Im betäubenden Geschrei der Feindbilder

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
01.10.2021. "Ich drang in die Eingeweide der Stadt vor und fotografierte sie," sagt sie selbst. Gundula Schulze Eldowy ist die künstlerisch bedeutendste Fotografin (m/w/d) der ehemaligen DDR und eine der bedeutendsten Fotografinnen nach 1945 überhaupt. Einige Bilder würde man auf den ersten Blick eher in der Zwischenkriegszeit ansiedeln, in der Nähe von Döblins "Berlin Alexanderplatz", nicht in der propagandistischen Utopie des realen Sozialismus der siebziger und achtziger Jahre.  Unverständlich, warum sich die Kuratoren nicht um sie reißen.
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Vom 17. November bis zum 23. Januar gibt es in der "Galerie Pankow" seit längerer Zeit wieder mal eine Einzelausstellung von Gundula Schulze Eldowy in Berlin. Zuletzt gab es 2019 Einzelausstellungen in Erfurt und Zürich, die ihre Zeit in New York reflektierten; in Berlin lediglich Ausstellungsbeteiligungen, so etwa 2017 bei C/O Berlin im Rahmen der Ausstellungen "Kreuzberg-Amerika" und "Das letzte Bild", und zuletzt "1945-2000: A Photographic Subject" vergangenes Jahr in den Reinbeckhallen.

Seit einiger Zeit gibt es nicht nur in Deutschland einen Hype um Fotos, die das Leben in der ehemaligen DDR dokumentieren, nicht zuletzt im Bereich der Vintage-Fotografie. Generell boomt das alte Berlin dies- und jenseits der Mauer. Gerade erst konnte man Harald Hauswalds Straßenfotografie in einer großen Retrospektive bei C/O Berlin sehen; Michael Schmidt hat es zuvor mit seiner Retrospektive ins Pariser Jeu de Paume geschafft. Eine andere ostdeutsche Fotografin - Ute Mahler - ist nicht zuletzt als Gründungsmitglied der "Agentur Ostkreuz" und Dozentin der "Ostkreuzschule für Fotografie" in Ausstellungen und Berichten in den Medien regelrecht omnipräsent.

Angesichts dieser Entwicklung ist es erstaunlich, dass die Arbeiten von Schulze Eldowy nur punktuell und fragmentarisch zu sehen sind. Erst recht, da es sich bei ihr schlicht um die künstlerisch bedeutendste Fotografin (m/w/d) der ehemaligen DDR und eine der bedeutendsten Fotografinnen nach 1945 überhaupt handelt. Allein das in einer Publikation des Leipziger Lehmstedt Verlags unter dem Titel "Berlin in einer Hundenacht" zusammengefasste Frühwerk von 1977 bis 1990 ist vom Rang her nur noch dem von Diane Arbus gleichzustellen, geht in der kühnen, ungeschönten Darstellung von Sexualität, Geburt und Tod sogar über diese hinaus.

Schulze Eldowy hat noch dasselbe Atelier wie zu späten DDR-Zeiten. Wohnbereich, Atelier und Archiv gehen nahtlos ineinander über, erwecken den Eindruck eines mit vielen kleinen Details ihrer Reisen liebevoll angereicherten Kunst-Bunkers. Die Räume quellen förmlich über, nicht nur von eigenen Arbeiten, sondern auch von der über die Jahre angesammelten Kunst anderer, von namhaften ostdeutschen Künstlern wie Achim Freyer bis zu hin zu Fotografien von Gisèle Freund und Robert Frank. Viele Orte wird es in Deutschland nicht geben, wo auf so engem, privatem Raum so viele ungehobene Schätze der jüngeren deutschen (Foto-)Kunstgeschichte lagern.

Total verrückt, denkt man immer wieder, wenn man um sich schaut.

Das Archiv, in dem es so gut wie kein Durchkommen mehr gibt, birgt insgesamt vierunddreißig Fotoserien, ein nicht unbeträchtlicher Teil davon hat noch nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt. In einer Zeit, in der sich Kuratorinnen nicht zuletzt darum bemühen, die in der Vergangenheit nicht selten unter Wert gehandelte Arbeit von Frauen in ein rechtes Licht zu rücken, bleibt es ein Rätsel, warum sie sich hier nicht die Klinke in die Hand geben und regelrecht darum wetteifern, dieses über weite Strecken grandiose Oeuvre in die Häfen jener Institutionen zu lotsen, die sie vertreten.

