Vorgeblättert

Leseprobe zu Hugh Aldersey-Williams: Das wilde Leben der Elemente. Teil 3

15.08.2011.
Erbschaftspulver

Arsen, schrieb Gustave Flaubert in seinem Wörterbuch der Gemeinplätze , "findet man überall (siehe Mme. Lafarge). Es gibt Bevölkerungen, die es regelmäßig essen!"

Wie üblich kennt Flaubert, Sohn eines Chirurgen, sich in wissenschaftlichen Dingen aus. Arsen ist verbreitet und reichlich vorhanden, so reichlich, dass man es gar nicht abbauen muss, sondern in Hülle und Fülle aus dem Abraum erhält, der beim Graben nach anderen Dingen anfällt, und wenn es seinen Ruf als Gift auch verdient hat, so ist es doch wichtig für den menschlichen Körper. Es wird nicht nur gegessen, besonders in Muscheln, sondern hat auch eine lange, verdienstvolle Geschichte als Medikament, die bis heute anhält. Im 19. Jahrhundert nutzte man Arsenverbindungen als Pigmente und Farbstoffe, in vielen medizinischen Präparaten, legiert mit Blei in Schrotkugeln, in der Glasherstellung und bei Feuerwerkskörpern.
Am bekanntesten ist Arsen aber als der klassische Giftstoff, und unter den vielen Geschichten über Arsenvergiftungen ist die über den Tod Napoleons auf der abgelegenen südatlantischen Insel St. Helena sicherlich die umstrittenste. An ihr zeigt sich abermals, wie Farbe und Toxizität in der Natur miteinander zusammenhängen. Als der abgesetzte Kaiser im Mai 1821 starb, nahm sein Leibarzt, der ihn in die Verbannung begleitet hatte und Korse war wie er, eine Autopsie vor, bei der er ein Magengeschwür fand und als Todesursache Magenkrebs angab. Zweifel wurden erst laut, als sehr viel später, im Jahr 1955, das Tagebuch des kaiserlichen Kammerdieners veröffentlicht wurde.
Laut Ben Weider, einem kanadischen Napoleonverehrer, deuteten die darin enthaltenen Notizen über den sich in den ersten Monaten des Jahres 1821 verschlechternden Gesundheitszustand des Kaisers offenkundig auf eine Vergiftung hin. Sten Forshufvud, ein schwedischer Toxikologe, untersuchte im Jahr 1961 Haarproben - etliche der treuen Diener Napoleons waren so vorausschauend gewesen, sich eine kaiserliche Locke abzuschneiden - mit dem Ergebnis, dass sie tatsächlich einen hohen Arsengehalt aufwiesen. Die beiden Männer taten sich schließlich zusammen und führten weitere Untersuchungen durch, um ihre Theorie zu stützen, Napoleon sei Opfer einer vorsätzlichen Vergiftung geworden, und durch verworrene Folgerungen im Stil eines Kriminalromans kamen sie zu einem eindeutigen Schluss, wer der Schuldige war. Ohne sich allzu viele weitere Fragen zu stellen, verbreiteten Weider und Forshufvud ihre Theorie in einer Reihe von Büchern.
Die dadurch entfachte Publizität brachte den Chemiker David Jones zu der Überlegung, ob nicht die Tapete in Longwood House, wo Napoleon auf St. Helena gefangen gehalten worden war, eine plausiblere Quelle des giftigen Arsens sein könnte als ein Mörder. Grüntöne auf Tapeten jener Zeit wurden häufig mit Hilfe von Arsenverbindungen hergestellt, nachdem Carl Scheele das Kupferarsenit entdeckt hatte, eine Farbe, die unter der Bezeichnung Scheelesches Grün bekannt wurde. Zur Zeit von Napoleons Verbannung gab es auch ein neues helles Grün, das auf Kupferacetoarsenit basierte - ein Zufallsprodukt des natürlichen Dranges der Farbenmischer, einmal auszuprobieren, was passieren würde, wenn man Kupferazetat, das seit langem gebräuchliche Pigment, das wir als Grünspan kennen, mit Scheeles dunklerem Ton kombinierte.
