Das Wohlbefinden
Roman

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2024
ISBN
9783608986853
Gebunden, 336 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Die Fabrikarbeiterin Anna wird als Medium verehrt, Johanna Schellmann ist Schriftstellerin. In den Heilstätten Beelitz entsteht eine Verbindung zwischen den ungleichen Frauen, von der beide profitieren - bis der Kampf um Anerkennung und Aufstieg sie zu Rivalinnen macht.
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Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 07.01.2025
Ganz glücklich wird Rezensentin Eva Behrendt nicht mit Ulla Lenzes neuem Roman. Dabei stecken in ihm, lernen wir, viele interessante Themen, und auch erzählerisch ist er ambitioniert, spannt sich über drei Zeitebenen auf: Da wäre erstens die wohnungssuchende Vanessa, die sich für das Leben ihrer Großmutter Johanna Schellmann zu interessieren beginnt, die Schriftstellerin war; zweitens begegnen wir dieser Johanna Schellmann im Jahr 1967, zu einer Zeit, als ihr literarisches Schaffen in Frage gestellt wird; und drittens, das ist der Hauptteil des Buches, geht es zurück ins Jahr 1908, als ebenfalls Johanna Schellmann eine Psychiatriepatientin kennenlernt . Die Hauptfigur Johanna Schellmann bleibt bei Lenze ambivalent, schildert Behrendt, sie ist einerseits privilegiert, andererseits möchte sie sich gesellschaftlichen Zwängen entziehen, auch sonst spielen soziologische Themen wie Klassengesellschaft und die Auswirkungen der Industrialisierung in diesen Roman hinein. Nicht wirklich gelungen ist laut Behrendt allerdings die erzählerische Konstruktion, die Passagen über Vanessa und die alternde Schriftstellerin sind nicht allzu spannend und auch die prinzipiell stärkeren Teile, die sich dem Verhältnis Johanna Schellmanns und der Patientin widmen, leiden darunter, dass wir zu wenig über letztere erfahren. So wirkt das prinzipiell schön unprätentions geschriebene Buch leider oft etwas bemüht, ärgert sich die Rezensentin abschließend.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 10.10.2024
Ulla Lenzes Roman fällt bei Rezensent Eberhard Rathgeb krachend durch: kein eigenener Stil, keine Substanz, nur die "konstante Leidenschaftlosigkeit" poetischer Mittel. Handlungsort sind die Beelitzer Heilstätten bei Potsdam, an denen die drei Protagonistinnen sich zu unterschiedlichen Epochen aufhalten, die Zeitspanne reicht von 1908 bis 2020. Alle vereint das Streben nach einer alternativen, "geistigen, okkulten" Welt. Da darf auch Rudolf Steiner nicht fehlen, so der Rezensent, allerdings hat er nur einen ganz kurzen Auftritt. Über die Handlung, die sich über Generationen erstreckt, verrät der Rezensent nicht allzu viel, jedenfalls kann sie ihn nicht davon abhalten, das Buch im "Liegestuhl der Komfortliteratur" zu vergessen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 09.09.2024
Rezensentin Judith von Sternburg ist sich nicht ganz sicher, ob das Unausgeglichene in Ulla Lenzes neuem Roman beabsichtigt war: Etwas überladen ist die Geschichte um Johanna, die kurz nach der Jahrhundertwende eine erfolgreiche Autorin war, in den 1960ern dann an Demenz erkrankte, und ihre Urenkelin Vanessa, die 2020 verzweifelt eine Wohnung sucht. Spiritistische Sitzungen spielen ebenso eine Rolle wie weibliches Schreiben und die Heilstätten Beelitz. Die verschiedenen zeitlichen Ebenen verändern sich ständig, die Protagonistinnen findet Sternburg eigentlich beide unsympathisch, was aber wiederum ganz spannend ist. Sternburg wünscht sich im Großen und Ganze ein wenig "mehr Klarheit" im Roman und hätte auf die ein oder andere Trivialität verzichten können. Letztendlich passt der Roman mit all seinen Verwirrungen vielleicht doch auch gut in diese Zeit wie die Kritikerin schließt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 22.08.2024
