Vorgeblättert

Leseprobe zu Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen. Teil 2

04.08.2011.
Am 8. Dezember 1945 - es ist sechseinhalb Jahre her, seit sie das letzte Mal hier gewesen ist - betritt Elisabeth ihr ehemaliges Elternhaus. Die riesigen Torflügel hängen schief in den Angeln. Hier befinden sich nun Büros der amerikanischen Besatzungsbehörden: American Headquarters / Legal Council Property Control Sub-Section. Im Hof sind Motorräder und Jeeps abgestellt. Die meisten Scheiben im Glasdach sind zerborsten: Eine Bombe ist auf dem Dach des Nachbargebäudes gelandet, hat den Großteil der Fassade zerstört und die Karyatiden am Palais, hinter denen die Kinder Verstecken spielten, mitgerissen. Auf dem Boden stehen Pfützen. Apollo steht nach wie vor auf seinem Podest, unbewegt, die Leier in der Hand.
Elisabeth steigt die dreiunddreißig Stufen, die Familientreppe, zur Wohnung hinauf; sie klopft und wird von einem liebenswürdigen Leutnant aus Virginia eingelassen.
In der Wohnung sind jetzt Büros, jedes Zimmer ist voller Schreibtische und Aktenschränke und Stenographinnen. Listen und Merkblätter sind an die Wände gepinnt. In der Bibliothek hängt über dem Kamin eine riesige Karte des besetzten Wien, die sowjetische, amerikanische, englische und französische Zone in verschiedenen Farben. Eine Wolke von Zigarettenrauch steht im Raum, Stimmengeräusch, Schreibmaschinengeklapper. Man führt sie mit Interesse und Sympathie durch die Büros und mit einem Anflug leichten Unglaubens, dass dies - dies alles - einmal das Heim einer Familie war. Die amerikanische Behörde ist einfach über das letzte Nazi-Amt gestülpt worden.
Ein paar Gemälde hängen noch an den Wänden, ein paar "Junge-Frau"-Bilder in ihren schweren Goldrahmen, einige Studien österreichischer Landschaften im Nebel und drei Porträts von Emmy, einer Großmutter und einer Großtante. Die schwersten Möbel stehen noch am Platz, der Esstisch und die dazugehörenden Stühle, ein Sekretär, Kleiderschränke, Betten, die breiten Lehnstühle. Einige Vasen. Es scheint willkürlich, was noch da ist. Der Schreibtisch ihres Vaters steht in der Bibliothek. Einige Teppiche liegen auf den Böden. Aber es ist immer noch ein leeres Haus. Genauer, ein geleertes Haus.
Der Abstellraum ist leer. Die Kaminsimse sind leer. Die Silberkammer ist leer, ebenso der Safe. Kein Klavier steht da. Kein italienischer Kabinettschrank. Keine Tischchen mit Mosaikintarsien. In der Bibliothek gähnen leere Regale. Die Globen sind weg, die Uhren, die französischen Fauteuils. Das Ankleidezimmer ihrer Mutter ist staubig. Dort steht ein Aktenschrank. Kein Tisch oder Spiegel, aber eine schwarze Lackvitrine, auch sie leer.
Der freundliche Leutnant möchte behilflich sein und wird gesprächig, als er erfährt, dass Elisabeth in New York studiert hat. Lassen Sie sich Zeit, meint er, sehen Sie sich um, finden Sie, was möglich ist. Ich weiß nicht, was wir für Sie tun können. Es ist sehr kalt, er bietet ihr eine Zigarette an und erwähnt nebenbei, es gebe eine alte Dame, die noch hier wohne - er deutet mit der Hand −, die werde vielleicht mehr wissen. Ein Korporal wird um die alte Frau geschickt.
Sie heißt Anna.

