Vorgeblättert

Leseprobe zu Esther Kinsky: Am Fluss. Teil 1

31.07.2014.
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River Thames


In meiner Unterkunft richtete ich mich auf unschlüssige Monate ein. zögernd suchte ich in Kisten nach winterlichem Zubehör, einer wärmeren Decke, einem Pullover, Handschuhen für Gänge im kalten Nebel, den ich erwartete, obwohl sich der Sommer noch so zäh an alles klammerte und nur die unverändert lauen Nächte länger wurden. Beim widerwilligen Öffnen der Kisten, in denen ich Wintertaugliches vermutete, stieß ich auf eine Schachtel mit alten Familienfotos. Mein Vater war der Fotograf in der Familie gewesen, Herr über den dunkelbraunen abgewetzten Lederbehälter mit seiner Kamera, das gelblichbraune Etui mit dem Belichtungsmesser und das schwarze Stativ. Er fotografierte Frau und Kinder, Landschaft und Sehenswürdigkeiten, versessen auf Details der italienischen Renaissance. In diesen ersten Wochen des verschleppten Abschieds träumte ich oft von meinem Vater. Meistens stand er in einem hellen Streifen Licht und winkte mir zu, in den Schatten. Es war immer Winter in diesen Träumen, er trug einen dicken, fellgefütterten Mantel, hatte die Schultern hochgezogen, als friere er, und lächelte schief, wie alle Raucher. Um den Hals hing seine Kamera in der offenen Tasche, und in diesen Träumen spürte ich auch aus der Ferne unter den Fingerkuppen die ganz leicht aufgerauhte Oberfläche der Innenseite dieser Kameratasche. Beim Aufwachen fielen mir dann, noch halb im Schlaf, als erstes seine Gesten beim Fotografieren ein. Wie er in der linken weit ausgestreckten Hand das aufgeklappte Etui des Belichtungsmessers hielt, den er mit seinen weitsichtigen Augen immer wie einen Schicksalsanzeiger studierte, wie er das Stativ ins Gleichgewicht brachte, wie er sich hinter den Sucher klemmte, wobei der von der Kamera nicht verdeckte Teil seines Gesichts kniffig vor Anspannung war. Während ich eine Fotografie nach der anderen aus der Schachtel nahm und betrachtete, wurde mir zum ersten Mal klar, daß ich das, was darauf abgebildet war - meine Mutter, meine Geschwister und mich selbst, Brücken, Plätze, Alpengipfel, das blasse Licht der Landschaft Norditaliens im Frühling, Renaissancepaläste in Florenz, die Engel Fra Angelicos - mit den Augen meines Vaters sah. Das waren die kleinen Ausschnitte der Welt, zu denen er sich hinter dem Sucher seiner Kamera entschlossen hatte und die er sicher manchmal verwundert betrachtet hatte, weil sie ihn an etwas erinnerten, auf das die abgebildete Szene einzig und allein für ihn einen Hinweis enthielt.
     Die alten Farbfotografien waren rot- und grünstichig geworden oder trugen eine bläuliche Bleichheit, die die Gestalten darauf in eine unbeschreibliche Ferne rückte, die nichts mit Zeit und Ort zu tun hatte. Vor allem diese bleichen Fotos erschienen mir wie die Erinnerungen, die mein verstorbener Vater in seinem Totenreich nun haben mochte, und dieser Gedanke legte sie mir ans Herz.
     Ich war erstaunt, wie viele Bilder an Flüssen aufgenommen waren. Da standen meine Geschwister und ich, zu zweit, zu dritt, manchmal auch mit meiner Mutter, oder meine Mutter allein, auf Brücken, grauen, sandsteingelben, weißen, Brücken, ziegelroten Brücken und bräunlichen Holzbrücken. Wir standen auf Uferpromenaden, an Geländer gelehnt, auf einem Bootsdeck, uns an die Reling klammernd. Manchmal mit berühmten Bauwerken im Hintergrund, manchmal nur mit Himmel und Wasser, mit winterlicher oder grüner Landschaft. Diese scheu aussehenden Kinder, die stets verfroren wirkten, zähneklappernd und dünnhäutig, und die verkrampfte Frau, die immer an einem leidigen Schmerz zukauen schien, standen so ohne jeden Zusammenhang mit all diesen Hintergründen da, als seien sie nachträglich und ohne ersichtlichen Grund mit diesen auf ein Stück Papier montiert worden. Einen Augenblick lang hatte ich die Vorstellung, daß es mein Vater, dieser sich unmittelbar nach jedem Grenzübertritt mit Wucht in die jeweilige Einheimischkeit werfende Mann, für den sich meine Mutter beflissen genierte, daß er es gewesen war, der uns durch seine Ablichtungen augenblickslang ein solches Hemd der Fremdheit überstreifte. Sei es, weil er uns als Fremde empfand, sei es, weil er uns in der jeweiligen Umgebung eine Fremde andichten wollte, die er selbst weit von sich schob. Ich verwarf den Gedanken sofort, er erschien mir ungerecht gegenüber meinem Vater, der jetzt so allein im Winterlicht meiner Träume stand und winkte.
