"Seit ihrer Eheschließung mit meinem Vater kannte Mutter vor allem eins: den Verzicht." Wolfgang Hermann skizziert in seiner neuen Prosa eine Frau, die ihr Leben nicht so gestalten konnte, wie sie es sich erhofft hatte: selbstbestimmt, frei und künstlerisch. Anneliese wächst im Vorarlberg der Zwischenkriegszeit auf. Sie will ihr eigenes Geld verdienen, mit ihrem eigenen Auto fahren und versucht, sich zu emanzipieren. Doch das ist nicht so einfach: Zunächst arbeitet sie unbezahlt für ihren Vater im Sägewerk, später im Büro ihres Mannes. Mit der Heirat scheint auch der Traum von Liebe und der Schauspielkarriere zu platzen. Kann sie sich von ihren gesellschaftlichen Fesseln befreien? Wird sie dem kalten, harten Ehemann entkommen?Wolfgang Hermann porträtiert in seiner Erzählung das Leben einer Bregenzer Tischlertochter, einer Frau und Mutter, die einer scheinbar unglücklichen Ehe zu entfliehen versucht. Gleichzeitig schafft er einfühlsam das Bild einer ganzen Generation aus einer Zeit, die uns staunen lässt.
Rezensent Christoph Schröder schätzt die "Dezenz", mit der Wolfgang Hermann über das Leben seiner Mutter schreibe. Dabei merkt der Kritiker dem Buch die zeitliche Distanz - den ersten Teil hatte Hermann 1994, noch zu Lebzeiten der Mutter verfasst, den zweiten Teil erst sechs Jahre nach ihrem Tod - positiv an: So hinterfrage der Autor in der Revision nochmals das Bild seiner Mutter Anneliese, deren Traum von einem Künstlerinnendasein von strikten Eltern und der Ehe mit einem Choleriker verhindert wurde, als bloß Aufopfernde und Leidende. An die Oberfläche komme dabei, dass Anneliese für wichtige Entscheidungen wie einen Hauskauf verantwortlich war und sich auch anderweitig wirtschaftlich einbrachte. Wie Hermann dieses Leben, das "prototypisch für eine Generation" lesbar sei, einerseits in eindrücklichen Szenen, andererseits mit Vorsicht und Fingerspitzengefühl einfange, ohne ein abschließendes moralisches Urteil zu fällen, beeindruckt den Kritiker.
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