Vorgeblättert

Dubravka Ugresic: Das Ministerium der Schmerzen. Teil 2

25.08.2005.
2.

Zuerst nannten sie mich Frau Professor Lucic, gingen aber bald zu drugarica über. Drugarica bedeutet wörtlich Genossin, war jedoch in Jugoslawien in den ersten Jahrzehnten des Kommunismus die übliche Anrede für die Lehrerin. Dieses drugarica war für meine Studenten eine fröhliche intime Chiffre für die Verbindung mit den Schulbänken, die wir alle längst verlassen hatten, mit der Zeit, die vergangen war, mit dem Land, das es nicht mehr gab. Das war auch kein Wort, sondern das lustige Klingeln der Pawlow schen Glocke. Ich redete sie mit Sie an, nannte sie aber meine Schüler. All das war eine Art humorige Simulation. Weder waren sie Schüler, noch war ich drugarica. Die meisten waren zwischen zwanzig und dreißig und nur wenig jünger als ich. Meliha war so alt wie ich, und Johanneke und Laki etwas älter. Nur dieses Sie ermahnte uns also, die Spielregeln einzuhalten.
     Sie waren mit dem Krieg hergekommen, einige hatten Flüchtlingsstatus, andere nicht. Die Jungen aus Kroatien und Serbien waren vor der Einberufung geflohen. Einige kamen aus den bosnischen und nordkroatischen Kriegsgebieten. Einige waren einfach den anderen gefolgt und geblieben. Einige hatten gehört, dass Holland Flüchtlinge aus Jugoslawien großzügig mit Sozialhilfe und Wohnraum versorgte, und waren gekommen, um die schwache Währung ihres Lebens gegen eine härtere einzutauschen. Einige hatten holländische Partner gefunden. Mario war in Österreich - wohin ihn seine Eltern aus Angst vor der Mobilisierung durch die kroatischen Behörden geschickt hatten - einer Holländerin begegnet, die ihn mitgenommen hatte. "Vielleicht habe ich wegen der Papiere geheiratet und mich nachträglich in die eigene Frau verliebt. Oder ich habe mich zuerst verliebt und dann wegen der Papiere geheiratet, jetzt weiß ich das nicht mehr", erklärte er lachend.
     Boban war mit einer Gruppe älterer Belgraderinnen, Anhängerinnen von Sai Baba, nach Indien gereist. Alles hatte seine Mutter organisiert und finanziert, nur um ihn vorübergehend vor der Mobilisierung zu bewahren. In Indien trennte er sich von der Gruppe, irrte zwei Monate umher, erkrankte an der Ruhr, nahm das erste Flugzeug, landete in Amsterdam, wo er in die Maschine nach Belgrad umsteigen sollte. Und hier in Schiphol, von WC zu WC rennend, kam er plötzlich auf die Idee, politisches Asyl zu beantragen. Damals ging das noch. Ein oder zwei Jahre lang waren die holländischen Behörden großzügig gegenüber allen, die aus Ex-Jugoslawien kamen. Der Krieg war noch immer ein überzeugender Grund. Nur ein paar Monate später veränderten sich die Dinge, und die Tür wurde zugeschlagen.
     Johanneke war Holländerin. Sie sprach fließend Unsrig mit bosnischem Akzent. Ihre Eltern waren Linke, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit den internationalen Jugendbrigaden in Jugoslawien Bahnstrecken und Straßen gebaut hatten. Später reisten sie als Touristen an die Adria. So besuchte Johanneke einmal Sarajevo, verliebte sich in einen Bosnier und blieb. Geschieden, mit zwei kleinen Töchtern, hatte sie jetzt beschlossen, Slawistik zu studieren. Sie war vereidigte Gerichtsdolmetscherin, was sich als sehr nützlich erwies. Denn sie übersetzte und beglaubigte kostenlos alle Dokumente, welche die Schüler benötigten.
     Es gab welche, die ein paar Mal im Unterricht erschienen und dann wegblieben. Laki war aus Zagreb. Er prägte sich mir ein, weil er mich im Unterschied zu den anderen Frau Lucic nannte. Drugarica war wohl für ihn zu jugoslawisch, kommunistisch, unkroatisch. Seine affektierte Zagreber Redeweise ging mir auf die Nerven. Wie so viele war Laki vor dem Krieg wegen des "Kiffens" nach Amsterdam gekommen. Jahrelang studierte er Slawistik, empfing Sozialhilfe und wohnte billig in einer Unterkunft, die ihm die städtischen Behörden zugewiesen hatten. Die Schüler behaupteten, Laki sei ein bezahlter Polizeispitzel, er habe damit geprahlt. Er soll Telefongespräche zwischen Angehörigen der jugoslawischen Mafia abgehört haben, die von der Polizei überwacht wurden. Die Studenten nannten ihn Laki Linguist, weil er angeblich zum Zeitvertreib an einem holländisch-kroatischen Wörterbuch bastelte, für das er keinen Sponsor finden konnte. Das bereits existierende holländisch-serbokroatische Wörterbuch erkannte er nicht an.
     Dann gab es da noch Zole, der bei einem schwulen Holländer, seinem angeblichen Partner, gemeldet war, um die Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, und Darko aus Opatija, der wirklich schwul war. Die holländischen Behörden waren großzügig gegenüber denen, die behaupteten, in ihren Ländern wegen "sexueller Andersartigkeit" verfolgt gewesen zu sein, großzügiger als gegenüber im Krieg vergewaltigten Frauen. Als das ruchbar wurde, schlüpften viele durch diese Lücke. Viele brachen aus wirklichem Unglück auf, um ihr Glück zu versuchen, andere nutzten einfach die Situation. Gewinn und Verlust wurden unter diesen anormalen Bedingungen mit anderem Maß gemessen.

