Vorgeblättert

Jedediah Purdy: Das Elend der Ironie, Teil 2

Über diese Dinge zu schreiben heißt für mich auch, über West-Virginia zu schreiben. Dort, auf einer kleinen Farm in den steilen, zerklüfteten Ausläufern der Appalachen, bin ich geboren und aufgewachsen. Dort lernte ich Dinge kennen, von denen ich mir sicher sein konnte, daß sie wirklich, vertrauenswürdig und mein waren. Aus dieser Erfahrung ziehe ich bis heute Zuversicht und Selbstvertrauen. Dies zu beschreiben heißt über einen Ort zu schreiben.

Meine Eltern kamen 1974 nach West-Virginia, dem Jahr meiner Geburt. Sie hatten den Vorsatz, mit wenigen Bedürfnissen zu leben, soweit wie möglich ihre Nahrungsmittel selbst zu erzeugen, die Arbeiten aber, die sie nicht allein tun konnten, mit gleichgesinnten Nachbarn zu verrichten. Sie wollten sich, wie mein Vater einmal zu mir sagte, »ein kleines Stück Welt nehmen und etwas möglichst Vernünftiges daraus machen«. Sie wählten wenig mehr als vier Hektar, größtenteils steiles, erodiertes Weideland und nachgewachsener Eichenwald, auf dem unebenen Becken einer breiten Senke. Eine Seite dieser Senke war steil und bewaldet, die andere flacher und zu einer Wiese gelichtet. Weiter hinten verengte sich der Rand des Beckens zu einer Schlucht zwischen zwei Felsrücken. An der Grenze zu unserem Grundstück verengten sich die Berge zu einem schmalen Durchlaß, wo aus unserem Bach ein schäumender Wasserfall wurde und sich unser Feldweg an den Berg klammerte. Un­ser Hof steht noch immer dort, und das Land ist unverändert; aber ich schreibe im Imperfekt. Ich schreibe über meine eigenen Anfänge.

Unsere Eltern unterrichteten meine Schwester und mich zu Hause. Oder einfacher gesagt: Wir waren »Heimschüler«. Eigentlich taten meine Eltern aber etwas viel Radikaleres: Sie befreiten uns zum Lernen. Es gab keine Prüfungen, keine Stundenpläne, keine Aufgaben. Wir machten keinen Unterschied zwischen den großen Ferien und dem Schuljahr, dessen Boten die gelben Omnibusse unten auf der Landstraße waren, die wir sehen konnten, wenn wir auf unserem einfachen Feldweg ein paar hundert Meter weitergingen. Statt dessen gab es endlose Spiele mit Stöcken, Kieselsteinen und alten Kleidern, mit Schlamm, den wir uns auf unsere nackten Leiber schmierten, und Wiesenblumen, die wir meiner Schwester ins Haar flochten. Wir halfen unseren Eltern bei der Arbeit, wenn es uns dazu trieb oder wir darum gebeten wurden: Wir ernteten Kartoffeln, fütterten und striegelten die schweren Percheron-Pferde, die mein Vater zum Pflügen, Heuen und Holzziehen hatte, und trieben unsere Milch- und Schlachtkühe von Weide zu Weide. Und genauso bereitwillig, wie wir uns an Kinderspielen beteiligten, redeten wir mit - oder durften immer auch nur zuhören -, wenn sich die Erwachsenen unterhielten.

Wir hatten zwar keinen genauen Studienplan, aber wir lasen beständig und kamen dabei von einem Thema zum nächsten, in einer sich immer weiter öffnenden Landschaft des Verstehens, wo jede beantwortete Frage ein Dutzend neuer Früchte der Neugier gebar. Wenn es eine Landkarte unseres Lernens hätte geben können, so hätte sie ausgesehen wie eine topographische Skizze meiner stundenlangen Streifzüge, wo jeder neu entdeckte Felsrücken mich in fünf unentdeckte Höhlen lockte, die Bäche in diesen Höhlen zu breiten Tälern führten und zurück zu anderen Felsen, bis sich mit der Zeit aus kleinen, fortgesetzten Erkundungsgängen das Bild einer Landschaft fügte.

