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Wenn man sich nur traut

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen
17.12.2019. Über Lisa Barnard, eine Fotografin auf der Jagd nach Gold. Über "Rosetta", einen Kometen und Xavier Barral, einen zu jung verstorbenen Verleger. Und über einen Fotografen, der selbst einschlug wie ein Komet, Masahisa Fukase. Drei Fotobücher zu Weihnachten.
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Zu Weihnachten hat man es gerne besinnlich. Zugleich bietet sich die Gelegenheit, etwas zu tun, das in der Hektik des Alltags etwas zu kurz kommt, etwa zu Büchern zu greifen, deren Thema oder Umfang Zeit erfordern, die man oft nicht hat.

Weshalb es hier nun dezidierte Weihnachtstipps von Fotolot gibt: drei völlig unterschiedliche Fotobücher, in die man sich auf verschiedene Weise versenken kann, die aber auch einfach Bilderbücher sind, die man wunderbar durchblättern kann.

© Lisa Barnard, Mack


Lisa Barnards Recherche zu "The Canary and the Hammer" dauerte vier Jahre und verteilte sich über vier Erdteile. In einem Interview erzählt Barnard, sie habe bewusst jedes nahe liegende Narrativ (etwa die viel zitierte Gier nach Gold) vermieden und lange selbst daran gezweifelt, ob sie das Projekt jemals sinnvoll abschließen würde können. "Wir leben in einer sehr fragmentierten Welt", meint Barnard, in der viele nicht selten eine aufgrund ihrer Präferenzen von einem Algorithmus ausgewählte Sicht der Dinge präsentiert bekommen. "Da ist das ausufernde Fragment für mich die adäquate formale Herangehensweise."

Der Kanarienvogel im Titel bezieht sich auf die Praxis, Vögel mit in den Minenschacht zu nehmen und diese als Alarmsignal für das Ausmaß des frei werdenden Methangases und Kohlendioxids zu verwenden - zuerst stirbt der Vogel, dann stirbt, wenn er nicht schnell genug reagiert, der Mensch. Der Hammer steht einerseits für die bei der Goldgewinnung eingesetzten, zahlreichen größeren und kleineren Hämmer; andererseits für einen von Barnard bei Heidegger entlehnten Werkzeug-Begriff, der darauf zielt, dass das Werkzeug irgendwann geradezu ein Bestandteil des Menschen wird, eine prothetische Verlängerung seiner Fähigkeiten und Wünsche. Barnard dehnt dieses Konzept in einer Weise aus, dass sie vom Gold als einem ursprünglichen Mittel spricht, das zum in seinem Wert künstlich überhöhten Selbstzweck wurde, und das andererseits geradezu unsichtbar in unterschiedlichen Kontexten verarbeitet wird, von der Elektroindustrie bis zur Medizin.

Gesucht wirkt hingegen die für Barnards Arbeit nach eigener Aussage wichtige Korrelation von Fotografie und Gold: beides sei allgegenwärtig, der alltägliche Gebrauch von beidem werde jedoch kaum reflektiert. Abgesehen davon, dass es ein im Buch dargestelltes chemisches Verfahren zum Drucken von Fotos gibt, in dem Gold zur Verwendung kommt, gewinnt die These im Verlauf des Buches nicht an Plausibilität.

Initialzündung für Barnards Buch war die Finanzkrise von 2008, die die Schattenseiten der Akkumulation von immer mehr Wohlstand transparent machte. Ausgehend von der spanischen Conquista und ihrem Hunger nach Gold dokumentierte sie das unverändert prekäre Arbeitsumfeld von Arbeiterinnen in einer Fair-Trade-Goldmine in Peru; in Jamestown, der ersten, 1607 gegründeten englischen Siedlung in Virginia/USA, legt sie die gerne im Namen des Kitsches verdrängten ökonomischen und exploitativen Hintergründe des Siedlers und Goldsuchers John Rolfe und seiner Ehe mit der indigenen Häuptlingstochter Pocahontas frei.

