Vorgeblättert

Dubravka Ugresic: Das Ministerium der Schmerzen. Teil 1

25.08.2005.
1.

Die Nördliche Landschaft hat wie die Wüste etwas Absolutes. Nur ist die Wüste in diesem Fall grün und voller Gewässer. Sonst aber gibt es keine Versuchungen, Rundungen oder Wölbungen. Das Land ist flach, was zu einer extremen Sichtbarkeit der Menschen führt, und dies wiederum wird in deren Verhalten sichtbar & Sie bohren ihre hellen, leuchtenden Blicke in die Augen des anderen und prüfen seine Seele. Es gibt keinerlei Schlupfwinkel. Auch ihre Häuser sind es nicht. Sie machen ihre Vorhänge nicht zu und halten dies für eine Tugend
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     Ces Nooteboom

Ich weiß nicht mehr, wann ich es zum ersten Mal bemerkte. Dass ich an einer Haltestelle stehen konnte, den Blick auf den Stadtplan mit den bunten Straßenbahn- und Buslinien, die ich nicht verstand und die mich kaum interessierten; dass ich gedankenlos dastand und mich auf einmal der Wunsch überkam, mit der Stirn gegen das Glas zu stoßen und mir Schmerz zuzufügen. Und jedes Mal schien es, als würde ich es in der nächsten Sekunde tun ...
     "Sie werden doch nicht, drugarica ...?", sagt er leicht spöttisch und tippt mir mit dem Finger auf die Schulter.
     Ich bilde mir das nur ein. Aber das Bild ist so lebendig, dass ich wirklich seine Stimme höre und seine Berührung fühle.

Es heißt, die Niederländer reden nur, wenn sie etwas zu sagen haben. Hier, wo ich mich, vom Holländischen umgeben, auf Englisch verständige, erlebe ich meine Muttersprache häufig als fremd. Erst seit ich im Ausland lebe, bemerke ich, dass meine Landsleute in einer Art Halbsprache kommunizieren, als verschluckten sie halbe Wörter, als stießen sie Halblaute aus. Meine Muttersprache erlebe ich wie die Mühen eines sprachgestörten Invaliden, der auch den einfachsten Gedanken mit Gesten, Grimassen und Tönen untermalt. Die Gespräche meiner Landsleute kommen mir lang, erschöpfend und nichtig vor. Statt zu sprechen, scheinen sie sich mit Worten zu tätscheln, sich tröstlichen Lautspeichel um die Ohren zu schmieren.
     Darum scheint mir, dass ich erst hier zu sprechen lerne. Das ist nicht leicht, ständig brauche ich Pausen, um nicht mit der Tatsache konfrontiert zu werden, dass ich nicht imstande bin zu sagen, was ich sagen möchte; um nicht vor der Frage zu stehen, ob man mit einer Sprache, die nicht gelernt hat, die Wirklichkeit zu beschreiben, so stark das innere Erlebnis der Wirklichkeit auch sein mag, überhaupt etwas anstellen kann, beispielsweise eine Geschichte erzählen.
     Denn ich war Literaturlehrerin.

In Deutschland angekommen, ließen wir, Goran und ich, uns in Berlin nieder. Es war Gorans Entscheidung, nach Deutschland kam man ohne Visum. Unsere Ersparnisse reichten für ein Jahr. Ich fand mich schnell zurecht. Sittete die Kinder einer amerikanischen Familie. Die Amerikaner zahlten mehr als großzügig und waren nette Leute. Ich fand auch einen kleinen Job in der Staatsbibliothek, einmal wöchentlich, in der Slawistik. Da ich etwas vom Bibliothekswesen verstand, Russisch sprach und in den anderen slawischen Sprachen zurechtkam, fiel mir die Arbeit leicht. Ich wurde schwarz bezahlt, anders ging es nicht. Goran, der an der Mathematischen Fakultät in Zagreb Dozent gewesen war, fand bald Arbeit bei einer Computerfirma, gab sie jedoch nach ein paar Monaten auf. Einer seiner Kollegen war Dozent an einer Fakultät in Tokio geworden und forderte ihn auf, hinzukommen, Arbeit bekäme er sofort. Goran redete lange auf mich ein, mit ihm zu gehen. Ich lehnte ab, weil ich hier, in Westeuropa, meiner Mutter und seinen Eltern näher sei. Es war die Wahrheit. Aber es gab noch eine andere.

Goran konnte sich mit dem, was geschehen war, nicht abfinden. Er war ein exzellenter Mathematiker, beliebt bei den Studenten, und obwohl er eine "neutrale" Wissenschaft betrieb, hatte er über Nacht seinen Job verloren. Erklärungen, dass all das "normal" ist - dass der Durchschnittsmensch sich im Krieg immer auf dieselbe Weise verhält, dass all das vielen geschehen war, den Kroaten in Serbien, den Serben in Kroatien, den Muslimen, Kroaten und Serben in Bosnien, den Juden, Albanern und Roma, dass all das allen und überall in unserem unglücklichen ehemaligen Land geschehen war -, vermochten ihn nicht aus seiner mit Selbstmitleid vermischten Erbitterung zu befreien.

