Vorgeblättert

Leseprobe zu Cesarina Vighy: Mein letzter Sommer. Teil 2

09.08.2010.
Mit fünfzehn glaubte meine Mutter (es klingt unglaublich, aber ich schwöre, dass es wahr ist), obwohl sie schon mehr als einen Stiefbruder hatte, die Dorfhebamme würde die Babys in ihrem speziellen, seltsamen Köfferchen mitbringen, wenn sie immer voller Hast herbeieilte. Als ein Junge sie höhnisch darüber aufklärte, durch welches Loch die Kinder heraus- und hineinkamen, übergab sie sich.
     Die Hebamme hatte Mitleid mit ihr und kümmerte sich von jenem Tag an darum, sie ein wenig aufzuwecken. Sie erklärte ihr, wozu die geheimnisvollen Stofflappen dienten, welche die Stiefmutter in der hintersten Ecke einer Schublade unter Schlüpfern und Taschentüchern versteckte wie eine Katze ihren Kot. Auch Pina bereitete sich darauf vor, zur Frau zu werden, und wartete auf das Zeichen des Blutes. Doch es vergingen Monate, sogar Jahre, und nichts geschah.
     Dabei sah sie durchaus erwachsen aus, anziehend, gut proportioniert.
     Ein Herr aus dem Ort, mit Feldern, großem Haus und gebildeten Schwestern, wurde auf sie aufmerksam. Er war weder Ingenieur noch Arzt noch Rechtsanwalt. Und auch kein Zigeuner. Er war etwa fünfundzwanzig Jahre älter als sie, aber er war Ausländer und vermögend, und bei vermögenden Ausländern zählen die Jahre nicht so wie bei uns, vor allem in den Augen eines habgierigen Vaters.
     Der Fremde machte zur Bedingung, dass das Mädchen auf seine Kosten eine Weile ins Internat gehen sollte, um gute Manieren, Orthographie und ein paar Worte Französisch zu lernen. Der zukünftige Schwiegervater verlangte eine hohe Kaution, um sie ihm zu reservieren.
     Alles geschah über Pinas Kopf hinweg, die nicht mitreden durfte, doch selbst wenn sie es gekonnt hätte, war sie zu verwirrt, um sich zu äußern, und als der Fremde, angeekelt von der Habgier des Mannes und erschreckt von der Vorstellung, ihn zum Schwiegervater zu haben, sagte, es handle sich ja nicht um den Kauf einer Kuh, fühlte sie sich sehr erleichtert und berechtigt, erneut von einem Ingenieur, einem Arzt oder wenigstens einem Rechtsanwalt zu träumen.
     Es gab jedoch immer noch dieses Geheimnis, das Blut, das ausblieb und ohne das man keine richtige Frau war. Sie war achtzehn, und ihre Freundinnen, die gar keine Freundinnen waren, hätten sie noch einmal mehr ausgelacht, wenn sie es entdeckt hätten. Mit der Kühnheit der Schüchternen überwand sie ihre Scham und ging zum Arzt, der nicht überall herumerzählen konnte, wer Mumps gehabt hatte und wer nicht, wer an Hämorrhoiden, an Skrofel oder an unanständigem Jucken an jenem Körperteil litt, von dem sie nicht einmal den Namen wusste.
     So war der Körper in der Vorstellung meiner Mutter: ein Geheimnis aus verschlungenem Gedärm, rötlichen Eingeweiden, übelriechendem Matsch.
     Der Doktor zeigte sich der Situation gewachsen: Er lachte nicht, spottete nicht, fragte nur, warum sie nicht früher gekommen sei, warum sie nicht in der Familie darüber gesprochen habe. Auf ihre Antwort hin brummte er bloß zwischen den Zähnen: "Ach so! Giovanni."
     Mit zwei Spritzen war alles gelöst, brachte aber Schmerzen und hohes Fieber mit sich, so hoch, dass alle im Haus verstanden.
     Als es ihr etwas besser ging, wurde Pina ins Zimmer des Vaters gerufen. Sie fand ihn rasend vor Wut, wie sie ihn noch nie gesehen hatte: Rot im Gesicht lief er im Zimmer auf und ab, trat nach den Beinen des Bettes, den Nachtkästchen, den Hockern, brachte die Madonna unter dem Glassturz und die Lämpchen vor Furcht zum Erzittern. Obwohl unschuldig, hielt sich das Mädchen instinktiv die Hände vors Gesicht.
     Und er schrie, rülpste ihr beinahe ins Gesicht: "Glaub ja nicht, dass du jetzt das Sagen hast, bloß weil du Binden trägst, du Schlampe! Los, hau ab!"
     Wenig später haute meine Mutter wirklich ab, ebenso wie alle anderen Kinder, um ihr Unglück anderswo zu suchen.
     Als junger Mann hatte mein "Großvater" in Wien, das zu jener Zeit für die Provinzen Venetiens noch die große Lehrmeisterin war, die Kunst des Lederzuschneidens erlernt und sich darin ausgezeichnet. Wer weiß, ob er irgendwann auch ein Paar seiner berühmten Halbstiefel für einen sonderbaren Professor mit Kinnbart und runder Brille angefertigt hatte, der ganz in seiner Nähe wohnte: Berggasse 9.