© Gundula Schulze Eldowy, Lehmstedt Verlag

Gundula Schulze Eldowy wurde 1954 in Erfurt geboren und zog 1972 nach Berlin. Bis 1985 lebte sie in der Nähe des Alexanderplatzes und streifte mit ihrer Nikon ohne konkretes Ziel herum. Den ersten Impuls zu fotografieren hatte sie, als sie den Tod der geliebten Großmutter hautnah miterlebte - aber erst "Berlin hat mich zur Fotografin gemacht". Im "August Fengler" - einer 1936 gegründeten Kneipe in der Lychener Straße, die es heute noch gibt - hört sie die Lieder des alten Berlin und gerät in seinen Bann.

In Hinterhöfen und dunklen Ecken des Prenzlauer Bergs trifft sie auf das Elend der Kriegsgeneration und zeigt es ungeschminkt - ein Milieu, dessen unzumutbare Wohnverhältnisse und Arbeitsbedingungen das Regime totschweigt. "Ich drang in die Eingeweide der Stadt vor und fotografierte sie." Einige Bilder würde man auf den ersten Blick eher in der Zwischenkriegszeit ansiedeln, in der Nähe von Döblins "Berlin Alexanderplatz", nicht in der propagandistischen Utopie des realen Sozialismus der siebziger und achtziger Jahre.

Die Direktheit, ja Rohheit der Bilder ist geradezu atemberaubend. Viele haben längst denselben ikonischen Charakter wie Anders Petersens Aufnahmen aus dem "Café Lehmitz". Lothar, der nackt und breitbeinig auf seinem Bett sitzt. Die Briefträgerin, die an Grauem Star erkrankt war und zum Ärger aller die Briefe immer in die falschen Kästen warf. Siegfried, der sich sitzend in Unterwäsche präsentiert, der Bauch so voluminös, dass er einen Teil des Penis verdeckt, während daneben seine Frau seinen Vater rasiert. Tamerlan, der sie "bei ihrem Leben zusieht", als sie ins Altersheim kommt und ihr später zuerst die Zehen, dann ein Bein und darauf auch noch das zweite amputiert werden. Der erst jetzt final geschnittene Film "Die Frau am Kreuz", in dem Tamerlan ihren Leidensweg kommentiert, ist definitiv nichts für empfindsame Gemüter.

Wie ist die junge Frau zu diesen Fotos gekommen, nicht zuletzt zu den von keiner gekünstelten Pose und keinem Schamgefühl verstellten Aktaufnahmen Menschen jeden Alters (darunter auch solche von Kindern, die heute für Empörung sorgen würden)? Indem sie genauso so direkt und unverstellt vorging.

In der Dunckerstraße gab es Lagerhallen, an denen sie immer vorbei kam. Ein Lagerarbeiter stellte ihr unverblümt die Frage, ob sie noch etwas anderes im Kopf hätte als Fotografie. Im Verlauf des Gesprächs, das sich daraus entwickelte, zeigte Schulze Eldowy dem Lagerarbeiter nicht nur ihre Arbeiten, sondern brachte ihn auch dazu, einen Gemüseverkäufer davon zu überzeugen, nackt für sie Modell zu stehen. Der fühlte sich dafür anfangs körperlich zu kleingewachsen, zeigte aber danach das Ergebnis stolz den Lagerarbeiterinnen. (Ob sich daraus etwas für ihn ergeben hat, ist nicht überliefert.)

1982 begann Schulze Eldowy in Farbe zu fotografieren, die Schauplätze sind neben Berlin Dresden und Leipzig. Obwohl es sich immer noch um dieselben Motive handelt - Arbeit, Alter, Armut, Nacktheit, bekommt die Arbeit einen zyklischeren Charakter. Der Blick der Fotografin auf die Welt verändert sich, wird vielschichtiger. Es ist kein Zufall, dass die Fotos im Buch "Der große und der kleine Schritt" (ebenfalls im Lehmstedt Verlag) mit der Geburt im Krankenhaus beginnen und mit Siechtum und Tod im Krankenhaus enden. "Vom Tanzsaal gehe ich in den Kreißsaal, vom Anatomiesaal in den Schlachthof, von dort in die Oper, die Fabrikhalle und auf den Friedhof."

© Gundula Schulze Eldowy, Lehmstedt Verlag

Ihren furchtlosen Zugriff auf die Erscheinungen der Welt behält sie bei: "Während einer Krebsoperation fotografiere ich ein Ärzteteam und sehe den apfelgroßen Tumor im Magen einer Frau. Jedes Mal, wenn ein Stück Fleisch aus dem Herd gebrannt wird, zischt es, und der Geruch verbrannten Fleisches steigt in meine Nase. Sie legen den Tumor in eine Schale. Ich fasse ihn an. Es ist ein Klumpen verhärteten Fleisches. Härte und Gewalt in materialisierter Form."

