Vorgeblättert

Leseprobe zu Kiran Nagarkar: Die Statisten. Teil 1

20.08.2012.
Kapitel 1

     "Schluss mit der Gratisverpflegung, Ravan! Wer nichts verdient, kriegt nichts zu essen!" Parvati-bai riss das Baumwolllaken weg, unter dem ihr Sohn lag.Was hatte seine Mutter, warum ließ sie ihn nicht schlafen? Es war gerade mal halb zehn, und er musste weder in die Schule noch sonst wohin. Und was soll das Gerede mit der Gratisverpflegung? Es war ihm neu, dass er all die Jahre was geschenkt bekommen hätte.War es nicht normal, dass Eltern ihre Kinder ernährten? Dass der Ernährer bei Ravan zu Hause nicht der übliche war, stand auf einem anderen Blatt. Sein Vater Shankar-rao stand so gut wie nie vor elf auf, legte sich gleich nach dem Frühstück wieder hin und verließ das Bett danach nur noch zu den Mahlzeiten, oder um die Abendzeitung zu holen.
     Wieso sagte seine Mutter nicht zu ihm: "Schluss mit der Gratisverpflegung! Wer nichts verdient, kriegt nichts zu essen?"
     Aber Parvati-bai war mit Ravan noch nicht fertig. "Mein Sohn wird kein Nichtsnutz! Lieber seh ich dich tot, als dass du wie dein Vater endest!"
     "Als er ein kleines Kind war, hast du versucht, ihn umzubringen. Und jetzt willst du ihn wieder töten!", schnaubte Shankar- rao höhnisch, während er sich auf die Seite wälzte und seine Frau ansah. Parvati-bai zuckte zusammen; selbst nach all den Jahren gelang es ihm immer noch mit seiner Fähigkeit, die Tatsachen zu verdrehen, ihr den Mund zu stopfen und sie an ihrer empfindlichsten Stelle zu treffen. "Aber ich lass es nicht zu, dass du meinen Sohn anrührst, meinen Ram!"
     Ravan war seinemVater dankbar, dass er ihn noch immer mit diesem Namen rief. Denn es war die Ironie seines Lebens, dass sein ursprünglicher Namenspatron nicht nur der Rechtschaffenste unter allen Göttern und Menschen war, sondern auch der Überwinder des bösen zehnköpfigen Königs Ravan, nach dem seine Mutter ihn umbenannt hatte. Ihm war allerdings klar, dass es dumm von ihm wäre, die heldischen Sprüche seines Vaters ernst zu nehmen, ebenso wie er wusste, dass es noch dümmer wäre, seine Mutter nicht beim Wort zu nehmen. Er stand widerspruchslos auf, faltete das Laken zusammen, rollte die Matratze auf und schob sie unter das Bett seines Vaters.
     Richtig in Rage brachte Ravan aber, dass seine Mutter ihn mit seinem Vater verglich. Shankar-rao hatte sein ganzes Leben lang nichts geleistet. Ja, er war nichts, Punkt. Nichts. Und er bedeutete Ravan nichts. Selbst ein Bett, ein Stuhl oder eine dari besaßen mehr Präsenz und waren nützlicher als Shankar-rao. Die Einzige, die in der Familie arbeitete, war seine Mutter. Sie kochte den ganzen Tag und belieferte Wanderarbeiter, die in Baumwollspinnereien und kleinen Fabriken beschäftigt waren, mit Mahlzeiten. Sein Alter, der so alt eigentlich gar nicht war, glaubte, es gehöre sich für einen Mann nicht, seine Energie in niedere Tätigkeiten zu investieren. Mehr als das: Er war überzeugt, es laufe seinem dharma zuwider, seine Energie in was auch immer zu investieren. Er hatte sein Leben höheren Bestrebungen geweiht, so etwa das Schundblatt "Bittambatmi" zu lesen, im Bett zu liegen und seiner Frau zu befehlen, ihm Tee und pikante Knabbereien zu bringen, und das Geld auszugeben, das seine Frau verdiente.Wie konnte Ravans Mutter nur meinen, Ravan würde jetzt oder jemals ein so sinnloses Leben führen? Vater und Sohn hatten nichts gemeinsam. Etwaige Ähnlichkeiten zwischen den beiden waren rein zufällig.
