Vorgeblättert

Leseprobe zu Mahmud Doulatabadi: Nilufar. Teil 2

02.09.2013.
Es war, als würde sie ihm mit diesem Wunsch die ganze Welt schenken. Er lief zur Eisdiele und sah, mit dem Rücken zu ihr, immer noch dieses beglückende Lächeln vor sich. Er wünschte, dass der Eisverkäufer sich beeilen möge, und seine zittrigen Finger klaubten hastig die zerknüllten Geldscheine aus der Tasche. Er wusste nicht, wie oft er sich während des Wartens nach ihr umgedreht hatte. Sie wartete auf ihn, er wusste es, auch wenn sie nicht zu ihm hinschaute. Und schon war er mit jungenhaften Sprüngen zurück beim Auto und stellte sich neben sie, die lächelnd wieder aufblühte, ans offene Fenster, bis ihm einfiel, dass es höchste Zeit war, sich ans Steuer zu setzen und loszufahren. Nur wenn sie noch Zeit hatten, sagte er: "Lass uns noch eine Weile hierbleiben." Sonst fuhr er los, und sie verteilte das Eis, Löffel für Löffel, einen für sich, einen für ihn, der fahren musste durch den regen Abendverkehr und vorbei an zahlreichen Autos, denen es gleichgültig schien, woher sie kamen und wohin sie fuhren. Gheiss war die Strecke wohlbekannt. Er fuhr diesen Weg schon seit zehn Jahren mindestens zwei, drei Mal in der Woche zwischen sieben und neun Uhr abends.
Einmal hatte Nilufar gesagt, er müsse ein Buch schreiben über "die Wege, die mich zu dir führen". Das Buch ist immer noch nicht zu Ende geschrieben. Seine Notizen in den alten Heften sind sicher schon längst verloren gegangen. Aber die Strecke, die sie an jenem Abend fuhren, war wie der Rückweg aller Wege, die sie je ging, um zu Gheiss zu gelangen. Und war es nicht der gleiche Weg, den er schon als siebzehn-, achtzehnjähriger junger Mann morgens in der Frühe mit entschlossenen Schritten kreuz und quer durch die Stadt und den quälenden Verkehr gegangen war, und am späten Abend wieder auf dem Heimweg?

In den ersten Monaten und Jahren schien es dies. Aber wie konnte es sein, dass Gheiss sich so wenig Gedanken gemacht hatte über den innersten Kern jenes Menschen, den er Nilufar genannt hatte? Wieso dachte er kaum nach über sie, über ihren Geburtsort, ihre Familie, ihre Begabungen und Tätigkeiten, über diesen Menschen, der immer wieder in ihm, in der Stille wie im Chaos seiner Gedanken aufblühte und lebendig wurde? Nein, niemals, er hatte niemals, nicht für einen Augenblick, ihre Anwesenheit, ihr Kommen und Gehen, ihr Umherirren in den Straßen und Gassen, auf den Wegen, die zu ihm führten, als selbstverständlich hingenommen. Sie hatte in der Mitte all seiner Gedanken und Vorstellungen einen sicheren und ehrenvollen Platz. Und wenn sie jeweils kam … Ihre schöne Gestalt. Oder hatte er sie bloß so gesehen? Nein, sie war wirklich schön. Ihre ­Augen, ihre Lippen, ihre Stimme … Immer wenn sie durch die Tür kam, sagte er unwillkürlich: "Sie ist da, es gibt sie wirklich."
"Jahrelang habe ich auf sie gewartet. Nun ist sie da. Träume ich?" Nein, es war kein Traum. Sie war wirklich. Sie kam, siebzehnjährig, Ende September - ein Monat, den Gheiss besonders liebte. Das Blut unter der Haut ihrer Wangen war hell, aus ihren Pupillen blitzte der jugendliche Scharfsinn, sie versprühte eine Kraft, die schwer zu bändigen war. Sie setzte sich auf den Stuhl, legte die Hände auf die Knie. Nur für einen kurzen Augen­blick konnte sie ihm in die Augen schauen. Eine artige Schülerin, so saß sie vor ihrem Lehrer. Gheiss konnte sie gut beobachten, er sah sie klar und deutlich, wie ein erfahrener Künstler, der unerwartet vor ­einem ihn begeisternden Werk steht. Aber er war erfahren genug und konnte sich beherrschen, griff sofort nach der Zigarettenpackung und suchte fahrig auf seinem Schreibtisch nach Streichhölzern.

