Vorgeblättert

Leseprobe zu Amitav Ghosh: Der rauchblaue Fluss. Teil 1

12.11.2012.
Siebtes Kapitel

7. November 1838
Markwick's Hotel, Kanton


Liebste Paggli, ich bin hingerissen! Kanton, endlich - und welche Ewigkeit hat es gedauert! Ich bin mit einem Fährboot gekommen - einem höchst seltsamen Fahrzeug von der Form einer Raupe und genauso langsam. Wie ich die reichen Fanqui-Schiffseigner beneidet habe, die in ihren schönen Schaluppen und eleganten Jollen an uns vorüberglitten! Angeblich schaffen die schnellsten davon die Fahrt von Macao nach Kanton in anderthalb Tagen. Natürlich hat unsere Raupe mehr als doppelt so lange gebraucht; am Schluss fanden wir uns in Whampoa wieder, immer noch zwölf Meilen von Kanton entfernt.
Whampoa ist eine Insel im Perlfluss, und ihre Gewässer sind der letzte Ankerplatz für ausländische Schiffe. Sie dürfen nicht näher an Kanton heran und müssen hier ankern, während sie ent- und beladen werden. Für die Besatzungen ist das eine harte Prüfung, denn in Whampoa gibt es außer einer schönen Pagode kaum etwas Interessantes zu sehen: Nach meinem Eindruck ist das Dorf für den Perlfluss dasselbe wie Budge Budge für den Hugli - eine heruntergekommene Ansammlung von Lagerhäusern, Liege­plätzen und Zollbaracken. Gelangweilte Matrosen und Laskaren, die für Wochen auf ihren dümpelnden Schiffen festsitzen, vertreiben sich die Zeit damit, die Tage bis zu ihrem nächsten Landurlaub in Kanton zu zählen.
Zum Glück braucht man sich als Durchreisender nicht lange in Whampoa aufzuhalten, denn es gehen Tag und Nacht Fähren nach Kanton. Der Fluss ist hier übersät mit den kuriosesten Booten und fantastischen Schiffen, aber man hat nicht den Eindruck, dass man sich einer Großstadt nähert. Zur Linken liegt eine Insel namens Honam: Wegen ihrer stattlichen Anwesen, ihrer Gärten und Obstplantagen wirkt sie überaus pastoral - und auch das erinnert an die Zufahrten nach Kalkutta, an die Felder und Wälder von Chitpur, die der Stadt gegenüber am anderen Flussufer liegen. Aber es werden immer mehr Sampans und Salzdschunken, und bald liegen so viele davon auf beiden Flussseiten vor Anker, dass sie als lückenlose Barrikade die Sicht auf die Küste versperren. Dann erscheinen über den Masten und Segeln die Befestigungsanlagen der Stadt - mächtige, graue Steinmauern, in Abständen mit Wachtürmen und vielfach überdachten Toren bestückt. Kalkuttas Fort William ist winzig, verglichen mit dieser riesigen Zitadelle: Ihre Mauern sind viele Meilen lang, sie ziehen sich einen Hügel hinauf und treffen an einem majestätischen fünfstöckigen Turm aufeinander. Er wird Sea-Calming Tower genannt (ist das nicht ein überaus poetischer Name?), und man hat mir gesagt, dass die Soldaten, die ihn bewachen, Besucher nur gegen ein zufriedenstellendes cumshaw einlassen. Die Aussicht soll hinreißend sein: Man sieht die ganze Stadt zu seinen Füßen liegen, wie auf einer riesigen Landkarte. Es dauert nur ein bis zwei Stunden, an der Stadtmauer entlang zu dem Turm zu gehen, und ich bin fest entschlossen, diese Wanderung zu unternehmen, sonst bekomme ich nichts von der Zitadelle zu sehen. Ausländern ist es streng verboten, durch eines der Stadttore zu gehen - und gerade deshalb möchte man unbedingt hinein! Nun ja … es gibt auch so mehr als genug zu sehen und zu malen, denn rings um die Stadtmauern liegen zahlreiche Vororte - die Zitadelle ist nur das Flaggschiff der Stadt Kanton, und um sie herum liegt eine Flottille kleinerer Schiffe vor Anker.
Du wirst das vielleicht nicht verstehen, liebste Paggli, aber der schönste Vorort von Kanton ist der Fluss selbst! In den schwimmenden Siedlungen der Stadt wohnen mehr Menschen als in ganz Kalkutta: eine runde Million, sagen manche! Ihre Boote sind an beiden Ufern vertäut, und es sind so viele, dass man das Wasser darunter nicht sieht. Anfangs kommt einem diese schwimmende Stadt vor wie eine riesiges Barackenlager aus Treibholz, Bambus und Dachstroh; die Boote liegen so dicht an dicht, dass man sie, wäre da nicht ein gelegentliches Schaukeln oder Zittern, für seltsam geformte Hütten halten könnte. Dem Ufer am nächsten befinden sich Reihen von Sampans, die meisten vier oder fünf Meter lang. Ihre Dächer sind aus Bambus, ihre Aufbauten einfach und zugleich unglaublich genial konstruiert, denn sie lassen sich dem Wetter anpassen. Wenn es regnet, werden die Abdeckungen so verstellt, dass sie das ganze Boot schützen, und an schönen Tagen werden sie zurückgerollt, sodass die Wohnbereiche Sonne bekommen - und es ist atemberaubend zu beobachten, was sich alles in und auf ihnen abspielt. Die Bewohner sind so