Vorgeblättert

Leseprobe zu Cesarina Vighy: Mein letzter Sommer. Teil 1

09.08.2010.
"Komm, meine Kleine, komm zu deinem Papa!"


Meine Mutter hatte, ohne zu wissen, wer Balzac war, eine Balzac?sche Kindheit gehabt.
     Ihre Mutter war natürlich gestorben, als sie die Tochter auf die Welt brachte. Woran? An Tuberkulose natürlich.
     Nachdem sie eine Weile bei einer Amme gewesen war, wurde sie früh einigen Tanten anvertraut, die in Mailand eine Militärschneiderei besaßen. Sie liebten sie, aber es war Krieg, der Erste Weltkrieg, und um sie ein wenig zu schützen, schickten sie die Kleine zu den Nonnen. Zu meinem Erstaunen erinnerte sich Mama an jene Jahre, als ob sie sie direkt im Himmel verbracht hätte: die Nonnen, die sie verhätschelten, die Schokolade der Tanten am Sonntag, die Sauberkeit der Flure, die Weichheit der Betten, der Duft der Lilien in der Kapelle.
     Als sie die zweite Klasse beendet hatte (damit war es für sie für immer vorbei mit dem Lernen), war der Krieg aus, und ihr Vater, Löwenmähne und Hasenherz, holte sie, nachdem er sich drei Jahre vor dem Wehrdienst gedrückt hatte, zu sich, nicht aus Zuneigung, nein, sondern als sein Eigentum, das ihm niemand nehmen konnte. Vergeblich ihr Weinen, das Weinen der Tanten, der Nonnen, die sich als ihre Mütter fühlten: Er trug sie fort wie ein Bündel und nahm auch die hübschen Kleidchen und kleinen Geschenke mit, die man immer gut gebrauchen konnte.
     Denn zu Hause wartete natürlich eine Stiefmutter, schon schwanger, und ein siebenjähriges Mädchen (für den Katechismus das Alter der Vernunft) konnte ihr zur Hand gehen. Wie gut, zeigte sich sofort, als sie versuchte, die kochend heiße Polenta aus dem Kessel zu gießen: Die Haut ließ sich von der Kinderhand abziehen wie ein Handschuh. "Die wächst ja wieder nach", hieß es in der Familie.
     Die Stiefmutter war nicht böse wie im Märchen, nur dumm und noch unwissender als das kleine Mädchen: eine Analphabetin, die bis ins hohe Alter die Postkarten an ihre Söhne mit Vor- und Nachnamen "unterschrieb", oder vielmehr mit Nach- und Vornamen.
     Ah, Namen. Meine Mutter hatte einen schönen Namen: Nives.
     Den nahmen sie ihr weg und riefen sie streng mit dem zweiten, Giuseppina, Pina, was ihr nicht nur abscheulich vorkam, sondern ihr auch meldeamtlich nicht wenige Schwierigkeiten bescherte, als sie in die Welt der Lebenden eintrat. Denn Welt der Lebenden konnte man diese Baracke nicht nennen, in der man auch kopulierte, sich fortpflanzte, herumschrie und sich prügelte.
     Die Baracke war, glaube ich, das Wächterhäuschen neben der Villa, die der väterlichen Familie gehört hatte und die schon in der Vergangenheit von den Schulden, der Trägheit und der Nachlässigkeit verschlungen worden war.
     Man sprach von einem Großvater, den sie nur vom Porträt kannte, schlohweißes langes Haar, die gebogenen Fingernägel dessen, der nie in seinem Leben gearbeitet hat; es blieb die Großmutter, als Einzige Nives herzlich zugetan, mit ihrer guten Erziehung und ihren Ohrringen, die sie aus dem Schiffbruch gerettet hatte. Die Alten im Dorf erzählten, sie sei eine geborene Gräfin (wer weiß, warum es sich in diesen ein wenig phantastischen Geschichten immer um Gräfinnen handelt, nie um Baronessen oder Marquisen?). Sicher war, dass die Signora nie herunterkam, um ihren einfachen Morgenkaffee zu trinken, ohne sich vorher zu pudern, und dass der Bürgermeister bei ihrem Begräbnis die Dorfmusik und vier schwarze Pferde kommen ließ. Ganz sicher auch die Verzweiflung meiner Mutter, die sechzig Jahre später, wenn sie diese Episoden ihrer eigenen Enkelin erzählte, noch immer weinte und die Kleine zum Weinen brachte, bis beide, nach einem angedeuteten Lächeln, losprusteten, weil die Situation so absurd war.
     Ich habe ja gesagt, hier geht es zu wie in einem Fortsetzungsroman, nicht wahr?