     Ravan war von einer fixen Idee verfolgt, gepackt und besessen. Er genierte sich, darüber zu sprechen oder es jemandem gegenüber auch nur zu erwähnen, aber sie war das, wofür er lebte. Seit seiner Kindheit - seitdem er den Film "Dil Deke Dekho" gesehen hatte - wusste Ravan, was er werden wollte. Er würde ein zweiter Shammi Kapoor werden, der Raja gespielt hatte, den Protagonisten von DDD. Er würde ein Kinoheld werden, ein Star. Egal, was es kostete, wie hart er arbeiten oder welch schreckliche Opfer er würde bringen müssen - er würde ein Superstar werden. Mit nichts Geringerem würde er sich zufrieden geben. Seine Mutter konnte sich die Mühe sparen, ihn sich tot zu wünschen, sollte er nach seinem Vater geraten. Er würde sich eher selbst umbringen, mit dem großen Hackmesser, das sie beim Kochen immer benutzte, als in seines Vaters Fußstapfen zu treten.
     Doch Ravan trug noch ein weiteres Geheimnis mit sich herum; man hätte es auch Siechtum nennen können, eine Krankheit, die ihn, wie er annahm, letztlich umbringen würde. Ihr Name war Pieta. Und ... und ... und er liebte sie. Da: Jetzt hatte er es sich, wenn auch sehr leise, zum ersten Mal selbst eingestanden. Es war nicht besonders klug von ihm, sich in sie zu verlieben. Sie war die Schwester Eddie Coutinhos, des katholischen Jungen, der im Stock über ihm wohnte. Eddie und dessen Mutter hatten Ravan schon als kleines Kind öffentlich zum Feind erklärt, und er konnte nichts daran ändern. Das Komische war, dass er den beiden gegenüber keinerlei Feindseligkeit empfand. Ravan hatte keine Ahnung, was Pieta von ihm dachte. Und überhaupt, was redete er da, hatte er sie nicht mehr alle? Das Problem war nicht, was sie von ihm dachte; es war eher so, dass sie überhaupt nicht an ihn dachte. Sie wusste nicht einmal von seiner Existenz. Ravan konnte auf der Dachterrasse des Hauses sitzen und nach ihr schmachten, stundenlang im iranischen Café um die Ecke oder draußen vor ihrem College warten, und doch - kaum sah er sie kommen, wagte er es nicht, die Augen zu heben. Sie quirlte sein Herz zu Schlagsahne, und er bekam weiche Knie. Oh, er konnte sich selbst nicht ausstehen; er gab eine so jämmerliche Figur ab, er war einfach unerträglich!
     Doch jetzt war nicht die Zeit, an seine Schauspielerkarriere oder an Pieta zu denken. Ihm lag Dringlicheres auf der Seele. Wie, fragte sich Ravan, konnte sich alles binnen Minuten so einschneidend geändert haben? Erst vor ein paar Augenblicken war er noch ein Kind gewesen. Jetzt teilte ihm seine Mutter mit, er sei ein erwachsener Mann und müsse sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen. Er war nach wie vor in der letzten Mittelschulklasse. Er war zum zweiten Mal zur Abschlussprüfung angetreten und durchgefallen - alles bloß wegen seiner Mutter. Wäre es nämlich nach ihm gegangen, so hätte er es schon nach dem ersten Versuch gesteckt, aber seiner Mutter zuliebe war er nun einmal willens, unaussprechliche Mühsal zu erdulden.
