Aus dem Amerikanischen von Angela Steidele. Nackte Ganymede und ihr göttlicher Entführer; der fast weibliche Apoll von Belvedere; zwei schöne nackte Jünglinge, von denen einer dem anderen den Arm über die Schulter legt: Die Kunstwerke im Treppenhaus von Goethes Wohnhaus in Weimar sind nicht nur antike Klassiker, sondern auch ein homoerotisches Bildprogramm par excellence. Und in seinem dichterischen Werk, von der frühen Vorliebe für androgyne Gestalten über die obszönen Witze im Umfeld der "Römischen Elegien" bis zur Geschlechterverwirrung der "Grablegung" in "Faust II" beschäftigt sich Goethe ebenfalls intensiv mit dem Thema der gleichgeschlechtlichen Liebe.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2012
Angenehm überrascht zeigt sich Manfred Osten angesichts des neuen Buches von W. Daniel Wilson. Dass der Autor sich hier nicht reißerisch spekulativ zu Wort meldet, wie in seinem Buch "Das Goethe-Tabu", sondern auf der Höhe der Forschung, nicht aus Schlüssellochperspektive interessiert an Goethes Geschlechtsleben, sondern an der Behandlung gleichgeschlechtlicher Liebe in Goethes Werk, nimmt Osten erleichtert zur Kenntnis. Osten folgt dem Autor durch die "venezianischen Epigramme", die "Winckelmann"-Schrift, das Schenkenbuch und homoerotische Augenblicke im "Faust". Zumindest letztere sind keine Perversionen, lernt Osten aufatmend vom Autor, sondern Momente eines teuflischen Plans!
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 22.12.2012
Mit viel Lob bespricht Rezensent Jens Bisky W. Daniel Wilsons drittes Buch "Goethe. Männer. Knaben" Der Kritiker liest hier eine "erhellende" Studie über Goethes lebenslange Beschäftigung mit der gleichgeschlechtlichen Liebe, die seiner Meinung nach insbesondere dadurch gewinne, dass Wilson der biografischen Frage, ob Goethe auch "schwul" gewesen sei, nur kurz nachgehe und stattdessen seine besondere Konzentration auf die homoerotischen Verweise in Goethes Werk lege. Überrascht entdeckt Bisky erstmals nicht nur deutliche Bezüge auf Knabenliebe im "Faust" oder in "Wilhelm Meisters Wanderjahren", sondern stellt auch erstaunt fest, dass Goethe in seiner Zeit, in der Homophobie häufig in Begleitung mit einem neuen Antisemitismus auftrat, bemerkenswert liberale und "kecke" Ansichten über die gleichgeschlechtliche Liebe und Partnerschaft äußerte. Auch wenn den Rezensenten die ein oder andere Überzeichnung der Thematik ein wenig gestört hat, erscheint ihm dieses Buch als durchaus "gelungene" Hinführung zu Goethe.
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