Vorgeblättert

Attila Bartis: Die Ruhe. Teil 2

01.08.2005. ".....vierzig Minuten Warten in der ungarischen Pußta kommt für mich vierzig Tagen gleich. Selbst die unfruchtbarste Steinwüste ist mir lieber als Europas Kornkammer. Eigentlich hasse ich die wogenden Kornfelder, auch wenn ich dafür keinen besonderen Grund habe, es ist nun mal so. Es gibt Leute, die Berge nicht leiden können, andere das Meer, ich kann die Pußta nicht leiden, das ist alles. Attila Bartis' Roman "Die Ruhe"
Der Bahnwärter nahm mich mit nach Hause, dort verbrachte ich die Nacht, und sooft er hinausging, um die Weichen zu stellen, wechselte mir seine Frau die Umschläge.
     - Das ist der Mitternachtsexpreß, sagte sie und legte mir das mit Brunnenwasser getränkte Tuch auf die Stirn.
     - Das ist jetzt der 1 Uhr 20er, der Personenzug, sagte sie und tauchte den Lappen wieder in den Eimer. Und beim Güterzug um 3 Uhr 15 brüllte ich, deine Titten sind salzig, du Schlampe, worauf sie in Tränen ausbrach und ihren Mann anflehte, sich aufs Rad zu setzen und einen Arzt zu holen, aber er sagte, ein Arzt sei völlig überflüssig, denn das ginge niemanden etwas an, nur mich und sie, der ich das zugebrüllt hätte.
     Vom Rattern des 10 Uhr 45ers wachte ich auf, mir fehlte nichts mehr, der Bahnwärter schlummerte, ans Fensterbrett mit den Geranien gelehnt, auf einem Stuhl, die Eisenbahnermütze, die ihm in den Nacken gerutscht war, schützte ihn vor der Sommersonne, und die Frau stellte mir Rührei mit Zwiebeln und einen Becher Tee hin, setzte sich ans andere Ende des Tisches und sah mir stumm beim Essen zu, während sie Erbsen oder Bohnen enthülste. Minutenlang war nichts zu hören als das Schnarchen des Bahnwärters, das Geprassel der Erbsen oder Bohnen in derWaschschüssel und das Klappern meines Bestecks auf dem Teller, als erfüllten diese drei Geräusche das Universum seit Anbeginn der Zeiten. Und immer, wenn in der Hand der Frau eine neueHülse aufsprang, schlug dieGabel gegen denTonteller, zu dritt spielten wir diese Musik, die das Universum erfüllte, bis dasWeichensignal ertönte, mein Rührei aufgegessen oder die Schüssel mit Bohnen gefüllt war, daran erinnere ich mich nicht mehr, aber das ist auch egal.
     - Haben Sie Zigaretten? fragte die Frau.
     - Ich kaufe mir welche im Speisewagen, sagte ich.
     - Es gibt keinen Speisewagen, sagte sie und nahm ihrem Mann drei Symphonia aus der Jackentasche.
     - Danke, sagte ich.
     - Stecken Sie das auch noch ein, sagte sie und füllte Nescafe in eine leere Plastikflasche.
     - Danke, sagte ich.
     - Geben Sie auf sich acht, sagte sie.
     - Danke, sagte ich, und schon brachte mich der 12 Uhr 10er, der Personenzug, zurück nach Budapest, dabei war es mir gelungen, mir für einen Moment vorzustellen, nein, nie wieder, daß die Ungarische Staatsbahn sicher noch so eine Einzimmer-Dienstwohnung haben würde, mit einem kleinen Dienstgarten, irgendwo, an einem Eisenbahnabzweig.
     Und als ich nach Hause kam, weigerte sich meine Mutter, mich zu begrüßen, weil ich einen halben Tag zu spät gekommen war. Sie saß einfach nur drüben vor dem flimmernden Bildschirm, rührte geräuschvoll in ihrem Pfefferminztee, nahm ihre Baldriantropfen, rückte sich vor dem aus ihrer einstigen Theatergarderobe entwendeten Spiegel den seidenen Morgenrock zurecht, rasselte im Vorzimmer mit den beiden Sicherheitsketten und blieb schließlich vor meiner Tür stehen. Minutenlang hörte ich ihren keuchenden Atem, spürte den Mandelgeruch ihres Schweißes und wußte, daß sie jetzt ihr Sprüchlein vorbereitete, und auch ich legte den Stift beiseite und formulierte schon im voraus, wie es bei uns so üblich war, dann endlich klopfte sie.
     Wowarstdumeinsohn, fragte sie, dabei wußte sie genau, wo ich gewesen war.
     Ich hatte eine Lesung auf dem Land, Mutter.
     Ich verbiete dir, daß du diesen Haufen Müll vorliest.
     Wieso Müll, Mutter?
     Das weißt du genau. Schreib keine Nekrologemehr über mich. Das sind Novellen, Mutter. Das ist ekelhaft, was du da schreibst.Müll. Erbärmlicher Müll. Nichts als Ausgeburten deiner kaputten Phantasie.