Wäre Goran gewillt gewesen, hätten wir in Deutschland bleiben können. Hier gab es Zehntausende von unsresgleichen. Die Menschen nahmen jede Arbeit an, und das Leben ging weiter, auch die Kinder passten sich an. Wir hatten keine Kinder, vielleicht erleichterte das unsere Entscheidung. Meine Mutter und Gorans Eltern lebten in Zagreb. Unsere Zagreber Wohnung fiel nach unserem Weggang an die kroatische Armee und wurde der Familie eines Soldaten zugeteilt. Gorans Vater versuchte vergeblich, unsere Sachen, wenigstens die Bücher zu retten. Goran war nämlich Serbe und ich wohl sein Tschetnikweib. Es war eine Zeit, in der man für das allgemeine Unglück viele büßen ließ, am meisten die Unschuldigen.

Dennoch, der Krieg hat unsere Verhältnisse viel besser geordnet, als wir das gekonnt hätten. Goran, der Zagreb mit dem festen Vorsatz verlassen hat, möglichst weit weg zu gehen, ist wirklich weit weg, in Tokio. Bald nach seiner Abreise kam die Einladung meiner Bekannten Ines Kadic, bei der Amsterdamer Slawistik zwei Semester Serbokroatisch zu unterrichten. Ines Mann Cees Draaisma war Chef der Abteilung. Es gab sonst niemanden, der so schnell einspringen konnte. Ich nahm die Einladung ohne Zögern an.

Die Abteilung mietete mir eine Wohnung am Oudezijds Kolk. Das war eine kurze Gracht mit nur wenigen Häusern, deren eines Ende am Hauptbahnhof mündete, während das andere sich wie ein Palmwedel in die Zeedijk, eine von Chinesen bewohnte Straße, und in den Oudezijds Voorburgwal und den Oudezijds Achterburgwal, Grachten des Rotlichtviertels, gabelte. Es war eine kleine Souterrainwohnung, wie ein Zimmer in einem billigen Hotel. In Amsterdam sei es schwer, eine Wohnung zu finden, behauptete zumindest die Abteilungssekretärin, und ich fand mich damit ab. Der Stadtteil gefiel mir. Morgens konnte ich entlang der Zeedijk zum Niewmarkt gehen, im Jolly Joker, Theo oder Chao Praya einkehren, einem der Cafes mit Blick auf De Waag. Beim Kaffeetrinken beobachtete ich die Menschen an den Ständen mit Heringen, Gemüse, Käse und frischen Backwaren. In dieser Gegend verkehrten die ver- 14 schiedensten Typen. Hier begann das Rotlichtviertel. Hier waren kleine Dealer unterwegs, Prostituierte, chinesische Hausfrauen, Zuhälter, Drogensüchtige, Trinker, gealterte Hippies, Kramladenbesitzer, Verkäufer und Lieferanten, Touristen, Penner, Schwarzhändler, Obdachlose. Und wenn sich der graue Himmel (der berühmte holländische Himmel) auf die Stadt herabsenkte, genoss ich den trägen Rhythmus der Passanten. Alles wirkte ein bisschen angeschmutzt, marginal, gedämpft, verlangsamt, halb kriminell, aber gelassen im Namen einer höheren Lebensweisheit. Die Fakultät war in der Spuistraat, zehn Minuten zu Fuß von meiner Wohnung. Alles war, zumindest kam es mir anfangs so vor, räumlich perfekt. Und der Altweibersommer zog sich in diesem Jahr bis in den November hinein, so dass mir Amsterdam, so weich, gemächlich und warm, nahe war wie ein Ort an der Adriaküste jenseits der Touristensaison.

Die Geschichte von der Bosnierin hatte ich schon in Berlin gehört. Sie war mit der ganzen Familie auf der Flucht, mit dem Mann, den Kindern, den Schwiegereltern. Dann kam das Gerücht auf, die Flüchtlinge würden nach Bosnien zurückgeschickt. In ihrer Angst bat die Frau ihre Ärztin um eine fingierte Einweisung in die Psychiatrie. Der zweiwöchige Klinikaufenthalt war für die Frau eine Erfahrung der Freiheit, so stark und betäubend, dass sie beschloss, nicht zurückzukehren. Sie verschwand, änderte ihre Identität, wer weiß, was mit ihr geschah, ihre Angehörigen sahen sie nie wieder.
     Ich habe Dutzende solcher Geschichten gehört. Der Krieg war für viele ein Verlust, aber auch ein guter Grund, das alte Leben abzuschütteln und ein neues anzufangen. Der Krieg hat wirklich das Leben der Menschen verändert. Selbst Irrenhaus, Gefängnis und Gerichtssaal wurden zu normalen Varianten. Ich war nicht sicher, wie es um mich stand. Vielleicht suchte auch ich ein Alibi. Ich hatte keinen Flüchtlingsstatus, konnte aber nirgendwohin zurückkehren. Zumindest empfand ich so. Vielleicht diente mir, wie so vielen anderen, fremdes Unglück als Ausrede dafür, nicht zurückzukehren. Andererseits, waren der Zerfall des Landes und der Krieg nicht auch mein persönliches Unglück und Grund genug, wegzugehen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich längst abgereist und noch nirgends angekommen war. Als Goran gegangen war, verspürte ich Erleichterung, aber zugleich einen Verlust und starke Angst. Denn auf einmal war ich ganz allein, mit einem Fachwissen von geringem Wert und Ersparnissen, die nur für ein paar Monate reichten. Ich hatte Jugoslawistik studiert. So war ich mit einer Doktorarbeit über den Gebrauch des kajkavischen Dialekts in Werken kroatischer Schriftsteller und bloß ein paar Jahren Lehrtätigkeit an der Zagreber Pädagogischen Akademie nach Amsterdam geraten. Amsterdam war eine bezahlte Atempause. Was ich danach tun würde, wusste ich nicht.

Teil 2