Xiaolu Guo

Stadt der Steine

Roman
Cover: Stadt der Steine
Albrecht Knaus Verlag, München 2005
ISBN 9783813502534
Gebunden, 254 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Anne Rademacher. Eine junge Frau in Peking wird mit den Bildern ihrer Kindheit konfrontiert und merkt, dass sie die in ihr verwurzelten Traditionen annehmen muss, um befreiter in die Zukunft zu blicken. Der Aal bringt Coral aus dem Gleichgewicht. Ein riesiger Meeresaal, gesalzen und getrocknet, wie es im Dorf ihrer Kindheit Tradition war. Jetzt liegt er in Corals winzigem Appartement im untersten Geschoss eines 25-stöckigen Hochhauses in Peking. Mit dem Aal kommen die Bilder: das abgelegene Fischernest am ostchinesischen Meer, die furchtbaren Stürme, die kargen Klippen, die dicht gedrängten, steinernen Häuser. Alles scheint an diesem Ort aus Stein zu sein, auch die Herzen der Bewohner. Früh verliert Coral Vater und Mutter. Die Großeltern sind Außenseiter und kommunizieren nur über das Enkelkind miteinander. Als ein stummer Junge sie entführt, spendet ihr niemand Trost und Schutz. Schließlich hat Coral nur noch einen Wunsch: der unbarmherzigen Stadt der Steine für immer zu entkommen. Mit jeder der Aal-Mahlzeiten, die Coral und ihr Freund zu sich nehmen, sickern die Erinnerungen in die lärmende Gegenwart Pekings ein. Und dann steht eines Tages ein Mann vor der Tür, der behauptet, Corals Vater zu sein. Die Vergangenheit ist endgültig zurückgekehrt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 21.11.2005

Susanne Messmer bespricht drei Romane von chinesischen Autorinnen, die sie insbesondere in ihrem "Umgang mit Erinnerung" für repräsentativ für ihre jeweilige Generation sieht. Den auf der eigenen Kindheit basierenden Roman "Stadt der Steine" von Xiaolu Guo lobt die Rezensentin von den drei besprochenen Büchern als am "bewegendsten und waghalsigsten", da diese Art der Erinnerung in der chinesischen Literatur noch nicht häufig zu finden sei. Die Ich-Erzählerin, die mit ihrem Geliebten in einem Pekinger Hochhaus lebt, bekommt eines Tages einen "getrockneten Aal" zugeschickt, was einen "diskontinuierlichen, assoziativen" Erinnerungsstrom auslöst, der gerade wegen seiner Form so "authentisch" wirkt, meint die Rezensentin. Es stellt sich heraus, dass die Erzählerin mit sieben Jahren vergewaltigt wurde. Trotzdem ist der Roman keine reine "Konfessionsliteratur", deren Zweck in der bloßen Aufarbeitung liege, beruhigt die Rezensentin umgehend. Vielmehr machen die "radikale Subjektivität", die "freie Erzählstruktur" und die Schilderungen von Sexualität und Gewalt das Buch zu einem der "modernsten und interessantesten", die derzeit an chinesischer Literatur auf Deutsch zu haben sind, konstatiert die Rezensentin.