     Möglich, Mutter. Vielleicht haben Sie recht, aber gehen Sie jetzt schlafen, es ist schon nach drei, sagte ich, aus ihrer Sicht hatte sie sogar recht, schließlich dachte selbst der Großteil meiner Bekannten, meine Mutter sei seit Jahren tot. Ihr Andenken war vom Efeu anerkennender Kritiken überwuchert, blasse Geliebte einer Nacht versuchten mich über sie auszuhorchen, ich aber stand auf, statt zu antworten, zog mich an und fragte, wo die nächste Bushaltestelle sei, es hätte nicht den geringsten Sinn gehabt, zwischen einem Koitus und dem nächsten zu erzählen, daß esmeiner Mutter gutgehe, danke schön, nur habe sie eben seit Jahren keinen Schritt mehr vor die Wohnungstür gesetzt, nicht einmal auf den Gang.

Eine einfache Fahrt, sagte ich am Ostbahnhof zu der Frau am Schalter, denn sie wollte mir eine Rückfahrkarte geben, ich kaufte aber nie eine Rückfahrkarte. Noch dazu hatte ich mich im Fahrplan geirrt, es stellte sich heraus, daß ich mit diesem Zug irgendwo mitten in der Tiefebene umsteigen mußte, einen Moment lang überlegte ich sogar, ob ich anrufen oder ein Telegramm schicken und unter Berufung auf eine plötzliche Krankheit die Lesung absagen sollte, denn vierzig Minuten Warten in der ungarischen Pußta kommt für mich vierzig Tagen gleich. Selbst die unfruchtbarste Steinwüste ist mir lieber als Europas Kornkammer. Eigentlich hasse ich die wogenden Kornfelder, auch wenn ich dafür keinen besonderen Grund habe, es ist nun mal so. Es gibt Leute, die Berge nicht leiden können, andere das Meer, ich kann die Pußta nicht leiden, das ist alles. Es stellte sich also heraus, daß ich umsteigen mußte, und am liebsten wäre ich wieder umgekehrt, aber mir fiel das erbärmliche Gekeife der vorigen Nacht ein, und da sagte ich zu der Frau, daß ich die Karte doch nehme, und beruhigte mich damit, daß mir diese vierzig MinutenWartezeit sogar ganz guttun würden, so hätte ich wenigstens Zeit, den Text noch einmal durchzusehen, den ich am Abend lesen wollte. Dann fiel mir ein, daß Judit damals genau von diesem Gleis nach Belgrad abgefahren war und daß das in diesen Tagen fünfzehn Jahre her war. Daß ich seit rund fünfzehn Jahren meiner Mutter aus der Apotheke Vitamine und Baldriantropfen heranschleppte, aus der Drogerie Lippenstifte, Nagellacke und Haarfärbemittel, daß sie seit fünfzehn Jahren im grauen Schein des Fernsehers saß oder vor den blinden Flecken im Spiegel stand. Im Grunde war sie schon seit Jahren tot. Eine ordinäre Leiche, deren Geruch mit Pfefferminzaufguß bekämpft wird und der man die Haut mit Make-up menschenfarben tüncht. Eine Leiche, die mit uralten Traueranzeigen Patiencen legt. Eine Leiche, die fünfzehn Jahrgänge Funk und Bild, Apothekenbote und Leben und Wissenschaft komplett gesammelt hat. Die diese billigen Zeitschriften im Dienstbotenzimmer stapelt, zusammen mit den Vielleicht-sind-die-noch-für-etwas-gut-Gläschen und den Schade-drum-sie-sind-doch-so-schön-Pralinenschachteln. Das war schließlich ihr Leben: Sie sammelte Krimskrams und stand im Briefwechsel mitmeiner großen Schwester, ohne zu ahnen, daß sie nur noch mit mir Briefe wechselte. Daß vielleicht nicht einmal Experten die Schrift meiner linken Hand von den scharfen, unbarmherzigen Buchstaben der rechten Hand meiner Schwester hätten unterscheiden können. Und daß meine Bekannten die Briefe aus Antwerpen, Bombay oder New York abschickten, weil ich ihnen vorlog, ich würde Briefumschläge mit ausländischen Poststempeln sammeln.

