Vorgeblättert

Leseprobe zu Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Teil 2

05.10.2009.
Gerda Kappes berichtet ihrer Schwiegermutter von den Pogromen in Bebra am 7. und 9. November 1938(8)

Handschriftl. Brief von Gerda Kappes(9) an Clara Kappes(10) vom 11.11.1938

Liebe Mutter!
Hab recht herzlichen Dank für Deinen lieben, langen Brief, wir haben uns sehr darüber gefreut, auch daß es Euch allen gut geht. Wir sind körperlich auch wieder auf der Höhe, ich bin so froh, daß meine Krankheit mit Solluxlampe vorübergegangen ist, auch wäre in diesen letzten Tagen körperliches Leiden noch ein weiterer Ballast gewesen. Du hast Dich sicher sehr gewundert, daß wir noch nichts von uns haben hören lassen. Wir hätten auch längst geschrieben, aber wir wollten erstmal zur Ruhe kommen, damit unser Bericht vom letzten Ereignis nicht so drastisch wird und Du nicht so einen Schrecken bekommst. Anläßlich des Attentats auf Legationsrat vom Rath sind hier große Judenverfolgungen gewesen. In der Nacht vom Montag auf den Dienstag(11) sind verschiedene Fanatiker der Partei in die Judenhäuser eingedrungen, haben die Juden aus den Betten geholt und alles kurz und klein geschlagen. Alle Möbel umgekippt, Porzellan, Glas, Fensterscheiben, überhaupt alles Erreichbare umgekippt und kaputt geschlagen. Vorhänge abgerissen, Stoffe und auch zum Teil Lebensmittel umhergeworfen, elektrische Lampen und Birnen, sogar die Lichtleitung kaputt geschlagen, bei Emanuels(12) eingebaute Waschbecken, Badewanne, sogar die Mettlauer Platten sind hinüber. Wir hörten die ganze Nacht Spektakel und Klirren von Glas, dachten aber nicht anders, als es sei ein großes Autounglück geschehen.
Wir schliefen die ganze Nacht nicht, konnten aber bei der Dunkelheit auch auf der Straße nichts erkennen als nur viele Menschen, ich glaube die Hälfte der Bewohner Bebras waren die Nacht auf den Beinen. Am anderen Morgen erzählte uns nun Lisbeth, was geschehen war. Wir sind dann gleich zu Dir in die Wohnung gegangen,(13) um zu sehen, ob noch alles in Ordnung wäre. Wir fanden auch Deine Wohnung tipp topp im Schuß, sogar unsere Würstekämmerchen, Dein Klosett und Deine Kellerräume waren unversehrt, alles andere ein großer Trümmerhaufen. Der Jud Emanuel stand inmitten der Trümmer, kein Fensterkreuz mehr im Haus, keine Türe mehr, sogar die schwere eichene Haustür ist nicht mehr vorhanden, ein Bild des Entsetzens und großen Jammers. Nachmittags sind dann die Juden alle von hier weg, sie mußten wohl auch, denn sie konnten sich ja nirgends aufhalten, noch nicht einmal ein Bett war ja noch ganz. Die andere Nacht war Ruhe. Dann am Mittwoch auf den Donnerstag ging?s wieder los, denn am Mittwoch war Herr v. Rath doch gestorben. Als Rache hierfür kam die zweite Aktion. Wir hörten wieder ein furchtbares Getöse und schliefen in dieser Nacht wieder nicht, denn in der Nacht hören sich Axtschläge so sehr unheimlich an. Dieses Mal sind alle Möbel, überhaupt jegliches Inventar aus den Judenwohnungen geholt worden und auf dem Adolf-Hitler-Platz aufgestapelt und verbrannt worden. Silber, Schmuck, die großen Warenlager und die unheimlich vielen gehamsterten Lebensmittel und natürlich auch Geld sind von der Polizei beschlagnahmt und sichergestellt worden. Unsere Äpfel sind inzwischen auch schon bei der NSV gewesen, wir haben sie uns heute aber wiedergeholt, das war also nicht mit Absicht geschehen. Ich bin in diesen Tagen viel zwischen uns und da unten hin und her gelaufen, damit nicht aus Unkenntnis Deine Vorräte auch mit fortkommen. Werner hatte viel zu tun und konnte sich um so etwas gar nicht