Vorgeblättert

Leseprobe zu Mahmud Doulatabadi: Nilufar. Teil 3

02.09.2013.
Mehr als einmal hatte er ihr gesagt: "Auch wenn es dich nie gegeben hätte, wäre ich zeit meines Lebens auf der Suche nach dir gewesen, herumirrend auf den Straßen und Gassen, heimatlos auf meinem Weg, der in ­einem verborgenen Winkel meines Geistes begann. Und als du schließlich erschienst, sagte ich bloß: Endlich, da bist du!" Er sagte ihr nicht: Dein Erscheinen hat mich wieder mit Leben erfüllt und von dem allgegenwärtigen Tod befreit, der mich bisher stets begleitet hatte. Er sagte nicht: Deine Stimme hat die gestaute Wut in mir zum Platzen gebracht, in der Mitte meines Lebens mein Innerstes aufgewühlt, mir ermöglicht, mich wieder zu fassen und zu erneuern im Glanz deiner sprühenden Augen. Wie viele Jahre habe ich warten müssen, bis du kamst. Befreit von der Last sah ich, wie du aufgeblüht bist, und war glücklich, dass du nicht die Rolle der Beschämten spieltest. Ich bewunderte deinen Mut, deine Offenheit, deine Reife. Mein Blick lag auf dir mit dem Stolz eines Mannes im mittleren Alter, der an seinem Leben verzweifelt war, bis er sich in deinem Blick unverhofft wiederfand.
Dieses kriechende, dahinalternde Leben, plötzlich nahm es dich in sich auf und war überwunden. Begeistert, berauscht, gereift und sachte ging es weiter seinen Weg. Die Trümmer der Erschöpfung aus langen Jahren fielen Stück für Stück ab von der über vierzig Jahre ­alten Gestalt. Wie die Rinde einer alten Platane, die am Ende eines jeden Winters ein neues Leben beginnt. Ein Finger­zeig von ihr, und schon schaffte er es, sich zu ent­häuten.
Und nun dieser Hass! Nach so viel Liebe und Zuneigung, wie sollte er diesen nie zuvor gekannten Hass bewältigen? War das der Preis für die Verwandlung? Wo lag der Sinn dieser Erniedrigung und Vernichtung? Sollte Gheiss begreifen, dass die stärkste Seite seines ­Wesens auch seine größte Schwäche war?
"Du hattest nicht den Mut, mir zu sagen: Ich kann dich zerstören, und ich werde dich zerstören."
Nein, zu solchen Worten war sie nicht fähig. Und doch, sie hatte versucht, es ihm begreiflich zu machen.
Er wendet das Gesicht und schaut sie an wie immer. Aber sie hat kein Gesicht. Sonst müsste sie jetzt brennen, lodern und zerschmelzen vor Scham. Ihre Tränen wären fließendes Wasser auf der Glut ihrer Wangen. Aber sie sitzt neben ihm auf der kalten Steinbank und hat kein Gesicht. Vielleicht hat sie es verloren, verkauft. "Was weiß ich!" Gheiss wundert sich über nichts mehr. Nicht einmal darüber, dass ihn all das so überrumpelt hat. War er zu leichtgläubig gewesen? Warum hatte er sich auf seine Überzeugungen verlassen?

