Fotolot

Kleine Brötchen

Über Bücher, Bilder und Ausstellungen Von Peter Truschner
10.03.2026. Wie schafft man es als neuer Fotograf, wahrgenommen zu werden? Der Betrieb wirkt derart abgeriegelt, dass kaum noch Eingänge zu finden sind. Gerade mal alle paar Jahre schafft es ein Talent, all die bürokratischen Hürden, die kunstfernen Richtlinien bei der Förderung, die bescheidenden Verhältnisse an den (Fach-)Hochschulen, bei denen es meist nur zu einer soliden Grundausbildung reicht, zu überstehen und sichtbar zu bleiben.
"Danke für die Artikel in "Fotolot". Aber wann kommt endlich wieder mal ein knackiger Beitrag zum Kulturbetrieb?" So der Wortlaut einer Email und der Tenor so einiger Begegnungen in der Fotoszene.

Ich weiß natürlich, dass Artikel wie jener über die Entscheidungsfindung in der Angelegenheit "Deutsches Fotoinstitut" oder zur Rolle der Krupp-Stiftung "Fotolot" viele neue LeserInnen beschert hat. 

Bevor ich jedoch einen Kommentar zur Lage im deutschen Fotobetrieb abgebe, erlaube ich mir, einen kurzen Umweg über zwei Ereignisse zu nehmen, die gerade unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit über die Bühne gingen. Die Resonanz darauf ist nämlich auch für die Situation der Gegenwartsfotografie von einiger Relevanz.

Die klarsten Worte zur Winter-Olympiade in Italien habe ich nicht bei den üblichen Verdächtigen der Presseschauen des Perlentaucher gefunden, sondern im Sportmagazin Kicker. Dort schreibt Bernd Salamon: "Deutschland hat sich selbst abgehängt. Das ist jetzt mal so. Talente sind da, aber woher sollen Top-Leistungen jenseits des Eiskanals kommen, wenn die Bedingungen im Alltag und die Förderung immer schlechter werden? Wen das stört, der sollte sich wehren. Das Land muss aufwachen."

Das Resümee der Berlinale fällt ähnlich trist aus. 

Der Filmkritiker Rüdiger Suchsland weiß, dass "niemand die Berlinale mag, sondern nur in Kauf nimmt", und dass "einige Filme nur deshalb auf der Berlinale liefen, weil sie "von anderen Festivals abgelehnt wurden". David Steinitz in der SZ kann nur zu gut verstehen, warum "die begehrten Filmemacher lieber nach Cannes und Venedig gehen". Laut Andreas Kilb in der FAZ haben diese Festivals "die Berlinale in den letzten Jahren immer deutlicher abgehängt und in eine prekäre Lage" gebracht. 

Suchsland: "Wenn alle es unfassbar finden, dass Deutschland seine Stärken verloren hat, dass es an Bürokratie erstickt, dann geht das an einem Festival wie der Berlinale nicht vorüber. "

In der Fotografie ist das nicht anders.

© Niki Pauls

Die Filmemacherin Katja Fedulova klagt über die Filmförderung: "Schon bei einer kleinen Stoffentwicklung (10.000 Euro) wird geprüft, ob man genug Referenzen und Reputation mitbringt. Wer nicht bereits etabliert ist, hat es schwer, überhaupt in Betracht gezogen zu werden. Wo sind die Räume für riskante, unbequeme Filme? Und wo bleiben die Chancen für diejenigen, die noch nicht Teil des etablierten Systems sind? Jedes Jahr werden neue Talente ausgebildet - was passiert mit ihnen?"

Auch in der Fotografie stellt die Förderung des künstlerischen Nachwuchses ein großes Problem dar.

Gerade mal alle paar Jahre schafft es ein Talent, all die bürokratischen Hürden, die kunstfernen Richtlinien bei der Förderung, die bescheidenden Verhältnisse an den (Fach-)Hochschulen, bei denen es meist nur zu einer soliden Grundausbildung reicht, zu überstehen, und über die notorische Jahrgangsausstellung "Gute Aussichten" hinaus sichtbar zu bleiben.