kümmern. Aber Herr Ellenberg,(14) der SS-Führer, hat sich bei mir nach allem erkundigt, was Dir sei,(15) auch war der Rex(16) schon hier, um sich genau zu orientieren, denn Dir soll auf keinen Fall etwas wegkommen, wurde mir schon von allen leitenden Stellen versichert, man geht da sehr genau vor. Da ja alles offen ist, war letzte Nacht nochmal Wache da unten, wir waren heute noch ein paar mal da unten, es ist nichts mehr in der Judenwohnung, außer 2 cm hoch Glasscherben. Man kann jetzt so richtig verstehen, was Schiller in der Glocke sagt "und in den öden Fensterhöhlen wohnt das Grauen". Der Boden ist noch verhältnismäßig gut davongekommen, das ist aber nur dem Umstand zu verdanken, daß niemand genau wußte, ob Du nicht auch noch Zimmer oben inne hättest. Nachdem wir diesen Zweifel aufgeklärt haben, werden wohl die Sachen oben auch noch geholt werden.
Das Warenlager ist längst weg, Emanuel soll Sachen, nur Stoffe, im Werte von 50.000 M. gehabt haben, auch haben sie Devisen bei allen Juden in beträchtlichen Mengen gefunden, auch eine Gemeinheit, und viel Geld. Die Geschäftsbücher sind alle sichergestellt worden, der Emanuel soll in diesem Jahr bis jetzt einen Umsatz von 76.000 M. gehabt haben, kann man so etwas glauben? Wir wissen es von einem, der genau darüber Bescheid weiß, der natürlich auch dabei gewesen ist. Emanuels ihre Vorräte waren auch ausgestellt, sie waren auch sehr sehenswert und sehr bezeichnend für die ängstlichen Leute, die wahrscheinlich Angst hatten, sie müßten Hungers sterben. Denk mal, 120 Büchsen Konserven, unendliche Gläser mit dem feinsten Geflügel, Gänse, Täubchen, Hähnchen, u.s.w., 200 Eier, 1/2 Zentner Butter, 1/2 Zentner Margarine, dann Rindsfett große Steintöpfe voll, unzähliges Palmin, 20 Lt.(17) Salatöl, wohl 4 Waschkörbe voll Äpfel, sehr viel Marmelade, Gelee, u.s.w., ich kann gar nicht alles aufzählen. Herr Ellenberg hat mir alles gezeigt, ich hatte so etwas von Vorräten noch nicht gesehen und bei der Fettknappheit so zu hamstern, zudem wäre doch sicher die Hälfte schlecht geworden, dieses alles war ja eine große Gemeinheit. Die anderen hatten sich auch alle gut eingedeckt, aber dieses war doch das meiste. Diese Sachen hat alle die NSV an sich genommen und sollen auf dem schnellsten Wege verteilt werden. Die Stadt hat jetzt unendlich viel zu tun. Heute sind den ganzen Tag Läger und Speisekammern aufgelöst worden, ich glaube kaum, daß sie schon fertig sind, denn alle Juden haben sehr große Stoff- und Wäschelager, das hat man doch so gar nicht mehr gewußt. Nun sind die Juden endgültig fort, was mit den Häusern wird, weiß kein Mensch. Du kannst wenigstens noch bei Dir die Treppe rauf gehen, in den anderen Häusern sind sogar die auch weg, sie haben wohl alle nur das nackte Leben vorläufig gerettet, es weiß kein Mensch, wo sie alle hin sind, man vermutet, daß sie alle bis zur endgültigen Lösung im Konzentrationslager stecken. Verschiedene Judenfrauen sind irrsinnig geworden, die junge Frau Levi hat sich die Pulsadern aufgeschnitten.(18) Ich habe nur Emanuels ehemalige Wohnung gesehen, aber alle anderen sind genauso zugerichtet, die Synagoge ist natürlich auch ein Schutthaufen, die Gebetbücher fliegen auf der Straße rum. Ich bringe meine Zeit jetzt viel in Deiner Wohnung zu, denn alle Menschen laufen im Hause herum, da ist ein Betrieb vom Boden bis zum Keller, so viel Menschen hat das Haus noch nicht gesehen. Wir haben auch darum heute Dein ganzes Silber geholt, die Familienbilder, etwas gute Wäsche, den schönen Teller auf der Kommode, Deine Kassen- und Versicherungsbücher und sämtlichen