Vorgeblättert

Henner Fürtig: Kleine Geschichte des Irak. Die Familie Hussein



III. Von der Diktatur zum Neubeginn (1979-2003)


5. Sezierung einer Diktatur


Im Grunde genommen befindet sich die irakische Gesellschaft seit 1980 im Krieg oder kämpft mit den Folgen von Kriegen. Ob im 1. Golfkrieg tatsächlich 200.000 Menschen ihr Leben lassen mußten und im 2. Golfkrieg 250.000, oder ob die Sanktionen bisher wirklich 1,4 Millionen Opfer kosteten, ist für die Beantwortung der folgenden Fragestellung nicht von primärer Bedeutung. Wichtig ist die Dimension, und die spricht von schier unvorstellbaren Opfern der Diktatur Saddam Husseins seit 1979. Wie muß also ein System beschaffen sein, das sich trotz dieses Grauens an der Macht halten kann?

Saddam Husseins Herrschaft zeigt alle Merkmale einer persönlichen Diktatur. Er ist Präsident und Ministerpräsident der Republik, Vorsitzender des RKR als höchstem legislativen und exekutiven Organ Iraks, Oberbefehlshaber aller Streitkräfte, Generalsekretär der Ba'thpartei und ihres Militärbüros. Am besten trifft das Bild von der Spinne im Zentrum des Machtnetzes die Realität, das Modell einer Pyramide dagegen weniger. Eine durchgängige, graduell ansteigende Hierarchie der Macht existiert in Irak nicht. Es wäre eine baufällige Pyramide, weil Saddam Hussein an der Spitze nicht auf einem festen Fundament ruht, sondern nach ihm zunächst einmal ein diffuses Vakuum herrscht. Weit unter ihm kämpfen verschiedene Konkurrenten um ihren Anteil an der verbleibenden Macht, wobei sie sich aber jeden Moment darüber im klaren sind, daß Saddams Machtmonopol den Rahmen ihres Handelns setzt. Alle Wettbewerber haben von seiner langen Herrschaft - wenn auch in unterschiedlichem Maße - materiell profitiert und wissen, daß Wohlstand und Prestige mit dem Tag verschwinden, an dem das System auseinanderbricht: ihr stärkstes aller möglichen Motive für Loyalität. Trotz oder gerade wegen seiner Allmacht weiß der irakische Diktator aber auch, daß er auf diese Loyalität angewiesen ist. Ba'thpartei, Militär, Sicherheitsapparat, ausgewählte Stämme, Sippen und Familien, dabei natürlich besonders die eigene, vor allem in Person seiner beiden Söhne Uday und Qusay, transportierten seine Macht und flankierten sie gleichzeitig. Sie bildeten die wichtigsten Puffer bzw. Verbindungsglieder seiner Herrschaft zur Basis. [...>

Familie meint in dieser Hinsicht vor allem den Bidjat-Clan innerhalb des Bu-Nasir-Stammes, dessen zehn Sub-Clans bzw. Großfamilien in und um Takrit siedeln. Zwischen 1968 und seiner Demission, 1979, war die al-Bakr-Sippe des Präsidenten die mächtigste der zehn. Danach erhielt die Abu-Khattab-Großfamilie den prominentesten Platz. Zu ihr gehören Saddam Hussein und seine drei Halbbrüder mütterlicherseits, Barzan, Sibawi und Wathban, sowie die al-Madjid-Familie, insbesondere seine Cousins väterlicherseits. Werden dann noch Saddams Söhne Uday und Qusay in ihren Funktionen hinzugezählt, vermittelt Irak eher das Bild eines Familienunternehmens als eines modernen Staates. Zu den unzweifelhaften Stärken eines derartigen Unternehmens zählt die Kohäsion zwischen den Mitgliedern. Saddams Großfamilie weiß, daß sie entweder mit ihm zusammen herrscht oder untergeht. Gleichzeitig hat die Familienherrschaft in Irak aber auch zwei elementare Nachteile. Zum einen schwächt die Konzentration auf die Familie - wie in kommunizierenden Röhren - die Verbindungen zur übrigen Bevölkerung. Was sich also kurzfristig als Gewinn erweisen mag, ist langfristig sicher ein Nachteil. Zum anderen konserviert eine Familienherrschaft natürlich auch alle bis dahin wirksamen Gebrechen der Stammes- und Sippenstruktur: will heißen, den dauernden Zwist. Mit Saddams Privilegierung der Stämme tauchten in den 1990er Jahren auch die Fehden wieder auf, die seit dem Zweiten Weltkrieg als überwunden galten. Nicht immer erhoben sich Stämme wie die Al Djubur, die 1992 und 1993 glaubten, bei der Verteilung der Pfründen leer ausgegangen zu sein, sondern auch Formationen, die das Regime bis dahin sicher an seiner Seite wähnte. Im Januar 1995 putschten Offiziere der Dulaimi-Familie, weil Uday Hussein die Tochter eines prominenten Mitglieds vergewaltigt hatte. Die Putschisten wurden - wie üblich - liquidiert, aber der Vorfall verunsicherte auch loyale Stämme zutiefst. Zudem war Uday, einmal mehr, destabilisierend wirksam geworden.