Halb geraucht, wirft Gheiss die Zigarette weg. Starr vor Kälte steht er auf dem Friedhof, wo die hochgewachsenen Tannen mit ihren dürren Ästen die Wolken berühren. Hier ist der Himmel niedrig und grau. Gheiss ist erfüllt von Sehnsucht, Sehnsucht nach dem Antlitz und der Nähe eines Menschen, der unabweisbar sein ganzes Wesen beherrscht. Er muss sie sehen. Er sieht sie. Immer, wenn er will, sieht er sie. Wie eine Taube fliegt sie dann zu ihm und setzt sich neben ihn. Auch jetzt sitzt sie neben ihm, auf der Steinbank, so wie einst auf der Steinbank in einem Stadtpark von Teheran. Er dreht sich um, schaut sie an. Ja, das ist sie, die hier auf der Steinbank sitzt. Aber, wie seltsam, sie hat kein Gesicht. Er sieht sie genau an. Sie hat kein Gesicht. Sie sitzt da, ohne sich anzulehnen, mit leerem Gesicht, leerem, unsichtbarem Blick. Achtundzwanzig, neunundzwanzig Jahre alt muss sie jetzt sein. Sie ist still, stumm, genau wie er selbst, wenn der graue Himmel ihn niederdrückt und die Kälte ihn zernagt. Das einzige Zeichen von Wärme ist die halb gerauchte Zigarette, die er vor seine Füße geworfen hat und nun mit dem Schuh zertritt. Warum, warum bloß … Er legt seine Hände auf die Knie, so wie sein Vater, der, wenn er verzweifelt war, sich auf einen Stein oder auf die Treppe setzte, ein Bein über das andere legte, die Arme über den Knien kreuzte und auf einen Punkt in der Ferne starrte. Diesen Punkt, der durch das Weltall wirbelt und mit seinen verwirrenden Drehungen und Windungen jeden vernünftigen Menschen aus dem Gleichgewicht bringt. Vielleicht war der Vater in solchen Augenblicken nicht erschöpft, aber …
Ich bin erschöpft, meine Hände haben keine Kraft mehr. Warum? Ich konzentriere mich, sammle meine ganze Aufmerksamkeit, vielleicht gelingt es mir, ihre Stimme zu hören. Aber nein, die Mühe ist vergeblich. Da ist nur eine Krähe, die auf dem höchsten Ast mit den Flügeln schlägt. Mein Kopf, mein Kopf dröhnt vor Schmerzen. Es kommt vom vielen Reden. So lange schon rede ich mit mir. Tonnenweise Sätze, in allen Tonlagen, in den unterschiedlichsten Stimmungen, voller Widersprüche … Ich redete, hörte zu, schwieg, regte mich auf, schimpfte, beherrschte mich wieder, wurde wütend und merkte, dass meine Augen dabei brannten, als würden sie Feuer sprühen. Ich wollte weinen und konnte nicht. Schon lange kann ich nicht mehr weinen. Ich habe es ihr mehrmals gesagt. Meine Augen glühen nur noch, sie sprühen Feuer, und später merke ich, dass sie kaum feucht geworden sind. Woher kommt diese rätselhafte Fähigkeit unseres Gehirns, in einem einzigen Augenblick unendlich viele Bilder, Worte und Erinnerungen aufnehmen zu können … Und wenn diese Augenblicke sich ohne Unterbrechung aneinanderreihen, scheinen sie sich grenzen­los auszudehnen. Wie lange habe ich jetzt schon ge­redet, wie lange werde ich weiterreden? Und nun wieder das Schweigen, die Bäume, die Wolken und der Flug der Krähe durch das ewige Grau. Ich habe darum gebeten, dass sie kommt und sich neben mich setzt. Sie ist gekommen und hat sich neben mich gesetzt, so wie sie es schon ein Dutzend Mal, hundert Mal getan hat, fröhlich, mit großer Lust. Doch dieses Mal hat sie kein Gesicht, und ich habe keine Stimme. Ich sehe den alten Mann, alleine auf der Steinbank sitzend, er holt ein Notizbuch und einen Füllhalter aus der Tasche seines Regenmantels, beginnt zu schreiben. Er sitzt gebückt, das linke Bein über dem rechten, so wie mein Vater … Aber wozu das alles? Sie, die diese Zeilen ­lesen soll, hat kein Gesicht, keine Augen, um die Worte und Sätze zu lesen. Für wen schreibt also der Mann mit dem gebückten Rücken? "Meine Welt ist mir geraubt worden …" Wer soll solche Sätze denn lesen? So viel Verwirrung. All die Bilder und Wörter finden keine Nähe zueinander und können nicht miteinander verschmelzen!
"In die Seele des anderen eindringen, die eigene Seele ablegen, das eigene, einmalige, gereifte Leben dem anderen widmen …"
"Du und ich sind zwei Hälften eines Menschen."
"Nein, du und ich waren schon immer verschmolzen. Ohne dich wäre ich nicht das, was ich bin."
"Du sprichst aus, was mir auf der Zunge liegt. Vielleicht wäre ohne dich kein Leben in mir."