Speck und Würste. Dann habe ich das Klosettfenster und Speisekammerfenster zugemacht und das Klosett abgeschlossen. Deine sämtlichen Schlüssel sind auch hier oben. Mehr konnten wir ja nun nicht holen, ich weiß ja nicht wohin damit. Wir haben gedacht, das sei erst mal das Wichtigste, weil nicht mehr zu ersetzen. Herr Röse aus der Gastwirtschaft nebenan will das Haus kaufen, er fragte uns nach Emanuels Adresse, die wir natürlich nicht haben. Nun wird hoffentlich Werner den Rest der Judenhäuser verkaufen,(19) weil die ja nichts mehr zu melden haben, denn die anderen sind doch größten Teils in Rotenburg verkauft auf Drängen der Juden, worüber ich mich immer so geärgert habe. Du kannst Gott danken, daß Du nicht hier warst, Du konntest einen Herzschlag kriegen, die Nachbarschaft hat uns versichert, daß es furchtbar gedröhnt hat. Frau N. ist ganz fertig, ihr laufen die Tränen, wenn man mit ihr spricht. Du darfst auch noch nicht wiederkommen, sogar ein wohl harter Mann, der schon viel erlebt hat, wie er uns versichert hat, Herr Rex sagt, daß Du unter keinen Umständen jetzt wiederkommen darfst. Alle Leute hielten mich schon nach der ersten Nacht an und frugen nach Dir, die meisten wußten ja, daß Du nicht da warst. Das Frl. G. und Frau N. wollten uns die erste Nacht anrufen, sie haben es dann aufgegeben, weil Du ihnen erzählt hattest, Du wolltest verreisen, und so hätten wir ja doch nichts machen können. Es ist ja auch Deinen sämtlichen Sachen und Vorräten nichts passiert. Die Äpfel waren nur mit fortgekommen, weil die im vorderen Keller standen, sie kamen erst am Montagnachmittag, und in der folgenden Nacht war schon alles passiert. Sie sind immer noch nicht ausgepackt, ich weiß nicht, ob ich sie da unten lassen soll, es ist ja alles so riskant. Die beiden folgenden Tage konnten wir das Haus nicht betreten, die Polizei hatte alles mit dicken Brettern zugenagelt, jetzt ist alles offen. Minna braucht die Treppe so bald nicht wieder zu wischen, es ist alles bis oben hin weiß von zertretenem Mehl, eine ganz furchtbare Schweinerei drin[nen] und draußen. Man hat sogar die Spaliere, wo die schönen blauen Blumen dran emporrankten, nicht geschont, auch die Steinpfosten liegen um, die sämtlichen Gitter, die Garage aufgerissen, das Auto umgestülpt und kurz und klein geschlagen, auch ein großer Trümmerhaufen. Nun kannst Du Dir ein ungefähres Bild davon machen, richtig begreifst Du erst alles, wenn Du es gesehen hast. Hoffentlich ist bald alles wieder in Ordnung, man schätzt, daß 3000 M. nötig sind, um alles wieder herzustellen, allein nur bei Emanuels. Es sollen vorsichtig geschätzt etwa für 30.000 M. Sachwerte verbrannt worden sein. Nun weißt Du auch, warum wir so sehr froh und dankbar sind, daß Du dort in Kiel bist, dieses ist bestimmt eine göttliche Fügung. Nun will ich aufhören, ich bin ganz erhitzt, so regt das alles immer noch auf, ich könnte ein Buch schreiben. Meine Mutter war am Mittwoch hier bei mir, in Rotenburg war genau dasselbe, mein Vater sei ganz daneben,(20) erzählte sie mir, sonst wäre er auch mitgekommen. Grüße die Familie Stange recht sehr von mir mit dem süßen Gerdchen, ich sähe ihn doch zu gern mal wieder. Sei Du recht herzlich gegrüßt und reg Dich nicht auf, denn es ist alles in Ordnung bei Dir, gar kein Grund zur Aufregung, herzlichst
Deine Gerda
Hebe den Brief bitte auf und bestätige bald seinen Eingang.(21)

---------------------------------
(8) Privatbesitz Hans H. Kappes; veröffentlicht unter: http://www.zum.de/Faecher/Materialien/nuhn/Schicksale/vor_aller_Augen/index.html#seite18b.html (28.4.2009).