Diese Farbe ist derart beeindruckend, dass man sie unter dem Namen Smaragdgrün vermarktete. Wegen ihrer giftigen Eigenschaften ist sie nicht länger im Handel, aber ich finde eine kleine Tube davon unter den Farben meines Vaters, deren Etikett nach sechzigjähriger Absorption von Leinöl durchscheinend geworden ist. Zu meiner Überraschung gibt der gerändelte Metallverschluss sofort nach, und die Farbe darin gibt ihren Glanz bereitwillig preis. Sie ist grell und hat einen bläulich-grauen Unterton, durch den sie sich von jedem natürlichen Farbton unterscheidet. Dieses widerliche, in den Augen schmerzende Grün bringt mich auf die Frage, ob es, wenn wir von einem "giftigen Farbton" sprechen, nicht die Arsenpigmente sind, auf die diese Wendung zurückgeht.
Jones wusste jedenfalls, dass aus dem Arsen, das in solchen Materialien enthalten ist, unter geeigneten Bedingungen gasförmige Substanzen entstehen können, zum Beispiel das Hydrid Arsin. In einer Radiosendung kam er zufällig auf dieses Phänomen zu sprechen, und dabei erwähnte er, dass sich viele rätselhafte Erkrankungen und Todesfälle im 19. Jahrhundert damit erklären ließen, und auch Napoleons Tod könnte auf diese Weise beschleunigt worden sein. Wenn man nur wüsste, welche Farbe die Tapete in Longwood hatte, könnte das zur Klärung beitragen. Jones war sehr überrascht, als er nach der Sendung einen Brief von einer Frau erhielt, die nicht nur die Farbe der Tapete kannte, sondern auch eine Probe davon besaß, die ein Vorfahr von ihr in ein Album über seine Reisen eingeklebt hatte. Eine Seite des Albums enthielt Souvenirs von einem Besuch auf St. Helena im Jahr 1823, darunter "ein Stück Tapete, entnommen aus dem Raum, in dem der Geist Napoleons zu Gott zurückkehrte, der ihn gegeben hatte". Jones unterzog die Tapete - sie zeigte ein Sternenmuster in Grün und Gold - einer chemischen Analyse, deren Ergebnis er 1982 in Nature veröffentlichte; sie bestätigte das Vorliegen von Arsen, was angesichts der großen Beliebtheit der Farbe in jener Zeit nicht verwundert. Gleichzeitig wurden Zweifel an Forshudvuds ursprünglicher Analyse geäußert. Neue Untersuchungen mit raffinierteren Geräten zeigten, dass die Haare des Kaisers einen hohen Anteil an Antimon und anderen potenziell schädlichen Elementen sowie an Arsen enthielten. Das Antimon stammte vermutlich aus einem Brechmittel, das Napoleon verordnet wurde, und es ist ziemlich wahrscheinlich, dass ihm das Medikament mehr geschadet als genützt hat.
Fast zweihundert Jahre später ist es nicht mehr möglich, Ursache und Wirkung zuverlässig zu ermitteln, und auch der heute selbverständliche DNA-Test zur Bestätigung der Echtheit der untersuchten Haare steht noch aus. Dennoch wird in neueren Napoleon-Biographien konzediert, dass seine Symptome sich mit einer Arsenvergiftung in Einklang bringen ließen und dass Arsen, wo immer es auch herkam, zu seinem Tod beigetragen haben könnte. Nach der heute vorherrschenden Meinung haben seine britischen Bewacher die wahre Todesursache zu verschleiern versucht, wie sie ja überhaupt einiges zu vertuschen hatten, denn es lag an ihrer verlotterten Verwaltung der Insel, dass sich dort die Ruhr ausbreiten konnte. Zu ausschweifenden Mordtheorien besteht jedoch kein Anlass.
Die bisher letzte Untersuchung ergab im Jahr 2008, dass Napoleons Haare aus der Zeit vor seiner Verbannung ebenso wie die Haare seiner Frau Josephine und die anderer Angehöriger allesamt einen Arsenanteil aufwiesen, den man heute als erhöht bezeichnen würde. Es gab keinen Anhaltspunkt für einen plötzlichen Anstieg der Arsenkonzentration nach seiner Inhaftierung, wie er bei einer vorsätzlichen Vergiftung entstanden wäre. Doch die Mühe, Napoleons Locken für die Untersuchung aufzutreiben, hätten sich die Verfasser dieser jüngsten Studie ersparen können - sie hätten bloß die toxikologische Literatur zu überfliegen brauchen. Dort hätten sie gefunden, dass menschliche Überreste aus dieser Zeit insgesamt einen Arsengehalt aufweisen können, den man nach heutigem Maßstab als gefährlich einstufen würde, worin sich nichts anderes äußern würde als die Tatsache, dass man das Element tatsächlich "überall findet".