Der alte Mann richtet den Kopf auf und erhebt sich. Fast sieht es aus, als würde er Gheiss wiedererkennen. Warum eigentlich müssen zwei Menschen sich begegnet sein, um sich aneinander zu erinnern? Nein, das muss nicht unbedingt sein. Gheiss hatte "sie" ja auch lange gesucht, noch bevor "sie" geboren wurde.
"Also kann ich mich an einen Menschen erinnern, der erst nach mir leben wird. Und dies auf einem kalten Friedhof, unter einem grauen Wolkendach. Wolken, die sich so ballen und türmen, dass sie sich zu einem Dach schließen."
Der alte Mann steht jetzt aufrecht und ist sich sicher, dass der andere ihn unentwegt beobachtet und kein Auge von ihm ablässt. Er weiß auch, dass der andere bemerkt, wie er die Notizen angewidert auf die Steinbank legt. Er bückt sich, nimmt ein paar Steine, legt sie auf die Blätter und geht davon. Und Gheiss wird mit jedem Schritt, mit dem der andere sich entfernt, zu den Blättern herangezogen, die nun auf der verlassenen Bank liegen. Er will hasten, aber seine Schritte werden weder schneller noch langsamer als die des Alten. Als er die Bank erreicht und mit großer Neugierde nach den Notizen greift, durchzuckt ihn die Frage, ob der alte Mann, der nun nicht mehr zu sehen ist, einen Gehstock in der Hand hatte. "Seltsam, spielt es denn eine Rolle, ob der alte Mann mit oder ohne Stock gegangen ist? Was ­einem alles in den Sinn kommt!" … Gierig wie ein Dieb greift er nach den Blättern, die sich vom Einband gelöst haben, steckt sie in die Tasche seines Regenmantels und will so rasch wie möglich zu dem italienischen Café gelangen. Doch der Hut, der Schal, der Regenmantel und der Koffer, den er zu tragen hat, behindern ihn. Er nimmt seine ganze Kraft zusammen, mit der verzweifelten Neugierde eines verwirrten Menschen will er die zerfledderten Blätter lesen, auch wenn er in ihnen nichts Interessantes vorfinden sollte. Am Ende der Chaussee bleibt er stehen, wirft einen Blick zurück auf die Steinbank, auf der er soeben noch saß. In seinem Inneren ist schwarze Grabesstille. Wie ein Kind hofft er auf ein Wunder und wünscht sich, dass dort, hinter den braun-schwarzen Baumstämmen, ihr vertrautes Gesicht im Grau aufscheine, ihre Augen, ihr Lächeln, nur für einen einzigen Augenblick, zum letzten Abschied.
Wahn, Wahn, nichts als Wahn!
Wie ein Verzweifelter setzt er seinen Weg fort, auf dem Gehsteig, entlang der alten, moosbewachsenen Mauer. "Wie viel leichter wäre alles, wenn ich diesen verdammten Koffer nicht mitschleppen müsste, auf den Straßen und Gassen, sogar auf dem Friedhof … Und auf dem Weg entlang der Mauer, auf deren ­alten Steinen das Moos wuchert." Aber es ist, wie es ist. Er muss zum ita­lie­ni­schen Café, dort seinen Hut, Schal und Regen­man­tel in eine Ecke legen, einen Kaffee oder Tee bestellen und die Notizen lesen. In einigen Stunden wird er hier seinen Gastgeber treffen, er darf ihn ja nicht verpassen, wenn er aus der U-Bahn-Station herauskommt und am Fenster des Cafés vorbeiläuft. Er setzt sich auf ­einen Stuhl, vom dem aus er den Gehsteig im Blick hat. Der Italiener, hager, grauhaarig, stellt die Kaffeetasse und ­einen sauberen Aschenbecher vor ihn. Vermutlich wird er, wenn er das Restgeld auf den Tisch legt und den Aschenbecher abräumt, nicht schon wieder ­sagen: "Sie rauchen zu viel." Nein, nein, allmählich wird er seine Zigarettensucht akzeptieren. Aber verstehen wird er diese Selbstzerstörung nie.
Seltsam, dieses Durcheinander! Offensichtlich entsprach der Eindruck von Gheiss, der alte Mann schreibe wie ein ordentlicher und vernünftiger Mensch, der sein Testament verfasst, nicht der Realität. Nicht nur die vom Einband losgelösten Blätter, sondern auch die Notizen waren ein einziges Chaos. Es schien, als habe das Notizbuch früher eine Ordnung gehabt, die im Laufe der Zeit verloren ging. Dennoch war es für Gheiss nicht schwer, die Schrift zu entziffern. Er musste versuchen, die verzweifelte Rastlosigkeit zu begreifen, die aus den gewundenen, gekrümmten Zeilen, oft am Seitenrand, dieser halb zerrissenen Blätter sprach. Er hatte schon ganz früh in seinem Leben die Überzeugung gewonnen, dass Worte winzige Gefäße sind, in denen wir Freude und Angst unserer Seele und unseres Geistes aufbewahren. Und er hatte begriffen, dass mit den Worten der Mensch versucht, zumindest einen Hauch seiner eigenen Unendlichkeit festzuhalten. Wenn also die Worte des alten, erschöpften Mannes offensichtlich aus dem Gleichgewicht geraten waren und taumelten wie der Alte selbst, so hatte Gheiss nun die Aufgabe, die Schwankungen des Alten zu begreifen, ihm zu folgen, wenn er in die tiefsten Tiefen absank, wie ein Ertrinkender mit Händen und Füßen fuchtelnd, um aus dem Abgrund wieder herauszukommen. So viel Verwirrung … Die meisten Sätze beginnen mit drei Punkten. Als wisse der Alte nicht, mit welchem Wort beginnen:
"… Sie opfern die Menschen und fliehen. Nein, erst ziehen sie dir die Gedärme aus dem Leib, dann fliehen sie. Nein, auch das drückt nicht aus, was ich sagen wollte."
Darunter hatte der alte Mann im grauen Regenmantel ein Drittel der Seite frei gelassen und mit zittrigen Linien mehrere Hühner gezeichnet. Als sei ihm beim Zeichnen eine Masse von ungeschriebenen, grüblerischen Gedanken durch den Sinn gezogen. Flüchtige Bilder, reglose, wie festgenagelte Bilder. Einzelne Worte, bis an den Seitenrand wiederholt. Es wirkte, als habe er in seiner Vorstellung etwas so Erschütterndes gesehen, dass er, wie vom Blitz getroffen, erstarrt war und es Ewigkeiten dauerte, bis er sich aus diesem Zustand befreien konnte. Als er wieder schreien konnte, setzte er unter die Füße des Huhns den Satz: "Wie kannst du so etwas tun?" Und dahinter: "Das war die letzte Frage, die ich ihr stellte."
*


Auszug mit freundlicher Genehmigung des Unionsverlages Zürich
(Copyright Unionsverlag Zürich)

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