Ute Frevert

Die kasernierte Nation

Militärdienst und Zivilgesellschaft in Deutschland
Cover: Die kasernierte Nation
C. H. Beck Verlag, München 2001
ISBN 9783406479793
Gebunden, 458 Seiten, 12,90 EUR

Klappentext

Nach zwei Jahrhunderten steht in Deutschland die allgemeine Wehrpflicht zur Debatte. Ute Frevert schildert in ihrem Buch die Geschichte der allgemeinen Wehrpflicht von ihrer "Erfindung" in Preußen im frühen 19. Jahrhundert bis zu den aktuellen Auseinandersetzungen der Gegenwart. Dabei wird die große historische Bedeutung dieser Institution sichtbar, die - nicht nur politisch und sozial, sondern auch kulturell bis hin zur Ausgestaltung der Geschlechterordnung - in der deutschen Geschichte eine kaum zu unterschätzende Rolle gespielt hat.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.04.2002

Rezensent Jakob Vogel erblickt in Ute Freverts Studie "Die kasernierte Nation" einen wahren "Glücksfall", bietet ihr Buch doch eine "außergewöhnlich fundierte" und "angenehm lesbare" Grundlage für die seit Jahren mit den immergleichen Argumenten geführte Diskussion um die allgemeine Wehrpflicht. Im Zentrum ihrer Untersuchung findet Vogel die Entstehung der allgemeinen Wehrpflicht in Preußen und ihre spätere Ausbreitung in den anderen deutschen Staaten im 19. Jahrhundert. Besonderes Augenmerk richte Frevert dabei auf die mit dem "Waffendienst fürs Vaterland" verbunden Geschlechtsbilder der deutschen Gesellschaft. Während Frevert die gesellschaftlichen und politischen Facetten der allgemeinen Wehrpflicht im 19. Jahrhundert nach Einschätzung des Rezensenten überaus "anschaulich und lebendig" schildert, erscheint ihm Freverts Darstellung der Zeit nach dem ersten Weltkrieg eher "summarisch" und etwas oberflächlich. Vor allem Freverts These, die allgemeine Wehrpflicht hätte in Deutschland die Ausbildung eines "gesellschaftsbezogenen Bürgersinns" blockiert und Geschlechterverhältnisse festgeschrieben, hält Vogel für diskussionswürdig: Der Rezensent gibt dagegen zu bedenken, dass die mit dem "Waffendienst" einhergehende Ordnung und Disziplinierung gerade im 19. Jahrhundert dem "Siegeszug der kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft" eher Vorschub leistete - wenn auch nicht in einem "demokratisch-freiheitlichen Sinne". Dennoch lässt sich seiner Meinung nach darüber streiten, inwieweit die allgemeine Wehrpflicht noch unserem heutigen Verständnis der Gesellschaft und dem ihr zugrunde liegenden Geschlechterverhältnisse entspricht. Auch wenn man Freverts politische Folgerungen nicht teile, so der Rezensent anerkennend, biete ihr Buch für eine "historisch fundierte Debatte" eine "exzellente Basis".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.12.2001

Wie der Rezensent Joachim Käppner am Anfang seiner Besprechung bemerkt, ist die allgemeine Wehrpflicht eines der letzten ideologischen Themen in der deutschen Gesellschaft. Daher ist ihm dieses Buch über das Verhältnis von Gesellschaft und Armee durchaus willkommen, wenn es auch leider nicht alles halten könne, was es verspreche. So seien die Studien über das 19. Jahrhundert überaus informativ, aber das 20. Jahrhundert werde kaum berücksichtigt. Freverts Ausführungen über die 'sexualisierten' Beziehungen zwischen Ross und Reiter der wilhelminischen Kavallerie tut der Rezensent mit einem Achselzucken ab, ärgerlich findet er, dass auf das Scheitern des Wehrpflichtkonzepts und die Massenrevolte der Matrosen gegen Ende des ersten Weltkriegs nicht eingegangen wird und bezeichnet dies als ein "unverzeihliches Manko". Lobenswert sei aber das "kluge Fazit", in dem die Autorin die Überzeugung vertrete, 'dass es keine direkte Korrespondenz zwischen Demokratie und Wehrpflicht gibt', wie der Rezensent die Autorin zitiert.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2001

