Suhrkamp Verlag, Berlin 2026
ISBN
9783518432846 Gebunden, 319 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Schöne alte WeltJa, die gute alte Zeit. Mode, Musik, Wirtschaftswachstum - alles war früher angeblich besser. Kaum etwas scheint heute so zu verfangen wie die Sehnsucht nach dem besseren Gestern. Sogar die Politik, so der Vorwurf, geht mit Nostalgie auf Stimmenfang. Doch Nostalgie ist weder so neu noch so schlecht, wie ihr Ruf es suggeriert.Tobias Becker erzählt die Geschichte des geteilten und wiedervereinigten Deutschlands durch seinen Umgang mit der Vergangenheit. Wie die Jugend der 1960er Jahre die "Goldenen Zwanziger" wiederentdeckte und die der 1970er den Rock'n'Roll der 1950er Jahre - und wie gleichzeitig die Nazi-Vergangenheit zurückkehrte: Persil-Waschmittel statt Vergangenheitsbewältigung. Galt Nostalgie bis 1990 auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs als "westlich-kapitalistisches Phänomen", schien sie danach nur noch in Ostdeutschland zu existieren. Doch warum findet sich zwar die Ost-, aber nicht die Westalgie im Duden? Nostalgie dient Tobias Becker als Schlüssel zum Verständnis der deutschen Gesellschaft. Denn der Begriff verrät mehr über diejenigen, die ihn verwenden, als über die, auf die er angewendet wird. Ob Retrotrends in der Popkultur oder die Geschichtspolitik populistischer Parteien: Im Blick aufs Gestern zeigt sich, wer wir heute sind - oder sein wollen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2026
Der hier rezensierende Historiker Valentin Groebner liest Tobias Beckers Studie über die nostalgische Sehnsucht der Deutschen nach gestern mit Interesse. Beklemmend findet er die Kapitel über die Nazi-Romantik und die Sehnsucht der Ostdeutschen nach der DDR nicht zuletzt deshalb, weil Becker zeigen kann, wie sich medialer Hype, Popkultur und Wissenschaft vermischen. Dass Nostalgie letztlich der Unterhaltung dient und sich der Analyse entzieht, ist für Groebner eine wichtige Erkenntnis der Lektüre. Beruhigend aber findet er die Befunde im Buch nicht, auch weil Becker feststellt, dass Trump-Sympathisanten und AfD-Wähler nicht einfach eine Sehnsucht nach einer besseren Vergangenheit umtreibt.
Überwiegend zustimmend liest Rezensentin Angela Gutzeit das Buch von Tobias Becker, das von der Verurteilung der Nostalgie als bloße Rückwärtsgewandtheit weg will. Vielmehr stecke im nostalgischen Rückblick ein Erkenntnispotenzial, so zeige der Historiker in seiner gesellschaftsanalytischen Studie schlüssig auf. Dabei kommt er etwa auf Udo Lindenbergs bei genauerem Hinsehen gar nicht so nostalgischen Song "Im Nostalgie-Club" von 1974 zu sprechen, auf die gefährliche "Hitler-Welle" in den siebziger Jahren, oder auch ausführlich auf den in den Neunzigern lautgewordenen "Kampfbegriff" der "Ostalgie", aus der mehr der Wunsch nach Zugehörigkeit als tatsächliche DDR-Sehnsucht gesprochen habe, liest Gutzeit. Hochaktuell wird es für sie, wenn Becker die Ostalgie samt zugehöriger Debatte als Quell einer konstruierten Ost-Identität einordnet, die nun von der AfD bespielt werde. Dass die AfD sich aber auch sehr realer ostdeutscher Tendenzen bediene, die auch schon vor dem Mauerfall existierten, kommt der Kritikerin an dieser Stelle etwas zu kurz. Trotzdem empfiehlt sie Beckers Buch als "diskussionswürdige" Lektüre.
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