 
28.
Annas Schürzentasche

Zwei Frauen, eine davon älter. Die jüngere ist jetzt in mittleren Jahren, grauhaarig.
Sie begegnen einander wieder nach einem Krieg. Acht Jahre ist es her, seit sie sich zuletzt gesehen haben.
Sie treffen in einem der alten Zimmer aufeinander, jetzt ein Büro, wo mit Geräusch Akten abgelegt und eingeordnet werden. Oder im feuchten Innenhof. Ich kann bloß zwei Frauen sehen, von denen jede ihre Geschichte zu erzählen hat.
27. April. Sechs Wochen nach dem Anschluss, der Tag, an dem Alois Kirchner das Tor zur Ringstraße offen ließ und die Gestapo hereinkam. Es war der Beginn der Arisierung. Anna bekam zu hören, sie dürfe nicht mehr für Juden arbeiten, sie müsse jetzt für ihr Land tätig sein. Sie solle sich nützlich machen, die Besitztümer der früheren Bewohner aussortieren und in Holzkisten verstauen. Es gebe viel zu tun, sie solle damit beginnen, das Silber im Silberzimmer einzupacken.
Überall standen Kisten herum, und die Gestapo-Beamten fertigten Listen an. Wenn sie etwas eingepackt hatte, wurde es abgehakt. Nach dem Silber kam das Porzellan. Rund um sie nahmen die Leute die Wohnung auseinander. Es war der Tag, an dem Viktor und Rudolf verhaftet und weggebracht wurden, an dem Emmy aus der Wohnung ausgesperrt und in die zwei Zimmer auf der anderen Hofseite verwiesen wurde.
Sie nahmen das Silber mit. "Und den Schmuck deiner Mutter, das Porzellan, ihre Kleider." Und die Uhren, die Anna aufgezogen hatte (Bibliothek, Vorraum, Salon, die Uhr im Ankleidezimmer des Barons einmal pro Woche), die Bücher aus der Bibliothek, die hübschen Porzellanclowns aus dem Salon. Alles. Sie hatte geschaut, was sie für Emmy und die Kinder retten könnte.
"Ich konnte nichts Wertvolles für euch mitnehmen. Also hab ich drei oder vier von den Figürchen aus dem Ankleidezimmer der Baronin genommen, die kleinen Spielsachen, mit denen ihr als Kinder gespielt habt - weißt du noch? -, hab sie in meine Schürzentasche gesteckt, wenn ich vorbeigegangen bin, und in mein Zimmer gebracht. Dort habe ich sie in der Matratze in meinem Bett versteckt. Ich habe zwei Wochen gebraucht, bis ich sie alle aus dem großen Glasschrank geholt hatte. Du weißt ja, wie viele es waren!
Sie haben nichts bemerkt. Sie waren so beschäftigt. Sie waren so beschäftigt mit den großen Sachen - die Bilder des Barons und das Goldservice aus dem Safe und die Kabinettschränke aus dem Wohnzimmer und die Statuen und der Schmuck eurer Mutter. Und die alten Bücher des Barons, die er so geliebt hat. Die kleinen Figuren sind ihnen nicht abgegangen.
Also hab ich sie einfach genommen. Ich habe sie in meine Matratze gelegt und darauf geschlafen. Und jetzt bist du da, und ich habe etwas, das ich dir zurückgeben kann."

