Vorgeblättert

Colin McAdams: Ein großes Ding. Teil 3

27.08.2004.
Was jene Zeit für Simon denkwürdig machte, war mehr das Gefühl, daß sich etwas veränderte, als eine tatsächliche Veränderung. Es war mehr als der Umzug nach The Glebe. Es war der Schritt in den öffentlichen Dienst, eine Beförderung, ein neuer Posten. Aber es war noch mehr als das. Er wußte, daß jeder Tag mehr und noch mehr bringen würde. Er wußte, daß er jemandem begegnen würde, der hinter seine Augen blicken konnte.

Zum dritten Mal in acht Jahren war er befördert worden, und jetzt war er, dank des Namens Struthers, ernannter Direktor für Planung und Landnutzung in der Abteilung Landeshauptstadt. Seine neuen Kollegen waren intelligente, kompetente Leute, deren Aufgabe es war, bedachtsame Richtlinien zu schaffen, die der Hauptstadt Gestalt verleihen würden. Eine interessante Arbeit, eine verheißungsvolle Zeit.
In jenen Tagen war Ottawa ein trostloses Nest. Es wimmelte von Menschen mit forschendem Intellekt - Anwälte, ausländische Bedienstete, öffentlich Bedienstete - Menschen, die die Welt in einem Memo erfassen konnten, Menschen, die es zu einer wunderbaren Stadt hätten machen können. Doch wenn sie das Büro verließen, fanden sie sehr wenig zu tun. Das Kunstzentrum war fertiggestellt, doch die Aufführungen waren amateurhaft. Nirgendwo konnte man essen, nirgends etwas trinken, nichts, was man dem Schatz an Erfahrungen (anderswo gewonnen) hinzufügen konnte, der es ihnen gestattete, diese Welt in einem Memo zu erfassen.
Simon fand es wunderbar. Das Potential, die leere Leinwand, die leeren Räume überall in der Stadt, die von nichts als Chancen kündeten. Die Bevölkerung wuchs. Die Bürokratie wuchs ebenfalls. Als Simons Vater und seine Freunde den öffentlichen Dienst einführten, lebten nur 130000 Menschen in der Stadt. Als dann Simons eigene Karriere anlief, gab es so viele allein im öffentlichen Dienst. Zehntausende fähiger Geister - aber noch immer wirkte die Stadt leer.
Etwas würde platzen.
Um seine Geschichte zu erzählen, könnte man überall beginnen. Ich könnte mit ihm als Teenager beginnen, als manche Angewohnheiten sich bildeten. Ich könnte früher anfangen, in der Kindheit, als seine Sicht der Welt als einem Reservoir möglicher Fiktionen sich nach und nach in den Fasern seines Körpers festsetzte. Doch diese spätere Zeit ragt heraus.

Er war Mitglied im Shakespeare-Club, im Tanz-Club, im Speise-Club. Sommers trat er dem Fünf-Seen-Angel-Club bei, an dessen Gründung sein Vater Anteil gehabt hatte. Er kannte nahezu jeden. Er pflegte Umgang mit alten Freunden aus Cambridge wie Evelyn und Paul Overington (Evelyn und ihr Cocktailkleid!), Belinda und Henry Martin (Belinda in ihrem Badekostüm, "Bitte nicht, Simon!"). Eine Weile stand er manchen nahe.
Jeder kannte Simon. Sie kannten den Namen Struthers. Manche glaubten, ihn gut zu kennen, aber wie, das konnte keiner sagen.

Ein gutes Restaurant gab es, außerhalb der Stadt, jenseits des Flusses, Madame Berger?s, wo verzweifelte Menschen mit Geschmack sich einfanden, um, wie Leonard Schutz es formulierte, "die feineren Früchte der Erde und des menschlichen Erfindungsreichtums" zu verkosten. Leonard war einer von Simons neuen Kollegen.
Eines Abends wurde Simon von Leonard eingeladen, sich einem gemeinsamen Besuch seiner neuen Kollegen in diesem Restaurant anzuschließen, und das war der Abend, an dem er erstmals Kwyets Namen hörte.

Bei Madame Berger?s, Donnerstag, sieben Uhr, der Tisch flach und fahl wie ein Holzspatel, sagen wir mal, aah, wie schön, daß wir hier alle versammelt sind, nämlich:

1 Leonard Schutz, paffend
1 Eleanor Thomas, finster
1 Randolph James III, zu viele
1 Matty Schutz, strahlend (!)
1 Renee, der obigen nicht ebenbürtig
1 Simon Struthers, schmachtend
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6 fröhliche Bürger, die sich zum Speisen eingefunden haben.

