Vorgeblättert

Leseprobe zu Efraim Karsh: Imperalismus im Namen Allahs. Teil 3

15.02.2007. Kap. 13 Der Heilige Krieg des Osama bin Laden
Kap. 13
Der Heilige Krieg des Osama bin Laden


Die Ermordung Anwar al-Sadats 1981 zwang die Islamisten, ihre Strategie zu überdenken. Die Erwartung, die "Tötung des Pharaos" werde einen allgemeinen Aufstand des ägyptischen Volkes gegen seine abweichlerischen Herrscher auslösen, wurde enttäuscht. Die Massen blieben auffallend ruhig, und Sadats Nachfolger Husni Mubarak ging mit aller Macht gegen die Islamisten vor, ließ Tausende Aktivisten inhaftieren und zahlreiche andere hinrichten. Noch dringlicher wurde ein neuer Ansatz dadurch, dass es der iranischen Revolution nicht gelang, ihre Heilsbotschaft durch einen Frontalangriff auf das säkulare irakische Baath-Regime zu verbreiten. Als die iranischen Angriffe immer wieder an den gut organisierten Verteidigungslinien des Irak abprallten, kamen die Islamisten zu dem Schluss, dass man neben der Offensive gegen die arabischen Regime auch deren internationale Unterstützer ins Visier nehmen musste: "die Juden und die Kreuzritter". Sobald diese fremden Aggressoren ihren lokalen Lakaien die Unterstützung entzogen, so glaubte man, würden diese abweichlerischen Regime wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen und der Weg zur Errichtung des universellen Reiches Gottes wäre frei.

     "Die Herren in Washington und Tel Aviv benutzen die [arabischen] Regierungen, um ihre Interessen zu verteidigen, damit diese an ihrer Stelle die Muslime bekämpfen", schrieb Aiman al-Zawahiri, der Anführer der Gruppe Tanzim al-Jihad, die hinter der Ermordung Sadats stand. "Aber wenn die Einschläge des Gefechts sich ihren Wohnstätten nähern und sie erreichen, werden sie sich mit ihren Schergen streiten. Dann stehen sie vor einer Alternative mit zwei für sie gleichermaßen bitteren Seiten: Entweder sie schlagen die Schlacht gegen die Muslime selbst, worauf sich die Schlacht zum erklärten Dschihad gegen die Ungläubigen wandeln wird, oder sie überdenken ihre Pläne, nachdem sie eingesehen haben, dass sie mit ihrer gewaltsamen und ungerechten Konfrontation mit den Muslimen gescheitert sind. Deswegen müssen wir den Kampf auf den Boden des Feindes tragen, um denjenigen, die den Brand bei uns entfachen, die Hände zu verbrennen."

     Das wichtigste Instrument, um den Kampf "auf den Boden des Feindes" zu tragen, war der Terrorismus. Dass man zu diesem Mittel griff, war einerseits Ausdruck der Euphorie, welche der Sieg gegen die sowjetischen Besatzer in Afghanistan in den 1980er-Jahren auslöste, und gründete andererseits in dem klaren Bewusstsein von der militärischen und technischen Überlegenheit des Westens. "Die islamische Dschihad-Bewegung muss ihre Angriffe und Mittel des Widerstandes gegen ihre Feinde vervielfältigen, um der außergewöhnlichen Zunahme ihrer Kräfte ? entgegenzutreten", forderte al-Zawahiri. "Notwendig ist ? die Ziele und den Typ der eingesetzten Waffen so zu wählen, dass sie den Feind an seinen sensiblen Punkten treffen, um ihn von der Unterdrückung, Verachtung und Schändung aller heiligen Gewohnheiten und Dinge abzuschrecken ?" Praktisch gesehen, bedeutete das, dem Feind möglichst hohe Verluste beizubringen durch "Märtyreroperationen", die zugleich das billigste und effektivste militärische Mittel seien, über welches die Muslime verfügten, und "die einzige Sprache, ? die der Westen versteht".(1)

     Ende Dezember 1994 brachte die algerische Groupe Islamique Arme (GIA), eine radikale Islamistengruppe, die einen erbitterten Krieg gegen das säkulare Regime in Algerien führte, einen in Algier gestarteten französischen Airbus in ihre Gewalt und wollte ihn in ein größeres Ziel in Paris steuern. Die französische Polizei verhinderte dieses grausame Vorhaben und stürmte das Flugzeug, als es in Marseille aufgetankt wurde, doch im Jahr darauf verübte die GIA eine ganze Reihe von Bombenanschlägen gegen Frankreich, "die ehemalige Kolonialmacht und den erbittertsten Gegner des Islam im Westen". Mit ihnen wollte man die französische Regierung zwingen, der algerischen Regierung jegliche Unterstützung zu entziehen, was deren Zusammenbruch beschleunigen sollte. Auf der anderen Seite des Atlantik detonierte am 26. Februar 1993 im New Yorker World Trade Center eine Autobombe, die dieses Symbol amerikanischen Erfolgs zum Einsturz bringen sollte. Schon bald wurde klar, dass dieser erste große internationale Terroranschlag auf amerikanischem Boden das Werk von Islamisten war, hinter dem der ägyptische Scheich Umar Abd al-Rahman stand, der spiritus rector von Sadats Mördern, welcher seit 1990 Zuflucht in den USA gefunden hatte.(2)