beschäftigt, dass man geradezu von einem schwimmenden Bienenstock sprechen könnte. Auf dem einen Boot macht jemand Sojaquark, auf einem anderen werden Räucherstäbchen gefertigt, hier entstehen Nudeln, dort drüben wieder etwas anderes - und das alles inmitten einer gewaltigen Kako­fonie aus Gackern, Grunzen und Bellen, denn jede der schwimmenden Manufakturen ist auch ein bäuerlicher Betrieb! Zwischen ihnen bleiben nur schmale Gässchen frei, gerade breit genug, um ein Werkstatt- oder Ladenboot durchzulassen. Davon gibt es mehr, als man für möglich halten würde; sie gehören fliegenden Händlern und Handwerkern jeder erdenklichen Art - Gerbern, Kesselflickern, Schneidern, Kupferschmieden, Schuhmachern, Barbieren, Knocheneinrichtern und dergleichen mehr, und alle preisen ihre Waren oder Dienste mit Glocken, Gongs und Rufen an.
Die Fanquis sagen, die schwimmende Stadt sei eine Brutstätte für Banditen, Tagediebe, Eckensteher, Strichjungen und allerlei Abschaum, aber ich muss gestehen, dass ich davon nur noch mehr Lust bekomme, sie zu erkunden. Sie ist so unglaublich pittoresk, dass ich es gar nicht erwarten kann, mich an ein paar nautischen Gemälden zu versuchen, vielleicht in der Manier von Ruisdael oder sogar Turner (obwohl Letzteres leider nicht infrage kommt, weil Mr. Chinnery vor Wut schäumt, wenn auch nur sein Name fällt).
Und nun also endlich zur Ausländerenklave - oder "Fanqui-Town", wie ich sie inzwischen nenne! Sie liegt am äußersten Rand der Stadt, gleich hinter dem südwestlichen Stadttor. Vom Aussehen her ist Fanqui-Town ganz und gar nicht das, was man erwarten würde; es ist sogar so verschieden von dem, was ich mir vorgestellt hatte, dass mir schier die Luft wegblieb! Ich hatte mir gedacht, die Faktoreien seien hübsch mit typischen Merkmalen des chinesischen Baustils ausgestattet - aufgebogenen Dächern vielleicht oder pagodenähnlichen Türmen, wie sie auf chinesischen Gemälden unser Auge bezaubern. Aber wenn Du die Faktoreien selbst sehen könntest, liebste Paggli, würden sie Dich, das versichere ich Dir, eher an Bilder von sehr weit entfernten Orten erinnern - Vermeers Amsterdam oder sogar … Chinnerys Kalkutta. Du würdest eine Reihe von Gebäuden mit Säulen, Kapitellen, Pilastern, hohen Fenstern und Ziegeldächern sehen. Manche haben Säulenveranden mit denselben khus-khus-Matten, wie man sie aus Indien kennt. Wenn man nicht genau hinsieht, könnte man meinen, man ist in Kalkutta und hat die Lagerhäuser und daftars der großen englischen Handelshäuser vor sich. Die Farben sind jedoch ganz anders - heller und bunter. Aus der Ferne sehen die Faktoreien wie Farbstreifen vor den grauen Mauern der Zitadelle aus.
Die britische ist die größte der insgesamt dreizehn Faktoreien; sie hat eine Kapelle mit einem Glockenturm, und ihre Glocke schlägt ganz Fanqui-Town die Stunden. Außerdem hat sie vorn einen Garten und einen riesigen Fahnenmast. Auch vor manchen der anderen Faktoreien wehen Flaggen - die holländische, die dänische, die französische und die amerikanische. Diese Flaggen sind ungewöhnlich groß, und die Stangen sind unendlich hoch. Sie sehen aus wie gigantische, in die chinesische Erde gerammte Lanzen und erheben sich hoch über die Faktoreidächer, als müssten sie ganz sichergehen, dass die Mandarine innerhalb der Stadtmauern sie auch wirklich sehen.
Wie Du Dir denken kannst, habe ich schon auf der Fähre überlegt, wie ich diese Szene malen könnte. Ich habe natürlich noch nicht angefangen, aber ich weiß, es wird eine große Herausforderung werden, vor allem hinsichtlich der Raumtiefe. Die Faktoreien haben so schmale Fassaden, dass man meinen könnte, es würde kein Dutzend ­Leute darin Platz finden. Doch hinter jeder Fassade liegt ein Labyrinth von Häusern, Höfen, Lagerräumen und Kontoren. Ein langer überwölbter Gang verbindet die Häuser und Höfe miteinander - nachts werden diese Passagen von Laternen erhellt und sehen dadurch aus wie Großstadtstraßen.
Manche sagen, die Faktoreien seien gemäß der chinesischen Bauweise errichtet worden, in der die Mauern eines einzigen Anwesens beliebig viele Pavillons und Höfe umschließen können; andere hingegen fühlen sich eher an die Colleges von Oxford und Leiden erinnert, deren Gebäude in vielen miteinander verbundenen Rechtecken angeordnet sind. Wäre ich ein persischer Miniaturenmaler, würde ich die Fassaden en face abbilden und den ganzen Gebäudekomplex dahinter schräg von oben zeigen. Aber daran ist gar nicht zu denken, denn das wäre ein Skandal: Mr. Chinnery wäre entsetzt, und ich würde jahrelang Perspektivübungen machen müssen.

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