Vorgeblättert

Attila Bartis: Die Ruhe. Teil 1

01.08.2005.
Samstagvormittag um elf war die Beerdigung, dabei hätte ich lieber ein paar Tage länger damit gewartet, vielleicht würde Eszter ja noch kommen, aber eine weitere Aufbewahrung im Kühlraum war auch gegen Aufpreis nicht möglich, die Frau im Büro berief sich auf irgendeine neue Verordnung und fragte, warum ich sie nicht einäschern ließe, das sei doch billiger und auch viel praktischer, ich könne einen Zeitpunkt wählen, der allen in der Familie passe, worauf ich nur sagte, ich verbrenne meine Mutter nicht, dann soll es von mir aus am Samstag sein, und ich bezahlte für die drei Tage Aufbewahrung im voraus, worüber sie mir eine Quittung ausstellte, schließlich trug sie "siebenhundertvier - mit Sarg - Samstag - Kerepeser Friedhof" in das Auftragsbuch ein, legte mir irgendwelche Papiere vor und zeigte mit dem Kugelschreiber, wo ich unterschreiben sollte.

Als mir die Frau im Büro die Einäscherung vorschlug, wurde ich übrigens einen Moment unsicher, denn mir fielen die hysterischen Turnvorführungen meiner Mutter ein. Schau, so setzen sie sich alle auf, sagte sie immer, klammerte sich an die Lehne des Thonetstuhls neben ihrem Bett und machte vor, wie die Toten im Ofen sich aufsetzen, denn sie hatte ein paar Monate zuvor einen Bericht darüber gesehen, und seither fing sie fast jeden Morgen wieder damit an, doch ich sagte, beruhigen Sie sich, Mutter, Sie werden nicht verbrannt, und Vorsicht, Ihr Tee kippt noch um, aber ein paar Tage später fing sie wieder von vorne an, die Einäscherung sei gottlos, und ich wußte, sie hatte Angst, wer verbrannt werde, könne nicht auferstehen, und im Grunde gefiel mir das, denn ihr ganzes beschissenes Leben lang hatte sie mit Gott nie etwas am Hut gehabt. Zuletzt forderte sie sogar, ich solle schwören, daß sie nicht ins Krematorium komme, sie verbiete es, daßman sie verbrenne, worauf ich sagte, daß ich gar nichts schwöre, zum Glück könne sie ja noch laufen, sie solle doch zum Notar gehen, dort könne sie es schriftlich haben, daß man sie nicht verbrennen dürfe, und erst dann hörte sie auf, denn seit fünfzehn Jahren hatte sie panische Angst, auch nur einen einzigen Schritt aus der Wohnung zu tun.

Einen Moment lang stellte ich mir vor, wie sie sich aufsetzte, jetzt allerdings, ohne sich am Thonetstuhl festzuhalten, aber dann fiel mir Eszter ein, daß sie vielleicht doch noch zurückkommen würde, denn ich hätte es gern gehabt, daß sie den verschrumpelten Körper sah, die verkrampften Finger mit den in der letzten Nacht bis zum Nagelbett heruntergebissenen Fingernägeln, daran die sieben Gedenkringe, vom Gedenkring "Julia der Saison" über den "Gedenkring der Freunde der Poesie" bis zum "Gedenkring des Moskauer Theaterfestivals", Ringe, von denen längst die Vergoldung abgegangen war und die ihre Finger grün oder schwarz verfärbt hatten, je nachdem, ob sie aus Kupfer oder aus Aluminium waren. Ich wünschte, sie hätte das vom Haarspray verklebte, strohgelbe Haar gesehen, auf dem sich die Farbe von Jahr zu Jahr ungleichmäßiger verteilte, während die aschgraue Kopfhaut bereits durchschimmerte, die von der Leichenstarre wieder prallen Brüste, die sie damals, nach kaum anderthalb Monaten Stillzeit, mit Salz eingerieben hatte, damit die Brustwarzen nicht schlaff wurden, vor allem aber wünschte ich mir, sie hätte den Blick der Toten gesehen, jenen Blick, der sich in nichts von dem zu Lebzeiten unterschied und dessen bläuliches Schimmern von Samstag an in der Tiefe eines seit fünfzehn Jahren leer stehenden Grabes leuchten würde, denn man konnte ihr die Augen nicht schließen.