Uday steht hinter der Tageszeitung "Babil", über die Meinungen und Sichtweisen des Regimes lanciert werden, die seriöseren - wiewohl ebenfalls zentral gelenkten - Presseorganen zu "heiß" sind. Er steht dem Olympischen Komitee und der Fußballföderation seines Landes vor und befehligt - wie ausgeführt - eine eigene Miliz, die Fedayyin al-Saddam. Im Jahr 2000 wurde er mit 99,99 Prozent der Stimmen ins Parlament gewählt, aber sein Vater verweigerte ihm den Posten des Parlamentspräsidenten: dieser ist automatisch Mitglied des RKR. Dafür war seine Liste der "Missetaten" einfach zu lang. Es waren Udays persönliche Angriffe, die seine Schwäger Hussein und Saddam Kamil samt seinen Schwestern nach Jordanien getrieben hatten. Es war Uday, der seinen Onkel Wathban bei einem Familienstreit in den Fuß schoß. Seine zahllosen Morde und Vergewaltigungen betrafen nicht die engere Familie, aber sie sind fester Bestandteil des Alltagswissens in Irak. Auch wenn es viele Indizein gibt, ist bis heute unbekannt, wer hinter dem Anschlag vom Dezember 1996 stand, dem Uday nur knapp entkam und der ihn bis heute behindert. Saddam begrenzt seinen unberechenbaren ältesten Sohn deshalb auf eher inoffizielle bzw. zeremonielle Bereiche, während er den jüngeren Qusay ganz bewußt zum Nachfolger aufbaut. Daß er Uday dennoch nicht längst gänzlich "aus dem Verkehr gezogen" hat, paßt zur Denkweise Saddam Husseins und seines Regimes. Die unverhohlene Rivalität zwischen den beiden Brüdern gewährleistet, daß Qusay, trotz aller Förderung, nicht zu autonom wird.

Qusay fungiert faktisch als Geheimdienstkoordinator und besitzt damit eine Macht, die er auf seiner Ebene wohl nur noch mit dem persönlichen Sekretär Saddams, Abd al-Hamid Mahmud, teilen muß. Mahmud ist die Person, die bei jedem öffentlichen Auftritt Saddams schräg hinter ihm auszumachen ist. Als einziger in der unmittelbaren Umgebung des Diktators besitzt er die Befugnis, eine geladene Pistole zu tragen. In seiner Funktion als Sekretär und persönlicher Leibwächter kommt er Qusay allerdings nicht in die Quere. Seit August 1999 vertritt dieser seinen Vater auch als Oberbefehlshaber der Streitkräfte und zeichnete bis zur Einteilung Iraks in vier unabhängige Militärzonen Anfang März 2003 auch für die "Nördliche Militärzone" verantwortlich, eine euphemistische Umschreibung der kurdischen Siedlungsgebiete. Bis auf die Außenpolitik kontrolliert Qusay alle entscheidenden Sicherheitsinstrumente des Regimes im Inland. Ohne Übertreibung: nicht eine größere Einheit der irakischen Streitkräfte bewegt sich ohne seine persönliche Erlaubnis. 2001 wurde er auch in die Führung der Ba'thpartei berufen. Qusay gilt als effizient, hart und skrupellos, insgesamt aber nur als blasser Klon seines Vaters. Ähnlich wie im benachbarten Syrien wäre der Machtübergang vom Vater zum Sohn in einem Ba'thregime vielleicht auch in Irak möglich gewesen. Der 11. September 2001 und die darauf folgende Aufnahme Iraks in die "Achse des Bösen" machte dieses Szenario ein für allemal zunichte. Qusay wird nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten, sondern mit ihm untergehen.

Mit freundlicher Genehmigung des C.H. Beck Verlages.

Alle Angaben zum Buch finden Sie hier.