     Der Vater meiner Mutter, Giovanni (es widerstrebt mir, ihn Großvater zu nennen, aber was soll?s), war ein wirklich böser Mann, was im Grunde ziemlich selten ist, und noch dazu verbittert von dem familiären Ruin, den er hinter sich hatte.
     Es genügte ihm nicht, an Feiertagen zu trinken, bis sie ihn mit dem Karren heimbrachten, es genügte ihm nicht, die schmächtige Friulanerin zu verprügeln, die er - ich weiß nicht, wie - ihrem reichen Verlobten abspenstig gemacht hatte, wobei er sich gleich noch die Halskette und den Ring aneignete, den dieser Verblendete ihr im Hinblick auf die Hochzeit geschenkt hatte. Unbewusst verhielt er sich wie Saturn, der seine Kinder frisst, und tobte seine Wut vor allem an ihnen aus.
     Trotz der Ermahnungen der Carabinieri (ich sehe sie vor mir, es sind die aus Pinocchio, mit Zweispitz und Schnauzbart) schickte er die Kinder nicht zur Schule.
     Meine Mutter mit ihren zwei Klassen Grundschule hatte bis achtzehn nur die Geschichten von Bertoldo, Bertoldino e Cacasenno gelesen, die von den Abenteuern eines schlauen Bauern handeln: aber so oft, dass sie sie auswendig konnte und jenen Anflug von robustem gesunden Menschenverstand daraus gewann, der sie später retten sollte, da sie ganz unten anfing. Von der anderen ihr erlaubten Lektüre, Philothea. Anleitung zum frommen Leben, blieb ihr nur ein wenig Aberglauben, der im Notfall nie schadet, wenn er sich wirklich in Grenzen hält.
     Der älteste Sohn hatte eine natürliche Begabung zur Holzverarbeitung, goldene Hände, phantasievolles Hirn. Er hatte sich eine kleine Geige gebaut, auf der er spielte, so gut er es verstand und konnte. Saturn zerschlug sie ihm: Er wollte ihn immer bei sich in der Werkstatt, denn wenn er nicht trank, war er ein geschickter Schuhmacher.
     Eines Tages, an einem Feiertag, traf er ihn auf der Piazza an, wie er mit seinen Freunden plauderte: Er packte ihn vor allen Leuten am Ohrläppchen und zerrte ihn heim. Bloß dass der Vater auf dem Fahrrad unterwegs war, der Sohn zu Fuß: Nach Hause kam er, ja, aber mit gespaltenem Ohrläppchen.
     Er war nicht nur brutal, mein "Großvater", er war auch raffiniert bei seinen Quälereien. Wenn er nicht schlafen konnte, weckte er die schmächtige Friulanerin aus ihrem ohnmachtsgleichen Schlaf und schickte sie in die Küche zum Kaffeekochen.
     Als die Tochter begann, weibliche Formen zu entwickeln (meine Mutter war sehr hübsch: blass, dunkle Haare, schmale Taille, wohlgestalteter Busen), zwang er sie, die Nähte ihrer Kleider auszulassen, damit diese nicht die Figur betonten, und schickte sie in diesen Säcken mit einem weiten schwarzen Mantel, der zwei Handbreit länger war als bei den anderen, zur Messe. Die Jungen, und noch viel mehr die gemeinen Mädchen, hänselten sie und nannten sie la vecia, "die Alte". Meine Mutter biss die Zähne zusammen und hielt stolz bis nach Hause durch, bevor sie in Tränen ausbrach.
     Dennoch hatte jemand den Mut, in dieses Gefängnis vorzudringen. Ein plumper Bauernjunge, der ihr eine beinahe zärtliche Botschaft schickte, geschrieben auf Butterpapier, doch trotz des arglosen Tricks wurde das Briefchen selbstverständlich abgefangen. Mein Großvater (ein Othello) stürzte wie eine Furie in Pinas Zimmer, schlug die Tür zu, dass sie splitterte, fand seine Tochter, die (wie Desdemona) gerade ihr gewohntes Nachtgebet verrichtete, hielt der Ahnungslosen den butterfettigen Zettel unter die Nase und brüllte mit schrecklicher Stimme: "Deine Gebete nützen dir gar nichts, du wirst ihn sowieso nie heiraten!"
     Hätte er gewusst, was seiner Tochter vorschwebte, hätte er sich keine Sorgen gemacht. Sie träumte, in dieser Reihenfolge, von einem Ingenieur, einem Arzt oder wenigstens einem Rechtsanwalt. Als sie klein war, hatte sie auch auf einen Zigeuner gehofft, der sie weit wegbringen würde: Da sie gut Purzelbäume machen und Rad schlagen konnte, dachte sie, sie könnte in einem Zirkus Erfolg haben. Mit dem Ziel, entführt zu werden, verbrachte sie damals viel Zeit am Tor, um rascher davonlaufen zu können.

Teil 2