Ulrike Brunotte

Zwischen Eros und Krieg

Männerbund und Ritual in der Moderne
Cover: Zwischen Eros und Krieg
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2004
ISBN 9783803151704
Gebunden, 172 Seiten, 18,50 EUR

Klappentext

Im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Umbrüchen um 1900, die auch die Geschlechteridentitäten erschütterten, entwickelten sich Vorstellungen von hyperviriler Männlichkeit, die den vermeintlichen Bedrohungen einer als "weiblich" und zugleich "jüdisch" empfundenen Kultur der Moderne widerstehen sollten. Detailliert zeichnet Ulrike Brunotte nach, wie in den Diskussionen um "Männlichkeit" auf ein Ideal des "wilden Kriegers" und auf stammesgeschichtliche Initiationsriten zurückgegriffen wurde. Und zum ersten Mal widmet sich eine Studie so ausführlich dem Berliner Psychologen Hans Blüher, der die ganze Ambivalenz dieses Männerbundmodells - das vom Wandervogel bis zu SA und SS gewirkt hat - offenbarte, als er nach der Rolle des Eros in der männlichen Gesellschaft fragte.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.11.2004

Autorin Ulrike Brunotte zeigt in ihrem Buch über Männerbunde glänzend, wie ein wichtiges Gesellschaftsmodell des frühen 20. Jahrhunderts auf Ressentiments gegründet wurde und welche Gefahren ihm innewohnen würden, lobt Rezensent Wilhelm Trapp. In ihrer Studie räume die Kulturwissenschaftlerin mit allen Mythen gründlich auf und beleuchte dazu den bizarren antimodernen und antifeministischen Doppelcharakter von Männerbünden zwischen 1900 und 1930. Bedauerlich findet es der Trapp jedoch, dass die Autorin kaum der Frage nachgehe, ob der Männerbund überhaupt eine deutsche Besonderheit sei. Auch hat sie sich aus seiner Sich zu wenig mit dem Faschismus befasst, der, so Trapp, den unübersehbaren Fluchtpunkt dieses Buches ausmacht.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.09.2004

Großes Lob von Rezensent Jörg Plath erntet Ulrike Brunotte für ihre Studie über die "gravierenden Umarbeitungen des Männlichkeitsbildes" innerhalb der Moderne. In der Tat sei die Kulturkrise vor allem eine "Krise der Männlichkeit" gewesen, und Brunotte zeige, wie sehr es die Jugend war, die zu einem "zentralen Medium für die Selbstreflexion der Moderne und des Männlichkeitsbildes" wurde. Wie ein regelrechter "Glücksfall" muss der Autorin die Existenz eines Zeitgenossen vorgekommen sein, "der all diese Überlegungen bündelt und zuspitzt": der anfängliche "wilde Therapeut", homosexuelle Sexualtheoretiker und später völkischer Antisemit Hans Blüher, der "den um 1900 wieder aufgetauchten männlichen Eros" zum "Bindemittel" innerhalb des Männerbundes umfunktionierte. Schade findet der ansonsten begeisterte Rezensent nur, dass Brunottes "zuweilen beängstigender Blick in die Entstehungszeit moderner Männlichkeit" unter der Zweiteilung (in "ethnologische und literarische Quellen" einerseits und die Schriften Hans Blühers andererseits) leidet, aus der sich einige, die Lesbarkeit trübende Wiederholungen ergeben. Daher, so das Fazit des Rezensenten, legt Brunotte zwar kein "großes Panorama der sexual politics als 'einem exponierten Medium der Modernereflexion in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts' " vor -ein "Meilenstein" ist ihre "spannende Untersuchung" jedoch allemal.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.08.2004

