Klappentext
Herausgegeben von Dirk Göttsche. Die 18-jährige Gertrude Tofote erbt von einem in den holländischen Kolonien reich gewordenen Kapitalisten überraschend eine Rokoko-Villa, die aber der Stadterweiterung zum Opfer fällt. Die Waldidylle nahe Braunschweig, in der sie aufwuchs, zerfällt infolge ihres sozialen Aufstiegs. In der Altstadt stirbt ihr Jugendfreund, ein Seemann mit Ostindien-Erfahrung, an den Folgen eines Eisenbahnunfalls. Ihr knorriger alter Mentor Meister Autor Kunemund, der mondäne Erzähler und ein Schwarzer Deutscher als scharfzüngiger Lebensphilosoph sind weitere Hauptfiguren in Wilhelm Raabes Panorama der sog. Gründerzeit der 1860/70er Jahre.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 06.09.2025
Weder die historischen Romane Wilhelm Raabes, noch sein "melancholisches Alterswerk" nimmt diese neue Ausgabe in den Blick, erklärt Rezensent Tilman Krause. Nein, das Herausgeberteam um den Literaturwissenschaftler Moritz Baßler hat sich die sehr viel weniger bekannten Romane vorgenommen, die in den Jahren nach der Reichsgründung 1871 entstanden. "Meister Autor", "Fabian und Sebastian", "Unruhige Gäste" und "Der Lar", so die bisher erschienenen Titel, sind echte "Zeitliteratur", versichert der Rezensent, allerdings geprägt von den typischen Eigentümlichkeiten Raabes. Epocheprägende Phänomene werden hier aufgegriffen, wie die Industrialisierung, der Ausbau der Städte und eine damit einhergehende "Stadtflucht" in vermeintliche ländliche Idyllen. Überraschend progressiv wird es zudem für Krause, wenn hier zum Beispiel das Thema Homosexualität verhandelt wird, oder Raabe eine sehr frühe Version von "Patchwork"-Zusammenleben vorkommen lässt. Raabe, schon zu Lebzeiten als "Gemütsonkel" verkannt, fasziniert den Kritiker durch seine ab- und hintergründigen Plots, verschrobenen Charaktere und die Originalität der erzählten Welt. So froh Krause also über diese Ausgabe ist, hat er doch ein paar Kritikpunkte: Dass die "originale Textgestalt" beibehalten wurde, nervt beim Lesen, auch die übermäßig erklärenden Nachworte gefallen dem Kritiker nicht - und dann wird auch noch gegendert! Zu viel für Krause, die Lektüre empfiehlt er trotzdem.