Aus dem Russischen von Regine Kühn. Mit einem Nachwort von Alexander Etkind. In den Krankensaal des Ordinators für die 'halbwegs Harmlosen' Dr. Andrejschin werden zwei Juweliere eingewiesen, die auf dem großen Moskauer Markt verkündet hatten, sie seien beauftragt, die Krone für den Kaiser von Amerika anzufertigen - und diese sei nun, fast fertig, gestohlen worden! Im Versuch, hinter den Wahnsinn der beiden Brüder zu kommen, gerät der Arzt in das merkwürdige Haus Nr. 42, in dem er unverhofft lange bleibt und mit den Bewohnern und einem gewissen Tscherpanow, der angeblich Arbeitskräfte für eine Großbaustelle anwirbt, absurde, die Wirklichkeit in eine fantastische Welt von Traum und Mystifikation verwandelnde Abenteuer und handgreifliche Auseinandersetzungen erlebt. In dieser surrealen Atmosphäre entstehen immer groteskere Pläne für das Projekt der "Umformung des Menschen ", die diesen geeigneter und williger für den Aufbau einer neuen Gesellschaft machen sollen. Die Mitarbeiter im sowjetischen Litfond haben nicht ahnen können, welche bizarren Seltsamkeiten im Kopf ihres Vorsitzenden Wselowod Iwanow vorgingen, mit denen er ausgerechnet in den Jahren seine Schubladen füllte, in denen er die literaturpolitischen Entscheidungen darüber traf, welche Texte gedruckt werden durften und welche nicht. Die nachfolgenden Kollegen strichen denn auch 1990 sämtliche erotische Szenen, die erstmals in dieser Übersetzung ins Deutsche zugänglich gemacht werden
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2021
Urs Heftrich gerät in kindliches Staunen angesichts von Wsewolod Iwanows Roman von 1932. Dass der Autor eines solchen Textes den stalinistischen Terror überleben konnte, muss mit Iwanows enormer Biegsamkeit zu tun haben, mutmaßt der Rezensent. Der Roman um ein paar psychologisch geschulte Kommunisten im Ural auf fieberhafter Suche nach dem Neuen Menschen ist laut Heftrich auch in der deutschen Fassung von Regine Kühn sprachlich virtuos, voll grotesker Bilder und Verweise. Dazu gehören auch allerhand "Nebelkerzen", wie Fußnoten ohne Referenztext, deren reine Schönheit der Rezensent bewundert. Iwanows "Bericht aus dem Tollhaus des Kollektivismus" scheint Heftrich jedenfalls nicht allein bemerkenswert, weil der Autor die Rolle der Psychoanalyse im Kommunismus untersucht.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 09.07.2021
Rezensent Jörg Plath besucht das Tollhaus von Stalins Sowjetunion mit Wsewolod Iwanows Roman, der Moskauer Verhältnisse im Jahr 1932 auf laut Plath skurrile Weise abbildet. Das im Zentrum stehende Trio, zwei dienstfertige Zuarbeiter der klassenlosen Gesellschaft und ein Erzähler, jede Menge Gewimmel, Gequassel und verwirrende Leidenschaften, die Plath an den Stummfilm, den pikaresken Roman und die Commedia dell'arte erinnern, nehmen den Rezensenten gefangen. Die Übersetzung von Regine Kühn findet er beschwingt, das Buch amüsant, aber auch etwas langatmig.
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