Gibt es eine linke Mehrheit in der Bundesrepublik? Und wenn ja: Wer gehört dazu? Wer nach einer Antwort sucht, den treibt immer auch Hoffnung: Linke Mehrheit, das klingt nach einem Ort der Aufbewahrung guter Ideen, nach einem gemeinsamen Feuer, das gegen die Schlechtigkeit dieser Welt wärmt und die Richtung ausleuchtet in eine bessere. Es gibt jedoch ganz verschiedene Vorstellungen darüber, was eine linke Mehrheit sein müsste. Meist ist sie auf eine parteipolitische Kategorie der Bündnisfähigkeit geschrumpft, die Mehrheit ist dann rot-grün-rot und gegenwärtig offenbar defekt. Woran mag das liegen? Am Souverän, an den Nichtwählern? Oder an den Protagonisten selbst? Wer über die Existenz einer linken Mehrheit diskutiert, wird denn auch mit einem widersprüchlichen Befund konfrontiert: Das Verbindende lässt sich nicht so einfach parteipolitisch zu einer Homogenität von Vorstellungen und Zielen verdichten. Und zugleich müssen die teils deutlichen Unterschiede im Denken, Fühlen, Schmecken keineswegs gleichbedeutend sein mit politischer Handlungsunfähigkeit.
"Linkspartei"-Experte Tom Strohschneider arbeitet die Geschichte der Annäherung der linken Parteien solide und kenntnisreich auf, meint Rezensent Stefan Reinecke. Von aktueller Debattenrelevanz sind für den Rezensenten vor allem die letzten Seiten, auf denen der Autor seine Vorschläge für künftige Bündnisarbeit ausbreitet: Rückbindung an soziale Bewegungen sowie Anerkennung von Linksparteifundis als nötiges Gegengewicht innerhalb eines Regierungsbündnisses, gewissermaßen als Binnen-Opposition. Solche Forderungen findet Reinecke dann allerdings doch "hypertroph": Reicht es denn nicht schon aus, von einem solchen Bündnis einfach nur eine am sozialen Ausgleich interessierte Politik einzufordern, fragt er den Autor. Denn der Kritiker wähnt hier einen triftigen Widerspruch: Während Strohschneider einerseits "sympathischerweise" die Entideologisierung eines links-linken Bündnisses fordert, verspricht er sich davon zugleich eine Avantgarde-Funktion.
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