Ein Gewirr von Bildern, und Schweigen, in dem noch die Gespräche atmen. Wo sind all diese unendlich vielen Wörter geblieben? Warum stechen sie, wenn sie verschwunden sind? So viel Leben war im Schweigen und im Reden … Man sollte alles, was im Hirn abläuft, im selben Tempo aufschreiben können. Das ist unmöglich. Wer schnell und rege denkt, wird darum beim Schreiben betrogen, er kann nicht einmal einen Bruchteil der Masse seiner Gedanken zu Papier bringen … Was tun? Man muss sich einreden, dass es einem gelungen ist, die Substanz dieser Masse von Gedanken aufzuschreiben …
Der Mann mit dem gekrümmten Rücken scheint von solchen Zwängen frei zu sein. Er sitzt geduldig und schreibt seit Stunden, wie ein vernünftiger Mensch, der sein Testament schreibt.

Gheiss wird noch einmal erschüttert von der Erinnerung an jenen Stoß, der ihn in der Nacht aus der Lektüre eines Buches herausriss. Ein Blitzschlag war ihm durch den ganzen Körper, vom Kopf bis zu den Füßen, gefahren. Dann war er wie festgenagelt, starrte verdutzt ins Leere und fühlte, dass allein die Vorstellung eines hässlichen Bildes ihn zugrunde richten könnte. War er bereits zugrunde gerichtet? Nein, man kann doch nicht den eigenen Untergang von außen betrachten …
"Warum vernichtet Gott nicht mein Denkvermögen?"
Er dreht sich, um wie immer Nilufars Gesicht zu ­sehen, er will ihr klar und deutlich sagen: "Weißt du, wie dieses Bild mich erschütterte? Ich hatte die Vorstellung, ich sei in einen Eiszapfen verwandelt, der von einer Eissäule abgebrochen war. Ich hockte auf dem ­Boden und war völlig von Sinnen."
"Warum vernichtet Gott nicht mein Denkvermögen? Wie soll ich weiterdenken, nachdem du mich verzaubert hast und jeden meiner Gedanken beherrschst?"
Aber sie hat kein Gesicht, keine Augen, sie kann nicht sehen. Gheiss denkt nur an sie, immer nur an sie. Was muss ihm zugestoßen sein, dass er sich wünscht, sein Denken, der Sinn seines Daseins, möge vernichtet werden! Einbildung … Einbildung … Er hofft auf Selbstvernichtung, weil er es nicht erträgt, dass die Bilder größter Lebenskraft und Schönheit von den niederträchtigsten Gedanken verdrängt werden. Sie treiben dich in Verzweiflung und Wahnsinn, bevor sie dich zugrunde richten.
"Man nennt jemanden schön, um ihn zu beschreiben. Das geht so nicht bei dir. Nein, du warst das Leben selbst. Dein Atem, dein Atem, deine Atemzüge …"
Wie ein unsichtbarer Hauch kam das Leben auf dich zu, streifte dich und zog dich hinein in eine atemberaubende Zauberwelt. Doch nun, welche Wende des Schicksals! Wenn Flüche wirken könnten, wäre ich längst zum Mörder geworden. Wie habe ich das verdient? Ich war doch kein gedankenloser Abenteurer, kein verantwortungsloser Nichtsnutz.
"Du kamst, und ich sagte mir: Sei willkommen, endlich ist sie erschienen."
Ihm war, als hätte er sie schon immer gekannt. Woher? Und warum? So viele Tage und Nächte hatte er bereits verbracht in der Erwartung, dass sie käme.
"Ein Rätsel … Kann ich es begreifen? Mich ihm nähern? Kann ich es lösen?"

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