Eine Todesanzeige war überflüssig, schließlich hatte sie schon seit anderthalb Jahrzehnten keine Bekannten mehr, und ich wollte nicht, daß außer Eszter noch jemand zum Friedhof käme. überhaupt hasse ich Todesanzeigen, in der Schublade meiner Mutter gab es mindestens dreißig davon. Man hatte vergessen, ihren Namen von verschiedenen Protokoll- Listen zu streichen, und so hatte der Postbote ihr sogar vorletztes Jahr noch eine gebracht, die sie sich tagelang anschaute: Der arme kleine Winkler, was für ein geschickter Harpagon er doch war, ist das Leben nicht furchtbar, selbst ein so hervorragender Schauspieler . . . Ausnahmen gibt es nicht. Schrecklich. Einfach schrecklich. Vergiß das nie, mein Sohn, heuteWinkler, morgen du. Pardon wird nicht gegeben.
     Und manchmal kramte sie eine nach der anderen aus der Schublade hervor und legte sie nebeneinander auf den Schreibtisch, nach Art einer Patience. Vomvielen Anfassen waren sie schon ganz speckig, wie dieWahrsagekarten der Zigeunerinnen, nur konnte man ihnen den Zeitpunkt des Todes viel genauer entnehmen, und ob plötzlich und unerwartet oder nach langem Leiden. Stundenlang ordnete sie die schwarz umrandeten Karten nach Todesdatum, Lebensalter oder Religionszugehörigkeit und trank dabei ihren Pfefferminztee.
     Die Protestanten leben im Durchschnitt sechseinhalb Jahre kürzer als wir. Das kann kein Zufall sein. So etwas ist ganz bestimmt kein Zufall, mein Sohn, sagte sie.
     Sie haben sicher Recht, Mutter, aber ich muß jetzt arbeiten, sagte ich, und sie ging in ihr Zimmer zurück und rechnete von neuem herum, wer am längsten lebte.

Vorigen Sonntag hatte ich eine Lesung auf dem Land. Diese Einladungen nahm ich weniger des Geldes wegen an als aus Atemnot. Ich kaufte ein, bereitete ihr ein warmes Essen vor, dann schloß ich sie in der Wohnung ein, und noch als der Schlüssel sich zum zweiten Mal im Schloß drehte, hörte ich, Wannkommstdu?
     Ich beeile mich, Mutter, spätestens morgen abend, die Suppe ist im Kühlschrank, vergessen Sie nicht, sie aufzuwärmen, und schalten Sie den Fernseher über Nacht aus, antwortete ich, jetzt schon an der mit einem doppelten Querriegel versperrten Tür, worauf sie noch die doppelte Sicherheitskette vorhängte, aus ihrer Sicht nicht ohne Grund, wie sie aus ihrer Sicht auch nicht ohne Grund stets einen Feuerlöscher griffbereit hatte und Desinfektionsmittel und einen Wertheim-Tresor, und wie sie auch nicht ohne Grund mich ihre Post öffnen ließ, wochenlang, weil sie im Fernsehen gesehen hatte, was von einem Ministerpräsidenten oder einem Bürgermeister nach dem öffnen eines Briefes übriggeblieben war.
     Fleischfetzen, mein Sohn, sie haben die Fleischfetzen um den Schreibtisch herum gezeigt, sagte sie und eilte zum Klo, als hätte sie mir das öffnen der Briefe nur deshalb überlassen, weil sie so dringend mußte. Eines Nachts klopfte sie an meine Tür, blieb aber auf der Schwelle stehen, denn sie trat nie ein, wenn ich zu Hause war, und legte los, willst du mich umbringen mit deinem Zigarettenrauch, und ich sagte, ich lüfte gleich, Mutter, doch sie blieb in der Tür stehen.
     Was ist denn, Mutter, fragte ich.
     Das weißt du ganz genau. Untersteh dich, in meinen Briefen zu lesen. Das ist mein Leben, einzig und allein mein Leben, das geht dich überhaupt nichts an, verstanden? Und ich sagte, schon gut, in Zukunft werde ich sie nicht mehr öffnen, aber jetzt solle sie doch wirklich ins Bett gehen, es sei drei Uhr nachts, und in den letzten Monaten schrieb ich ihr dann keine Briefe mehr.

Ich ging zu Fuß zum Bahnhof, das ist bequem, nicht mal eine halbe Stunde, und ich hatte diesen Spaziergang dringend nötig. Ich machte regelmäßig einen Spaziergang, bevor ich irgendwohin ging, und wenn es nur bis zum Laden war, immer drehte ich eine Runde im Museumsgarten oder um den Block, während ich mich auf die Sätze vorbereitete, die nicht auf Mutter enden.Obwohl das so noch nicht ganz stimmt. Ich mußte mich nicht nur auf andere Sätze einstellen, sondern auch auf andere Gesten, auf andere Atemzüge. Die ersten paar Minuten waren immer eine Art Niemandsland, schließlich hatten sich seit fünfzehn Jahren der Wechsel der Jahreszeiten, die überschwemmungen der Donau und der Zerfall von Schreckensreichen im Intervall zwischen Wannkommstdu und Wowarstdu abgespielt. Alles war zwischen Wannkommstdu und Wowarstdu geschehen: Broker hatten Religionen gestiftet, Bilanzbuchhalter die Offenbarung des Johannes umgeschrieben, Tornados wurden nach Sängerinnen benannt, Erdbeben nach Politikern, fünfzehn Friedensnobelpreise hatten ihren Besitzer gefunden, und ebenso viele Greisinnen waren im Boot von der letzten Leprainsel der Welt geflohen. Zwischen einem einzigen Wannkommstdu und Wowarstdu hatte man drei Sozialgesetze und dreihundert Satelliten in Umlauf gebracht, in Asien drei Sprachen für tot erklärt und in Chile dreitausend politische Gefangene mit Hilfe eines Minenunglücks verschwinden lassen. Zwischen Wannkommstdu und Wowarstdu hatte der nächstgelegene 24h-Laden dichtgemacht und der betrügerische Gebühreneintreiber im Bezirk seine Runden gedreht, war der alte Postbote an geschmuggeltem Methylalkohol erblindet und der ganze Dreck aus der Kanalisation wie ein Geysir in die Höhe geschossen. Zwischen diesen beiden Fragen trat der Hausmeister seiner Tochter den Fötus aus dem Bauch, weil die vierzehnjährige Emöke gesagt hatte, sie liebe den Sportlehrer und wolle nicht abtreiben, das erste Mal trat er ihr in dem Moment in den Bauch, als meine Mutter fragte, Wannkommstdu, und als ich von Eszter nach Hause kam und behauptete, ich sei im Konzert gewesen, hatte Emöke bereits die erste Operation hinter sich.