(9) Gerda Kappes, geb. Wenderoth (1906-1987), Hausfrau; seit 1934 verheiratet mit dem Rechtsanwalt Werner Kappes (1899-1979), 1940 dienstverpflichtet bei der Firma Bebrit, die Kunststoffartikel produzierte.
(10) Clara Kappes, geb. Lips (*1870), Hausfrau; 1892-1934 verheiratet mit dem Pfarrer Adolph Kappes; zum Zeitpunkt des Pogroms hielt sich Clara Kappes bei ihrer Tochter in Kiel auf.
(11) Vom 7. auf den 8.11.1938.
(12) Manfred Emanuel (1892-1942), Kaufmann; Besitzer einer Manufakturwarenhandlung in Bebra; 1939 zog er zusammen mit seiner Ehefrau Martha, geb. Oppenheim (*1893), nach Aachen; starb im KZ Majdanek.
(13) Clara Kappes lebte im 2. Stock des Hauses von Manfred Emanuel in der Hersfelder Str. 7. Gerda Kappes und ihr Mann wohnten ca. 300 m davon entfernt in der Nürnberger Str. 49.
(14) Richtig: Fritz Ellenberger (*1878), Schneider, Bademeister; 1929 NSDAP-Eintritt, 1934 SS-Untersturmführer, 1938 SS-Obersturmführer.
(15) Gemeint ist "Was Deins sei".
(16) Leiter der Bebraer Polizeistation.
(17) Liter.
(18) Martha Levi, geb. Frank (*1902); sie wurde in der Pogromnacht von einem SA-Mann vergewaltigt, ihr Mann Leopold Levi (*1897) ins KZ Buchenwald verschleppt; im Frühjahr 1939 zog das Ehepaar nach Mannheim, wurde von dort am 20.10.1940 ins franz. Internierungslager Gurs deportiert, im Aug. 1942 nach Auschwitz; beide Eheleute überlebten nicht.
(19) Gerda Kappes hoffte, dass ihr Mann als Rechtsanwalt mit dem Verkauf der Häuser der geflohenen Bebraer Juden beauftragt werde.
(20) Friedrich Wenderoth (1867-1939), Jurist; Amtsgerichtsrat im sieben Kilometer entfernten Rotenburg a.d. Fulda, verheiratet mit Clara Wenderoth, geb. Gundlach (1879-1966).
(21) Den letzten Satz hat Werner Kappes hinzugefügt, der seiner Mutter außerdem einen kurzen, hier nicht abgedruckten Brief geschrieben hat, in dem er die Schilderungen seiner Frau bestätigte.

                                                        *

Ein Vater aus Beuthen schreibt seiner im Ausland lebenden Tochter am 19. November 1938 über die Ereignisse in den Tagen des Novemberpogroms(29)

Handschriftl. Brief aus Kattowitz(30), ungez., an die Tochter des Verfassers, vom 19.11.1938 (Abschrift) (31)

Mein geliebtes Susel!