Sabine Fröhlich konnte dieser Studie von Ulrike Brunotte sehr viel abgewinnen: Es geht darin um das Männlichkeitsideal in der Weimarer Republik, das sich in der Sicht der Autorin weg von einem "reformpädagogisch, stadtflüchtigen "Wandervogel" hin zum "ekstatisch für Führer und Fahne sich opfernden, singend in den Tod stürzende Krieger" entwickelte. Dabei werden die wichtigsten "Linien und kritische Punkte" der Entwicklung nachgezeichnet, wie zum Beispiel der Ersten Weltkrieges als "eigentlich männliches Initiationsritual" und Vorbereitung auf nationalsozialistische Gruppierungen. Die "unbeirrte Exkursion durch die zeitgenössische Literatur", so lobt Fröhlich, beachte neben den "Baumeistern des Männerbundes" auch experimenteller Ansätze, wie zum Beispiel Rainer Maria Rilke oder Thomas Mann und folgert deshalb, dass die Studie "reich an kreativen Deutungen zeitgenössischer Schlüsseltexte und Kultbücher" sei. Auch wenn die dargestellten Männlichkeitsideale heute "überholt" scheinen, lernte die Rezensentin, dass diese auch heute noch als "Rituale männlich-kriegerischer Identität" ständig präsent seien.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 31.07.2004

Jens Malte Fischer findet diese umfangreiche, aber trotzdem unvollkommen wirkende Arbeit zu Männerbünden "zwiespältig", auch wenn er dem Buch nicht absprechen kann, eine anregende Wirkung zu haben. Zum einen gesteht er der Autorin Ulrike Brunotte zu, dass sie einen interessanten Zugang zu diesem Thema hat - ihm gefällt ihr "scharfen Blick für das Abseitige und Verstiegene" der Texte. Trotzdem findet er das Endprodukt unausgegoren, auf ihn wirkt es "zettelkastenhaft und additiv". Auch inhaltlich hat er einiges zu beklagen. Er findet beispielsweise so manch literarische Exegese, an der sich die Autorin versucht, undifferenziert und auch bei ihren historischen Analysen vermisst er die gebührende Sorgfalt. Etwa bei der Bewertung des Röhm-Putsches "schieben sich die 'gender studies' vor die historischen Fakten." Trotzdem hat dieses Buch einen spannenden Kern, nämlich die ausführlichen Betrachtungen zu Hans Blüher, der "ein Wanderer zwischen den Welten war" - "in diesem Falle der Psychoanalyse und des Wandervogels, zwischen Homoerotik, Misogynie und Antisemitismus". Hier gefällt Fischer die Präzision, mit der die Autorin "die offensichtlichen prekären Aspekte, aber auch die Qualitäten von Blühers Zeitdiagnosen" analysiert. Nur mit der "Blüher-Röhm-Connection", die Brunotte am Ende aufmachen will, ist der Rezensent wieder gar nicht zufrieden. So betrachtet er das Buch als "Vorstufe zu einer größeren Blüher-Studie", für der Brunotte allerdings ihre analytischen Schwächen angehen sollte.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.07.2004

In dieser "kultur- und gesellschaftswissenschaftlichen, dichtgewebten Studie", berichtet Rezensentin Angelika Gutzeit, durchforscht die Berliner Religions- und Kulturwissenschaftlerin Ulrike Brunotte, "den Boden", auf dem die literarischen Entwürfe und Geisteshaltungen von Autoren wie Ernst Jünger und Gottfried Benn gediehen sowie die Frage, wie diese "wiederum formend zurückwirken konnten". Was "an dieser Arbeit so beeindruckt", so Gutzeit, die Brunottes Buch zudem als "wunderbar" preist, sei "die sorgfältige Analyse und schlüssige Zusammenführung verschiedenster Entwicklungslinien". Im Zentrum steht, so erfährt man, der Psychotherapeut Hans Blüher, der entscheidend dazu beigetragen habe, "dass im öffentlichen Bewusstsein Demokratie, Judentum und Weiblichkeit miteinander verschmolzen wurden" und "abgespalten" werden mussten. Die Rezensentin findet die Frage des Buches, "warum sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein Männlichkeitsbild entwickelt, das in einer geradezu besessenen Selbstreflektion alles Weibliche, Friedfertige, alles Gemischte und Demokratische von sich abstreifen will", außerdem hochaktuell - und bedauert, dass Brunotte ihre Verweise im Prolog auf das Männerbündische in amerikanischen Kriegsfilmen, in der Selbstinszenierung von George W. Bush vor dem Irakkrieg oder in dem Agieren von islamistischen Selbstmordattentätern später nicht noch einmal aufgreift, zeigt aber auch Verständnis dafür, dass dies den Rahmen der Studie wohl gesprengt hätte.
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