"Ich möchte dir eine rosa Puppe schenken."

Der junge Rechtsanwalt, der mit der besten und hässlichsten Lehrerin der Schule verheiratet war, hatte schon seit einiger Zeit eine Abneigung gegen intellektuelle Frauen gefasst.
     Er hatte sich von ihnen angezogen gefühlt, als er frisch aus der Provinz gekommen war, ein Kleinbürgersohn, dem Anstand als höchster Wert galt und nicht aufzufallen als eine Tugend; sie reizten ihn, weil sie genau das Gegenteil waren, frech, snobistisch, kurz: modern.
     Seine Frau zum Beispiel. Er hatte sie in einer Tanzschule kennengelernt, die er besuchte, um seine Schüchternheit ein wenig abzuschütteln, und sie, um die neuesten Schritte zu lernen. Das behauptete sie jedenfalls, und er hatte ihr treuherzig geglaubt, während ihm jetzt klar wurde, dass sie hingegangen war, um sich einen Mann zu angeln wie all die anderen Gänse, für die sie nur Verachtung gezeigt hatte.
     Sie hatten fast sofort geheiratet, als wäre es ein Spiel, ein Streich, den man jener bigotten Familie spielen musste, zu der sie nicht gehören wollte. Und der Streich gelang tatsächlich: Als die Verwandten eintrafen, war die Trauung schon vorbei, und da sie sofort erkannten, wer dahintersteckte, schlossen sie die Anstifterin für immer aus ihren Kreisen aus, übrigens zu deren großer Zufriedenheit.
     Bridgebegeistert, eine gewitzte Spielerin, bildete sie am grünen Tisch natürlich ein Paar mit ihrem Mann, der zwar klüger als sie, aber beim Kartenspiel eine Katastrophe war, wie es häufig vorkommt, und ihr die Partie verdarb. Die ganze Stadt, bedeutend und wunderschön, konnte dann auf dem Heimweg der beiden die Wutausbrüche der Frau miterleben, samt entsprechendem Einsatz des kleinen Rohrstocks (genannt bagolina), der ein modisches Accessoire der dreißiger Jahre war, auf dem Kopf des unvorsichtigen Ehemanns, wobei sie ihn "Du Esel, du Esel!" schalt, dass es durch Calli und Campielli hallte.
     Kinder wollte sie als moderne Frau keine, doch ihre Verhütungsmethode war archaischer und unsicherer als der "Satz nach rückwärts", den die Bäuerinnen anwendeten: Ob es ein Scherz war oder sie ernstlich daran glaubte, sie schlief mit dem Schlüsselbund unter dem Kopfkissen, um auf Eisen zu klopfen, wie sie sagte.
     Kurz und gut, sie war extravagant und sogar sympathisch als Freundin, mit der man sich gelegentlich trifft und bissige Klatschgeschichten austauscht, aber unerträglich als Ehefrau.
     Der junge Rechtsanwalt, wiewohl geduldig und sanftmütig, war es schließlich leid, als "Esel" beschimpft zu werden, sich im Bett an den Schlüsseln zu kratzen und zum Abendessen unweigerlich nur ein Stück Käse vorzufinden.

Teil 3