     Ein Bild zeigte mich auf der Westminster Bridge in London, über die Brüstung gelehnt ins Wasser blickend, die im Wind flatternden Haare verdecken das Gesicht. Ich erkannte mich an dem Mantel, an den ich mich erinnerte, an den blaugrünen Stoff und die glatten Knöpfe mehr als an dieses Stehen im Wind auf der Westminster Bridge, und ich wußte, daß ich auf diesem Bild elf Jahre alt war. Ich war zum ersten Mal in London. Es war Mai, der Wind war kalt, auf dem Bild sind Wolken zu sehen und dazwischen kleine Fetzen Blau, in einer Ecke auch ein Stück Fluß, in dem sich die Wolken und ein wenig Himmelsblau spiegeln. Mir fiel die Bootsfahrt auf der Themse ein, die wir wahrscheinlich an demselben Tag machten. Es war ein kleines Boot mit Holzbänken, anders als die Ausflugsboote auf dem Rhein, auf denen wir manchmal in Begleitung unserer Großeltern ungeliebte Tagestouren unternahmen, die an düsteren Felsen und angsteinflößenden Burgstümpfen vorüberführten. Ah, River Thames, sagte mein Vater, als das Boot ablegte, und versuchte ein Gespräch mit dem Bootsmann anzuküpfen. Der Themsedampfer schaukelte, das Wasser war sehr nah, Abfall schwamm auf den trüben Wellen. Mein Vater erklärte, daß der Fluß gezeitenabhängig war und nannte die Namen der vielen Brücken, die über uns hinwegstreiften. Die unheimliche, feuchte widerhallende Schattigkeit zwischen den Brückenpfeilern hatte ich nie vergessen, auch nie das Auftauchen ins Licht nach jeder Brücke wie auf einen neuen Fluß in einer neuen Stadt. Der Bootsmann wies uns auf Sehenswürdigkeiten hin, die man vom Fluß aus sehen konnte, mein Vater wiederholte die Namen mehrmals, kaute sie so lange, bis er seine Aussprache der des Bootsmanns angenähert hatte. Wir fuhren an Hafengeländen vorbei, an endlosen Speichergebäuden aus Backstein im Sonnenlicht, an dem grünen Hang von Greenwich Park. Mir fiel die kalte Sonne auf meinem Gesicht wieder ein, das Schaukeln des Bootes, die Grobheit des Bootsmanns. Der Geruch von salzigem Wasser, gemischt mit Fauligem, das Grellweiß der Möwen im plötzlich durch die Wolken dringenden Sonnenlicht. In meiner Erinnerung war London an diesem Ausflugstag eine leere Stadt. Leer auf dem Fluß, leer auf den Brücken, leer an den Ufern, leer um den Tower, wo wir auf der Rückfahrt von Greenwich aus dem Boot stiegen. Eine riesige Stadt, die dem Fluß ein leeres Gesicht zeigte. Lag es an dem kalten Wind? An dem ausgestorbenen Hafen, in seiner abweisenden Betrübtheit? Später aßen wir in einem leeren Lokal. Es hatte große Glasfenster, die bis auf den Boden reichten, der Blick ging auf eine Art kurzer Promenade, die eine fast mannshohe Mauer vom Fluß trennte. Zwischen der Promenadenmauer und den Fenstern des Lokals fing sich der Wind und trieb den Abfall zu kleinen kreiselnden Herden zusammen. In dem Lokal hing ein brandiger, süßlicher Geruch nach unbekannten Speisen. Blasse Kuchen waren in einer Glastheke ausgestellt. Die Kellnerin stand schweigend am Fenster, schaute hinaus und wrang ihre Schürze, während wir aßen. Are you German, fragte sie teilnahmslos, als sie abräumte, East or West? Mein Vater war um eine Antwort verlegen, er erwiderte nichts.