Als leider "ganz misslungen" bezeichnet Klaus Hildebrand Ute Freverts Buch über die Wehrpflicht in Deutschland und ihre Entwicklung während des 19. und 20. Jahrhunderts. Das zur Zeit brisante Thema der Berufsarmee sei in einer "riskant eingeschränkten Perspektive" behandelt: Den Gesichtspunkt der Armee als Merkmal des modernen Nationalstaats und den der Sicherheit nach außen lasse die Autorin völlig außer acht. Dagegen interessiere sie vor allem die Schichtzugehörigkeit der Soldaten bis zum wilhelminischen Kaiserreich, was "farbig, illustrativ und anschaulich" geschrieben sei. Die Folgezeit hingegen beschreibe sie "oberflächlich statt angemessen", bemängelt Hildebrand. Auch ein Vergleich mit anderen Großstaaten Europas fehlt ihm.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 10.10.2001

Anlass sowohl zu Kritik als auch zu Lob bietet dieses Buch dem Rezensenten Wolfgang Kruse. Der Abschnitt über das 19. Jahrhundert findet seine Zustimmung, da sich Ute Frevert hier differenziert mit den verschiedenen Bereichen der Thematik auseinandersetze, selbst wenn sie die "nichtbürgerlichen Schichten als gesichtslose Masse erscheinen" lasse. Am letzten Teil des Buches, der das 20. Jahrhundert behandelt, übt der Rezensent allerdings harsche Kritik. Die Autorin bringe hier kaum eigene Forschungsergebnisse ein, setze sich kaum mit der Bedeutung des Ersten Weltkriegs für ihr Thema auseinander, verliere sich teilweise in vagen Vermutungen und werde ihrem Anspruch, einen Beitrag zur aktuellen Wehrdienstdiskussion zu leisten, in keiner Weise gerecht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.10.2001

Ende des 18. Jahrhunderts wurde auch in Deutschland nach dem Vorbild Frankreichs die allgemeine Wehrpflicht eingeführt: damit einher ging, so Christoph Jahr, ein grundlegender Wandel im Verhältnis Individuum, Gesellschaft, Staat. Allgemeine Bürgerpflichten und -rechte wurden miteinander verknüpft, das Gewaltmonopol neu definiert. Für Jahr bewältigt die Bielefelder Historikerin dieses komplexe Thema in hervorragender Weise, indem sie erzählerische mit analytischen Elementen verschränkt. Zwei Einwände macht Jahr geltend: das gesellschaftliche Panaroma des 19. Jahrhunderts ist ihm zu üppig geraten, während das 20. nicht genügend ausgeleuchtet werde. Außerdem habe die Historikerin die beiden Weltkriege völlig ausgelassen, obwohl doch nun der Krieg den Ernstfall einer uniformierten Gesellschaft darstelle. Zustimmen möchte Jahr dennoch Freverts Schlussthese, dass die Wehrpflicht keineswegs ein "legitimes Kind der Demokratie" sei, sondern das demokratische Selbstverständnis der Bürger eher behindert habe.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 04.10.2001

Die allgemeine Wehrpflicht, in Preußen 1813 nach dem Vorbild der napoleonischen Konskriptionsheere eingeführt, gehört, zitiert Hans-Martin Lohmann die Bielefelder Sozialhistorikerin Ute Frevert, zu den langlebigsten Institutionen der modernen Gesellschaft. Frevert erzählt die Geschichte der Wehrpflicht, so der Rezensent, als Gesellschaftsgeschichte. Dabei liegt ihr Fokus auf dem 19. Jahrhundert, was Lohmann etwas erstaunt, denn für ihn hat auch das 20. Jahrhundert für die Wehrpflicht eine wegweisende Bedeutung. Interessant beschreibt die Autorin, hebt der Rezensent hervor, beide Seiten einer Medaille - das inklusive und exklusive Moment der Wehrpflicht: So betrifft die Wehrpflicht zwar prinzipiell alle männlichen Mitglieder der Gesellschaft, formiert aber damit gleichzeitig einen männlichen Exklusivitätsanspruch, der zur Reproduktion eines bestimmten Männlichkeitsbildes in der Zivilgesellschaft beiträgt. Frevert wartet mit einer ganzen Reihe interessanter und aufschlussreicher historischer Details auf, lobt Lohmann. Für den Rezensenten ist das Buch, auch wenn er dem Vorschlag der Autorin, die Bundeswehr in eine Berufsarmee umzustrukturieren, nicht ganz zustimmt, ein ganz besonderes Lektürevergnügen.