Über eine auf Keynes zurückgehende, kurze Abhandlung über die Etablierung des heutigen Handelssystems im 16. Jahrhundert und Porträts von heutigen Gold- und Glückssuchern in aller Welt geht es über Bilder von HipHop-Sängern und ihrem ostentativ zur Schau gestellten Zahngold über die Fotos von der US Federal Reserve Bank of New York nach China, wo großteils illegal und unter Zuhilfenahme gesundheitsschädigender Substanzen das Gold aus dem weltweit gesammelten Elektroschrott extrahiert wird, bevor es geschmolzen und zu Schmuck verarbeitet wird oder seinen Weg wieder in ein Notebook findet.

Das Durchblättern des Buches ist sowohl visuell als auch thematisch interessant, die kleinen Abhandlungen - etwa über den kalifornischen Goldrausch oder den historischen Zusammenhang von Krieg und Gold - sind kurzweilig und lesenswert. Ein Buch, das man sich vornehmen kann wie einen belletristischen Schmöker. Dass es sich dabei nicht um eine fotografische Version von "Moby Dick" oder "Krieg und Frieden" handelt, dürfte hoffentlich klar sein. Barnard ist ein intelligente, Schichten erzeugende und frei legende Recherche- und Montage-Künstlerin, jedoch nicht Vanessa Winship oder Alec Soth. "The Canary and the Hammer" ist in allerbestem Sinn weniger ein Foto- als ein klassisches Bilderbuch neuer Art für kunst- und geschichtsaffine Erwachsene und in dem Sinn bestens geeignet zu Ansicht und Lektüre zwischen Heiligabend und Dreikönigstag.

Lisa Barnard: The Canary and the Hammer. 200 Seiten, 29 x 20 cm. Hardcover, Mack Books, London 2019. ISBN-13: 978-1912339334

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Im Februar dieses Jahres starb einer der Großen der jüngeren Geschichte des Fotobuchs: der Pariser Verleger Xavier Barral. Mit dreiundsechzig Jahren wurde er nur wenig älter als sein wenige Monate zuvor verstorbener Bruder im Geiste, Hannes Wanderer, der Verleger von Peperoni Books. Beiden Workaholics gemeinsam war ein rigoroser, die Grenzen der Körper und Geist zumutbaren Belastung überschreitender Einsatz für die Fotografie und das Fotobuch. Das letzte, nach seinem Tod publizierte Herzensprojekt Barrals war die Publikation jener Aufnahmen, die die Sonde Rosetta auf ihrem sechseinhalb Millionen Kilometer langen und zwölf Jahre, sechs Monate und achtundzwanzig Tage dauernden Weg zum Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko sendete. Barral hatte ein Faible für Wissenschaft, vor allem für die Astrophysik, bereits 2013 veröffentlichte er ein Buch mit Fotos über den Mars, die er selbst ausgewählt hatte.

ESA, Editions Barral

Im von Jean-Pierre Bibring und Hanns Zischler herausgegebene Buch "La Cométe - La Voyage de Rosetta" erzählt Bibring von der 1986 begonnenen Entwicklung der von Solarenergie angetriebenen Sonde Rosetta der europäischen Raumfahrtbehörde ESA. 1993 wurde mit der Testphase begonnen, die Sonde bekam eine so genannter "Lander" namens "Philae", auf dem sich das Equipement befand, um die Oberfläche des Kometen zu dokumentieren; Rosetta selbst war mit dem optischem System "Osiris" ausgerüstet, das eine Sichtbarkeitsskala von ultraviolettem zu infrarotem Licht aufwies, das der installierten Linsentechnologie mit Langzeitbelichtung erlaubte, detaillierte Schwarzweiß-Aufnahmen von sowohl absolut dunklen als auch vom Sonnenlicht glitzernden Eis der Kometenoberfläche zu machen.

2004 wurden Rosetta und Philae an Bord einer Ariane-Rakete von Französisch-Guyana aus ins All geschossen. Der Flugkörper verließ mit Hilfe der Gravitation 2005 die Erdumlaufbahn und flog Richtung Mars, in dessen Umlaufbahn er sich 2007 befand. Auf seinem Weg zum Kometen passierte Rosetta noch die Asteroiden "Steins" und "Lutetia". Im März 2014 schließlich befand sich Rosetta im Orbit von 67P/Tschurjumow-Gerassimenko, wo Philae abgedockt wurde, um Bilder zur Erde zu schicken. 2016 verschwand Rosetta schließlich im Inneren des Kometen, eine zwölfjährige Mission war zu Ende gegangen.

