Vorgeblättert

Leseprobe zu Heinrich Detering: Thomas Manns amerikanische Religion. Teil 2

01.10.2012.
Unitarier also waren es, die den Werfels, Golo, Heinrich und Nelly zur Flucht über die Pyrenäen verhalfen; Unitarier betrieben in Lissabon das Centre Américain de Secours, und diese Unitarier organisierten auch die Schiffsreisen in die USA.(185) So kommt es, dass in den Notizen und Erinnerungen Heinrich und Thomas Manns sie, nicht das Emergency Rescue Committee, so auffallend im Vordergrund stehen. Alles spricht dafür, dass Thomas Manns bewusste, praktische, tatkräftige Sympathie mit den organisierten Unitariern hier ihren Anfang genommen hat: in der Hilfeleistung für verfolgte und bedrohte Hitler-Gegner, unter denen auch seine Nächsten waren.
Und doch wäre es voreilig, wollte man Thomas Manns folgende Hinwendung auch zur Unitarischen Kirche auf diesen Aspekt eingrenzen: als handle es sich dabei allein um den Ausdruck der Dankbarkeit, eine Geste höherer Höflichkeit. Schon das Beispiel Heinrich und Golo Manns selbst zeigt, dass dergleichen offenbar weder erwartet noch von den Geretteten selbst als notwendig empfunden wurde. Beide Namen tauchen im Zusammenhang mit den Aktivitäten der First Unitarian Church of Los Angeles in den folgenden Jahren, soweit ich sehe, nirgends auf; dass der Trauergottesdienst für Heinrich dann von einem unitarischen Pastor gehalten wurde, entsprach Thomas Manns Wunsch.
In seinen Tagebuchnotizen erwähnt Thomas Mann die Arbeit unitarischer Helfer für seinen Bruder und seinen Sohn so, als spreche er von einer ihm schon bekannten Bewegung. Und das war ja in gewisser Hinsicht auch der Fall, von Reisigers Darstellung Emersons und Whitmans über die Zufallsbekanntschaft mit Servet und Castellio bis zu den ersichtlich schon von unitarischem Gedankengut mitbestimmten amerikanischen Reden - und notabene der Trauung seiner Tochter Elisabeth. Dennoch, die Ereignisse des Herbstes 1940 haben diese Beziehung wohl zum ersten Mal "auf persönliche [Weise]" vertieft.(186)
Namentlich für den Entschluss, seine Enkelkinder in dieser Kirche taufen zu lassen, waren die segensreichen Erfahrungen mit dem Unitarian Service Committee vielleicht notwendige, gewiss aber keine hinreichenden Bedingungen. Für einen solchen sehr persönlichen Entschluss bedurfte es weiterer und tieferer Kontakte. Und die ergaben sich zuerst mit ebenjenem unitarischen Pastor, der dann anderthalb Jahre später auf Thomas Manns Wunsch hin diese Taufen vollzogen hat.


Was Humanismus bedeutet: Ernest Caldecott

Im März 1941 hatten die Manns, von Princeton kommend, eine vorläufige Wohnung in Los Angeles genommen; im Februar 1942 waren sie dann in das neue Haus am San Remo Drive in Pacific Palisades eingezogen. Da die Taufe Fridos und Angelicas in der unitarischen Gemeinde schon Anfang April 1942 vollzogen wurde, muss Thomas Mann bereits zu einem frühen Zeitpunkt in Berührung mit dieser Kirche gekommen sein.
Die First Unitarian Church of Los Angeles war um diese Zeit eine der mitgliederstärksten unitarischen Kirchen der USA. Sie lag (und liegt noch immer) in der West Eighth Street im zentralen Los Angeles, Hausnummer 2936, und der Pastor hieß Ernest Caldecott. Auch wenn Inge Jens' Tagebuchkommentar ihn noch als nicht ermittelt führt und das Handbuch Wer ist wer im Leben Thomas Manns? ihn nicht erwähnt(187) - Caldecott war beileibe nicht irgendwer, weder für Thomas Mann persönlich noch für die Geschichte des modernen amerikanischen Unitarismus. Ernest Caldecott war einer der Vordenker und Protagonisten jenes radikalen amerikanischen Humanismus, der eben als solcher religiöse Dignität beanspruchte.
Geboren am 27. April 1889 im englischen Whitchurch, Shropshire, war Caldecott in den USA aufgewachsen. Von 1912 bis 1919 hatte er als methodistischer Pastor im Staat New York und in West Virginia gearbeitet, sich 1920 den Unitariern angeschlossen und die Leitung der unitarischen Gemeinde in Schenectady im Staat New York übernommen mit großem Erfolg, wie die im UUA-Archiv in der Andover Library der Harvard Divinity School erhaltenen Dokumente erkennen lassen.(188) Bis zum Ende seiner aktiven Zeit stand die Frage, wie sich radikaler liberalism als religiöse, philosophische und politische Einstellung bestimmen lasse, im Zentrum seiner Predigten und Publikationen. Das Amt als unitarischer Pastor an der First Unitarian Church in Los Angeles hatte er am 4. Februar 1933 übernommen, und er übte es noch bis Ende 1947 aus; zugleich war er Director der Pacific Coast Conference der American Unitarian Association, also verantwortlicher Leiter der Kirche an der gesamten amerikanischen Westküste. Nach seinem Rückzug blieb Caldecott dann noch jahrelang in der Friedensbewegung engagiert, auch mit Thomas Mann hat er weiterhin Kontakt gehalten. Am 7. November 1974 ist er in Arcadia in Kalifornien gestorben.
Mit einiger Wahrscheinlichkeit lässt sich sogar bestimmen, unter welchen Umständen die Bekanntschaft zustande kam. Am 11. Februar 1942 trägt Thomas Mann in sein Tagebuch ein: "7 Uhr zum Abendessen bei Dean Rieber und Frau mit dem Ehepaar [?]. Gespräch über Religion und Kirche." Dieses Gespräch war ihm so wichtig, dass er es in einem zwei Tage später begonnenen und erst wiederum drei Tage darauf abgeschlossenen Brief(189) an Agnes Meyer schildert:

Einen Abend in rein amerikanischem Kreise neulich in der Nachbarschaft, bei Professor Rieber, einem retirierten Dean der Universität, und seiner Frau, die Malerin ist und mich zu portraitieren wünscht, habe ich, obgleich doch im Ausdruck noch immer gehemmt, geradezu genossen. Das Gespräch ging über Religion, Christentum, Demokratie […].(190)

Dass man ein "Gespräch über Religion und Kirche" geführt habe, hatte Thomas Mann als einziges Detail in der Tagebuchnotiz vermerkt; das "Gespräch […] über Religion, Christentum, Demokratie" hat er dem Brief zufolge "genossen ". Das ist verständlich, wenn man die Beteiligten kennt. Die Riebers gehören fortan zu Thomas Manns engerem Freundeskreis in Pacific Palisades.(191) Charles Henry Rieber, emeritierter Professor für Philosophie an der University of California in Los Angeles und einstiger Dekan der Philosophischen Fakultät, war Mathematiker und Philosoph mit einem besonderen Interesse an Fragen der Logik und der Psychologie.(192) Riebers Denken war, wie seine Tochter in ihren Erinnerungen geschildert hat, geprägt von einer unorthodoxen Bewunderung für die Lehre und Person Jesu und einer betonten Offenheit für unterschiedlichste philosophische und religiöse Überlieferungen der Welt. Einer Kirche gehörte er nicht an: "'My philosophy is my religion,' father used to say."(193)

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