Sie studierten Serbokroatisch, denn das war für sie am leichtesten. Wer kein Flüchtlingsvisum hatte, konnte durch das Studium seinen legalen Aufenthalt verlängern. Einige hatten in der einstigen Heimat eine Fakultät besucht oder absolviert, was hier wenig bedeutete. Serbokroatisch war der einfachste und schnellste Weg zu einem holländischen Diplom, obwohl auch das von wenig Nutzen war. Denen, die andere Sprachen studierten, wie Ana, brachte das Serbokroatisch zusätzliche Punkte, die das Studium erleichterten. Es gab auch solche, die studierten, um an Kredite und Stipendien zu gelangen, und das ging mit Serbokroatisch am leichtesten.
     Sie kamen zurecht. Die meisten "spielten Tennis". Das hieß in ihrem Gruppenjargon "Wohnungen putzen". Dafür gab es fünfzehn Gulden pro Stunde. Einige spülten Geschirr in Restaurants oder kellnerten. Ante spielte für ein paar Münzen Akkordeon auf dem Noordermarkt. Ana sortierte früh am Morgen Briefe bei der Post. Die Arbeit ist nicht schlecht, ich komme mir vor wie der Zwerg in Capeks "Briefträgermärchen", sagte sie.
     Am besten wurde die Schwarzarbeit offenbar im "Ministerium " bezahlt. Einer von den Unsrigen hatte einen Job in einer Werkstatt gefunden, wo Kleidung für Sex-Shops gefertigt wurde, und hatte die anderen nachgezogen. Die Arbeit war nicht schwer. Sie nähten aus Leder, Gummi und Latex Kleidungsstücke für Sadomasochisten und Fetischisten. Igor, Nevena und Selim fuhren dreimal wöchentlich nach Amsterdam Noord. Dort befand sich in der Regulateurstraat die Firma "Demask", die das verzweigte Netz der holländischen Pornoindustrie mit Waren belieferte. Ein S&M-Klub in Den Haag hieß "Ministry of Pain". Darum nannten meine Studenten ihren Job in der Pornoschneiderei "Arbeit im Ministerium". Die S&Ms sind echte Modefreaks. Für sie ist nicht der nackte Körper der schönste Körper. Wäre ich Gucci oder Armani, würde ich das ins Auge fassen, scherzte Igor.

Sie kamen gut zurecht, wenn man bedenkt, woher sie kamen. Das ehemalige Land zogen sie hinter sich her wie eine Schleppe. Die Jugo-Mafia (meine Schüler sprachen sie holländisch als Jucho-Mafia aus) war, wie man erzählte, für ein Drittel der Straftaten in Amsterdam verantwortlich. Diebstahl, Mädchenhandel, Schmuggel, Morde und blutige Abrechnungen füllten die schwarzen Chroniken der holländischen Presse.
     Nur mit ihrer einstigen Heimat kamen sie nicht zurecht. Die Namen Kroatien und Bosnien sprachen sie vorsichtig aus. Das Wort Jugoslawien, das jetzt Serbien und Montenegro bedeutete, machte ihnen Mühe. Die in den Medien zirkulierenden Bezeichnungen wie Klein- oder Restjugoslawien akzeptierten sie nicht.
     Das Jugoslawien, in dem sie geboren und aus dem sie gekommen waren, existierte nicht mehr. Sie nannten es Juga, so hieß es früher unter Gastarbeitern. Die Bezeichnungen Titoland und Titanic kursierten als Witz. Der Name für die Bewohner des verschwundenen Landes war Unsrige, manchmal Jugovici oder Jugos. Die Sprache, derer sie sich bedienten, sofern es nicht um Slowenisch, Mazedonisch oder Albanisch ging, hieß Unsrig. Manchmal auch unsere Sprache.

Teil 3