     Er hasste die Schule. Oh, wie er sie hasste! Biologie, Mathematik, Geschichte, Erdkunde.Was scherte es ihn, ob Chittagong in Ostpakistan oder in Alaska liegt? Und so sehr es ihn auch freute, dass Kaiser Akbar eine hinduistische Prinzessin namens Jodha Bai geheiratet hatte, die dann die Mutter des Kronprinzen Jahangir wurde, und so sehr er den beiden alles erdenklich Gute wünschte, was kümmerte ihn dessen Versuch, eine neue Religion namens Din-e-Ilahi zu gründen? Er wusste nicht mal genau, was seine eigene Religion, der Hinduismus, war. Und doch, weil er sah, mit welcher Löwinnenliebe seine Mutter an ihm hing - obwohl sie noch niemals, nicht ein einziges Mal, ein Wort darüber verloren hatte -, und er sich nicht vorstellen mochte, wie enttäuscht sie gewesen wäre, wenn er nichts aus sich gemacht hätte, hatte er in der achten Klasse eingewilligt, Nachhilfestunden zu nehmen. Es war eigentlich ein bisschen früh, um in der achten Klasse mit dem Förderunterricht anzufangen, aber Parvati-bai wollte kein Risiko eingehen. Sie konnte sich schon den symbolischen monatlichen Beitrag für die städtische Schule kaum leisten, und die halsabschneiderischen Gebühren für die Privatkurse überschritten ihre finanziellen Möglichkeiten bei Weitem, aber Violet Coutinho oben vom fünften Stock hatte ihren Sohn Eddie zu einem solchen eingeschrieben, und Parvati-bai hatte nicht vor zu knausern, wenn es um die Zukunft ihres einzigen Sohnes ging.
     Ravan war klug genug, um zu begreifen, dass jeglicher Widerstand völlig zwecklos gewesen wäre. Er hatte schon wiederholt erlebt, wie seine Mutter, die Arme wie Gott Vitthal in die Hüften gestemmt, einen betrunkenen Fabrikarbeiter - einen der dreiundsechzig, die sie mit Mahlzeiten belieferte - zurechtwies, weil er es gewagt hatte, in die Wohnung einzudringen und sich eigenmächtig aus den Töpfen zu bedienen, obwohl er für den letzten Monat noch nicht bezahlt hatte. Gelegentlich wurde ein Kunde wehleidig und warf ihr unter Tränen vor, welch steinernes Herz sie habe, und Parvati-bai bestätigte sein Urteil durch ein gleichmütiges Nicken. Ab und an wurde ein Dummkopf handgreiflich und versuchte, sie beiseitezustoßen. Kein kluger Schachzug. Noch ehe er wusste, wie ihm geschah, rammte sie ihm den Cricketschläger, den sie für derlei Fälle neben der Tür stehen hatte, scharf in den Bauch. Falls er zu kontern versuchte, parierte sie mit einem Schlag gegen die Brust. Nein, Ravan war nicht so blöd, sich mit seiner Mutter anzulegen.
     Es war unmenschlich von Parvati-bai, fand Ravan, von ihm zu erwarten, dass er jeden Tag sieben reguläre Schulstunden und anschließend noch zwei Nachhilfestunden absaß. Doch mit welcher Begründung hätte er sich beschweren dürfen? Dreiundzwanzig andere Jungen und Mädchen aus dem Komplex von CWD-Chawls, in dem er wohnte, nahmen ebenfalls von sechs bis acht Uhr abends Nachhilfe in unterschiedlichen Fächern. Aber irgendwann war das Maß voll. Nachdem er die Abschlussprüfung zum zweiten Mal vergeigt hatte, hatte er beschlossen, die Sache zu schmeißen. Er war weder ein liebloser Sohn, noch neigte er zum Lügen, wollte jedoch seiner Mutter eine Enttäuschung ersparen und hatte darauf verzichtet, sie davon in Kenntnis zu setzen, dass er keinen Sinn mehr darin sah, seine schulische Laufbahn fortzusetzen.
     Wenn er auf die letzten zweieinhalb Jahre zurückblickte, musste er zugeben, dass dies keine weise Entscheidung gewesen war. Jeden Abend um sechs hatte er sich angeblich zum Nachhilfeunterricht aufgemacht und war schnurstracks zur New India Brass Band in Chawl Nr. 54 marschiert. Sein Vorbild, Raja in "Dil Deke Dekho", war Schlagzeuger gewesen, und folgerichtig hätte Ravan in seine Fußstapfen treten müssen, ein Schlagzeug war aber schlicht und einfach unerschwinglich. Außerdem ließen sich darauf keine Songs komponieren, und das war sein eigentlicher Traum. Was er brauchte, war ein Tasteninstrument, wie ein Klavier oder auch nur ein Harmonium. Aber in einer Brass Band hatten beide nichts verloren. Also hatte sich Ravan für das patti tarang-Xylophon entschieden.