Der öffentliche Dienst im allgemeinen und die Abteilung im besonderen bestanden aus Menschen, die in einer unaufhörlichen Schlacht zwischen Unsicherheit und Selbsterhöhung gefangen waren. Die meisten wußten, daß sie wichtig waren, fanden für gewöhnlich jedoch keinen realen Beweis dafür, also blähten sie sich auf. Und sie waren im Zweifel über die jeweils anderen. Manche trotzten ihren Schwierigkeiten besser als andere, und um den Tisch an jenem Abend saß eine gute Auswahl derer, die zurechtkamen, und derer, die überfordert waren. Zusätzlich zu Simon und Leonard waren auch Eleanor Thomas, Renee le Mesurier und Randolph James III da und dann noch Leonards Frau Matty (nicht im öffentlichen Dienst).
Anfangs betrachtete Simon Matty mit Argwohn, weil er nicht begreifen konnte, daß eine so frische, überladene Blume neben Leonards verrotteter Eiche blühte.
Die Getränke wurden gereicht, und Leonard erklärte eine Art Ritual, dem sie an solchen Abenden immer folgten. Vor jedem Gang wurde eine andere Person dazu ausersehen, über ein zuvor von allen bestimmtes Thema zu sprechen, eine Geschichte darüber zu erzählen. Leonard schlug vor, sie sollten alle übers Essen sprechen, weil das seine größte Passion war. Und so kam bei jedem Gang eine andere Geschichte übers Essen.
Leonard wurde ausersehen, beim Hauptgang zu sprechen, und entsprechend gehaltvoll war auch seine Geschichte.
Und dann sprach Matty - Matty zum Dessert -, ein süßes Ende und ein Auftakt zu allem Süßen.
"Ich kann nicht gut Geschichten erzählen", sagte sie. "Tut mir leid.
Ich weiß nicht, ob Leonard euch gegenüber viel von ihr spricht, aber wir haben eine Tochter namens Kwyet. Sie ist fünfzehn. Immer wenn ich an etwas denke, denke ich an sie. Das ist jetzt nicht einfach nur die Mutter in mir. Kwyet ist ... Was ich sagen will, wenn ich übers Essen sprechen soll ...
Als Kwyet acht war, brachte ihr ein kleiner Junge aus ihrer Klasse einen billigen Metallring vom Postamt, weil er sie liebte. Sie liebte ihn nicht, war aber zu freundlich, es ihm zu sagen, und so verschluckte sie den Ring aus irgendeinem Grund vor seinen Augen und vergiftete sich mit dem Blei darin.
Das ist ja wohl eine Geschichte übers Essen, aber eigentlich ist sie ja zu kurz.
Natürlich ist sie schön.
Vor ein paar Jahren hatten wir mit Kwyet ein lustiges kleines Erlebnis. Eigentlich weiß Ich gar nicht, ob es lustig ist, aber ich erzähle es mal schnell.
Kwyet hat immer Schwierigkeiten, sich für etwas zu entscheiden. Immer, wenn sie eine Wahl treffen muß, macht sie so ein verwirrtes, vages Gesichtchen. Also, zwei verschiedene Freundinnen von ihr luden sie zu sich nach Hause zum Essen ein. Die eine sagte: 'Komm am Samstag, dann bestellt mein Dad eine Pizza', und die andere sagte: 'Komm am Samstag, dann macht meine Mom einen Schokoladenpudding.'
Es war eine schwere Wahl, also sagte sie zu beiden, sie werde kommen, und den ganzen Samstag beobachtete ich, wie ihr Gesicht ganz blaß wurde - wenn sie ein Buch las, gingen ihre Augenbrauen in unterschiedliche Richtungen, die eine zur Pizza, die andere zum Schokoladenpudding. Auch die Wahl zwischen den Freundinnen war schwer. Die Freundinnen haßten einander, liebten aber Kwyet, und sie mochte beide gleich gern. Am Samstag nachmittag dann setzte ich sie unter Druck, sie solle sich entscheiden, wohin sie nun gehen wollte. Es wurde immer später, und ich fand, daß sie beiden Elternpaaren gegenüber unhöflich war.
Sie ging hinaus, und ich sah, wie sie die Straße auf und ab lief, vielleicht sehen wollte, welche Richtung sich besser anfühlte. Manchmal wirkt sie ein bißchen schlicht. Schließlich kam sie wieder herein und rief beide an, und statt sich für eine zu entscheiden, entschied sie sich gegen beide. Sie blieb zu Hause und mußte etwas essen, das Leonard kochte. Was war das noch mal?"
"Ente. Zwei gebratene Enten. Ich mache immer zwei, weil sie klein sind. Eine für drei ..."
"Und dann fragte mich die arme kleine Kwyet später, ob sie die beiden am folgenden Samstag zu Pizza und Schokoladenpudding einladen könne. Sie lud sie beide ein, und gleich danach fiel ihr ein, daß die ja einander haßten. Die ganze Woche hatte sie wieder das gleiche Problem. Und das gleiche Gesichtchen. Sie konnte es nicht über sich bringen, die eine oder andere wieder auszuladen, und nichts, was ich ihr vorschlug, war ihr eine Hilfe. Der Samstag kam, und den ganzen Tag war sie stumm. Ich versuchte, den Schokoladenpudding diskret zu machen, damit es ihr nicht so vorkam, als sei es unausweichlich. Und wieder wurde es immer später, bis es dann eben zu spät war.
Beide Mädchen trafen genau zur selben Zeit an der Tür ein, beide waren irgendwie blaß und höflich, als ich die Tür öffnete. Das Komische ... das Erstaunliche war, daß Kwyet den ganzen Abend keinen Ton sagte. Der unentschiedene Blick war verschwunden, aber dafür hatte sie einen anderen, noch eigenartigeren Blick, den sie manchmal hat und den ich nicht beschreiben kann. Sie wirkte freundlich und lächelte ihre Freundinnen an und so weiter, aber eigentlich sagte sie kein Wort.
Ich bestellte eine Pizza und setzte mich eine Weile zu ihnen. Ich glaube, vielleicht war es ja die Pizza. Als sie mit der Pizza begannen, scherzten die beiden Mädchen auf einmal miteinander und lachten, und Kwyet hatte nichts mit ihnen zu tun. Sie saß einfach da, zurückgelehnt, und lächelte. Sie aß nicht einmal viel. Als ich dann den Pudding hereinbrachte, waren sie so gute Freundinnen, daß ich nicht dabeisein wollte. Sie wissen ja, wie kicherig die sein können.
Kwyet aß einen Löffel Pudding. Ich sehe es noch vor mir, ein Löffel Pudding fehlte in der Schüssel."

