Raub, Liebe und Besitz

Die Filmkolumne. Von Nicolai Bühnemann, Michael Kienzl
13.06.2019. Agent M träumt seit ihrer Begegnung mit einem sußersüßen Außerirdischen davon, einer der "Men in Black" zu werden. Regisseur F. Gary Gray hat daraus ein buntes Allerlei angerührt, das zeigt: Auch Diversität kann ganz schön langweilig sein. Luis Ortega romantisiert und respektiert den Freiheitsdrang seines "Schwarzen Engels", des Serienmörder Carlos, bei dem alles Rhythmus und Musik wird.


Im Gegensatz zu den immer weiter expandierenden Cinematic Universen und endlosen Franchises, die das amerikanische Mittel- und Hochbudget-Kino der Gegenwart prägen, fällt die Reihe um die Agenten in den schwarzen Anzügen, die antreten, um die Erde vor allerlei bösen Aliens zu schützen, durch ihre eher erratische und sporadische Natur auf: 22 Jahre nach dem Erstling kommt nun mit "Men in Black: International" erst der vierte Teil in die Kinos.
 
Dass die Regie dabei von F. Gary Gray übernommen wurde, passt zunächst gut ins Bild. Denn sowohl der Regisseur als auch der erste "Men in Black"-Film stehen für die Ankunft afroamerikanischer Populärkultur im Mainstream der Neunzigerjahre; eine Ankunft, die ohne eine gewisse Zähmung nicht zu haben war. Grays Langfilmdebüt "Friday" überführte 1995 die oft erbitterte und wütende Anklage der in der ersten Hälfte der Dekade florierenden Hoodfilme in eine - wenn auch grundsympathische - sommerliche Wohlfühl-Kifferkomödie. "MIB" wiederum machte 1997 nicht nur Will Smith endgültig zum Star, sondern ließ ihn auch einen eingängig smoothen Titel-Song beisteuern, den kennt, wer in den späten Neunzigern mindestens einmal Radio gehört hat, und der von den harten Straßenattitüden des mit dem schwarzen Kino der Zeit eng verflochtenen Gangsta Rap kaum weiter entfernt sein könnte.
 
Die Perspektivierung durch eine junge schwarze Protagonistin, Agent M (Tessa Thompson), bildet denn auch den einzigen wirklichen Coup des neuen Films: weil die Agentin, die sich in einer Weiße-Männer-Domäne behaupten muss, zugleich das nerdy girl ist, das seit seiner kindlichen Bekanntschaft mit einem supersüßen Außerirdischen, obsessiv davon träumt, sich dem geheimsten aller Geheimdienste anzuschließen und damit zugleich eine lang ersehnte Welt aus Abenteuern, Action und Aliens für sich zu erobern.
 
Das passt zum Infantilismus des popkulturellen Gemischtwarenladens, als der sich die Reihe immer schon präsentierte und könnte als Prämisse durchaus interessant sein, würde sich die zu erobernde Welt nicht allzu bald in narrativer und ästhetischer Beliebigkeit verlieren. Dabei ist bezeichnend, dass es gerade die behauptete Vielfalt ist, die Langeweile führt. International sind die Schauplätze: Paris, London, Marrakesch, et al. Divers nicht nur die Vertreter*innen der Gattung Mensch, es gesellen sich ihnen auch eine Vielzahl unterschiedlicher Aliens hinzu.
 


Wirklich zur Sache tut das alles eben so wenig wie der Plot um die Unterwanderung der MIB durch einen Spitzel, der sich zunächst als alter weißer Mann, dann aber doch als extraterrestrisches Riesententakelwesen herausstellt. So wie die besonders bunte Ästhetik nichts weiter ist als ein großer digitaler Gleichmacher, so bleiben die augenfälligen Neuerungen innerhalb der Reihe bloße Behauptungen, hinter denen sich ein Hollywood-Allerlei aus plumper (Selbst)Ironie und Paarbildung versteckt. Der vierte Teil ist der erste der Reihe, in dem Will Smith und Tommy Lee Jones nicht mitspielen, gängige Retrogesten werden auf ein Minimum heruntergefahren, die Kleiderordnung ist nicht mehr allzu streng und als M bei ihrer Aufnahme ihre Vorgesetzte Agent O (Emma Thompson) fragt: "Men in Black?" erhält sie zur Antwort: "Don't even go there."
 
Dass es also die Men in Black nur noch dem Namen nach gibt, ändert nichts daran, dass M mit Agent H (Chris Hemsworth) ein sexy männlicher Kollege an die Seite gestellt wird, der ausdrücklich die Aufgabe hat, die rational kalkulierende junge Frau die Liebe entdecken zu lassen. Political Correctness wird zu einem weiteren kulturellen Referenzrahmen, an den man sich ein Stück weit hält, der aber auch immer gut ist für einen witzigen One-Liner. So wie der Linksverkehr in England. Diese Perspektive ist vielleicht tatsächlich interessant. Der Film ist es nicht.

