Vorgeblättert

Leseprobe zu Kiran Nagarkar: Die Statisten. Teil 2

20.08.2012.
"Ich bin inzwischen seit Längerem ein vollwertiges Mitglied der Band", erläuterte Ravan Navare. "Anders als die anderen, habe ich noch nie eine Probe oder eine Hochzeit ausfallen lassen. Ich würde es zu schätzen wissen, wenn Sie anfingen, mich zu bezahlen."
Es klang wie eine absolut vernünftige Forderung, aber Ravan musste erst noch lernen, dass Mr Navares Wege, wie diejenigen Gottes, geheimnisvoll und unergründlich waren. Der Bandleader verzog säuerlich den Mund, und sein Glaube an die Menschheit schien zu zerbröckeln, so verständnislos, wie er Ravan anstarrte.
"Du möchtest bezahlt werden?" Es lag mehr als Ungläubigkeit in seiner Stimme; sie klang so, als hätte man ihm einen Dolchstoß versetzt.
Ravan ahnte, dass er seine Karten schlecht ausgespielt hatte, aber für einen Rückzieher war es nun zu spät. "Ja", entgegnete er. "Bezahlt werden?" Mr Navare kam noch immer nicht über die Unverfrorenheit der Forderung hinweg. "Du willst bezahlt werden, obwohl du, Ravan Pawar, keinen einzigen Ton triffst? Sobald du mit deinem Ping-Ping-Gerät einsetzt, ruinierst du die gesamte Melodieführung und die Harmonie der Band. Und nicht nur das - wegen dir kommen alle anderen durcheinander."
Ein paar Dinge im Leben gab es, deren Ravan sich sicher war, und eins davon war, dass er seine Noten und Töne und Tonarten drauf hatte. Er hörte die geringfügigste Variation, den leisesten Intonationsfehler, den kleinsten falschen Ton heraus. Navare mochte sein Metier beherrschen, aber was den Rest der Kapelle anbelangte, so war das die Original All Off Key Brass Band. Das waren keine Musiker, das waren Vandalen, Metzger, Mörder, Musikkiller. Sie schweiften ab, sie stolperten, verirrten sich, sie brachten Melodien durcheinander oder vergaßen sie ganz einfach und hörten mitten im Stück auf. Es war für Ravan eine nie versiegende Quelle der Verwunderung, dass die Leute diese Hampelmänner tatsächlich für ihre Kakophonie bezahlten.
Ravan hatte den Verdacht, dass Sadanand Navare ihn zu demütigen versuchte, sah aber keinen Grund dafür.
"Wir können es uns nicht leisten, den Ruf der New India Brass aufs Spiel zu setzen. Bis du dazugekommen bist, nannten uns die Leute die Gandharvas, die himmlischen Hofmusikanten der Götter. Jetzt laufen wir Gefahr, diesen Titel zu verlieren, und das geht nicht an. Ich fürchte, du wirst uns verlassen müssen."
Wie hatten die Dinge einen solchen Verlauf nehmen können? All diese Monate hatte Ravan geglaubt, sich einen Platz in der Band erarbeitet zu haben und ein integraler Bestandteil von ihr geworden zu sein. Er hätte nicht im Traum daran gedacht, das jemand anderem gegenüber auszusprechen, aber er hatte tatsächlich das Gefühl, dass er den Sound der Gruppe verändert hatte. Die New India Brass lieferte genau das, was ihr Name versprach: harte, gefühllose Blechmusik. Da waren keinerlei Geschmeidigkeit, keine Emotion, keine Zärtlichkeit, keine sanften sinnenden Riffs. Sein Xylophon hatte den ursprünglichen Sound abgemildert, und ohne es bewusst zu wollen, hatte er ein Element der Improvisation eingeführt.
Und jetzt warf man ihn raus.
Die Auftragslage der Band war selbst in ihren besten Zeiten als wechselhaft zu bezeichnen. Hochzeiten waren leider Gottes ein saisonales Phänomen. Da es schwierig war, während der Regenzeit eine Hochzeitsfeier auszurichten, sorgte der hinduistische Kalender dafür, dass es für die gesamte Dauer des Monsuns keine glückverheißenden Tage gab.Umgekehrt war es für eine erfolgreiche Band möglich, während der Sommer- und Wintermonate sieben, ja manchmal sogar fünfzehn Angebote pro Tag zu bekommen. Nicht, dass die New India Brass zu dieser begehrten Kategorie gehört hätte. Auf dem Höhepunkt der Hochzeitssaison gab es keinen Tag, an dem sie nicht gebucht waren. Das Problem war vielmehr, dass niemand Ravan ernst nehmen oder ihn anheuern würde, solange er kein bezahltes Mitglied einer Gruppe war. Bis dahin würde man ihm bestenfalls ein Trinkgeld anbieten, gleichzeitig aber von ihm erwarten, dass er die nötige Erfahrung hatte, um ein einundfünfzigköpfiges Orchester zu leiten.
Vergiss das Geld - ohne einen Fuß in der New India Brass Band würden Ravans Aussichten weniger als Null sein. Zum Teufel mit Eigenliebe und Selbstachtung, er war bereit, auf den Knien zu rutschen, wenn er nur seinen Job zurückbekam. Ja, er war mehr als bereit, den Proberaum zu fegen, die Blasinstrumente zu wienern, für die anderen Mitglieder Besorgungen zu machen und für den Chef der Band Bidis zu rollen, sie ihm anzuzünden und sich dann platt vor ihm auf den Boden zu legen.
"Ich bin sicher, dass ich mit Übung und Ihrer Anleitung, Meister Navare, Fortschritte machen könnte."