Rezensent Jörg Magenau liest den neuen Roman von Ulla Lenze mit gemischten Gefühlen. Durchaus gut "verfugt" und stimmig findet er die Geschichte, die ihn von okkulten Seancen in den Beelitzer Heilstätten bis ins Berlin der Coronajahre führt. Lenze lässt hier die Schriftstellerin und Arztgattin Johanna zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf die auch als Medium tätige Fabrikarbeiterin Anna treffen, über die sie ein Buch schreibt, dessen Manuskript ihre Urenkelin später finden wird, resümiert Magenau. Die "soziale Utopie des Wohlbefindens", die in Beelitz verfolgt wird, kann die Autorin dem Kritiker zufolge gut herausarbeiten. Weniger glücklich wird er zum einen mit der Sprache, die mitunter nach "historischem Trivialroman" klingt, aber auch mit der allwissenden Erzählstimme, die sich gegenüber den Figuren nicht eindeutig positionieren will. So ganz wird Magenau daher nicht klar, was ihm Lenze mit diesem Roman eigentlich sagen will.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 21.08.2024
Ulla Lenze ist ein inhaltlich ambitionierter Roman über drei sehr unterschiedliche Frauenfiguren gelungen, findet Rezensentin Marie Schoeß. Darin erzählt die Autorin aus der Sicht von Vanessa, die aufgrund prekärer Mietverhältnisse eine Wohnung außerhalb Berlins, in Beelitz, sucht, sowie von deren Urgroßmutter, die hundert Jahre zuvor als Schriftstellerin in Dahlem lebte und zu den Arbeiterheilstätten in Beelitz recherchierte. Hinzu kommt außerdem die Hellseherin Anna, von der ein Manuskript der Großmutter handelt. Die drei Frauen eint, so die Rezensentin, die Frage nach dem (Aber)glauben und dem titelgebenden Wohlbefinden, das in damaligen Heilbädern wie heutigen Yogapausen gesucht wird. Die Chance, dieser Frage weiter nachzugehen, nimmt sich die Autorin laut Schoeß leider durch die formale Anlage ihres Romans: Vanessa diene nur als überleitende und die Ausführungen der Urgroßmutter bisweilen kritisch unterbrechende Stimme, nehme aber selbst nicht genug Kontur an, um die Historizität dieser Probleme deutlich werden zu lassen. Empfehlen kann sie die verschachtelte Frauenerzählung trotzdem.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.08.2024
Rezensent Tilman Spreckelsen beschränkt sich in seiner Kritik in weiten Teilen auf eine Nacherzählung des Inhalts und nicht ganz unkomplizierten Aufbaus des Romans mit seinen drei verschiedenen Zeitebenen - eine spielt im frühen 20. Jahrhundert, die zweite 1967 und die dritte 2020. Es geht um eine medial begabte Tuberkulose-Patientin in einer Heilanstalt, über die die Dichterin Johanna Schellmann ein Buch schreibt, deren Urenkelin dann auf der jüngsten Zeitebene mit der Beziehung der beiden Frauen konfrontiert wird, fasst Spreckelsen zusammen. Am spannendsten scheint er dabei zu finden, wie Lenze von der sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts auch in der Wissenschaft ausbreitenden "Okkultismusbegeisterung" erzählt - auch wenn er dabei gelegentlich Ungereimtheiten feststellt. Auch, dass es indirekt immer wieder um patriarchale Strukturen und weibliche Emanzipation gehe, merkt Spreckelsen positiv an. Erzählerisch findet er den Roman manchmal "glücklich gewagt", dann stören ihn wieder Plattitüden. Hingesamt eine eher wohlwollende als hingerissene Besprechung.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 17.08.2024
Kritiker Tilman Krause taucht mit diesem Roman tief ein in die Welt des Okkulten um 1900, die Ulla Lenze mit "feinen Antennen" ausbreitet: Professor Blomberg ist Arzt in den Beelitzer Heilstätten und stellt der aufstrebenden Schriftstellerin Johanna Schellmann sein Medium Anna vor. Telekinetisch und geisterbeschwörerisch ist sie unterwegs, Schellmann verfällt ihr, so wie zu unseren Zeiten ihre Urenkelin Vanessa dem Gerede um Mindfulness und "Seelenpflege" verfällt. Krause lobt, wie couragiert, aber auch mit welch "staunenswertem Ambivalenzbewusstsein" Lenze die Instrumentalisierung des Übersinnlichen nachvollziehbar macht, mit Familiengeschichte und weiblicher Emanzipation verbindet und so ein Stück Kulturgeschichte beleuchtet, das sonst eher im Dunkeln bleibt.