Vorgeblättert

Leseprobe zu Katharina Born: Schlechte Gesellschaft. Teil 3

31.01.2011.
Wer ist Peter Vahlen? (Januar 1967)

Die Kundgebung hatte bereits angefangen, als Gellmann dazustieß. Er nickte Seeler und Kolpers zu, die weiter vorne auf den Tischen saßen und rauchten. Der Mann hinter dem Pult war ein langhaariger, bebrillter Student der Geschichte. Gellmann hatte ihn schon einmal gesehen. Er konnte nicht reden. Spuckend sprach er von der "marxistisch-leninistischen Grundordnung", vom "aufrechten Gang" und von der "Revolution". Aber nach spätestens drei Sätzen merkte jeder, dass er nichts von all dem begriffen hatte.
     Gellmann sah einige Mädchen beim Eingang stehen und ging zu ihnen hinüber.
     "Läuft das schon lange so?", flüsterte er der Blondine neben sich ins Ohr.
     "Schon eine ganze Weile", sagte sie gelangweilt.
     "Hast du Lust, mit vor die Tür zu gehen?" Die Frau schien Gellmann plötzlich sehr begehrenswert.
     "Nein, ich warte auf den nächsten", sagte sie.
     Gellmann verdrehte die Augen. Er hörte dem Studenten noch eine Weile zu, damit es nicht wie ein Rückzug aussah. Dann kämpfte er sich weiter nach vorn in Richtung Seeler.
     "Hast du eine Zigarette für mich?"
     "Hast du die Handzettel?"
     "Nicht gedruckt, wenn du das meinst. Ich habe ein paar Texte mitgebracht. Was Einfaches mit Pointe und so. Sollte funktionieren. Drucken müsst ihr selber."
     "Praxis, Mann, Praxis", sagte Seeler.
     "Ist das etwa keine Praxis?" Gellmann reichte ihm einen Packen zerknitterter Zettel, die er in der Hemdtasche getragen hatte.
     Jetzt ging der nächste Redner auf die Bühne zu - ein großer, verdrießlich aussehender Typ mit halblangen Haaren und abgewetztem Jackett. Als er das Treppchen hochstieg, stolperte er und fiel fast hin.
     "Das ist Peter Vahlen aus Frankfurt", sagte Kolpers an Seeler gewandt.
     "Wer ist Peter Vahlen?", fragte Gellmann.
     "So einer wie du. Bloß effektiver."
     Gellmann überlegte kurz, ob er die Beleidigung ernstnehmen sollte. Kolpers war einer der Asta-Sprecher. Er fühlte sich zuständig für die Verbindung der Universität mit den Arbeitern. Aber vor allem hatte er schon mehrere wichtige Partys organisiert. Gellmann grinste und wollte einen Witz machen, als Kolpers ihn mit einer Geste in Richtung der Bühne unterbrach.
     "Es geht los."
     Der Typ räusperte sich und ruckelte umständlich am Pult herum. Seine Schultern waren hochgezogen, trotzdem wirkte er gelassen. Gellmann hatte ihn noch nie gesehen. Aber den Namen Vahlen meinte er schon einmal gehört zu haben.
     Er sah zu der Blondine hinüber, die den neuen Mann auf der Bühne nicht aus den Augen ließ. Aus der Ferne hatte sie eine ziemlich dicke Nase und gar keine Brust. Sie flüsterte ihrer Freundin etwas zu. Ihre Freundin lächelte. Sie hatte ebenfalls hellblondes Haar, war aber schlanker und hatte feinere Züge. Sie sah großartig aus.
     "Scheiße", sagte Gellmann leise.
     Jetzt faltete der Typ ein Blatt Papier auseinander, zog eine halbleere Flasche Bier aus seiner hinteren Hosentasche und nahm einen langen Schluck. Er las eine Geschichte. Irgendetwas von einem jungen Paar, das kein Hotelzimmer bekommen konnte, weil es nicht verheiratet war. Und am Ende sagte er, wenn diese Gesellschaft es weiterhin verbot, dass Menschen, die sich liebten, zusammen sein konnten, dann werde das ganze autoritäre Scheißsystem trotz der Springerpresse und trotz des imperialistischen Vietnamkriegs bald von allein zusammenbrechen.
     Vahlen würde recht behalten. Das dachte Gellmann an diesem späten Morgen im Januar 1967. Und vielleicht konnte Vahlen mit seinen schlichten, einleuchtenden Ideen sogar dazu beitragen, dass es so kommen würde. Vielleicht mehr als Gellmann, der halbherzig Sprüche für Fabrikarbeiter verfasste und mit dem revolutionären Straßentheater durch die Republik tingelte. Seit Wochen fanden an den Berliner Universitäten keine Vorlesungen mehr statt. Von morgens bis abends wurden neue Formen des Zusammenlebens debattiert. Aber dass ausgerechnet hier alle Blicke an Vahlens Lippen hingen - ein Typ aus Frankfurt, der einen drittklassigen Text vorlas, als ob es Ibsen wäre -, darüber kam Gert Gellmann nicht hinweg.


