Vorgeblättert

Leseprobe zu Cees Nooteboom: Schiffstagebuch. Teil 1

10.03.2011.
I
Über Kap Hoorn nach Montevideo
Schiffsjournal I

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Früher Morgen. Wir verlassen Punta Arenas. "Eine unvorstellbar traurige Stadt", schrieb Musters vor rund hundert Jahren, und trotzdem habe ich das Gefühl, irgendwann hierher zurückkehren zu wollen. Auf dem Bildschirm in meiner Kabine verfolge ich, wie das Schiff sehr langsam durch dichten Nebel fährt. Der Ausschnitt scheint sich nicht zu bewegen, ich sehe die ferne Bugspitze, die sich langsam durch die leuchtenden Vorhänge schiebt. Alles unverändert trübselig, als man wieder etwas erkennen kann, ist nichts zu sehen: keine menschliche Behausung, hohe, felsige Berge, später klart es ein wenig auf, mit dem Fernglas kann ich einige Vögel ausmachen, Felsenscharben, die bis zu 80 Meter tief tauchen können, Sturmtaucher, ein rasantes Luftballett.
     Ich gehe auf die Brücke, denn wir nähern uns einem Gletscher. 23000 Jahre alt, sagt jemand, doch wegen der plötzlich einsetzenden Regenböen sehe ich nichts. Das Wasser hat die Farbe von Zink. Ein Boot soll ausgebracht werden, dazu zieht ein großer schwarzer Mann die Persenning von einem der Rettungsboote, das dann mit der Winde zu Wasser gelassen wird. Er wird losgeschickt, um "lebendes" Eis zu holen, eine Tradition bei dieser Art Seereisen. Von unten höre ich die Stimmen der Matrosen in der großen, kalten Stille. Dann fahren sie weg und schneiden eine breite Furche in das reglose Wasser, in dem unzählige Brocken geschliffenen Eises liegen. Der Gletscher selbst wirkt durchscheinend blau, weiter hinten und weiter oben ist er weiß mit hohen, senkrecht stehenden zackigen Zähnen. Ist ein Gletscher männlich? Und falls ja, warum? In Tirol sagt man zu Gletschern Kees, was bedeuten diese Dinge? Er hängt obszön wie eine große gefrorene Zunge ins Wasser, voller Klüfte und Schrunden, links und rechts davon die Steine und Erde, die er an den Seiten hochdrückt.
     Es dauert ein bißchen, bevor mir die Absurdität der Situation aufgeht. Ich befinde mich auf einem Schiff, das zwischen den schroffen Felswänden in diesem eigenartigen Eiswassertal liegt. Die Maschinen stehen auf 'andante', doch wir fahren nirgends hin. Das lebende Eis wird auf Gläser verteilt und sieht aus wie Eis, weiß, glänzend, durchsichtig. Als der Whisky darüberschwappt, ergibt sich für einen Moment ein Effekt von flüssigem Gold über durchsichtigem Silber. Trinke ich jetzt Wasser, das vor 23.000 Jahren gefroren ist? Wasser aus einer Zeit vor Platon, Homer, Aristoteles, Christus? Bewahrte Zeit trinke ich. Altes Wasser.