     Er hatte es mit dem Geld für die Nachhilfestunden auf Raten gekauft und zusammen mit den Mitgliedern der Band geprobt. Er hatte ein Gehör für Musik, und rasch brachte er es auf dem Instrument zu einer gewissen Kunstfertigkeit. Wenn jetzt einer der regulären Musiker im letzten Moment krank wurde oder einen familiären Trauerfall hatte - Kanhaiyyalal, dem Klarinettisten, war allein in den letzten neun Monaten die Schwiegermutter drei Mal gestorben, und sein Sohn hatte im selben Zeitraum zwei Mal ins Krankenhaus gemusst -, wurde Ravan aufgefordert, für ihn einzuspringen, selbstredend ohne dass ein Wort über schnöden Mammon gefallen wäre. Es gab keinen Vertrag und auch keinerlei mündliche Vereinbarung, aber mit der Zeit war Ravan zum fünften und jüngsten Mitglied geworden.
     Zehn Monate waren vergangen, vielleicht auch ein Jahr, jedenfalls genügend Zeit, damit Ravan glauben durfte, seine Probezeit sei vorbei, da beging er einen fatalen Fehler.Wie üblich verspäteten sich die anderen Musiker zur Probe, und Ravan hielt es für den idealen Augenblick, um mit dem Bandleader, Mr Navare, zu sprechen.
     Mr Navare glaubte an die Existenz von lediglich zwei Göttern. Der eine war Hanuman, der göttliche Affe, der fliegen konnte. Und der andere war sein Saxophon. Navare hatte Backen, die aus hochwertigstem malaysischen Kautschuk bestanden. Er konnte sie zu gigantischen Luftballons aufpumpen, und man wusste nie, wann sie platzen würden. Er sah haargenau wie sein Lieblingsgott aus, und oft schien er tatsächlich abheben zu wollen.
     Wenn man Navare jedoch bei einer wirklich großmeisterlichen Darbietung erleben wollte, musste man ihm dabei zuschauen, wie er sich eine kleine mickrige Bidi ansteckte. Er zog an dem schmächtigen Stummel, bis der sein Inneres nach außen kehrte, und er nicht mehr wusste, wo oben und wo unten war. Das Ding war so dünn wie ein Streichholz: siebeneinhalb Tabakkrümel, in ein trockenes Stück Tabakblatt gewickelt und mit einem dünnen roten Fädchen zusammengebunden. Navare klemmte sich die Bidi zwischen Zeige- und Mittelfinger, ballte die Faust und zog daran. Das Ende erglühte wie eine zornige Nadelspitze. Dann brauchte er nur ein Mal, ein einziges Mal, auszuatmen, um jedem, der sich im Umkreis von hundertzwanzig Meilen befand, Löcher in das Lungenfell zu sengen und die Hirnzellen zu zerschmoren. Es war der reine Fallout. Ihm einmal ausgesetzt, war man fürs Leben geschädigt. Auf Navare hatte der Qualm eine elektrisierende Wirkung. Er verwandelte sich in die reinste Form von Energie. Er nahm einen anderen Aggregatzustand an.
     Der Mann fing an zu husten. Es war nichts Geringeres als ein bellender, gellender, keuchender, manischer, respiratorischer Vulkanausbruch. Es kam zu einem mehrfachen Beben; Explosion folgte auf Explosion. In der Erdkruste taten sich meilenbreite Risse auf, Ozeane stiegen zum Himmel empor und Berge zerkrümelten zu feiner grauer Asche. Die Sonne ging in Scherben, und alle, Männer wie Frauen, wussten, dass der Tag des Gerichts angebrochen war. Doch Shivas Tanz fand und fand kein Ende.
     Der Klarinettist Kanhaiyyalal pflegte bei solchen Gelegenheiten auszurasten. "Navare, du Arschloch, verschon uns jetzt endlich und mach diese Scheiß-Bidi aus!"
     Navare brauchte eine Ewigkeit, um zwischen zwei Atemzügen eine Antwort herauszuwürgen, fand aber zu guter Letzt doch eine Lücke. "Hat sie vielleicht dein Blödmann von Vater bezahlt?"
     "Und was, wenn du abkratzt?"
     Ein weiteres langes, herkulisches Atemringen. "Den Teufel werd ich! Ich steck deinen Scheiterhaufen an, lang bevor ich den Löffel abgebe!"

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