Im Dezember 1945 gab Anna Elisabeth 264 japanische Netsuke.
Das ist die dritte Bleibe in der Geschichte der Netsuke.
Von Charles und Louise in Paris, der Vitrine in dem leuchtenden gelben Zimmer mit den Impressionisten, zu Emmy und ihren Kindern in Wien, zu den ineinander verwobenen Geschichten und zum Verkleiden, zu Kindheit und So-tun-als-ob, bis zu diesem seltsamen Zubettgehen mit Anna in ihrem Zimmer.
Die Netsuke waren bereits früher in Bewegung gewesen. Seit sie aus Japan gekommen waren, hatte man sie begutachtet: aufgenommen, untersucht, in der Hand gewogen, wieder hingelegt. So etwas tun Händler. Sammler tun es und auch Kinder. Doch wenn ich an Annas Schürzentasche denke, mit ihrem Staubtuch oder einer Garnspule drin, dann denke ich, noch nie zuvor ist man ihnen mit so viel Behutsamkeit begegnet. Es ist April 1938, und nach dem Anschluss folgt eine Proklamation auf die andere, während die Kunsthistoriker wie besessen an den Inventaren arbeiten und Fotos in die Gestapo-Alben kleben, die dann nach Berlin geschickt werden sollen, und die Bibliothekare sorgfältig ihre Bücherlisten zusammenstellen. Sie bewahren Kunst für ihr Land. Und Rosenberg braucht Judaica, um seine Theorie über das Tierhafte der Juden nachweisen zu können. Alle arbeiten sie hart, keiner aber kommt der Hingabe und dem Fleiß Annas nahe. Während Anna auf ihnen schläft, werden die Netsuke mit mehr Respekt behandelt als jemals zuvor. Sie hat den Hunger und die Plünderungen, die Brände und den Einmarsch der Russen überlebt.
Netsuke sind klein und hart. Sie werden kaum zerkratzt, kaum zerbrochen: Sie sind geschaffen, herumgestoßen zu werden. "Ein Netsuke muss so gestaltet sein, dass es seinem Träger nicht lästig wird", heißt es in einem Führer. Sie sind nach innen orientiert: der Hirsch mit den unter dem Bauch gefalteten Beinen, der Fassbinder, der in seinem halbfertigen Fass kauert, die Ratten, die um eine Haselnuss jagen. Oder mein Liebling, der schlafende Mönch über seiner Bettlerschale; eine einzige ungebrochene Rückenlinie. Sie können auch Schmerzen zufügen: Die Spitze der elfenbeinernen Bohnenhülse ist scharf wie ein Messer. Ich denke daran, wie sie in einer Matratze liegen, eine eigenartige Matratze, in der Buchsbaumholz und Elfenbein aus Japan auf österreichisches Rosshaar treffen.
Berührung findet nicht bloß durch die Finger statt, auch durch den ganzen Körper.
Jedes Einzelne dieser Netsuke ist für Anna ein Widerstand gegen das Unterminieren der Erinnerung. Jedes, das sie hinausträgt, ist ein Widerstand gegen das Neueste vom Tag, eine ins Gedächtnis gerufene Geschichte, eine Zukunft, an der man festhält. Hier stößt der Wiener Kult der Gemütlichkeit - leichthin geweinte Tränen über sentimentale Geschichten, alles umhüllt von Mehlspeise und Schlagobers, der melancholische Abschied vom Glück, die zuckersüßen Bilder von den Dienstmädchen und ihren Galanen − auf etwas Diamanthartes. Ich denke an Herrn Brockhaus und seine Verwünschungen achtloser Bediensteter; wie unrecht er doch hatte.
Keine Sentimentalität, keine Nostalgie. Es ist etwas viel Härteres, buchstäblich Härteres. Eine Art Vertrauen.
Ich habe Annas Geschichte vor langer Zeit gehört. Ich hörte sie in Tokio, als ich das erste Mal die Netsuke sah, beleuchtet in einer langen Vitrine zwischen Bücherschränken. Iggie hatte mir einen Gin Tonic gemacht, sich selbst einen Scotch mit Soda, und er sagte - en passant, halblaut −, das sei eine verborgene Geschichte. Damit meinte er nicht, denke ich heute, dass er zögerte, die Geschichte zu erzählen, sondern dass sich die Geschichte um etwas Verborgenes drehte.
Ich kannte die Geschichte. Ich spürte sie nicht, bis zu meinem dritten Aufenthalt in Wien, als ich mit einem Mann aus dem Büro der Casinos Austria im Hof stand und er mich fragte, ob ich die Geheimetage sehen wolle. Wir gingen die Opernstiege hinauf, er schob einen Teil der Wandverkleidung nach links, wir schlüpften geduckt hindurch und kamen in ein ganzes Stockwerk, Zimmer nach Zimmer ohne Fenster zur Außenseite: Wenn man auf dem Ring steht, schweift das Auge ungehindert vom Straßenniveau bis zu Ignaz? Nobelstock. Es zeichnet die großen Räume darüber nach, doch die sind eigentlich alle niedriger. Zum Hof hin gibt es nur kleine, trübe rechteckige Fenster, unauffällig genug, um als Bestandteil der Wandgestaltung durchzugehen. Die einzige Möglichkeit, in dieses Stockwerk hinein- oder herauszukommen, ist entweder durch die als Marmorplatte kaschierte Tür, die auf die große Treppe führt, oder über die Dienstbotentreppe in der Ecke des Hofes. Es ist die Dienstbotenetage.

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