Willy Brandt

Berliner Ausgabe, Band 4: Auf dem Weg nach vorn

Willy Brandt und die SPD 1947-1972
Cover: Berliner Ausgabe, Band 4: Auf dem Weg nach vorn
Dietz Verlag, Bonn 2000
ISBN 9783801203047
Gebunden, 659 Seiten, 20,35 EUR

Klappentext

Im Auftrag der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung herausgegeben von Helga Grebing, Gregor Schöllgen u. Heinrich A. Winkler. Bearbeitet von Daniela Münkel. Mit der "Berliner Ausgabe" ausgewählter Reden, Artikel und Briefe von Willy Brandt wird erstmals das politische Wirken des bedeutendsten deutschen Sozialdemokraten des 20. Jahrhunderts umfassend dokumentiert. Die einzelnen der zehn Bände zeichnen die Etappen der langen politischen Laufbahn Brandts nach: vom jungen Linkssozialisten, der in die Emigration gezwungen wurde, zum Hoffnungsträger vieler Berliner Sozialdemokraten; vom Regierenden Bürgermeister der geteilten Stadt zum Kanzlerkandidaten der SPD; vom Außenminister der Großen Koalition zum ersten sozialdemokratischen Regierungschef in der Bundesrepublik Deutschland 1969; vom Kanzler - nach seinem Rücktritt - zum Vorsitzenden der Sozialistischen Internationale. Gleichwohl liegt das Schwergewicht der Ausführungen weniger in der Darstellung konkreter Vorkommnisse und Einzelfragen, sondern vielmehr in der Wiedergabe grundsätzlicher und programmatischer Texte.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 02.05.2001

Eine breit angelegte Dokumentensammlung - zehn Bände, von denen gerade zwei erschienen sind - ermöglicht allen am SPD-Fraktionsvorsitzenden und Bundeskanzler Willy Brandt Interessierten, sich nun abseits bereits geschriebener Biografien mit dem Leben und dem politischen Denken des Politikers näher auseinander zu setzen, berichtet Christian Kind. Die "Berliner Ausgabe" ist chronologisch angelegt und mit einem ausführlichen Anmerkungsteil sowie mit Personen- und Sachregistern versehen, informiert der Rezensent und freut sich, dass diese Werkausgabe dem Menschen und Politiker Willy Brandt klare Konturen verleiht.
1) Willy Brandt: "Zwei Vaterländer". Berliner Ausgabe Bd. 2
Auszüge aus Briefen, Denkschriften, Vortrags- und Buchmanuskripten des Politikers haben dem Rezensenten erhellende Erkenntnisse über dessen Vorstellungen eines künftigen Deutschlands und über die Möglichkeiten einer sowohl demokratischen als auch sozialistischen Regierungsform vermittelt. Auch Brandt erkannte, so Kind, dass eine Einheit Deutschlands nur auf der Basis eines eindeutigen demokratischen Willens möglich sein konnte. Seine Sympathien für die Sowjetunion schwanden schon in der Nachkriegszeit, referiert der Rezensent, als Brandt feststellte, dass die Sowjetunion die kommunistische Vorherrschaft um jeden Preis - auch mit undemokratischen Mitteln - zu sichern trachtete.
2) Willy Brandt: "Auf dem Weg nach vorn". Berliner Ausgabe Bd. 4
Besonders erfreut ist Kind über diesen Band, weil er eine große Zahl bisher unveröffentlichter Texte aus verschiedenen Archivbeständen enthält. Briefe, Artikel für die Parteipresse und kurze Debattenbeiträge haben dem Rezensenten so erhellende Erkenntnisse über Brandts Positionen zu einer Erneuerung der SPD hin zu einer regierungsfähigen Partei der linken Mitte vermittelt. Große Parteitagsreden und Regierungserklärungen, die längst an anderer Stelle dokumentiert sind, suche man hier vergebens, so Kind. Das ist für den Rezensenten kein Manko, denn schließlich erfahre man dafür wirklich Neues über die SPD und ihren prominenten Politiker.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 13.03.2001

Warnfried Dettling rezensiert Band 4 einer zehnbändigen Monumentalausgabe, die sich mit Willy Brandt befasst. Das umfangreiche Buch, das aus der Zeit von 1947 bis 1972 "eine Vielzahl von Quellen versammelt", wird mit Sicherheit zu einem wichtigen Werk für "die Zunft der Zeithistoriker ebenso wie für die Archäologie der SPD" werden, prophezeit Dettling. Hauptsächlich werde Brandts Beitrag zur Reformation der SPD behandelt, der in enger Verbindung zur Regierungsbeteiligung der SPD und der späteren Kanzlerschaft Brandts steht. Dessen maßgeblicher Anteil an den programmatischen Veränderungen in der Geschichte der SPD wird laut Rezensent ebenso nachgezeichnet, wie seine Persönlichkeit und sein Führungsstil, der im Gegensatz zu dem Helmut Schmidts weniger autoritär als vielmehr "integrativ" war. Die Anknüpfung an die politische Gegenwart sieht Dettling in der Gegenüberstellung vom "Pragmatismus", dem "taktischen Verhältnis zu Ideen", das die momentan Regierenden eigen ist, mit der visionären Kraft des Idealisten Brandt. Was angesichts dieses Vergleichs vom "demokratischen Sozialismus" noch bleibt, so schließt der Rezensent, ist "die Erinnerung".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.10.2000

Gunter Hofmann scheint noch immer eine Rechnung offen zu haben mit denjenigen, die Willy Brandt einst einen Vaterlandverräter nannten. Und so nutzt er seine Rezension des zweiten (`Zwei Vaterländer`) und vierten (`Auf dem Weg nach vorn`) Bandes der `Berliner Ausgabe` (von Brandts Texten zu einigen `Anmerkungen`. Eines muss nämlich klar gestellt werden: Brandt war ein `wahrer Patriot`. Viel spannender werden seine Anmerkungen allerdings, wenn er `Zerrissenheit, Widersprüche, Inkonsequenzen und Leitlinien` Willy Brandts beschreibt, auf die die Berliner Ausgaben den Blick zu öffnen versprechen. Vollständig erklären werden sie die Person nicht: `Das Eindrucksvolle an der Lektüre ist, dass gerade das Gesamtbild, die spröden Vorträge, die versteckten Andeutungen, die klaren Bekenntnisse wie die vagen Formeln, eine Person hinter den Worten erkennen lassen, die ein Geheimnis hat.`

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.09.2000

Nach Ansicht von Petra Weber richtet sich diese Ausgabe - anders als die Rhöndorfer Ausgabe zu Adenauer - weniger an ein wissenschaftliches Publikum, als vielmehr an die `breite historisch-politisch interessierte Öffentlichkeit`, und unter diesem Blickwinkel kann die Rezensentin das Buch durchaus empfehlen. Sie lobt den Facettenreichtum der ausgewählten Texte, die von Reden über Zeitungsartikel bis hin zu Interviews reichen und hebt besonders die Einleitung der Herausgeberin hervor. Einschränkend merkt sie jedoch an, dass Brandts Tagebuchaufzeichnungen von ihm selbst zur Veröffentlichung bestimmt waren, und daher "wenig Einblick in dessen Selbstreflexionsprozesse geben". Etwas problematisch findet Weber die Aufteilung der Themenkomplexe der auf zehn Bände angelegten Edition, wodurch ihrer Ansicht nach bestimmte Zusammenhänge nicht ausreichend deutlich werden. Insgesamt zeigt sie sich jedoch recht angetan von diesem Buch und hofft, dass der Leser auf das Erscheinen der übrigen Bände "nicht mehr allzu lange" warten muss.