     Ich stellte die Schachtel mit den Fotografien neben dem Fenster in der Kammer ab und öffnete sie vorerst nicht mehr. Doch wenn ich jetzt dort stand und hinaus in den Garten und auf die große Ziegelwand schaute, fiel mir immer mehr von dieser Reise ein. Eine Bäckerei in einer kleinen Stadt an der Themse. Der Fluß war sanft und schmal, gesäumt von einem Spazierweg unter Bäumen, Frauen schoben ihre Kinderwagen durch den rauhen Maiwind, ein langes Ruderboot zog vorbei, ungerührt und mit einer Gleichmäßigkeit der vereinten Bewegung, die mir nicht gefiel, doch mein Vater lächelte und erzählte, wie auch er so gerudert war, als Junge auf dem Rhein. In der Stadt wurde ein Jahrmarkt vorbereitet, Kinder in braunen Schuluniformen prügelten sich hinter einem Karussell, das gerade aufgebaut wurde. In einer Bäckerei, in der ich über die Theke auf die Verkäuferin hinabschaute, die von dort unten, in ihrem Verkäuferinnengraben auch Kunden auf der Straße durch ein niedriges Fensterchen bediente, kaufte ich gooseberry turnover, eine fast exotische Speise in diesem Namenskleid. Wir saßen im Auto und aßen die Kuchen, während meine Eltern sich darübeMunr stritten, ob wir weiter nach Oxford fahren sollten. Ich erinnerte mich wieder an die dörfliche Themse westlich von London, bei Hampton Court und bei Henley, ein Flüßlein, ähnlich dem, von dem meine Großmutter stets so zärtlich gesprochen hatte, mit Uferwiesen und kleinen gemauerten Brücken aus grauem Stein, die der Brücke in dem alten roten Album meiner Großmutter glichen. An einen endlosen Gang von Pimlico an der Themse entlang nach Earls Court, und die Earls Court Road im Abenddämmer, ich mitten in der Menschenmenge, allein mit ein wenig Geld in der Hand, um etwas einzukaufen, während sich meine Eltern in der Pension ausruhten, wo es in jedem Winkel nach Kurkuma und Bockshornklee roch. Tumeric and fenugreek - auf Englisch hörten sich die Namen dieser orientalischen Gerüche an wie im Märchen von einem Liebespaar, dem etwas Besseres beschieden sein mochte als den zwei Königskindern am zu tiefen Wasser. Ich erinnerte mich an geschäftig hastende Gruppen Frommer, sie schritten rasch und mit schlenkernden Armen in ihren schwarzen Gewändern eine abschüssige Straße hinab, hielten sich die Hüte fest im Wind, lachten vor Unbeschwertheit, wenn sie einander im Vorbeigehen begrüßten, schwarz gewandete Könige, die es unter dem wolkenbedeckten Himmel Londons eilig hatten. Wir waren schon auf dem Weg aus der Stadt, Richtung Dover, doch kurz darauf verirrten wir uns und standen schließlich neben einem Pier, der in die weite graue Mündung ragte. Am anderen Ufer Kräne, Hafenanlagen, Schiffe, so riesig wie ich sie noch nie gesehen hatte. Wir aßen säuerlich riechende Pommes Frites aus Zeitungspapier, während Möwen kreischten und so dicht über unseren Köpfen flogen, daß sie Schatten warfen, obwohl ein ganz sonnenloses trübes Licht herrschte. Die Umrisse der Schiffe, Fabrikschornsteine und Containerstapel schienen zu schweben. Es war Ebbe, aus dem schlammigen Wasser am Ufer ragten unkenntlich gewordene Gegenstände, die uns, den Zugelaufenen auf halbem Weg zur Abreise von der Insel, nichts über irgendeine Funktion verrieten, die sie gehabt haben mochten. Es wird auf dieser Rückfahrt in Richtung Kontinent gewesen sein, daß wir Verirrten, angeführt von meinem heimreiseunwilligen Vater, in einer kleinen Stadt übernachteten, die ausgangs des Deltas lag. Obwohl es ein sonnenloser Tag gewesen war, breitete sich abends ein rosa Licht über das Wasser. Riesige Schiffe glitten durch diesen rosa Dunst, ein gegenüberliegendes Ufer der Mündung ließ sich kaum erkennen, eine blasse Zeichnung, von der man nicht sagen konnte, ob sie zum Wasser oder zum Himmel gehörte. Ein weiterer Fluß stieß zur Themse, um sich mit ihr zum Meer zu gesellen, graugrün brachte es im Osten den Horizont zum Schwanken, aus dem schon der Abend kam. Als es dunkel war, wurden in der Ferne bunte Lichter sichtbar, Girlanden und Kreise, kleiner, funkelnder Glitzer, mit dem sich die Ortschaften an der Mündung schmückten, katzensilberne Ohr- und Nasenringe für den Fluß, bevor er sich ins Meer verlor.