"Du Fortschritte machen? Du?!" Sadanand Navare beäugte Ravan und stieß dann ein Gekecker aus, das in ein heiseres Gelächter überging und zu einem Hustenanfall ausartete. Im ersten Moment glaubte Ravan, das Lachen des Meisters habe lediglich die Oktave gewechselt, doch Navare hatte angefangen zu würgen, seine Augen wurden rot, quollen hervor und kippten bald nach hinten weg, sodass man nur noch das Weiße sah. Es muss ein Gott der Vergeltung im Himmel wohnen, dachte Ravan, von dem der Bandleader postwendend heimgesucht wurde!
Dieser verdammte Hohn und die Häme in Navares Stimme, insbesondere in diesem zweiten "Du?!"!
Ravan hatte nicht wenig Lust, der göttlichen Intervention ihren ungehinderten Lauf zu lassen, doch ihm wurde klar, dass dies jede auch noch so geringe Aussicht darauf, wieder in die Band aufgenommen zu werden, zunichte gemacht hätte. Abgesehen davon, hatte Rache vielerlei Gesichter und Erscheinungsformen. Ravan stellte sich hinter Sadanand Navare, nahm einen festen Stand ein, drehte seinen Oberkörper weit zurück, hob sein rechtes Bein und verabreichte dem Meister einen Taekwondo- Kick von derartiger Heftigkeit und Rasanz, dass der Mann von den Füßen gerissen wurde, einige nicht enden wollende Sekunden lang durch die Luft flog und dann, noch während er als Häuflein auf den Boden krachte, einen großen Schwall aus Erbrochenem und Schleim von sich gab.
Ravan wartete darauf, dass Navare wieder zu sich kam, aber der Niedergestreckte legte eine erschreckende Reglosigkeit an den Tag. Hatte er die Wucht des Tritts unterschätzt? Die Glieder des Meisters lagen schlapp und ungeordnet da, und sein Mund war weit geöffnet, bereit für den letzten läuternden Trunk von heiligem Gangeswasser. Er war offensichtlich tot.
Als wäre nicht alles schon schlimm genug, hatte Ravan jetzt auch noch einen Mord am Hals. Und nicht mal den ersten, wenn man diesem Eddie Coutinho vom obersten Stock Glauben schenken wollte. Und was sollte er nun mit dem Xylophon machen? Wo sollte er es unterstellen? Mit nach Hause nehmen konnte er es unmöglich. Die anderen Bandmitglieder konnten jeden Augenblick hier sein, und dann würde die Polizei kommen und ihn ins Gefängnis bringen und aufhängen. Ravans Denkvermögen war zu einem Affen geworden und sprang unentwegt von einem Unheil zum nächsten. Wie sollte er seiner Mutter gegenübertreten und was würde er ihr sagen? In seinen Augen war sie von jeher Ma Sherawali gewesen, die Göttin, die auf einem Tiger reitet und ein Schwert schwingt. Sie saß im Damensitz und ritt geradewegs auf ihn zu. Das Schwert sauste hernieder, und jetzt spielten die Kinder aus den CWD-Chawls mit seinem abgehackten Kopf Fangen.
Navares Körper zuckte zusammen, als hätte er einen Elektroschock bekommen. Seine Lungen saugten mit einem einzigen langen Atemzug sämtliche Luft des Universums in sich hinein und er schlug die Augen auf. "Es sei denn natürlich, es sei denn ..." Navare knüpfte dort wieder an, wo er abgebrochen hatte. In seliger Unwissenheit darüber, dass er beinah gestorben wäre und Ravan einen Heidenbammel eingejagt hatte.
"Es sei denn was?" Ravan hatte nicht die geringste Ahnung, worauf dieses Katz-und-Maus-Spiel hinauslaufen sollte, doch er war zutiefst erleichtert, kein weiteres Blut an seinen Händen zu haben.
"Na ja, es sei denn, du bist bereit, zwanzig Rupien im Monat zu zahlen, um von mir klassische Musik zu lernen. Nur wenn du die Theorie beherrschst und ein anständiges musikalisches Fundament hast, kannst du es schaffen."
Zwanzig Rupien im Monat?Warum nicht gleich zweihundert? Oder drei? Der Bandleader wartete auf Ravans Widerspruch und Gegenangebot, aber der Junge schüttelte lediglich den Kopf und wandte sich zur Tür.
"Okay, okay. Da du so jung und lernbegierig bist, möchte ich dir nicht allen Mut rauben. Fünfzehn Rupien. Keinen paisa weniger."
"Danke, Meister Navare, aber ich wüsste nicht, wo ich so viel Geld herkriegen sollte."
"Pech. Das war mein letztes Angebot. Man kann einen Maulesel zu einem Nektarsee führen, aber man kann ihn nicht zwingen zu trinken."
Ravan hörte schon nicht mehr zu. Für ihn war hier Endstation. Allein die Vorstellung, seiner Mutter gestehen zu müssen, dass er mit dem Geld für die Nachhilfestunden das Xylophon gekauft hatte! Es war sein kostbarster Besitz. Kostbar nicht im Sinne von teuer, sondern von lieb und wert. Ehrfurcht kam dem Gefühl vielleicht noch am nächsten. "Ach, und ich will dein fürchterliches Klimperbrett nicht bei mir im Haus rumliegen haben. Nimm es bloß mit."
Ravan hakte den Tragegurt in die stählernen Ringe an beiden Enden des Xylophons und wuchtete es sich auf die Schulter.
"Acht Rupien!", schrie Navare Ravan hinterher. "Du hast keinerlei musikalisches Gehör, Ravan! Ich bin deine einzige Hoffnung!"
"Fünf", konterte Ravan.
"Sieben, und die Sache ist geritzt! Stell das Xylophon wieder hin, du Idiot. Wir fangen gleich mit der ersten Unterrichtsstunde an."

zu Teil 3