Wenn ich schon die Einladung für die Lesung angenommen hatte, so wollte ich sie auch mit allem Drumherum durchstehen, schließlich fuhr ich ja freiwillig hin. Für den Fall, daß Fragen kommen würden, hatte ich vor, auch zu antworten, denn in eine Dorfbibliothek wird man ja eingeladen, damit einem Fragen gestellt werden können:Warum man schreibe, woran man zur Zeit arbeite, ob man mit seinen bisherigen Erfolgen zufrieden sei oder sich mehr erhofft habe? Und ich notierte mir sogar ein paar vorgefertigte Antworten auf einen Zettel, um mir nicht dort den Kopf zerbrechen zu müssen, denn ich bin ziemlich langsam, meine improvisierten Antworten sind meist völlig unbeholfen, und es ist auch schon vorgekommen, daß ich vor Scham fast im Erdboden versunken wäre, als ich die Einladung zu einer Live-Sendung im Fernsehen angenommen hatte, wo die Moderatorin drei Schriftsteller befragte, und als ich an die Reihe kam und sagen mußte, warum ich schreibe, konnte ich an nichts anderes mehr denken, als daß meine Mutter jetzt vor dem Fernseher saß, ihren Pfefferminztee trank, und wenn ich nach Hause käme, fragen würde, Wowarstdumeinsohn. Und dann sagte ich in der Sendung, Schreiben sei der Selbstmord feiger Menschen, aber einen Augenblick spätermerkte ich schon, daß ich das besser nicht gesagt hätte, sofort stürzte sich die Moderatorin darauf, sie könne mir aus dem Stegreif Autoren aufzählen, mit deren Namen sich ganze Lexika füllen ließen, für die doch wohl eher der Strick oder der Güterzug Selbstmord bedeutet hätten, und von da an unterhielt sie sich nur noch mit den beiden anderen Schriftstellern, die zweifellos sehr viel durchdachtere Antworten gaben, und ich saß dreißig Minuten lang stumm im Scheinwerferlicht wie am Pranger, nur wegen eines mißglückten Satzes. Und als ich nach Hause kam, fragte meine Mutter,Wowarstdumeinsohn, du läßt mich hier einfach einen halben Tag allein, nicht mal der Fernseher funktioniert, ich aber wußte, daß unser Fernseher völlig in Ordnung war, daß sie nach der Sendung einfach den Kanal verstellt hatte, damit sie so tun konnte, als hätte sie nichts gesehen.

Dann gewöhnte ich mir an, für solche Gelegenheiten immer vorgefertigte Antworten parat zu haben, und seit einiger Zeit bat ich die Journalisten sogar, mir ihre Fragen schriftlich zu stellen, und es kostete mich fast drei Nächte, bis ich auf die paar Warum, auf die Leser von Literaturzeitschriften oder Frauenmagazinen neugierig sein mochten, einigermaßen akzeptable Antworten zusammenhatte. Nicht daß diese Antworten erschöpfend gewesen wären, eigentlich waren sie von der Wahrheit weiter entfernt als ein wirres Das-weiß-ich-auch-nicht oder Das-wüßte-ichselber- gern, aber sie waren wenigstens verständlich und originell, ich mußte mich ihrer nicht schämen, na, egal, ich hatte jedenfalls beschlossen, mir Mühe zu geben und diesen im übrigen völlig berechtigten Erwartungen zu entsprechen, und wenn es nach der Lesung Krautwickel und ein Schnäpschen gäbe, würde ich mittrinken und kein Unwohlsein vorschützen wie noch vor einem halben Jahr, als ich mich vor dem Abendessen mit einem Bürgermeister und seinem Gefolge hatte drücken wollen und mir das Täuschungsmanöver dann derart gut gelang, daß ich ewig lange in der Kneipe am Bahnhof saß und immer noch nicht damit aufhören konnte.

Teil 2