Nicolai Bühnemann

Men in Black: International - USA 2019 - Regie: F. Gary Gray - Darsteller: Tessa Thompson, Christ Hemsworth, Rebecca Ferguson, Emma Thompson, Liam Neeson - Laufzeit: 114 Minuten.

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Carlos (Lorenzo Ferro) sieht ein bisschen wie ein junger, argentinischer Wilson Gonzalez Ochsenknecht aus. Das von aufsässigen blonden Locken gerahmte Gesicht wirkt noch kindlich ungeformt. Der Blick ist schläfrig und ein wenig überheblich und die Lippen auf eine fast anstößige Weise fleischig. Der aus einer bescheidenen Kleinbürgerfamilie stammende Junge ist zwar weder besonders gutaussehend, noch auffällig charmant, aber auf sein Umfeld hat er eine magische Wirkung. Seine Mutter erhebt die Stimme nicht, obwohl sie weiß, dass das Motorrad, das er sich angeblich geliehen hat, ziemlich sicher geklaut ist. Und auch der etwas ältere Ramón (Chino Darín), den er in der Besserungsanstalt kennenlernt, poliert ihm zwar erst einmal die Visage, stellt ihm aber schon wenig später seine kriminellen Eltern vor.
 
Wenn der Protagonist aus Luis Ortegas in den frühen 1970er Jahren angesiedelten Film "Der schwarze Engel" ("El Ángel") auf seine neue Familie trifft, merkt man sofort, dass er in diesem verkommenen und gierigen Milieu gut aufgehoben ist. Ob Carlos im dunklen Keller sitzt und mit seinen Ersatzeltern Schießübungen absolviert oder das nächste Ding durchzieht, auf dem Soundtrack dröhnt dazu stets alte spanischsprachige Rockmusik als Versprechen jener Freiheit, nach der sich Carlos so sehnt. In solchen Momenten formt sich alles zu einer geschmeidigen Choreografie. Wie sich der aus den Shorts hängende Hodensack des Vaters wölbt, wie ein Mundwinkel süffisant nach oben gezogen oder wie mit schnellen, routinierten Handgriffen ein Waffengeschäft ausgeräumt wird; alles wird Rhythmus und Musik. Und Carlos zu einem Rockstar á la Bonnie und Clyde.
 
Regisseur Luis Ortega orientiert sich in seinem Film zwar an dem realen, nach 45 Jahren immer noch inhaftierten Serienmörder Carlos Robledo Puch, aber offensichtlich geht es ihm weniger um die reale Person und ihre faktisch deutlich grausameren Taten, als um die schamlose Romantisierung eines Unangepassten. Carlos will sich all das nehmen, was ihm gefällt. Und wenn sich das schwierig gestaltet, wird es für ihn nur noch reizvoller. Dass er dabei bald zum mehrfachen Mörder wird, geschieht eher nebenbei und zufällig.
 


Ein bisschen erinnert das alles an die frühen Filme der Spanier Eloy de la Iglesia und Pedro Almodóvar (letzterer hat "Der schwarze Engel" auch mitproduziert); etwa in den Sympathien für soziale Outcasts, der Sexualierung junger Delinquenten oder der irrealen Lichtstimmungen. Ortega ist bei weitem nicht so schroff und extravagant, aber sein zielloses Lavieren, seine mehr entlang der Straftaten als einer linearen Entwicklung strukturierte Erzählweise entfaltet mit der Zeit einen Sog. Auch weil wir Carlos irgendwann doch noch näher kommen.
 
Eine Zeit lang scheint es, als würde der Film auf eine Liebesgeschichte hinauslaufen. Je länger Carlos mit Ramon zusammen ist, desto nachdenklicher und unsicherer wirkt der Junge. Unausgesprochen bleibt seine Sehnsucht vielleicht auch, weil der Film sie nicht genau definieren will. Aufschlussreich wirkt eine Szene, in der Carlos einen Berg an gerade erbeutetem Schmuck nimmt und ihn seinem nackt schlafenden Partner in den Schoß legt. Gerade weil Raub, Liebe und Besitz so nah beieinander sind, scheint es konsequent, wenn Ortega sich von diesem amourösen Erzählstrang recht abrupt löst. Carlos ist wie ein wildes Tier, das von allem Gefährlichen und vermeintlich Unerreichbaren angelockt wird, aber selbst von der Liebe ablässt, sobald sie nicht mehr unmöglich ist. Das alles kann man letztlich eher vermuten denn genau wissen, weil der Film den Freiheitsdrang seiner Hauptfigur auch insofern respektiert, als er ihm nicht zu sehr mit psychologischen Deutungsversuchen auf die Pelle rückt.

Michael Kienzl

Der schwarze Engel - Spanien, Argentinien 2018 - OT: El Ángel - Regie: Luis Ortega - Darsteller: Lorenzo Ferro, Chino Darín, Daniel Fanengo, Cecilia Roth, Malena Villa - Laufzeit: 118 Minuten.

"Der schwarze Engel" erscheint am 27.6. auf DVD und BluRay