     Mein Vater besuchte mich ein einziges Mal in London. Er holte mich an dem Radiosender ab, wo ich damals arbeitete. Es war ein sehr großes, altes Gebäude, in dem ich mich immer wieder verirrte. Die Korridore, die dunklen Büros und winzigen Studios stürzten mich in Verwirrung, noch mehr aber die Aufnahmen meiner eigenen Stimme, die ich kurzen Berichten aus fernen Ländern leihen mußte. Meistens ging es in diesen Berichten um politische Unruhen oder Unglücksfälle. An dem Tag, als mein Vater mich abholte, hatte ich mich beim Schneiden des Tonbands mit meiner Aufnahme zum wiederholten Mal in den Finger geschnitten, und ich wußte, daß auf dem Band Blutspuren zurückgeblieben waren. Ich gab es trotzdem ab und beschloß, nie wiederzukommen. Mein Vater wartete im Foyer auf mich. Er saß in einem hochlehnigen Sessel mit dem Rücken zu der Tür, aus der ich kam, ich erkannte sofort das Büschel gilblichgrauer Haare, das über die Rückenlehne ragte und fand sowohl seine Kleinheit in dem Sessel als auch die Gilblichkeit seiner Haare erschreckend und komisch zugleich. Wir gingen zur Themse, über die stets schwankende Hungerford Bridge auf die andere Seite. Die alte Hungerford Bridge, der wacklige Steg entlang den schwarzen Stahlstreben der Eisenbahnbrücke, war lange meine liebste Brücke. Nach Osten tat sich soviel Himmel über der Stadt auf, der schützende Schatten der Eisenbrücke mit den Zügen nach und von Charing Cross, hatte etwas Tröstliches, wenn ich in den Nischen von Hungerford Bridge Geister aus der Zwischenkriegszeit flüstern hörte. Interwar, das war ein Wort, das ich auf dieser Brücke gelernt hatte. Ich versuchte meinem Vater meine Vorliebe zu erklären, aber er verstand mich nicht. Ich will immer das Offne, sagte er. Wir spazierten bis zur Westminster Bridge, es war Winter, mein Vater trug seinen fellgefütterten Mantel, denselben, den er seit Jahren hatte, wir fanden nicht viel zu sagen, es war wie auf ähnlich schweigsamen Spaziergängen in meiner Kindheit am Rhein. Wir standen einen Augenblick an der Brüstung der Westminster Bridge und schauten ins Wasser, bevor wir einen Bus nach Hause nahmen.
     Im darauffolgenden Sommer starb mein Vater. Ich hatte eine vorübergehende, mir zufällig bescherte Anstellung in einem Kellerbüro des Jewish Refugee Comittee. Das Büro lag in einem dunklen Gebäude an einer unablässig befahrenen Straße in der Nähe der großen Bahnhöfe Nordlondons. Dort war es meine Aufgabe, russische und serbokroatische Briefe zu übersetzen und Anfragen nach dem Verbleib jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland zu bearbeiten, die in den dreißiger Jahren nach England gekommen waren. Erben wurden gesucht, auf die Hab und Gut einsam Verstorbener wartete. Solche, die sich anschickten zu sterben, besannen sich auf Verwandte, die vor über fünfzig Jahren irgendwo zwischen Breslau und Aachen in einen Zug gestiegen waren, um sich in England in Sicherheit zu bringen. Ungefähre Namen aus kleinen und großen Orten in Deutschland vor langer Zeit, eingebettet in makelloses höfliches Anfragenenglisch. Nach den wenigen Stunden, die ich täglich dort arbeitete, stieg ich aus dem dämmrigen Aktenkeller hinauf in das schwüle schmuddlige Sommerwetter jenes Jahres und den Lärm der Euston Road, die Namen der Gesuchten saßen mir im Nacken. Ich drehte Kilometer von Mikrofilmen durch das Lesegerät, Kopien von Akten, Briefen, Dokumenten. Ich verglich Namen, Daten, Anschriften, verstrickte mich in die Geschichten Fremder, nach denen gar nicht gefragt war, und wurde tagelang nicht los, was ich meinte mir anhand der spärlichen Angaben zusammenreimen zu können, folgte einem Namen über ein Dutzend Adressen in kleinen und großen Städten, von denen unzählige den Fluß, an dem sie lagen, im Namen trugen. Immer brach die Spur ab, ein Todesdatum war vermerkt, die Weiterreise in ein anderes Land.
     Es war der heißeste Juni des Jahrhunderts, und der Tag, an dem mein Vater starb, war der heißeste Tag in diesem Juni. Auf dem Heimweg aus dem Büro mußte ich die Hammersmith Bridge zu Fuß überqueren, weil sie für den Busverkehr gesperrt war. Es war so heiß, daß die Sohlen meiner Schuhe immer wieder im Asphalt steckenblieben. Die Themse floß langsam, braungrün unter der Brücke. Ruderer trainierten, im Lärm des Nachmittags hörte man den Trainer, der ihnen durch sein Megaphon Befehle zurief, die folgsamen, fleißigen, strebsamen Ruderer sahen von oben aus wie Aufziehspielzeug. Der Fluß, der sie umgab, war unter der Sonne so gleißend, daß es den Augen wehtat, eine andere Themse als die, die ich kannte.

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