Dieser Brief geht von Polen ab, da es unmöglich ist, ihn so von hier aus zu schreiben. Jede Wahrheit von hier aus ist ein Greuel, u. da sind sie dahinter mit drakonischen Strafen. Also, wenn ich heut an Dich schreiben kann, so ist es ein Glück u. eine Gnade von Gott, wenn es noch einen gibt. Man muß aber wirklich daran zweifeln, daß es einen gibt, der so etwas zuläßt. Rührt sich nicht das Weltgewissen? Können die Staaten teilnahmslos zusehen, wie 100 000e drangsaliert, gequält und gemartert werden? Rührt sich kein Finger, um die armen Juden von hier fort zu bringen? Weiß denn noch immer nicht die Welt, daß wir hier fort müssen u. so schnell als möglich, sonst schlachten sie uns alle ab? Bei der geringsten Kleinigkeit müssen es die Juden entgelten, wer oder was etwas machte, oder wer oder was gesagt wird, der Jude wird hoch genommen. Nun zum eigentlichen. Dein letzter Brief kam an, u. kann ich Dir nur sagen, daß wir gar nicht in der Lage waren, Dir zu schreiben. Es ist besser, ich schreibe der Reihe nach. Am 10. November wollte ich wieder früh wegfahren, um wenigstens einige Pfennige zu verdienen, natürlich illegal, denn jede Arbeit ist für Juden verboten. Unterwegs nach der Garage, ich bin nicht mehr in der Silesia, man hat mir p. 1.10. gekündigt, bin bei Martin Fröhlich,(32) Ostlandstr., natürlich Jude, klopft mir einer auf die Schulter, es war Josef Freund, Holzhändler, Bruder von Friedr. Freund.(33) Wissen Sie schon, sagt er, die Synagogen brennen seit heut nacht. Daß ich überrascht u. erschüttert war, kannst Du Dir denken. Was wollen Sie denn machen, frug er, ich fahre auf Tour, meine Antwort. Das würde ich nicht machen, sagt er, ich sage, für mich ist Arbeitstag, ich muß wenigstens etwas verdienen, damit wir leben können, kommen Sie doch mit, ich fahre aufs Land, er wollte nicht. Bei Fröhlich war Schlesinger, Arbeiter-Konfektion, Krakauerstr., der berichtete, daß man in der Wohnung von Heinz Badrian(34) alles kurz u. klein geschlagen habe u. geraubt von Wertsachen u. Geld, was sie fanden. Man wollte mich wieder zurückhalten, ich fuhr aber doch, was ich mir vornehme, führe ich aus. Das war mein Glück. Bis 1 Uhr mittags habe ich gearbeitet, eine innere Unruhe ließ mich nicht los, u. so fuhr ich auf nach Hause zu los, auf Umwegen. Um 1/2 3 Uhr kam ich in den Hof von Fröhlich u. sah schon Glasscherben. Herr F. kam gerade leichenblaß herunter, er war verunglückt u. geht an Stöcken. Ich frug ihn, er sagte, die Aktion wird wohl noch nicht zu Ende sein. Sofort setzte ich mich wieder in den Wagen u. irrte umher. Schließlich mußte ich doch einmal aufhören u. riskierte eben alles, ließ den Wagen am Ringe stehen u. schlich mich die Langestr. nach Hause. Als ich auf der 3. Treppe schon nach oben sah, blieb mir das Herz stehen, es kam aber noch schlimmer. Die Fenster der Tür eingeschlagen, die Tür aufgebrochen u. ein umgestürztes Kleiderspind dagegen gelehnt, daß die Tür zu blieb. Ich wollte gerade wieder umkehren, da wurde ich von Frau Krause aus dem Hause leise angerufen. Auf jeden Fall wollte ich wissen, wo Mutti u. Frau Friedländer, die bei uns wohnt, seien. Da kein Deutscher mit einem Juden stehen oder sprechen darf, hatte sie natürlich Angst, u. ich erfuhr nur, daß sie beide, auch zum Glück, weggegangen waren. Wie ich gerade herunter gehen wollte, kam Ruth Marcus