Die letzte Postkarte, die Judit noch selbst geschickt hatte, war vor fünfzehn Jahren angekommen: Verehrte Mutter, wenn Sie mich zu sehen wünschen, dann lassen Sie sich, wenn es soweit ist, die Augen nicht schließen, schrieb sie aus Caracas, und von da an kamen nur noch Überweisungen einer Züricher Bank, jeweils am Siebten des Monats, mit der Pünktlichkeit eines Schweizer Uhrwerks und der Verschwiegenheit des Schweizer Bankgeheimnisses, denn fünfhundert Franken monatlich stehen selbst der niederträchtigsten Mutter noch zu. So schrieb ich also seit Caracas Briefe mit der linken Hand und achtete darauf, daß sie weder Vergebung noch die Forderung nach Rechenschaft enthielten, sie waren von mir nur als Lebenszeichen von einer lebendig begrabenen Tochter an ihre Mutter gedacht, die sich lebendig begraben hatte. Verehrte Mutter, diesen Monat habe ich drei Auftritte in Stockholm, gegen Weihnachten schreibe ich wieder, Grüße an meinen Bruder und natürlich auch an Sie, schrieb meine linke Hand - denn am folgenden Tag fuhr jemand nach Stockholm -, und meine rechte zerkrümelte den Zigarettenstummel im Aschenbecher.

Einige Wochen nach der unsäglichen Beerdigung meiner Schwester war bereits klar, daß meine Mutter die Wohnung nicht nur wegen ihrer Migräne nicht mehr verließ, sondern daß sie niemals wieder einen Schritt vor die Tür setzen würde. Daß sie von nun an in einer zweiundachtzig Quadratmeter großen, mit gestohlenen Theaterrequisiten eingerichteten Gruft in Nordlage leben würde, wo der Sessel von Lady Macbeth stand, das Bett von Laura Lenbach und die Kommode von Anna Karenina. Wo selbst die Klobrille aus einer durchgefallenen Inszenierung stammte und an der Kette der Klospülung die Goldquaste von der Kordel des eisernen Vorhangs baumelte. Damals dachte ich, ein paar Briefe würden vielleicht helfen, nur mit einem hatte ich nicht gerechnet, nämlich daß meine Mutter sie beantworten würde. Daß sie mit ihrer für tot erklärten, auf unsägliche Weise beerdigten Tochter einen Briefwechsel anfangen würde. Das war mir gar nicht in den Sinn gekommen, es war einfach nicht logisch, und damals verließ ich mich noch auf die Logik wie auf einen Blindenhund oder vielmehr wie auf einen gründlich gewarteten Rollstuhl, der einen nie im Stich läßt. Ich hätte schwören können, daß die Logik unser Handeln leitet, und ich hätte sogar die Kette von Ursache und Wirkung aufzeichnen können, die unser Leben bis dahin bestimmt hatte: Was auf welchen Satz gefolgt, was welcher Geste vorausgegangen war, denn ich glaube geradezu besessen an derlei Dinge. Ich legte mir Skizzen an, machte Notizen und listete alles auf, von der Emigration meiner Schwester bis zu der letzten Postkarte aus Caracas. Von dem Moment, da sie neunzehnjährig, mit nichts als ihrer Meistergeige in der Hand, nachts das Hotel in Belgrad und zwei Tage später den Kontinent verlassen hatte, bis zu dem Tag, da meine Mutter sie für tot erklärt und die Beerdigung ihrer Tochter auf dem Kerepeser Friedhof inszeniert hatte, im hintersten Winkel, bei den von Efeu überwucherten Kindergräbern.

Dann brachte ich es plötzlich nicht mehr fertig zu schreiben, daß ich im Kölner Dom einen Auftritt haben würde, nicht etwa, weil ich im Kölner Dom keinen Auftritt hatte, sondern weil meine Mutter nach dem dritten oder vierten Brief anfing, Judit zu antworten.
     Bring das bitte zur Post, mein Sohn, sagte sie.
     Natürlich, Mutter, ich muß sowieso in die Richtung, sagte ich, und das Blut gefror mir in den Adern. Von da an stapelten sich ihre ungeöffneten Antwortbriefe in der Schublade meines Schreibtischs, schließlich hatte ich keinen Grund, die an Nirgendwo-Hotels und an Niegewesen- Konzertsäle adressierten Umschläge zur Post zu bringen. Und ich wußte, daß ich diese Briefe nicht lesen durfte, denn vielleicht stand etwas darin, das ich nicht wortlos übergehen konnte, und dann würde sich herausstellen, daß sie seit Monaten nicht mit ihrer lebendig begrabenen Tochter im Briefwechsel stand, sondern mit mir.