"Verhärtung ist der Grund allen Übels", heißt es später einmal in den "Ägyptischen Tagebüchern".

1985 kommt es zu einer für sie wichtigen Begegnung. Der weltberühmte Robert Frank besucht die DDR und brüskiert der Legende nach das Empfangskomitee vom Verein Bildender Künstler (VBK) und Schulze Eldowys KollegInnen, indem er sich ausschließlich für ihre Arbeiten interessiert - ein Vorgang, der ihr nicht wirklich Freunde einbrachte. Generell war sie in dieser Umgebung eine Außenseiterin. Anders als etwa Sibylle Bergemann, die unter anderem für die DDR-Modezeitschrift Sibylle arbeitete, den langjährigen, offiziellen Auftrag einer Fotodokumentation über die Entstehung des Marx-Engels-Forums bekam und nach ihrer Mitgliedschaft beim VBK zu Studienreisen ins westliche Ausland aufbrechen konnte, war Schulze Eldowy immer im Visier der Behörden. Bereits bei ihrer ersten Ausstellung "Gesichter" musste ein Teil der Bilder trotz zuvor erteilter Genehmigung wieder abgehängt werden - eine Stasi-Akte wurde angelegt.

"In Berlin ging es immer um alles oder nichts. Bist Du nicht mein Freund, bist Du mein Feind. Ich wuchs im betäubenden Geschrei der Feindbilder auf."

Sie beginnt, regelmäßig Postkartenabzüge ihrer Fotos an Robert Frank zu schicken, der erste, von dem sie sich als Künstlerin erkannt und wertgeschätzt fühlt; er wiederum nennt sie ob ihres untrüglichen Instinkts "a talented beast." Die Fotos, die das offizielle Bild der DDR kompromittieren, landen im Westen, warnt ein Stasi-Spitzel. Im Jahr 1989 kulminiert das Ganze, sie fühlt sich "wie eine "Ertrinkende": Der Mensch, der ihr am nächsten steht, trifft sich hinter ihrem Rücken mit der Stasi, die sie als mögliche CIA-Agentin im Visier hat. Immer wieder wird ihr Atelier durchsucht, ein Gerichtsverfahren wird vorbereitet. Die inkriminierenden Negative hat sie - man denkt an "Das Leben der anderen" - in einem hohlen Holzbalken versteckt, wo sie sich auch noch befinden, als der Fall der Mauer dieses bedrohliche Szenario in Luft auflöst und sie 1990 auf Einladung Robert Franks nach New York aufbricht.

© Gundula Schulze Eldowy

Im hektischen Gewusel der Megacity, in den Straßenschluchten, in denen sich an den spiegelnden Oberflächen der Wolkenkratzer das Licht bricht, löst sich auch Schulze Eldowy von der Vorstellung eines klaren, direkten Bildes. Mit Spiegelungen und Überblendungen versucht sie, dem Gefühl unablässiger Bewegung, dem flirrenden, flüchtigen Geschehen um sich herum Ausdruck zu verleihen. Zugleich verwebt sie in Serien wie "Spinning in my Heels" (1992) ihr eigenes Abbild in ungewöhnlichen Montagen aus Straßenszenen und Meisterwerken der Kunstgeschichte von Goya und Velazquez.

Es ist nicht nur eine künstlerische Selbstvergewisserung inmitten einer Phase des Umbruchs. Schulze Eldowys Reise geht nach innen, das Akzidentelle macht dem Spirituellen Platz und führt zur Evokation von Zuständen und Prozessen, die über säkulare Vorstellungen von Zeit und Raum hinaus gehen - kein Wunder, dass sie sich mit C. G. Jungs Archetypen-Theorie beschäftigt, in der es heißt: "Im Unterbewusstsein ist alles gespeichert, was der Mensch ist und je war."

Eine Reise nach Ägypten (1993-95) stellt die ideale Gelegenheit dar, dieser veränderten Sicht auf sich selbst und die Dinge des Lebens Ausdruck zu verleihen. Sie besucht mehrfach die Pyramiden von Gizeh, entdeckt dabei einen bis dahin unbekannten Schacht und klettert nachts, geleitet vom Licht des Sternenzelts, auf den Berg Sinai. Angesichts der Dachluken in ihrem Atelier, die den Blick auf den Himmel freigeben, fragt sie sich: "Wie lange habe ich unter den Sternen geschlafen, ohne sie je zu sehen!" In Mehrfachbelichtungen und Überblendungen gelingen ihr Bilder, die nicht nur dem flimmernden Licht der Wüste, sondern auch dem Ineinander von Gegenwart und lebendiger Vergangenheit Rechnung tragen.