Um das zu schaffen, gilt es auch in der Fotografie, aussagekräftige "Referenzen und Reputation" anzusammeln, sprich: die richtigen Hochschulen, die richtigen Professoren und die richtigen Kuratorinnen zu adressieren und in ein etabliertes Netzwerk aufgenommen zu werden. Autodidakten sind im verschulten und verbeamteten Betrieb so gut wie verloren. Es könnte ein wildes Ausnahmetalent irgendwo zwischen Diane Arbus und Roger Ballen auf den Plan treten - der Betrieb zwischen Düsseldorf und Hamburg würde ihm die kalte Schulter zeigen.

Zudem werden in der Fotografie im Vergleich zum Film kleine Brötchen gebacken, die Szene ist muffig und eng. Alle wissen in etwa, wo etwas zu holen ist, und wie man sich zu verhalten hat, um es zu etwas zu bringen, seien es Ankäufe von öffentlichen Institutionen, lukrative Förderungen oder aber Aufträge namhafter Institutionen und Medien.

Diese Überschaubarkeit relevanter Ressourcen lassen die Mitglieder der Fotoszene sehr vorsichtig agieren, was sie wesentlich angepasster macht als die Filmszene, wo um die Richtlinien und die Vergabepraxis der Filmförderung heftig gestritten wird, prominente Regisseure wie Sönke Wortmann oder Oskar Roehler aus Verbänden austreten oder ein erfolgreicher Filmproduzent wie Martin Moskowitz die Kollegenschaft heftig kritisiert. 

© Benyamin Reich


In der Fotoszene herrscht dagegen ein beredtes Schweigen im Walde.

Formate, in denen kritisch nachgehakt wird, gibt es im Grunde nicht. In Szene-Podcasts wie "Die Motive" oder "Fotografie neu denken" wird nett mit Fotografinnen geplaudert und dem institutionellen Betriebspersonal der rote Teppich ausgerollt. Die Podcasts stehen dabei in der Tradition des Fachmagazins Photonews, in dem Direktoren und Kuratorinnen von jeher ihre Sicht der Dinge in aller Breite und unwidersprochen darlegen können.

In mit öffentlichen Mitteln geförderten Periodika wie Camera Austria darf wiederum der akademische Nachwuchs aus Kunstgeschichte, Kulturwissenschaft und Gender Studies zeigen, ob er den diskursiven Input im Studium von Susan Sontag bis Frantz Fanon erfolgreich verdaut hat und in der Lage ist, ihn zum dominanten Themen-Mix von Female Gaze bis postkolonial zum Einsatz zu bringen. Camera Austria wird gerade "klimafit" gemacht und glaubt von sich selbst: "Als Orte des Wissens, der Bildung und der Begegnung können wir Kulturinstitutionen entscheidende Impulse für den notwendigen gesellschaftlichen Wandel setzen". Ja, ganz sicher.

Nervig auch derzeit angesagte Formate wie "Artist meets Archive", wo Künstlerinnen eingeladen werden, die Bestände öffentlicher, deutscher Bildarchive zu durchforsten, und zu unfassbaren Einsichten gelangen können, etwa, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein nationalistischer, imperialistischer Geist mit antisemitischen und misogynen Unterströmungen herrschte. Alte Schwedin! 

Neben diesem meist kunstfernen Akademismus herrscht nicht selten ein befremdliches Pathos: Katalogtexte zu Fotobüchern, Pressetexte zu Ausstellungen und Fotofestivals sind vor politisch aufgeladener Marktschreierei kaum noch zu ertragen.

Wer damit wann angefangen hat, wird nur noch schwer zu eruieren sein. Selbst interessante Dinge werden jemandem wie mir dadurch fast vergällt. Etwa Benyamin Reichs Fotobuch "Jerusalem Berlin", das seinen Weg vom ultraorthodoxen Judentum zum selbstbestimmten, homosexuellen Leben in Berlin nachzeichnet (mehr dazu in einer anderen Ausgabe von "Fotolot"). Der Beitrag darüber in "titel thesen temperamente" ist dermaßen kitschig ("Fotografie ist Reich heilig"), dass ich um das Buch einen Bogen machen würde, wenn ich nicht Fotos daraus gesehen hätte.

Hanebüchen auch weiterhin diverse Veröffentlichungen im Schatten von Black Lives Matter.