Wissen Sie, da war sie erst ein Name. Mehr noch, der Name der Stille - er wußte ja noch nicht, wie sie sich schrieb.
Packen Sie ein Wort, und rütteln Sie an seinem Knochenkäfig, dann verstehen Sie Kwyet.

Und tatsächlich war sie ja auch nur ein Name, nur ein kleines Mädchen - für Simon von nicht mehr Interesse denn als der Gegenstand von Mattys Geschichte. Matty dagegen war es, die betörte, Matty, die den Geist in seiner Hose bis zum Zerreißen spannte. Ihr Mund, der mit dem Satz reizt: "Ein Löffel Pudding fehlte in der Schüssel", ein lächelnder, küssender, verschmitzter Mund, "ein Löffel Pudding."
Keine besondere Geschichte, an sich auch kein besonderer Abend, der keine besondere Vorstellung von der Geschichte eines Mannes vermittelt, der gar nichts Besonderes ist. Doch es war der Abend, an dem er Matty begegnete. Es war der Abend, an dem er seine Affäre mit Renee begann. Er hatte Folgen. Matty erzählte ihre Geschichte, das Essen ging zu Ende, Simon fuhr Renee nach Hause und küßte sie in seinem Auto.
Vielleicht sollte ich direkter sein.
Seiner Personalakte, die er später ebenso wie die seiner Kollegen frisiert hat, können Sie die Geschichte von Struthers, Simon entnehmen:

Geburtsdatum: 3. April 1936
Geburtsort: Ottawa, Ontario
Mädchenname der Mutter: Morgan
Beruf des Vaters: Parlamentsabgeordneter für Kingston und die Inseln, Finanzminister, Außenminister, verstorben
Ausbildung: MA (Cantab.)
Interessen: keine erkennbaren
Allgemeine Bemerkungen zu Charakter und Leistung: Mr. Struthers ist ein Mitarbeiter von unschätzbarem Wert, und unserer Meinung nach wird er jeden Moment in seiner ganzen Herrlichkeit aufschießen wie ein Brunnen in Versailles.

Mit freundlicher Genehmigung des Wagenbach-Verlages

Informationen zum Buch und Autor finden Sie hier