In meinem Tagebuch finde ich eine Notiz, aber ich kann wieder einmal meine eigene Schrift nicht lesen, so daß die erste Hälfte der Zeile entfällt. Möglicherweise steht da: "Chaotisch geschlafen. Ein Satz ist mir noch in Erinnerung. Jeder spricht immer in Übersetzung." Dünung, Morgen. Das Leben an Bord gleicht dem in einem Internat oder einer Kaserne, der sanfte Zwang der Uhr. Abendessen in einem der Restaurants, später ein Drink in der Bar "Zum Alten Fritz", die einer vornehmen Hamburger Hafenbar gleicht, stilecht mit einem Standbild des großen Preußenkönigs. Man sieht immer wieder dieselben Gesichter, aber keiner behelligt einen. Das Deck ist dunkel vom Regen, niemand liegt in den Liegestühlen, ein paar Leute beugen sich über die Reling und werden naß.
     Wir nähern uns Ushuaia, der südlichsten Stadt Argentiniens und damit auch der südlichsten Stadt der Welt. Ich sehe Kriegsschiffe an einem Kai und ein ankerndes Schiff namens Antarctic. Dies ist der Ausgangshafen für Fahrten zum Südpol, und das spürt man. Wir befinden uns im argentinischen Sommer, aber kalte Windböen mit Regen fegen über den Kai. Warum ist das so aufregend, in der südlichsten Stadt der Welt zu sein? In der Ferne verschneite Berge, eine senkrechte Linie bis zum Beagle-Kanal, der Argentinien von Chile trennt, etwas, das aussieht wie auf dem politischen Zeichenbrett entstanden, willkürlich und unnatürlich verläuft diese Linie durch Flüsse und leere Landschaften, womöglich auch durch Fuchsbauten und Eulennester. Ushuaia liegt am Kanal, das heißt zwar am Wasser, aber nicht am Meer, eigentlich ein wenig versteckt zwischen der Sierra Sorondo und dem Parque Nacional Tierra del Fuego. Bucht, die das Land bis in den Westen durchdringt, bedeutet Ushuaia in der Sprache der Yamana. Unmittelbar südlich des Kanals beginnt Chile wieder, die Isla Navarino, dann die Nassau-Bucht, darunter die Islas Wollaston mit Kap Hoorn. Ausnahmegebiet, das hat mich immer gelockt. Das Argentinische Meer, der Südpazifik, der Atlantische Ozean und darin die Falklandinseln, die hier Islas Malvinas heißen, und dann, auf meiner Karte, das scharf umrissene Dreieck des antarktischen Argentinien bis zum Südpol.
     Ushuaia ist nicht groß, 40000 Einwohner. Es existiert erst seit 1870, eine weitab gelegene Provinzhauptstadt, 3500 Kilometer von Buenos Aires entfernt, Marinestützpunkt und früher auch Strafkolonie, wieder so ein Ort, an dem man Menschen verwahrt, die man nicht in seiner Nähe haben will. Auf den Autobus des Museo Maritimo sind sie gemalt, die politischen Gefangenen in ihren gestreiften Anzügen; von ihrem Schicksal berichtet das Museum vom Ende der Welt, das noch geschlossen ist, die Dokumente genauso unsichtbar wie die in die Wand gemauerten Fernsehdokus in der Zeitkapsel gegenüber dem ACA-Hotel, die erst im geheimnisvollen Jahr 2492 einer unvorstellbaren Nachwelt zeigen werden, wie unsere Welt aussah. Ich frage mich, ob ich das miterleben wollte, und meine, nein. In welchem Alptraum muß ich mir die Wesen vorstellen, die in 500 Jahren diese Wand aufbrechen werden, vorausgesetzt, sie steht dann noch? Und wir? Genauso unerkennbar zu etwas Lächerlichem reduziert, in einer wahrscheinlich unverständlichen oder untergegangenen Sprache kakelnd, Menschen, die bereits primitive Maschinen benutzten, selbst aber noch keine Maschinen waren und nicht glauben wollten, daß sie jemals auf dem Mars leben würden und beim Anblick von so viel unbarmherziger Zukunft auf der Stelle vor Entfremdung verrückt würden.

Schmale, steile Straßen führen von der Hauptstraße San Martin zum Wasser, kleine, grellbunt gestrichene Häuser aus Holz oder Wellblech, dies ist ein Ort, an dem man ein Jahr bleiben müßte, um ein Buch zu schreiben, und weil das nicht möglich ist, kaufe ich ein paar Bücher über die lokale Geschichte, Berichte von Revolutionen und Schiffskatastrophen. Bar Ideal, Cafe de la Esquina, Cafe El Galeon, Hostal Yakiem, Calle San Martin, Calle 25 de Mayo, immerzu diese Daten, die etwas bedeuten, was sich dem Fremden aber nicht sofort erschließt. Es ist eine Grenzstadt, schlammbedeckte Landrover erzählen von unwegsamen Pisten, von der Wildnis gleich um die Ecke, vom Leben am Ende des Festlands, von Fischerei, Schafzucht, Polarexpeditionen, von Verbannung und Einsamkeit. Die nichtspanischen Namen auf dem tristen Friedhof klingen nach China, nach Osteuropa, nach Exil und abenteuerlichen Lebensläufen, weiß der Himmel, was für Romane dort liegen, nicht jeder bekommt ein Malcolm Lowry oder ein Ben Traven auf seinen Grabstein. An der Außenwand des Postamts sehe ich einen anderen früheren Bewohner, das große gemalte Bild eines Yamana-Indianers in Todesnot, den Mund weit aufgerissen zu einem Schrei der Wut oder Angst, jemand, der weiß, es ist aus und vorbei mit seiner Welt.

