"Wer da hat, dem wird gegeben" - dieser von dem amerikanischen Soziologen Robert K. Merton, einer seiner großen Vorbilder, so genannte "Matthäus-Effekt" sollte zu den Lieblingssprüchen Erwin K. Scheuchs gehören; denn als Kind litt er unter schrecklicher Armut, die ihm den Erwerb lesenswerter Bücher nicht erlaubte, deren Lektüre er dann eben ungelesen so gekonnt zusammen dichtete, dass niemand seine Notlüge durchschaute. Später, frei von finanziellen Sorgen, durfte er am eigenen Leibe die Wahrheit dieser These in der Soziologie erfahren: Bücher wurden ihm zuhauf geschenkt. Diese Biographie zeichnet den Weg nach, der ihn zu einem geachteten und gefragten Soziologen in Deutschland ebenso wie weltweit werden ließ. Sie lässt zugleich die Geschichte Deutschlands lebendig werden: das Elend zu Ende der Weimarer Republik, der Aufstieg der Nazis: dass Menschen sich von heute auf morgen völlig anders verhalten, abhängig vom jeweiligen sozialen Umfeld. Dies alles prägte ihn entscheidend; doch noch schwankte er, ob er in die Gesellschaft als Journalist oder Wissenschaftler einwirken wolle. Letztlich tat er das Naheliegende: beides zeitlebens miteinander zu verbinden und "drei Leben" parallel zu führen: als Soziologe, der Theoretiker und Empiriker war, und eben auch als Publizist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.2017
Peter Hoeres hält Ute Scheuchs biografische Erinnerungsarbeit für ihren Mann Erwin K. Scheuch für ein Selfmade-Projekt mit allzu detailliertem Ansatz. Die hohe Materialdichte und die üppigen Fotostrecken ergeben laut Hoeres zwar einen Einblick in den Wandel der akademischen Kultur, in den wissenschaftlichen und politischen Lebensweg und die Internationalität des Kölner Soziologen. Preis und Umfang des Werkes aber scheinen dem Rezensenten ebenfalls üppig. Ein schlankeres und günstigeres Buch zum Thema wäre laut Hoeres angebracht.
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