     Keiner jedoch hat den antiwestlichen jihad so weit getrieben wie der saudische Multimillionär Osama bin Laden. Er wurde 1957 in Riad als siebzehnter Sohn eines kleinen Bauunternehmers, der in den 1930er-Jahren auf der Suche nach Arbeit aus dem Jemen nach Saudi- Arabien ausgewandert war, geboren und wuchs im Hedschas auf, wo der Vater sein anfänglich bescheidenes Unternehmen zu einer der größten Baufi rmen im Nahen und Mittleren Osten ausbaute. Ehe er 1968 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, war Muhammad bin Laden zu einem engen Vertrauten der saudischen Königsfamilie geworden und hatte ein sagenhaftes Vermögen angehäuft.

     Wie viele andere superreiche Saudis führte auch Osama bin Laden hinter der streng religiösen Fassade des Landes ein weltliches Leben. Er war häufig in den Nachtclubs, Bars und Kasinos von Beirut, dem "Paris des Nahen Ostens", zu finden und gab sich recht freizügig dem Alkoholgenuss hin, der nach dem islamischen Recht Saudi-Arabiens streng verboten ist. Seine Hinwendung zum Glauben erfolgte offenbar während seiner Studienzeit in Dschidda, wo er von Muhammad Qutb, dem Bruder von Sayyid Qutb, und dem militanten palästinensischen Islamisten Abdallah Azzam unterrichtet wurde. Großen Eindruck machten auf ihn auch die Islamische Revolution in Iran Anfang 1979 sowie die Besetzung der Großen Moschee in Mekka durch muslimische Eiferer im November des gleichen Jahres. Entscheidend für seine Bekehrung zum Glauben war jedoch zweifellos der sowjetische Einmarsch in Afghanistan im Dezember 1979. Schon wenige Tage nach der Invasion flog bin Laden nach Kabul, nach eigener Aussage getrieben von der Notlage der Muslime in einer mittelalterlichen Gesellschaft, die von einer Supermacht des 20. Jahrhunderts bedrängt wurden. "In unserer Religion ist denen, die sich am jihad beteiligen, ein besonderer Platz im Jenseits gewiss", zitierte er den Propheten. "Ein Tag in Afghanistan war wie tausend Tage des gewöhnlichen Gebets in einer Moschee."(3)

     In den 1980er-Jahren etablierte sich bin Laden an der Spitze der antisowjetischen Widerstandsbewegung. Er nahm an zahlreichen Schlachten teil und baute mit Hilfe der Bulldozer seiner Familie Straßen und Unterkünfte in den afghanischen Bergen. Auch bei der Rekrutierung und beim Transport der gut 20 000 Islamisten, die aus aller Welt ins Kriegsgebiet strömten (und die man die "arabischen Afghanen " nannte), spielte er eine wichtige Rolle und finanzierte einige ihrer Ausbildungslager in Afghanistan. Über ihn flossen zudem Gelder der saudischen Königsfamilie an die Kämpfer, denn diese betrachtete die Sache der afghanischen Rebellen als günstige Gelegenheit, um ihre religiöse Glaubwürdigkeit zu demonstrieren.

     Nach der irakischen Besetzung Kuwaits im August 1990 legte bin Laden, der inzwischen als Held nach Hause zurückgekehrt war, den saudischen Behörden einen detaillierten Plan zur Verteidigung des Königreichs gegen einen möglichen irakischen Angriff vor. Nachdem die "muslimische Nation" die Sowjetunion erfolgreich aus Afghanistan vertrieben habe, so behauptete er leidenschaftlich, gebe es keinen Grund, warum die saudische Armee - unterstützt von einem harten Kern kampferprobter Mudschahidin, die er zu rekrutieren versprach - nicht in der Lage sein sollte, einen irakischen Angriff abzuwehren. Er schlug überdies vor, das schwere Gerät der großen saudischen Bauunternehmen zu mobilisieren, um damit entlang der Grenze zum Irak und zu Kuwait Befestigungen zu errichten. Als das saudische Regime jedoch lieber auf internationale Unterstützung baute, wurde bin Laden zu einem vehementen Kritiker jeglicher ausländischer - insbesondere amerikanischer - Militärpräsenz im heiligsten Land des Islam. Da die saudische Königsfamilie jedoch beschloss, diese Truppen auch nach der irakischen Räumung Kuwaits im Land zu behalten, und immer größeren Druck auf die Islamisten ausübte, ihre Kritik daran aufzugeben, verließ bin Laden im April 1991 zusammen mit seinen engsten Familienangehörigen (seinen vier Frauen und einer unbekannten Zahl von Kindern) das Land und tauchte einige Monate später im Sudan auf, der seit Sommer 1989 von einer islamistischen Militärjunta unter der geistlichen und politischen Führung des prominenten Klerikers Hasan Turabi regiert wurde.(4)

