Herbst 2003 - Sachbücher

28.11.2003.
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Geschichte

Mit dem vierten Band seiner monumentalen "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" (bestellen) hat Hans-Ulrich Wehler die Epoche der beiden Weltkriege erreicht. Und wie seine Vorgänger wird auch dieser Band von der Kritik gefeiert. In der FR staunte der Historiker Richard J. Evans, dass Wehler fast zu jedem Punkt "etwas Anregendes und Originelles" zu sagen hat. Der FAZ gefiel besonders Wehlers "gedankliche Schärfe". In der taz lobte Micha Brumlik, wie informativ, "verständlich und urteilsfreudig" das Buch geschrieben sei. Doch es gab auch Widerspruch. In der NZZ und SZ störten sich Hans Mommsen und Ulrich Herbert an der ganz auf Hitler zugeschnittenen Darstellung des Nationalsozialismus.

Dieses Buch glüht von innen, schreibt Jürgen Osterhammel andächtig in der Zeit über Karl Schlögels "Im Raume lesen wir die Zeit" (bestellen). Versammelt sind darin eine Anzahl von essayistischen Texten, die unseren verkümmerten Sinn für historische Schauplätze wieder schärfen sollen. Ulrich Raulff empfiehlt in der SZ Schlögel als einen "Forscher mit Appetit", den das Geraschel der Begriffe und Diskurse immer unberührt gelassen hat. Und seltsam: Alle Rezensenten haben eine ganze Reihe von Widersprüchen in den einzelnen Essays festgestellt , was sie aber kein bisschen störte. Micha Brumlik erfindet in der NZZ einfach die "pointilistische Geschichtswissenschaft", um zu würdigen, was Karl Schlögel hier - und zwar auf hohem Niveau - betreibt.


Kulturgeschichte

Die FAZ hat das Buch von Asfa Wossen-Asserate, einem Abkömmling des äthiopischen Kaisers Haile Selassie, mit einem Vorabdruck geehrt. Gut so, dürfte Susanne Mayer gedacht haben, denn wie sie in der Zeit schreibt, hätten die Deutschen ein solches Buch "bitter nötig". Dabei hat sie "Manieren" (bestellen) nicht als Plädoyer für besseres Benehmen, sondern für mehr innere Haltung, gerne auch großzügige, gelesen. Ganz so ernst nehmen wollte Ijoma Mangold in der SZ das Buch allerdings nicht. Ihm gefiel es als höchst amüsante Sittengeschichte, die en passant wissen lasse, was wahrer Benimmadel sei.

Hat sich die Liebe dem Markt unterworfen? Muss man Geld haben, um romantisch zu sein? Müssen wir lieben, weil der Markt es fordert? Fragen, die die israelische Soziologin Eva Illouz in ihrer Studie "Der Konsum der Romantik" (bestellen) allesamt mit ja beantwortet. Man hätte sich gewünscht, dass die Kritik Einspruch erhebt, doch sie tut es nicht. Sie applaudiert! Als "brillant, komplex und materialreich" lobt Bernd Stiegler in der FR die Untersuchung. Elisabeth von Thadden bescheinigt Illouz in der Zeit, eine faszinierende Studie geschrieben zu haben, die vor Paradoxien berste und "trotz ihrer abenteuerlichen Komplexität höchst unterhaltsam" ist. Christian Geyer spricht in der FAZ gar von einem "kleinen theoriepolitischen Ereignis".


Kunst

Nahezu ehrfürchtig wurde Werner Hofmanns Goya-Monografie (bestellen) aufgenommen: "Ein solches Buch kann man nur im Alter schreiben", meint etwa Willibald Sauerländer in der SZ. Er will in dem Buch jedoch keine Künstler-Monografie "im konventionellen Sinne" sehen, sondern die "innere Geschichte" von Goyas Werk, ein Bekenntnis gar, "mit kaum verborgener Leidenschaft" geschrieben. Auch Henning Ritter feiert in der FAZ das reichillustrierte Buch als einen "großen essayistischen Monolog über Goyas Künstlertum". In der Zeit gesteht Martin Warnke, dass er sich bei dem Eindruck ertappt habe, die Bilder in dem Band seien extra für diesen eindringlichen Text in Auftrag gegeben worden.


Physik

"Umwerfend komisch" nennt Sabine Sütterlin diese "Reise zum Mittelpunkt des Frühstückseis" in der Zeit, und auch in der FAZ gesteht Ernst Horst, viel Spaß gehabt zu haben - kein Zweifel, hier geht es um Physik (bestellen). Aber Len Fisher ist Brite, Physiker an der Universität Bristol und Mitglied der Royal Society of Chemistry, und damit hinreichend qualifiziert für jegliche Skurrilität. Anhand alltäglicher Dinge - vom Frühstücksei über den Seifenschaum bis zum gezapften Bier - erklärt Fisher hierin die Welt der Naturwissenschaften, und die Kritiker kommen gar nicht raus aus dem Staunen. Nur über eines wundert sich Ernst Horst in der FAZ gar nicht: dass das Buch immer spannender wird, je mehr Len Fisher ins Detail geht.

Alle Sachbücher aus den bisher ausgewerteten Literaturbeilagen vom Herbst 2003 finden Sie hier.

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