herauf, die man auch früh verhaftet u. eingesperrt hatte, um 2 Uhr aber entließ. Wir versuchten dann beide, in die Wohnung zu kommen, u. es gelang mit vieler Mühe durch die kniehohen Scherben u. Fetzen durchzukommen. Susel, ich dachte, der Schlag rührt mich sofort, u. dann habe ich bitterlich geweint wie ein kleines Kind. Das haben noch keine Augen gesehen, das waren auch keine Menschen, wilde Tiere, Bestien sind vernünftiger, ich glaube auch, das hätten noch nicht einmal Vandalen gemacht. Nie konnte ich verstehen, daß man auf die Deutschen im Kriege Barbaren gesagt hat(35) u. legte mich s.Zt. dafür kreuz u. quer, aber jetzt..., der Ausdruck ist zu gelinde. Die ganze Wohnung war ein Trümmerhaufen. Alles Glas, Porzellan, Kristall, Bilder, Uhren, Dokumente, ein Matsch. Das Klavier zerhackt, das Harmonium zerhackt, meine schöne alte Geige zerschlagen u. zertrampelt, die Lampen heruntergerissen. Das Buffet aufgehackt u. zerhackt, Kredenz ebenso, alle Stühle kurz u. klein geschlagen u.s.w., u.s.w., es läßt sich nicht schildern. Natürlich die wenigen Schmucksachen, die wir hatten, geraubt, ich hatte für meine Bilderfabrikanten MK 160.- liegen, die ich Sonnabend mit Abrechnung absenden sollte, geraubt, Muttis letzte paar Pfennige, damit wir leben können, geraubt, es waren 15 oder 18 Mk, Frau Friedländer hatte 30 Mk, vom Bruder unterstützt, sollte den ganzen Monat davon leben, arme Witwe, geraubt, natürlich auch Kleinigkeiten an Schmucksachen, die sie noch hatte, alles weg. Wir stehen alle als Bettler da u. wissen nicht, was mit uns werden soll. RM(36) nahm mich mit in ihre Wohnung, u. dort verbarg ich mich bis gestern. Mutti u. Frau Friedländer führte man abends auch dorthin, u. wir übernachteten alle 3 dort, zu Hause war es unmöglich. Du kannst Dir Mutti denken, sie hat herzzerreißend geweint u. Fr. Friedländer auch. Kein Mensch kann uns helfen, denn alle Männer u. Frauen haben sie verhaftet u. eingesperrt. Die Frauen u. Kinder entließ man abends, die Männer wurden ins Konzentrationslager gebracht. Nur wer Glück zufällig hatte, u. man ihn nicht auch unterwegs schnappte, kam davon. Jeder Christ, der einen Juden bedauerte, wurde verhaftet u. abgeführt. Ein Volk kann das unmöglich machen, es war seit langem vorbereitet, es wußten es eine Menge. Man schätzt, daß ungefähr 30-40 tausend Männer weggeschafft wurden. In einer Menge Städte gibt es fast gar keine Männer mehr. Erwin hat man natürlich auch mit fortgeführt, wahrscheinlich beide Jungen von Tante Bertha auch, ich werde sie in nächsten Tagen in Breslau sprechen. Beide Synagogen u. das Haus, wo Totscheks(37) als Kastellan wohnte, mit allem, Möbel etc., ist abgebrannt, T. sind nackt u. bloß heraus geflüchtet, u. ihn hat man mitgenommen, die Frau hat man im Nachthemd u. Überrock draußen stehen lassen. Die Feuerwehr hat gut aufgepaßt, daß alles gut brannte u. keine andern Häuser anbrannten. Männer u. Frauen hat man brutal geschlagen, gleichviel ob alt oder jung, speziell alte Männer u. Frauen. Ein Fall von einer alten Dame ist uns bekannt, die man geschlagen u. gewürgt hat, daß sie beinahe umgekommen wäre. Ich könnte Dir noch unendlich viel erzählen, aber ich kann nicht mehr, es steigt mir immer wieder hoch, wenn ich daran denke. Es gibt nur eins für uns hier, so schnell wie möglich weg, u. jetzt ist es nicht nur eine