Nora Bossong

Reichskanzlerplatz

Roman
Cover: Reichskanzlerplatz
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783518431900
Gebunden, 295 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Als Hans die junge und schöne Stiefmutter seines Schulfreunds Hellmut Quandt kennenlernt, ahnt er noch nicht, welche Rolle Magda in seinem Leben spielen wird, für ihn persönlich, aber auch Jahre später als fanatische Nationalsozialistin und Vorzeigemutter des "Dritten Reichs". Noch ist die Weimarer Republik im Aufbruch und Hans so heftig wie hoffnungslos in Hellmut verliebt. Doch nach einem Unglücksfall beginnen Hans und Magda eine Affäre, von der sie sich Trost und Vorteile versprechen: Sie will aus ihrer Ehe ausbrechen, er seine Homosexualität verbergen. Erst als Magda Joseph Goebbels kennenlernt und der NSDAP beitritt, kommt es zwischen Hans und ihr zum Bruch. Während Magda mit ihren Kindern bald in der Wochenschau auftritt, gerät Hans zunehmend in Gefahr. Ein Roman, der über zwanzig Jahre den Weg zweier Menschen und eines Landes erzählt, der nicht unausweichlich war.Nora Bossong zeichnet in ihrem neuen Roman das intensive Porträt der Frau, die Magda Goebbels wurde, und ihres jungen Liebhabers. Zwei Menschen in der Maschinerie der historischen Ereignisse, unterschiedlich verstrickt, unterschiedlich schuldig geworden. Auch an sich selbst.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.08.2024

Mit Nora Bossong "Reichskanzlerplatz" liest Kritiker Carsten Otte einen Roman, der zwar von der Vergangenheit erzählt, aber doch absolut gegenwärtig sei: Es geht um Magda Goebbels und ihren kometenhaften, kompromisslosen Aufstieg im Nationalsozialismus. Erzählt wird aus der Perspektive eines früheren fiktiven Liebhabers, Hans Kesselbach, der im diplomatischen Corps tätig ist und mit der Affäre seine Homosexualität verdecken will. Ein Roman, der Otte einiges über Amoralität, Opportunismus und deutsche Kontinuitäten verrät - klug und ohne zu moralisieren, aber nicht ohne Moral. "Preiswürdig" findet das Otte - wohl auch mit Blick auf die Nominierung Bossongs für den Deutschen Buchpreis.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.08.2024

Mit ihrem neuen Roman ist Nora Bossong offenbar nicht  gelungen, was sie eigentlich geplant hatte, vermutet Rezensent Hilmar Klute. In ihrer biografisch inspirierten und so "faktenstolzen" Darstellung von Magda Goebbels ist ihm zufolge der Nebenstrang zur Hauptgeschichte geworden: Der junge, aufgrund seiner Homosexualität im NS-Reich gefährdete Hans Kesselbach, mit dem Magda eine Affäre hat, nehme deutlich mehr Raum ein als notwendig, erscheine dabei aber dennoch nicht sonderlich komplex. Ein Schicksal, dass Kesselbach im Roman laut Rezensent auch mit anderen Figuren teilt. Überhaupt sind dem Text Bossongs Bemühungen um einfache Verstehbarkeit des Historischen anzumerken: Das macht das Erzählte griffig, aber nicht eben seriös, stöhnt Klute. Nicht wird der Kritiker auch nicht glücklich mit der Sprache des Romans - oder wie es es ausdrückt: "Die Phrasendurchlässigkeit in diesem Buch ist bestürzend."

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 17.08.2024

Ausführlich rekapituliert Rezensentin Wiebke Porombka den Inhalt und Aufbau von Nora Bossongs neuem Roman, der Magda Goebbels in den Blick nimmt: Erzählt wird aus der Perspektive des fiktiven Hans Kesselbach, der einem früheren Verehrer nachempfunden ist und im Roman zum Klassenkamerad von Magdas Stiefsohn wird. Er erzählt aus dem Jahr 1944, wie sich sowohl die politische Sphäre als auch die Figur Magda Goebbels so entwickeln konnten: Bei letzterer lässt sich eine fast ungebremste Bereitschaft erkennen, sich für den persönlichen Vorteil anzupassen, liest Porombka. Ihr kommt Magda damit wie eine sehr typische, für den Zeitgeist exemplarische Figur vor, aber auch die Familie ihres ersten Mannes, Günther Quandt, wird von der Autorin im Nachwort für ihren ununterbrochenen Reichtum kritisiert, der auch aus der Nazizeit stammt. Ein Roman, der Verstrickungen und Kontinuitäten beleuchten und zugleich "den Mantel glänzender Unterhaltung überzuwerfen versteht", lobt die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.08.2024