Einmal, auf dem Weg zum Einkaufen, warf ich die für Paris, Venedig und Kairo bestimmten Briefe in den Müll, ich war schon an der Ecke, als ich hinter dem Museumsgarten den Lastwagen der Müllabfuhr hörte, und da rannte ich wieder zurück, um die Briefe aus dem Hausmüll zu fischen.
     - Moment! schrie ich dem Mann im phosphoreszierenden Kittel zu, denn er war schon dabei, den Mülleimer an die hydraulische Hebevorrichtung zu hängen. Er war nicht sonderlich überrascht, wahrscheinlich kommt es häufiger vor, daß jemand dem Rachen der Häckselmaschine entreißen will, was er Minuten zuvor in den Abfall geworfen hat.
     - Haben Sie alles? fragte er, als ich die mit Kaffeesatz beschmierten Umschläge herausgewühlt hatte. Ja, ich habe alles, sagte ich, und auf diese Weise hatte sich herausgestellt, daß ich die Antworten meiner Mutter weder zu lesen noch wegzuwerfen in der Lage war, und ich wußte, daß ich damit endlich aufhören mußte, schließlich war das Ganze sowieso völlig sinnlos: Egal, ob Judit fast jeden Monat schrieb, meine Mutter öffnete nicht einmal die Fensterläden.
     Ein paar Tage später fuhr dann jemand nach Köln, und ich brachte es nicht fertig, zu schreiben, Verehrte Mutter, ich werde im Kölner Dom auftreten, schon da also hatte ich eigentlich mit dieser erbärmlichen Lügerei Schluß machen wollen, aber eines Nachts kam sie mit zerwühltem Haar und zerkauten Lippen in mein Zimmer gerannt und brüllte mich an, wie ich es wagen könne, ihre Post verschwinden zu lassen. Sie verlangte, daß ich ihr auf der Stelle die Briefe ihrer Tochter zurückgab, und ich sagte, beruhigen Sie sich Mutter, Judit konzertiert sicher irgendwo in Sydney oder in Neukaledonien, und von dort braucht die Post länger. Dann schrieb meine Schwester anderthalb Wochen später aus Istanbul, denn Pinte´rs vom Erdgeschoß links kauften ihre Lederjacken neuerdings in Istanbul statt in Warschau.

Vermutlich wäre es besser gewesen, statt bei den Pinters eine blöde Lederjacke zu bestellen, nur um sie ganz nebenbei zu bitten, einen Brief für mich zur Post zu bringen, mit dem Ganzen aufzuhören, aber dazu war ich nicht imstande. Eigentlich war ich meiner Mutter sogar dankbar, daß sie Judits Briefe einforderte. Ich wartete fast schon genauso sehnsüchtig auf die Post wie sie, schließlich hatten wir es uns angewöhnt, daß ich den Umschlag öffnete und wir dann die paar Zeilen gemeinsam in der Küche lasen.
     Verehrte Mutter, diese Woche gebe ich drei Konzerte in Tel Aviv, von dort fahre ich nach Damaskus. Grüße an meinen Bruder, schrieb Judit, denn ich hatte keine Ahnung, daß diese Unglücksraben nur Waffenstillstand geschlossen hatten, was ja in gewissem Sinn noch Krieg ist. Daß Touristen wählen mußten: entweder Israel oder Syrien. Und das erfuhren auch die Brenners erst auf der syrischen Botschaft, wo der Konsul sie in hohem Bogen hinausbeförderte, als er in ihren Pässen die israelischen Visa entdeckte. Aber da sie die beiden Umschläge schon mal dabeihatten, warfen sie Judits Brief aus Damaskus in Haifa ein, so würde ich wenigstens zwei jüdische Poststempel bekommen, dachten sie, und meine Mutter merkte zum Glück nichts, denn sie hatte nicht viel Ahnung von dem Unterschied zwischen den hebräischen und den arabischen Schriftzeichen. Sie merkte nichts, sondern holte den Weltatlas, den ich ihr besorgt hatte, und ich half ihr, Damaskus zu finden, worauf sie dann mit schwarzem Filzstift bei der Stadt ein Kreuzchen machte. Der Atlas war mittlerweile von Kreuzchen und Daten übersät, ganz wie ein Gesellschaftsspiel, eine Art Monopoly, nur daß es hier keine Mietshäuser gab, sondern Konzertsäle und Luxushotels, keine Bahnhöfe, sondern Lufthansa oder KLM, und wir würfelten auch nicht, sondern warteten auf den Postboten. So also bereiste meine Schwester auf einem Atlas, der auf dem Küchentisch lag, die Welt wie eine Spielfigur aus Plastik, meine Mutter zog, während ich sagte, wohin. Und jahrelang machte ich mich darauf gefaßt, einmal bei Budapest ein Kreuzchen machen zu müssen, damit wäre das Spiel aus, denn so war es logisch, aber dann stellte sich heraus, daß ich mich auch darin verrechnet hatte.

Teil 3