Gefälligkeit, sondern allerdringendste Pflicht für die Onkels u. Günther in Amerika, uns hin zu nehmen. Das muß sogar ganz schnell gehen, denn lange halten wir es nicht mehr aus. Keinen Tag ist man mehr sicher, wir sind ja Freiwild, wir dürfen nicht mehr arbeiten u. verdienen, damit wir leben können, wir sollen verhungern, oder eingesperrt werden. Es gibt schon eine ganze Menge edle, ritterliche Deutsche, die Juden nichts mehr verkaufen. Na, was soll ich noch schreiben, Du kannst Dir ja vorstellen. Sende diesen Brief an Günther, Du kannst Dir ja eine Abschrift machen. Hoffentlich kommt dieser Brief gut in Deine Hände, denn sonst gnade uns Gott, wir sind verloren. Schreibe uns sofort, wenn Du ihn erhalten hast u. deute uns an, daß es dieser war. Wir wollen in Breslau besprechen u. ein Kabeltelegramm nach Amerika senden. Hoffentlich leiten die alles auf schnellstem Wege ein u. beschleunigen, denn jeder Tag ist kostbar. Bloß hier raus, raus u. nochmals raus. In solcher Umgebung stirbt man 1000 Tode, davon kann sich kein Mensch einen Begriff machen.- Wenn ich heut wenig von Dir u. allem andern schreibe, so wirst Du das verstehen, ich wollte Dich aber orientieren u. haben, daß der Brief weiter an Günther geht. Ruth hat jetzt die Papiere aus Argentinien bekommen, u. der arme Erwin ist eingesperrt. Wer weiss, ob die Argentinier nicht gesperrt haben. Alle südamerikanischen Staaten sind Unmenschen, wenn sie die armen Juden nicht hereinlassen. Wenn Nordamerika nicht schnell hilft, dann sind wir verloren. Es kommt jetzt nur auf die an, wenn sie wollen, können alle untergebracht werden, schadlos kann man sich später halten, erst alles raus, aber schnell. Die Welt wird sowieso durch die hier keine Ruhe mehr haben, kein Mensch sieht das ein, erst wenn es zu spät sein wird. England u. Frankreich sollen sich nur in acht nehmen. Euer Lord Chamberlin(38) hat alles verkorkst, die Engländer werden es noch tief bedauern, daß sie diesem Manne folgten, hätten sie nur Eden u. Churchill gelassen, Europa wäre gerettet worden.- Nun aber Schluß. Mache alles so, wie ich schrieb, bleibe gesund, u. sei vielmals innigst u. herzlichst gegrüßt u. geküßt von Deinem Dich immer liebhabenden u. treuen Vati.
Geliebtes Susele! Er hat Dir nun alles geschrieben, man könnte Bücher schreiben, aber der Mut fehlt. Du kannst Dir von allem keinen Begriff machen. Gebe nur Gott, daß Du diesen Brief erhälst. Schicke ihn sofort an G. Für heute, geliebtes Kind, sei herzlichst gegrüsst und geküsst von Deiner tr. M.
Bin bloß froh, dass ihr beide nicht mehr hier seid.

---------------------
(29) YVA, O 75/188.
(30) "Beuthen" wurde durchgestrichen und in "Kattowitz" verbessert.
(31) Im Original vermerkt: "kam an am 3. Dez.!"
(32) Martin Fröhlich (1882-1942), Kaufmann; verheiratet mit Flora Fröhlich, geb. Adler (1883-1942), Hausfrau; nach Auschwitz deportiert und dort umgekommen.
(33) Josef Freund (*1881), Holzhändler, und Friedrich Freund (*1888).
(34) Vermutlich Heinz Badrian (*1919).
(35) Im Ersten Weltkrieg stellte die Kriegspropaganda Frankreichs, Großbritanniens und der USA die Deutschen als barbarisch, brutal, hässlich und militaristisch dar.
(36) Ruth Marcus.
(37) Vermutlich Herbert Toćek (*1904) und Paula Toćek, geb. Černik (*1901). Paula Toćek wurde am 2.6.1942 aus Beuthen deportiert.
(38) Richtig: Chamberlain.


Teil 3