Anders als noch im 19. Jahrhundert, in dem der Zusammenhang zwischen Seuchen und Slums Sozialkritiker auf den Plan rief, fühlen sich heute jene besonders kritisch, die die epidemiologisch sich geltend machende Einheit des Menschengeschlechts vor der Krankheit abtun oder gleich leugnen. Die absolute Freiheit, um die es diesen Kritikern zu tun ist, ist nur noch unzureichend als politische Manifestation zu deuten, vielmehr muss er als Ausdruck eines spezifischen Sozialcharakters gelten, dessen Selbstbezüglichkeit, die Krankheit lediglich als Kränkung wahrnimmt, die postindustrielle Gesellschaft selbst befördert: indem sie Konkurrenz verabsolutiert und zugleich das Trugbild der Definitionsmacht des Einzelnen über Natur (auch die eigene) und Gesellschaft stiftet.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 09.05.2022
Rezensent Bodo Morshäuser empfiehlt Uli Krugs Essay, der die Konsequenzen globaler Produktionsbedingungen anprangert. Darin verfolgt Krug die These, dass die Globalisierung genauso Ursache für die Verarmung und Ausbeutung der sogenannten dritten Welt sei, wie für die "narzisstische Deformation des modernen Luxusbewohners", resümiert Morshäuser. Ausschweifend gibt der Rezensent die Erklärung wieder, dass sich Menschen aus den afrikanischen und asiatischen Slums vorwiegend vom Fleisch der einheimischen Wildtiere ernährten, weil sie sich die industriell hergestellten Produkte nicht leisten könnten, die Folge sei die Übertragung bekannter Viren wie Ebola und Corona auf die Menschen und die Weiterverbreitung über die globalen Lieferketten. Wenn ihm Krug dann auch noch die Verschwörungsmythen der Querdenker psychologisch herleitet, wünscht sich der Rezensent mehr aktive Auseinandersetzung mit der "globalen Realität".
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