     Als Sproß einer altehrwürdigen religiösen Familie hatte Turabi eine traditionelle islamische Bildung genossen, ehe er an der Universität London den Grad eines Master und an der Sorbonne den Doktortitel erwarb. Als treibende Kraft hinter dem neu an die Macht gekommenen Regime versuchte er den Sudan zum Zentrum militanter Islamisten zu machen und gründete zu diesem Zweck im April den Arabisch-Islamischen Volkskongress, einen weltweiten Zusammenschluss religiöser Fanatiker, radikaler Panarabisten und verschiedener Terrorgruppen, der sich zum Ziel setzte, "einen globalen Aktionsplan auszuarbeiten, um den tyrannischen Westen herauszufordern und ihm die Stirn zu bieten".(5)

     Diese Geisteshaltung gefiel bin Laden in höchstem Maße, und schon bald war er in das komplexe Netz des sudanesischen Regimes eingebunden. Der Emigrant aus Saudi-Arabien, der Turabi schon seit Anfang der 1980er-Jahre kannte, wurde von ihm herzlich empfangen und zum Mitglied und Sonderberater der Islamischen Nationalfront ernannt. Bin Laden revanchierte sich mit einer großzügigen Spende an seine Adoptivpartei und machte sich anschließend daran, im Land nach Investitionsmöglichkeiten zu suchen. Daraus entwickelte sich schon bald eine wechselseitig vorteilhafte Beziehung, die es bin Laden ermöglichte, für die zu Tausenden im Sudan eintreffenden arabischen Afghanen gut zwei Dutzend Ausbildungslager zu errichten und auszustatten.(6) Die Mudschahidin erlebten anschließend ihre zweite Feuertaufe im somalischen Bürgerkrieg, wo sie sich an den Kämpfen gegen die 1992 ins Land gekommene UN-Friedenstruppe beteiligten, darunter auch an der Schlacht von Mogadischu am 3./4.
Oktober 1993, bei der 18 US-Marines und mehrere hundert Somalis ums Leben kamen.

     Als sich die US-geführten internationalen Streitkräfte angesichts der Unruhen im Land Hals über Kopf aus Somalia zurückzogen, verstärkte dies bin Ladens Wahrnehmung der USA als Papiertiger, die schon unter dem ersten echten Terrordruck einknickten. "Die islamistische Jugend betrachtete die USA nicht mehr als Supermacht", erklärte er am 28. Mai 1998 gegenüber dem amerikanischen Fernsehsender ABC. "Nachdem sie Afghanistan verlassen hatten, machten sie sich nach Somalia auf und richteten sich auf einen langen Kampf ein, weil sie glaubten, die Amerikaner seien wie die Russen, aber sie waren überrascht ? von der geringen Moral der amerikanischen Soldaten und erkannten deutlicher als zuvor, dass die amerikanischen Soldaten Papiertiger sind. Nach ein paar Schlägen machten sie sich aus dem Staub, und Amerika vergaß das ganze Geschwätz und die Medienpropaganda darüber ? dass es die führende Weltmacht und Anführer der neuen Weltordnung sei. Nach ein paar Schlägen vergaßen sie diesen Titel und machten sich davon und nahmen ihre Leichen und ihre schändliche Niederlage mit nach Hause."

     Inzwischen war bin Laden zu einem der vom FBI meistgesuchten Flüchtigen geworden, und die saudischen Behörden hatten ihm die Staatsbürgerschaft entzogen. In seine Ausbildungslager im Sudan strömten Militante aus aller Welt, und die Terrororganisation al-Qaida, die er Ende der 1980er-Jahre gegründet hatte, war in eine Reihe von Anschlägen auf amerikanische und westliche Ziele in Europa, Afrika und dem Nahen Osten verwickelt. Auch am Mordversuch an Mubarak während eines Staatsbesuchs in Äthiopien 1995 war sie beteiligt, und der Hauptverantwortliche für den Bombenanschlag auf das World Trade Center 1993, Ramzi Ahmad Yusuf, hatte in engem Kontakt mit bin Laden gestanden. In Regionalkonfl ikten wie etwa in Bosnien, im Kosovo, in Tschetschenien und Tadschikistan spielten al-Qaida-Terroristen eine aktive Rolle, während die Organisation in Ägypten und Algerien Extremistengruppen finanzierte. 1994 soll sich bin Laden sogar einige Zeit in London aufgehalten haben - immer in der Gefahr, verhaftet und an Saudi-Arabien ausgeliefert zu werden -, und in dieser Zeit hat er angeblich den Grundstock für ein Terrornetzwerk in Westeuropa gelegt.(7)

Mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Verlags-Anstalt
(Copyright DVA)


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