Bei uns galten andere als die üblichen Maßstäbe. So gab es etwa zwischen Erwachsenen und Kindern nur wenig Unterschiede. Ich zählte alte Bauern, Zugereiste wie meine Eltern, ebenso zu meinen Freunden wie andere Kinder. Ältere Menschen sprachen ernsthaft mit uns Kindern, und wir lernten, mit ihnen nicht anders umzugehen als miteinander. Familie und Schule waren ebensowenig unterscheidbar wie Tun und Lernen. Unser Zuhause war gleichzeitig der Arbeitsplatz, und die Arbeit, die wir und unsere Eltern verrichteten, war sichtbar und greifbar darauf gerichtet, ein Zuhause aufzubauen und zu erhalten. Das Haus war auch der Schauplatz des politischen Lebens der Gemeinde, wo Versammlungen für unsere Einkaufsgenossenschaft stattfanden, die Nachbarn bei einem Kasten Bier zusammenkamen, um recht halsbrecherisch die Dachsparren auf unserem Fachwerkhaus einzuhängen, und wo Plakate gemalt und dringende Versammlungen abgehalten wurden, seit meine Mutter zuerst vergeblich und dann erfolgreich für einen Platz in der örtlichen Schulbehörde kandidierte.

Warum ist es so wichtig, daß ich mein privates West-Virginia beschreibe? Zum Teil, weil diese Erfahrung eine Übung in Vertrauen war: das Vertrauen meiner Eltern, daß ihre Kinder auch ohne Klassenzimmer und Lehrbücher und entgegen den Warnungen der Fachleute den Wunsch und die Fähigkeit zum Lernen haben würden; daß auch ein abgeschiedener Ort, ein kleines Stück Land und eine exzentrische Gemeinschaft hinreichend Lehrstoff bieten würden, um zwei jungen Menschen Genüge zu tun; und daß sie - unsere Eltern - sich durchschlagen würden, weil sie bereit waren, dazuzulernen, und zwar hinreichend gut.

In jene Zeit gehörte auch, daß wir genau wußten, worauf wir angewiesen waren und was unverzichtbar war: der Regen, der unsere Zisternen füllte oder sie zu trocken machte, um zu duschen oder Wäsche zu waschen; der Sonnenschein, der das frisch gemähte Gras trocknete, das wiederum ein einziges Unwetter verderben konnte; das Erdgas, aus einer Lagerstätte an der steileren Seite der Senke ins Haus geleitet, das Herd und Heizungen speiste und dessen Röhren in manchen kalten Winternächten einfroren; die Zuckerahornbäume, die, wenn es nachts fror und morgens taute, einen süßen, hellen Saft absonderten, den wir zu Sirup einkochten; die Ochsen, die wir als Kälbchen tauften und hatten groß werden sehen und die wir an kalten Wintertagen schlachteten und säuberten, um genug Fleisch für ein Jahr zu haben.

In jeder Hinsicht bedeutete West-Virginia vollkommenes Vertrauen in die Realität der Dinge. Ich erschloß eine unserer Bergquellen, indem ich ein natürliches Sieb grub, es mit filternden Kieselsteinen füllte und eine Rinne für ein Wasserrohr bis zu unserem hundert Meter tiefer gelegenen Haus aushob. Ich bohrte die Löcher, durch die der Saft aus dem lebenden Holz unserer Ahornbäume floß. Ich hatte zwar nie den Finger am Abzug, wenn wir unsere Ochsen schlachteten, aber ich half beim Häuten und Ausweiden einiger, denen ich Namen gegeben hatte. Wenn wir dort über Dinge sprachen, konnten wir gewiß sein, daß unsere Worte genau auf die Dinge paßten, um die wir gemeinsam wußten.

West-Virginia war kein ironischer Ort, vielleicht weil unsere Gespräche so viel mit diesen dauerhaften, gewissen, stabilen Dingen zu tun hatten. Man redete nicht viel über Vertrauen, Hoffnung oder Verlaß; sie waren so sehr und in so reichem Maße gegenwärtig, daß es nicht nötig war, sie zu benennen. Sie waren mit den Dingen selbst verwoben.

Meine Erziehung war altmodisch und modern zugleich. Es gab Stränge der altamerikanischen Idylle, aber auch genügend Zeitgemäßes. Seit ich der Zeit zwischen den Zeiten entwachsen bin, habe ich nie mehr ein Gefühl des Dazwischen verloren, das Gefühl, von anderswoher zu kommen - einem anderen Ort und in gewisser Hin­sicht aus einer anderen Zeit, einer anderen Lebensweise. Wo immer ich hinkam, fand ich mich als Besucher, oft als bereitwilliger Teilnehmer, aber nie wirklich als Mitglied. Etwas in mir ist immer an einem anderen Ort zu Hause. Doch je mehr ich Teil dieser neuen Orte und Menschen bin, desto stärker verblaßt meine nicht ganz normale und im großen und ganzen unwiederbringliche Kindheit in den Appalachen.

Teil 3