass der Professor mit dabei war, schien Atilio eigentlich nicht der Rede wert - wieso sollte sich jemand, der hier lebt, für den Namen einer Universität oder einer Zeitung oder was auch immer interessieren? Jedenfalls, es war nichts zu machen: Der Mann - er heißt Lorenzo - setzte sich auf einen Baumstumpf vor der Tür seines kleinen Hofes - ich würde ihn gleich zu sehen bekommen - und sah ihnen zu wie zwei Marionetten, die jemand vor ihm betätigte, um ihn ein Weilchen zu unterhalten, ein Schauspiel, zu dem er nicht das Geringste beizutragen hatte. Manchmal lässt er sich auch gar nicht blicken. Einmal machte Atilio sich große Sorgen, er klopfte an die Tür seines Hauses - der Bruchbude, in der er haust -, aber niemand antwortete. Er klopfte an die Fenster, keine Reaktion. Er presste das Gesicht an ein kleines Fensterchen an der Rückseite des Gebäudes, aber auch dort war niemand zu sehen. Es war kalt. In dem Jahr war er ein bisschen spät dran mit dem Verteilen der Lebensmittelpakete, der Winter stand kurz bevor. Er suchte die Umgebung nach ihm ab - Lorenzo lebt allein; wenn er eines Tages tot umfällt, kann es ein Weilchen dauern, bis es jemand bemerkt und ihn findet. Die sechs Ziegen, sein einziger Besitz, waren auch nicht da. Wer weiß, sagte sich Atilio, am Ende liegt er irgendwo da draußen und ist tot und die Ziegen haben sich davongemacht. Überall suchte er nach ihm, zuerst zu Fuß, schließlich mit dem Auto, aber ohne Ergebnis. Als es dunkel wurde, beschloss er, die Mehlsäcke und die anderen Sachen einfach vor die Tür zu stellen, falls er irgendwann auftauchen sollte. Bedrückt fuhr er davon und machte sich Vorwürfe, er hätte ihm beim letzten Mal eben doch mehr zusetzen sollen, beim Arzt in Viedma vorbeizuschauen, so mager wie er war, bloß noch Haut und Knochen, aber da hätte er ihm genauso gut vorschlagen können, nach Alaska zu reisen, um seine Zähne kontrollieren zu lassen. Nach ungefähr drei Kilometern sah er ihn, er saß auf einem Felsen, umgeben von seinen sechs Ziegen, und warf mit Steinchen auf andere Felsen weiter unten, in Richtung seines Hauses. Von dort aus konnte man ganz offensichtlich genau sehen, was auf seinem Hof vor sich ging, er hatte also zugeschaut, während Atilio vergeblich hin und her lief und an Türen und Fenster klopfte. Als Atilio näher kam, hob Lorenzo eine Hand und deutete ein Lächeln an, so als wollte er zu verstehen geben, er brauche nicht anzuhalten.

Teil 2