Die schönste Frau (April 2007)

Der Salon der Witwe glich einer Bibliothek, so vollgestellt war er mit Bücherregalen und Sofas, auf denen sich Bücher in ungeordneten Haufen stapelten. Der Esstisch war mit Landkarten, Zeitschriften und schweren Bildbänden bedeckt. Vor einem der Regale stand ein Mädchen, etwa vierzehn, fünfzehn Jahre alt, und blickte zu ihnen herüber. Sie trug ein rosa Kleid, von dessen Rücken zwei Stoff-Flügel herunterhingen. Ihr Gesicht war wie das Kostüm von einer geradezu synthetischen Lieblichkeit und erinnerte Wieland - er brauchte eine Weile, um sich darüber klar zu werden - an die Handschuhe, die seine Mutter ihm als Kind vor dem Schlafengehen angezogen hatte, damit er sich nicht zerkratzte.
     "Bist du gar nicht bei den Pferden, Alexia?", fragte die Witwe.
     Das Mädchen stellte zunächst das Buch, das es in der Hand hielt, zurück in das Regal, dann erst wandte es sich ihnen langsam wieder zu. "Montags nicht", sagte es, als müsste die Witwe Bescheid wissen.
     Alexia setzte sich in einen der Sessel am Fenster, zog ihre überlang wirkenden Arme und Beine an und blickte den Doktoranden weiterhin unverwandt und beinahe unhöflich an. Wieland überlegte, ob sie nicht doch jünger war, als er zuerst gedacht hatte.
     In diesem Moment sah er vom anderen Ende des Raumes eine Frau auf sich zukommen, kaum älter als er. Sie war schmal und ähnlich feenhaft wie das Mädchen, nur wirkte sie auf reifere Art entschlossen. Über dem ärmellosen Kleid trug sie einen breiten Schal. Sie reichte ihm die Hand.
     Wieland räusperte sich. Es fiel ihm schwer, ihr in die Augen zu schauen. Ihre Schönheit irritierte ihn. Er drückte die Tasche an seine Brust, zwang sich, seine Rechte auszustrecken, merkte zu spät, dass sie ihm die Linke gegeben hatte, verdrehte ungeschickt seinen Arm und schrak bei der ersten Berührung gleich wieder zurück.
     "Ich beiße nicht", sagte sie lachend.
     "Nein, entschuldigen Sie." Er schaute unwillkürlich nach der rechten Hand der Frau, die sie offenbar in den Schal gewickelt hatte. Und dann dachte er, dass dort vielleicht gar nichts war.
     "Herr Wieland aus Duisburg", sagte die Witwe mit einem Lachen, als habe er einen Witz gemacht. "Der Herr Doktorand publiziert zu Gellmann und sucht seine Briefe. Also hat er beschlossen, uns zu besuchen." Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. "Judith, meine Tochter. Und das ist Alexia, meine Enkeltochter."
     "Wieland." Er hustete. "Entschuldigung. Wieland." Die plötzliche Gelöstheit der Witwe beunruhigte ihn fast mehr, als die Nähe ihrer schönen Tochter und deren fehlende Hand.
     "Judith Gellmann-Vahlen." Sie lächelte. "Nennen Sie mich Judith."
     "Gellmann?"
     "Ich war früher mit Gert Gellmann verheiratet. Wussten Sie das nicht?"
     "Ich glaube nicht, dass Herr Wieland die Zeitungen nach Details aus dem Privatleben von Schriftstellern durchsucht", sagte die Witwe, und er wusste nicht, ob das ironisch gemeint war.
     "Herr Wieland hätte ja, wenn er über Gellmann schreibt, davon hören können, dass ich seine Stücke übersetzt habe."
     Es war nie ganz einfach, über lebende Autoren Informationen zu finden. Aber sicher musste Wieland irgendwo gelesen haben, dass Gellmann mit Vahlens Tochter zusammen gewesen war. Er hatte nicht aufgepasst, weil es in der Biographie des Dramatikers weit nach dem Untersuchungszeitraum von Wielands Dissertation liegen musste. Aber warum hatte Gellmann es ihm nicht selbst gesagt? Hatte er wirklich, wie er Wieland gegenüber mehrfach versichert hatte, den Kontakt zu den Vahlens und sogar zu seiner Exfrau vollständig verloren?