Biberg betont mehrmals, dass wirklich alles Im Rahmen dieser Mission hundertprozentig geklappt hat, nicht zuletzt die an "Philae" installierte Fototechnologie - etwas, was zu Beginn im Grunde niemand für möglich hielt.

Die Aufnahmen von "Osiris" auf dem Weg zum Kometen und von "Philae" von einer Oberfläche im Inneren des Kometen, sind - wenn man die Umstände bedenkt - Wahnsinn. Der schwerelos im unendlichen Schwarz schwebende Gesteinsbrocken eines Asteroiden; das reflektierte Sonnenlicht auf der schwarzen, eisigen Hülle eines verdichteten Stück Kohlenstoffs, aus dem Kometen gemacht sind; das wie eine Fontäne aus einer Spraydose entweichende Gas- und Staubgemisch, das sich bildet, wenn der Kohlenstoff unter dem Eis von der Sonne aufgeheizt wird.

Das Buch ist nicht nur für GEO-Freaks, die sich für Astrophysik und die Entstehung des Universums interessieren, ein Must-Have. Die Schwarzweiß-Fotos sind von einer malerischen und skulpturalen Qualität irgendwo zwischen Alberto Giacometti und Franz Kline, und lassen an Texte von Samuel Beckett denken.

Inzwischen gibt es bei Thames and Hudson eine englischsprachige Ausgabe, die wohl auch mehr Anklang im deutschsprachigen Raum finden dürfte.

Jean-Pierre Biberg/Hanns Zischler: Comet. Photographs from the Rosetta Space Probe. 216 Seiten, 27,8 x 25,8 cm. Hardcover, Thames and Hudson, London 2019. ISBN-13: 978-0500022276
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Während es vermutlich den meist französischen Texten geschuldet ist, dass Editions Xavier Barral anders als Phaidon oder MACK in Deutschland eher nur Insidern geläufig ist, ist das dritte und letzte "Bilderbuch" zwar ein Barral-Buch, verfügt aber über zwei englische Text, die auf fünf Seiten in aller Knappheit in ein vierhundert Seiten starkes, von vorne bis hinten prall mit unzähligen Fotos gefülltes Standardwerk einführen, das keinen eigenen Titel aufweist, sondern konsequent nur den Namen jenes Künstlers trägt, der für die Fotografien verantwortlich zeichnet: Masahisa Fukase.

© Masahisa Fukase, Editions Barral

Die Fotos stammen aus allen Phasen von Fukases Schaffen, von Anfang der Fünfziger Jahre des letzten bis hin zu den Nullerjahren dieses Jahrhunderts. Sie sind in der Breite ihrer Motivik und der virtuosen Leichtigkeit, mit der sich Fukase zwischen Schwarzweiß- und Farbfotografie  sowie  Übermalungen, Überblendungen und Belichtungszeiten bewegt, schlicht einzigartig. Unfassbar bleibt zumal die große Intensität, ob im Erfassen von Mensch oder Tier, die trotz aller Verspieltheit und Improvisation von den Arbeiten ausgeht.

Zwar bildet das bereits Ende 2018 erschienene Buch den Abschluss der Weihnachtsempfehlungen von Fotolot, aber es sei explizit davor gewarnt: es durchzublättern, kann zu einer Form von Sucht werden, die vielleicht ein Leben lang anhält. Auch für ambitionierte Hobbyfotograf*innen und Studienanfänger*innen heißt es, angesichts des Vulkanausbruchs von Fukases Werk stark zu bleiben und sich nicht verunsichern zu lassen: alles ist möglich, wenn man sich nur traut und es macht.

Masahisa  Fukase. 416 Seiten, 20,3 x 26,7 cm. Hardcover, Editions Xavier Barral, Paris 2018, ca. 70 EUR. ISBN-13: 978-2365112024

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de