Es sei dahingestellt, ob Arsen zum Tode Napoleons beigetragen hat oder nicht - fest steht jedenfalls, dass es für viele weitere, sowohl vorsätzliche als auch ungewollte Vergiftungen verantwortlich war. Der Fall, der dem Szenario der Tapeten von Longwood am ähnlichsten ist, betrifft Clare Boothe Luce, Botschafterin der Vereinigten Staaten in Italien in den 1950er Jahren, die - ohne Absicht, wie später gezeigt wurde - langsam durch Farbflocken vergiftet wurde, die von den geschmückten Decken der Botschafterresidenz herabfielen. Nachdem sie krankheitshalber den Dienst aufgegeben hatte, erholte sie sich wieder.
Luce war ein unglückliches verspätetes Opfer einer verbreiteten Gefahr. Grüne Farbe, grüne Farbdrucke und farbige Papiere, grüne Tapeten, grün gefärbte Möbel und Kleider, vor allem aber die grüne Farbe, die man für die Blätter von künstlichen Blumen benutzte - sie alle enthielten Arsenverbindungen, die vermutlich für viele ungeklärte Todesfälle in feuchten Schlaf- und Kinderzimmern verantwortlich waren. Während der viktorianischen Epoche gerieten diese Materialien zunehmend in Verdacht. Die medizinischen Zeitschriften Lancet und British Medical Journal schlugen Alarm und zogen energisch gegen Arsen zu Felde. Es gab dann zwar einige Unternehmen, die für arsenfreie Tapeten zu werben begannen, aber die Mehrheit der Innenausstatter wehrte sich lautstark gegen die Idee, dass ihre Produkte bei normaler Raumtemperatur schädliche Substanzen ausscheiden könnten. Erst 1893 gelang der Nachweis, dass durch die Reaktion von Schimmel auf Tapetenkleister mit dem grünen Farbstoff das gasförmige Arsin entstehen kann. Im selben Jahr veröffentlichte der Designer William Morris einen Essay über die Kunst des Färbens, in dem er über die synthetischen Farbstoffe, darunter auch Arsengrün, lästerte: Sie "erweisen den Kapitalisten in ihrer Jagd nach Profiten einen großen Dienst", doch die Innendekorateure würden "furchtbar verletzt" und "beinahe zerstört".112 Morris kämpfte lautstark für die Erhaltung der traditionellen pflanzlichen Farbstoffe in Tapeten und Textilien. Da berührt es dann merkwürdig, wenn bei einer Röntgenuntersuchung von Morris ? eigenen Tapetenmustern kürzlich herauskam, dass sein Grün aus Kupferarsenit bestand, während eine rote Rose aus Quecksilbersulfid bestand, das man gemeinhin als Zinnoberrot bezeichnet - "ein sehr gefährliches Kunstwerk!"113

Andere nahmen Arsen im vollen Bewusstsein dessen, was sie taten. Der jugendliche Dichter Thomas Chatterton, ein Romantiker avant la lettre ,
benutzte im Jahr 1770 Arsen, um Selbstmord zu begehen. In Tulle in der französischen Region Limousin wurde Marie Lafarge vor Gericht gestellt und für schuldig befunden, ihren Ehemann 1840 mit Arsen vergiftet zu haben. Der Fall erregte ein solches Aufsehen, dass Flaubert ihn über dreißig Jahre später getrost in sein Wörterbuch aufnehmen konnte, in dem Bewusstsein, dass seine Leser sich an den Casus erinnern würden. Natürlich hatte der Verfasser ein mehr als nur vorübergehendes Interesse an verzweifelten Hausfrauen, denn Emma Bovary, sein eigenes Geschöpf, benutzte ebenfalls Arsen, um Selbstmord zu begehen. Madame Lafarge wurde verurteilt, als das Gutachten des glänzenden Toxikologen Mathieu Orfila, den der Anwalt zu ihrer Verteidigung berufen hatte, ergab, dass sich sowohl im exhumierten Leichnam ihres Mannes als auch in Essensresten Arsen befand. Es war der erste Fall, in dem die forensische Chemie zur Absicherung eines Urteils benutzt wurde.