Einen "Höhepunkt" stellt dabei ein Fotobuch dar, das die Kinder der schwarzen US - Upper Middle Class in Frack und Ballkleid wie am Wiener Opernball zeigt: Miranda Barnes' "Social Season". Die Fotos verlassen dabei nicht den Rahmen üblicher, professioneller Hochzeitsfotografie. Im Pressetext heißt es: "Debütantenbälle mögen ihren Ursprung in Ritualen des europäischen Adels haben, aber Barnes' Projekt zeigt, wie schwarze Gemeinschaften diese Tradition umgestaltet haben - sie haben sie sich angeeignet, abgewandelt und zu etwas ganz Eigenem gemacht. (...) Eine außergewöhnliche Dokumentation über schwarze Gemeinschaften und Subkulturen (!) in den heutigen Vereinigten Staaten." 

So ist es mit dem meisten. Ich könnte wahllos etwas herausgreifen aus dem Material, das ich zugeschickt bekomme. Zum Beispiel das "Leipzig Photo Book Festival", das letztes Wochenende stattfand.
 
Dort wurden Arbeiten der schwedischen Fotografin und Autorin Lina Scheynius gezeigt. Von ihr heißt es im Pressetext, sie habe "mit ihrem unverwechselbaren Blick auf Intimität und Körper eine Bildsprache geprägt, die weit über die Kunstszene hinauswirkt und ihr eine große Anhängerschaft eingebracht hat". Das kann man schon so sagen. Mit "Love" und "Diary" hat sie Ende der Nullerjahre tatsächlich eine neue Note eingebracht, die auch in die Ästhetik von Lifestyle-Magazinen Einzug gehalten hat. Allerdings hat sie sich seither als Fotografin nicht wesentlich weiterentwickelt (seit einiger Zeit gibt es Versuche mit stilsicheren  Doppelbelichtungen), und ihr "Diary" aus dem Jahr 2023 könnte auch aus dem Jahr 2013 stammen. Aber gut, das gilt für viele Künstlerinnen.

Was dann folgt, ist jedoch absurd: "Trotz internationaler Berühmtheit wird sie regelmäßig von Instagram zensiert oder blockiert - ein Vorgang, der nicht nur ihre Reichweite beschneidet, sondern auch die Machtverhältnisse digitaler Plattformen offenlegt. Im Rahmen der Fotoausstellung beschäftigen wir uns mit der Macht eines Unternehmens vs. Linas Selbstermächtigung als Künstlerin". 

Lina Scheynius © Rainer Stosberg


Ich glaube nicht, dass im Jahr 2026 Mark Zuckerbergs längst sprichwörtliche "Nippel-Neurose" noch offengelegt werden muss. Auch die Machtverhältnisse sind klar: Instagram gehört Zuckerberg, er legt die Regeln dort fest und erweist sich dabei - quelle surprise - nicht als liberaler Gönner. Ob Scheynius' Auftritt auf Instagram eine Selbstermächtigung darstellt, soll jede/r für sich selbst beantworten. Die Vorstellung, dass es im Rahmen eines solchen Festivals zu einer relevanten Untersuchung von Macht, ob im Geiste von Arendt oder Luhmann, kommen könnte, ist sowieso abwegig.

Nach all der Aufregung zum Abrunden eine harmlose Anekdote, die nichtsdestotrotz auf die essenzielle Harmlosigkeit des Fotobetriebs verweist, und damit einen Bogen zum Anfang dieses Beitrags schlägt, wo es im Kicker über die deutschen Olympia-Teilnehmer heißt: "Das ganze Team wirkte sympathisch, doch irgendwie auch brav."

Als Mitglied der "Deutschen Gesellschaft für Photographie" (DGPh) wurde ich zum nächsten Regional-Treffen in Berlin eingeladen, das im Rahmen einer Ausstellung stattfindet, die "die seltene Gelegenheit bietet, originale Silbergelatineabzüge zu erleben". 

Danach sollen ca. fünfunddreißig Mitglieder "jeweils eine Fotografie aus ihrem Portfolio oder eine andere Arbeit aus ihrem beruflichen Umfeld als Print mitbringen und sich sowie das Foto beziehungsweise ihr Projekt kurz vorstellen (Dauer maximal zwei Minuten)". Nach gut einer Stunde gibt's zur Erholung dann Snacks und Drinks. 

Um dieses Reenactment der Schulzeit abzurunden, wenn sich ein neuer Mitschüler der versammelten Klasse vorstellte, habe ich daran gedacht, Kärtchen mitzubringen, auf denen steht: "Hey, Du! Machen wir was zusammen?" Mögliche Antworten zum Ankreuzen: "Ja / Nein / Vielleicht."

Peter Truschner
truschner.fotolot@perlentaucher.de

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