Bitterböser Verriss! Allein weshalb Nora Bossong nun ausgerechnet einen Roman über Magda Goebbels schreiben musste, ist dem Rezensenten Jens Jessen ein Rätsel. Aber das Ergebnis unterbietet seine Erwartungen. Nichts, was nicht Wikipedia über Goebbels, das "It-Girl des Dritten Reiches" verrät, enthält dieser Roman, seufzt er: Alles was anstößig sein könnte oder über Altbekanntes hinausgeht, wurde getilgt, meint Jessen. Dass sich Bossong wenig für ihre Hauptfigur interessiert und dafür deren Liebhaber, den Studenten Kesselbach, ins Feld führt, der sich nachts im Berliner Schwulenmilieu der Dreißiger und Vierziger herumtummelt, könnte der Kritiker zwar verzeihen. Aber selbst hier werden nur Bilder aus Filmen von Cabaret bis Babylon Berlin wiedergekäut, klagt er. Jessen kann sich Bossons Impuls, diesen Roman zu schreiben nur so erklären: Entweder sie hat einfach ein Treatment für einen Film, der bei Fördergremien gut ankommt, verfasst. Oder schlimmer noch: Das Buch ist von einer KI verfasst wurden - stilistisch würde es den Rezensenten nicht wundern. Wir ahnen es: Keine Leseempfehlung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 12.08.2024

Rezensentin Judith von Sternburg zeigt sich beeindruckt von Nora Bossongs neuem Roman - einer "Antibiographie", die Distanz zu ihrem Gegenstand, der Nationalsozialistin Magda Goebbels, wahrt. Bossong schildert die verhältnismäßig liberale Jugend der Frau, die vor ihrer zweiten Heirat Quandt hieß, sowie die Soirées in ihrem Haus am Reichskanzlerplatz in Berlin. Allerdings wählt sie dafür eine Perspektive, die laut Rezensentin dem Modus psychologisierend-entschuldigender, ,menschlicher' Annäherung an die Hauptfigur vorbeugt: die des Studenten Hans, der während ihrer ersten Ehe eine Affäre mit Magda Quandt hat und sich, ein typischer Mitläufer, später auch aufgrund seiner Homosexualität politisch bedeckt hält. Von Sternburg sieht in Bossongs Roman das präzise Porträt einer Zeit, in der vermeintlich noch nicht klar war, wohin die Veränderung des politischen Klimas führen würde.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.08.2024

Geschickt getäuscht fühlt sich Rezensent Andreas Platthaus immer wieder von Nora Bossongs neuem Roman. Zum Beispiel, was dessen Hauptfigur angeht. Denn im Zentrum steht, lernen wir, gar nicht Martha Goebbels, die Frau, die an dem Berliner Platz, dessen Titel der Roman trägt, wohnhaft ist, und die freilich, wenn der Roman einsetzt, noch anders heißt. Vielmehr scheint die eigentliche Hauptfigur ein junger Mann namens Hans Kesselbach zu sein, der, führt Platthaus aus, zunächst in den Stiefsohn der späteren Martha Goebbels verliebt ist, dann aber auch diese selbst fasziniert beobachtet. Bossong hat laut Platthaus ein Buch darüber geschrieben, wie Persönlichkeit entsteht. Es gehe in dem Buch nicht nur um die Charakterschwächen der Goebbels-Gemahlin, sondern auch um die des Erzählers, und eben dadurch fügt sich das Buch zum Zeitbild. Platthaus identifiziert eine stilistische Nähe Bossongs zu Thomas Mann und hebt besonders die Fähigkeit der Autorin hervor, an den Kapitelenden geschickt wichtige Informationen zu platzieren, die das Leseerlebnis strukturieren. Ein faszinierendes Buch, das seine eigene Erzählung geschickt transzendiert, so das Fazit.