Sowohl in der Realität als auch in der Kriminalliteratur besorgte an
sich Arsen im Allgemeinen in Apotheken, die es an jedermann verkauften, und zwar als Medizin ebenso wie als Rattengift. Die in diesen Fällen verwendete Form des Elements war vermutlich das zuckerähnliche Oxid, das man unter der Bezeichnung weißes Arsenik kennt. Es wurde als Mittel für Morde innerhalb der Familie so bekannt, dass es sich rasch den Spitznamen "Erbschaftspulver" zuzog. Was Smaragdgrün angeht, stellte Winsor & Newton die Herstellung um 1970 ein, nachdem ein Patient im psychiatrischen Hochsicherheitshospital Broadmoor beim Kunstunterricht für Häftlinge genug davon angehäuft hatte, um sich zu töten.
Auf der Suche nach Todesfällen, die auf Arsenvergiftung zurückgeführt wurden, stieß ich auf den Fall von Mary Stannard aus New Haven, Connecticut. Sie wurde 1878 im Alter von zweiundzwanzig Jahren von ihrem Liebhaber, Pastor Herbert Hayden, ermordet, als herauskam, dass sie schwanger sein könnte. Er verabreichte ihr eine große Dosis eines Mittels, von dem sie glaubte, es solle eine Abtreibung herbeiführen, aber in Wahrheit handelte es sich um Arsenik. Danach prügelte er sie zu Tode und schnitt ihr die Kehle durch. Doch es war nicht diese blutrünstige Geschichte, die mich dazu brachte, diesen Fall nicht weiter zu verfolgen. Was mich davon abhielt, war vielmehr die Tatsache, dass Mary und Stannard die beiden Vornamen meiner Mutter sind, die 1930 in Connecticut geboren wurde. Handelte es sich hier um einen Zweig meines eigenen Stammbaums, der so brutal abgetrennt worden war?
Bis zum 20. Jahrhundert hatte jedermann fast uneingeschränkten Zugang zu Arsen. Heute wird weißes Arsenik besser bewacht, doch in der Medizin wird es noch immer vielfach genutzt: Die Lebensmittelsicherheitsbehörde der Vereinigten Staaten genehmigte es kürzlich für die Behandlung von Patienten mit Leukämie.
In der Natur wird Arsen nicht so bereitwillig aufgenommen, und hier richten seine Verbindungen unbemerkt großen Schaden an. Das Trinkwasser von bis zu 100 Millionen Menschen könnte damit verunreinigt sein. In Bangladesch wurden in Gewässern, Böden und Reisgetreide Arsengehalte ermittelt, die weit über dem Grenzwert lagen, der im Westen als unbedenklich gilt und der ziemlich willkürlich festgesetzt wurde, in Reaktion auf die öffentliche Empörung über die von Tapeten verursachten Todesfälle. Das Phänomen ist jüngeren Datums, und man hat es auf den Wechsel von Tiefbrunnen zu sogenannten Röhrenbrunnen zurückgeführt, die in oberflächliche Flusssedimente getrieben werden. Diese Brunnen fördern Trinkwasser für Millionen von Menschen, aber das Wasser enthält Arsen, das stromaufwärts aus natürlichen Lagerstätten ausgewaschen wurde. Eine Krebsepidemie sei die unausweichliche Folge, glauben einige Wissenschaftler. Es ist nicht das, woran Flaubert dachte, aber es trifft leider zu, und zwar in einem weit größeren Maße, als er sich vorstellte: Es gibt tatsächlich Bevölkerungen, die es regelmäßig essen.



Mit freundlicher Genehmigung des Hanser Verlages
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