Vorgeblättert

Jedediah Purdy: Das Elend der Ironie, Teil 3

Das ist meine Antwort auf die Frage, warum ich, um über das moderne Amerika zu sprechen, zuerst etwas über meine Erziehung sagen mußte. In mancher Hinsicht ist meine Erfahrung West-Virginias anomal. In anderer Hinsicht wieder ist sie wohl typisch. Viele von uns stammen - buchstäblich oder bildlich - von mehreren Orten. Uns prägen widerstreitende Loyalitäten und Bestrebungen. Es ist nicht ungewöhnlich, daß wir unbeirrt einen Teil unserer Vergangenheit gegen die Anforderungen der ganz anderen Gegenwart verteidigen - oder daß wir uns offen oder heimlich auf diese Vergangenheit stützen, um die Gegenwart unter Bedingungen bestehen zu können, die uns nicht wirklich entsprechen.

Genaugenommen hat fast jeder von uns ähnliche Erfahrungen und Erinnerungen gesammelt wie die, die mir West-Virginia vermittelt hat. Sie geben uns Zuversicht, Vertrauen auf die Realität - oder bewahren uns davor, an ihr zu verzweifeln. Ich glaube nicht, daß ich verständlich über diese Dinge schreiben kann, ohne sie zu benennen, zu beschreiben und womöglich zu zeigen, was ihren Wert ausmacht. Und ich kann dies nicht mit Bestimmtheit und Genauigkeit tun, wenn ich die Dinge nicht beim Namen nenne, die ich kennengelernt habe und noch in mir trage.

Das Thema dieses Buches ist ein doppeltes. Es lautet, daß vielleicht mehr Dinge, als wir gewöhnlich erkennen, unser Vertrauen oder unsere Hoffnung verdienen. Und es lautet auch, daß wir, wenn uns an bestimmten Dingen liegt, in aller Offenheit etwas Hoffnung in ihre Verteidigung investieren müssen. Vieles von dem, was wir - of­fen oder stillschweigend, klar oder verworren - am meisten wertschätzen, ist zwangsläufig etwas Gemeinsames. Es sind Dinge, die uns alle berühren, und ob wir sie bewahren oder vernachlässigen, wir kön­nen es nur gemeinsam tun. Letztlich kann man sie nicht allein haben.

Wer diese Idee verteidigt, widersetzt sich der Entwertung der Sprache durch gedankenloses Geschwätz und die schlauen und zynischen Manipulationen in Werbung und Politik. Denn solche Verwendung macht Worte für ihre Benutzer zum bloßen Werkzeug, um zu erzielen, was sie wollen - in der Regel Absatzzahlen, Sympathie oder Wählerstimmen. Doch sie untergräbt unseren Glauben, daß Worten auch eine andere Macht innewohnt, daß sie uns die Dinge näherbringen können, daß sie uns helfen können, aufmerksamer zu sein.

Eine Schlußfolgerung besteht darin, mittels Worten eine Hoffnung zu artikulieren, die zunächst ganz persönliche Züge trägt, im Vertrauen darauf, daß der andere sagen wird: "Ja, damit stehst du nicht allein."

Das klingt fast wie ein Liebesbrief, eine Form, die heutzutage wenig praktiziert wird. Solch ein Brief hebt etwas Zartes und Intimes ins Licht der gemeinsamen Schau. Eine Entblößung ist riskant und erschreckend, aber sie ist notwendig, weil die Liebe, die zwei Menschen bewegt, in der Einsamkeit nicht überleben kann. Sie muß etwas Gemeinsames werden, wenn sie leben soll. Liebesbriefe erfordern also den Mut, sich einzulassen, aber auch Enttäuschung zu riskieren. Sie künden auch von einem Gefühl der Relevanz - dem Gefühl, daß einige Vorstellungen, mögen sie auch noch so unwahrscheinlich sein, so wichtig sind, daß es ein furchtbares Versäumnis wäre, sie nicht auszusprechen.

Ich habe dieses Buch aus zwei Gründen geschrieben: als eine Art Selbstvergewisserung in Sachen Vertrauen, und in der Hoffnung, daß andere zu ähnlichen Schlüssen kommen. Vielleicht gelingt es uns ja, gemeinsame Sache zu machen, denn ich bin sicher, daß vieles nur in gemeinsamem Handeln überhaupt entstehen kann.

Prometheische Politik hat uns enttäuscht. Politik, die danach trachtete, die menschliche Situation auf elementare Weise zum Besseren zu wenden, deren Aspirationen jedoch in einer gewaltigen Desillusionierung verflogen sind. Wir trauen der Sprache und dem Denken nicht, womit wir vielleicht versuchen, unserer Lage einen Sinn abzugewinnen. Wir haben eine unrealistische Erwartung hinter uns gelassen, nur um in Mutlosigkeit zu versinken, die unaufmerksam und mißtrauisch ist. Was uns indessen bleibt, ist die Aussicht auf eine Kultur, die den Umständen mit Aufmerksamkeit und Sorgfalt begegnet, und eine Politik, die in der Lage ist, sorgfältige Aufmerksamkeit in eine sorgende Praxis zu übersetzen.

Ich verstehe mein Buch als eine Einladung, unsere Aufmerksamkeit wesentlichen und vernachlässigten Dingen zuzuwenden, und als Vorschlag, wie dies aussehen könnte. Es ist der Liebesbrief eines jungen Mannes an die Möglichkeiten der Welt, verfaßt in der Annahme, daß andere ihre eigene Sehnsucht darin wiedererkennen und antworten werden. Ich kann mir nicht helfen, aber ich glaube, daß wir unser Denken und Tun dahingehend verändern müssen, daß es der Güte der Dinge mehr Platz einräumt. Davon bin ich überzeugt.

Mit freundlicher Genehmigung der Europäischen Verlagsanstalt

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