     Gellmann war ein attraktiver, erfolgreicher Mann. Er hatte viele Frauen gehabt, das wusste Wieland. Und er wunderte sich, wie sehr es ihn ärgerte, dass Gellmann nicht einmal davor zurückgeschreckt war, die so viel jüngere Tochter seines Freundes zu verführen. Eindeutig musste Judith der Grund für das Ende der Freundschaft gewesen sein.
     "Sie übersetzen?", fragte er.
     Judith hatte sich zu ihrer Tochter hinuntergebeugt, um ihr etwas zuzuflüstern. Wieland beobachtete, wie sie den rechten Arm geschickt hinter ihrem Oberkörper verbarg. Die Eleganz ihrer Bewegungen berührte ihn.
     "Früher habe ich übersetzt", sagte sie, als sie sich wieder aufrichtete. "Ins Englische. Heute tue ich gar nichts mehr." Sie blickte ihre Mutter an.
     "Judith hat mit uns in den USA gelebt. Sie ist zweisprachig aufgewachsen. Damit hätte sie eine ganze Menge anfangen können", sagte Hella Vahlen, mehr zu ihrer Tochter als zum Doktoranden.
     Der Ton kam Wieland bekannt vor. Seine Mutter hatte während ihrer Besuche im Altersheim auf diese Weise mit seiner Großmutter gesprochen. Nur einmal hatte er versucht, für seine Oma Partei zu ergreifen. Aber sofort wandten sich beide Frauen gegen ihn. Erst viel später war ihm klar geworden, dass ihre Feindschaft vor allem Verbundenheit bedeuten musste, eine gemeinsame Stärke, die ihn, den Sohn und Enkel, zum Außenstehenden machte.
     "Das interessiert den Mann doch gar nicht, Mama", sagte Judith. "Sie kommen wegen Gellmanns Briefen?"
     "Ihre Mutter hat mich schon gewarnt, dass es kaum Aussicht auf Erfolg hat, Sie zu bitten ?"
     "Nein, warum?", sagte Judith, ohne die Witwe auch nur anzusehen. "Es ist alles ziemlich durcheinander. Aber wir haben nie etwas weggeworfen. Die Briefe müssten zu finden sein."
     Hella Vahlen war zum Fenster gegangen und stand nun fast hinter Wieland.
     "Du vergisst, dass wir nicht wissen, was in den Briefen drinsteht. Wenn sie überhaupt noch existieren", sagte sie.
     "Ich habe vor dem Herrn Doktor nichts zu verbergen", entgegnete Judith. Wieland fragte sich, ob ihre Worte so zweideutig gemeint waren, wie sie klangen.
     "Das kann ich mir vorstellen", sagte die Witwe. "Aber vielleicht habe ich ja etwas zu verbergen? Es geht nicht immer nur um dich."
     "Ich würde natürlich alle Funde von Ihnen prüfen lassen, bevor ich sie selbst ansehe", sagte Wieland.
     "Es steht völlig außer Frage, dass Sie selbst den Nachlass durchsuchen", sagte Hella Vahlen. "Auch für die Briefe meines Mannes im Archiv gilt, dass Sie fürs erste kein Wort daraus zitieren dürfen."
     Wieland biss sich auf die Lippe. Er sah sich nach der Tochter um.
     Judith schaute aus dem Fenster. Das Bild erinnerte ihn an Gemälde niederländischer Meister, oder an diese amerikanische Schauspielerin, deren Name ihm nie einfiel und die in den großen Literaturverfilmungen immer die Hauptrolle spielte. Aber dann dachte er, dass die Vahlen-Tochter einfach zu schön war. Ihre Perfektion erschien ihm nahezu unwirklich, in jedem Fall für ihn unerreichbar. Wenn er Glück hatte, würde Judith bei ihrer Mutter ein gutes Wort für ihn einlegen. Alles, was er wollte, waren Gellmanns Briefe. Wieland hatte es schon immer zu seinen Vorzügen gerechnet, dass er wusste, wo er hingehörte.


Mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlages

Informationen zum Buch und zur Autorin hier