Es entsteht die Serie mit dem wunderbaren Titel "Das weiche Fleisch kennt die Zeit noch nicht", deren Höhepunkt darin besteht, dass Schulze Eldowy dem zuständigen Minister die Erlaubnis abringt, die Mumien der Pharaonen im Mumiensaal des ägyptischen Nationalmuseums in Kairo zu fotografieren - allerdings nur für fünf Minuten und ohne einen Blitz zu verwenden. Mit einer Taschenlampe und mit Langzeitbelichtung gelingt es ihr, zwei Mumien zu fotografieren. Als der Minister ein halbes Jahr später großformatige Abzüge der Fotos sieht, ist er dermaßen begeistert, dass er sie weiter gewähren lässt. Die Aufnahmen sind beispiellos und könnten heute so nicht mehr gemacht werden. Wenn man dem mannshohen Abzug einer Mumie in Schulze Eldowys Atelier gegenüber steht, ist man überwältigt von der malerischen Wucht der Bilder in ihren Erdfarben zwischen terrakottafarbenem Sand und schwarzgrauem Schlamm - die Vergänglichkeit alles Zeitlichen nimmt künstlerische Form an.

Die Affinität mit der Umgebung war so groß, dass Schulze Eldowy gleich sieben Jahre dort bleibt, in einer Wohnung, von der aus sie einen freien Blick auf die Cheops-Pyramide hat.

© Gundula Schulze Eldowy

Seit ihrer Ausstellung "Berlin en una noche de perros" im Jahr 2000 in Lima ist ihr neuer Lebensmittelpunkt Peru, wo sie seit 2001 an der Seite ihres indigenen Mannes die meiste Zeit des Jahres verbringt und im Schatten der Moche-Pyramiden ihre Arbeit über Mumien fortsetzt. Unterhalb der Anden, nicht weit vom Pazifik entfernt, führt sie nach eigenen Aussagen ein "paradiesisches Leben". Eine Lebensweise, die es zwangsläufig mit sich bringt, dass sie sich dem Kunstbetrieb, für den sie sich ohnehin nie interessiert hat, weiter entfremdet. Sie ist herzlich und unverstellt, aber lebt nur nach eigenen Regeln und ist sich dazu des Wertes ihrer Arbeit völlig bewusst. Wenn sie etwas nicht mag, hat man das zu akzeptieren. Eigenschaften, die bei KuratorInnen und GaleristInnen nicht wirklich beliebt sind.

2011 schon vergleicht ein Artikel im Berliner Tagesspiegel sie mit Diane Arbus, betont jedoch, dass "ihr Werk hierzulande für viele noch zu entdecken ist". Daran hat sich bis heute nicht viel geändert ("Berlin in einer Hundenacht" und die "Ägyptischen Tagebücher" sind vergriffen und wurden nicht neu aufgelegt), obwohl es Anzeichen dafür gibt, dass sich im permanent nach Frischfleisch hungernden Kunstmarkt inzwischen herumgesprochen hat, welche Beute in Schulze Eldowys Atelier zu machen wäre.

Eine amerikanische Kuratorin kommt neuerdings immer wieder mal vorbei und sondiert die Lage, sprich: das vorhandene Material und Schulze Eldowys finanzielle Vorstellungen (nur soviel: sie ist keine Freundin großer Rabatte). Jüngst zeigte auch das Centre Pompidou Interesse. Eine bessere Destination könnte man sich für dieses vielschichtige Werk (Fotos, Filme, Videos und Texte) kaum vorstellen. Aber vielleicht hat ja doch jemand den Weitblick und mobilisiert Menschen und Mittel, um es als Ganzes in Form einer Stiftung oder eines Archivs in Deutschland zu halten.

Zum Schluss noch ein kleines Extra für die LeserInnen von Fotolot: Abseits von öffentlichen Ausstellungen sind Schulze Eldowys Filme nur für Auserwählte mit Passwort auf Vimeo zu sehen. Bis eine Woche nach der Publikation dieses Textes ist das avantgardistische Video "Diamantenstraße" aus dem Jahr 1992, das Schulze Eldowys Weiterentwicklung in New York eindrucksvoll dokumentiert, mit diesem Link frei zugänglich.

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de