Der Regen hat sich verzogen, die Wolken sind übermächtig, Luftschiffe sind es, mit Polargesichtern, alles ist hier oben so weit, daß die Stadt zu schrumpfen scheint. In der Ferne sehe ich im Hafen unser Schiff als weißes Zeichen, daß ich hier nur vorübergehend bin, doch für diese Erkenntnis brauche ich kein Schiff.

Plaza Islas Malvinas, habe ich auf einem Stadtplan gesehen. Platz der Falklandinseln, der englische Name darf hier nicht ausgesprochen werden, dies ist die offene Wunde in der argentinischen Seele. Vielleicht liegt er deshalb am Wasser, das plötzlich eisblau ist, weil die Wolkengeschwader inzwischen große Himmelsflächen frei lassen. Ein Steinweg, rechts hohe, dünne Laternen mit weißen Kugeln, abends muß es hübsch aussehen. Links die argentinische Fahne, ein großer Halbbogen mit dem an zwei Ketten befestigten Namensschild, ein Stück weiter die Landkarte der verlorenen Inseln. Aber es ist nichts auf ihr zu sehen, die Form der Inseln ist aus einem großen Metallrechteck ausgeschnitten, wie das herausgeschnittene Herz bei Zadkines Mahnmal Die zerstörte Stadt in Rotterdam.Was man durch diese Aussparung hindurch sieht, ist der Himmel, klar und strahlend über den Ausläufern der Hügel und dem Meer, etwas, das da ist und nicht da ist, etwas, das fehlt.

Das Museum ist inzwischen geöffnet, eine bewahrte Welt aus bewahrten Fotos. Da sind sie wieder, die gestreiften Gefangenen aus dem Presidio, die nackten Indianer. In dem Buch Ushuaia von Lic. Carlos Pedro Vairo, das ich dort kaufe, sind Zeichnungen aus Darwins Buch abgebildet, die dieser selbst angefertigt hat. Vairos Kommentar ist ungeschminkt: "Ohne es zu wollen, verurteilte er sie für alle Zeiten." Darwin hatte an einer Expedition unter dem Kommando von Robert FitzRoy teilgenommen, der auf einer früheren Reise vier Yamana in das für sie unvorstellbare England mitgenommen hatte, und weil niemand wußte, wie sie hießen, hatte die Besatzung sich Namen für sie ausgedacht: Fuegia Basket, Jemmy Button, Boat Memory und York Minster. Drei von ihnen überlebten die Zivilisation und kehrten auf demselben Schiff nach Feuerland zurück wie Darwin, der somit reichlich Zeit hatte, sie zu studieren. In dem Expeditionsbericht (Proceedings of the Second Expedition 1831-1836 under the Command of Captain Robert Fitz-Roy, R.N.) findet sich eine Beschreibung der Yamana, die darin Tekeenica genannt werden, und in Verbindung mit den Zeichnungen vermittelt sie kein attraktives Bild. "The Tekeenica are low in stature, ill-looking, and badly proportioned. Their colour is that of very old mahogany, or rather between dark cooper [sic] and bronze. The trunk of the body is large, in proportion to their cramped and rather crooked limbs. Their rough, coarse, and extremely dirty black hair half hides yet heightens a villainous expression of the worst description of savage features." Es folgt eine detailreiche, minuziöse Beschreibung von Haar, Knien, Händen und Gang, die dann ebenso schmeichelhaft endet mit: "Sometimes these satires upon mankind wear a part of the skin of a guanaco or a sealskin upon their backs, and perhaps the skin of a penguin or a bit of hide hangs in front, but often there is nothing ?" Die Beschreibung der Frauen ist gleichfalls von kaum verhohlenem Abscheu gefärbt: "Their features, especially those of the old, are scarcely less disagreeable than the repulsive ones of the men. About four feet and some inches is the stature of these she-Fuegians - by courtesy called women. They never walk upright: a stooping posture, an awkward movement is their natural gait. They may be fit mates for such uncouth men; but to civilized people their appearance is disgusting."

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