Scham begegnet uns auf Schritt und Tritt als soziale Kontrolle und fragt ständig nach der Richtigkeit unseres Verhaltens. Kaum ein anderes Gefühl besitzt so vielgestaltige Konsequenzen für unser Sein und Handeln. Till Brieglebs Essay würdigt dieses scheinbar störende und verstörende Gefühl, das uns ständig begleitet, als zivilisatorische Triebkraft, als Quelle für Glück, Erkenntnis und Kultur. Bei allem persönlichen Leid, das die Schamangst erzeugt, ist sie keineswegs nur ein Nachteil der Empfindsamkeit oder eine Unsportlichkeit der Seele. Als permanente Forderung an unsere Selbstwahrnehmung und Störfaktor im großen Harmonie-Schwindel kann sie unsere Sensibilität wachhalten, unsere Intelligenz reizen, unseren Erfindungsreichtum erweitern, aber auch unseren zwischenmenschlichen Umgang von grotesken Hindernissen und nutzlosen Feindseligkeiten befreien.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 25.08.2009
Durchaus lesenswert scheint Rezensent Oliver Pfohlmann Till Brieglebs Essay über die Scham, auch wenn er einige Abstriche macht. Er attestiert dem Autor, zahlreiche Facetten des Schamgefühls zu beleuchten und es als eine der Haupttriebkräfte der Menschheitsgeschichte zu interpretieren, ohne dass weder Künste noch Wissenschaften existieren würden. Deutlich wird für ihn zudem, wie Religionen, Chefs und die Werbung mit Hilfe der Scham Menschen manipulieren. Dass in unserer kapitalistischen Gesellschaft das Zeigen von Scham generell unterdrückt werde, sieht Pfohlmann nicht und verweist auf den allgegenwärtigen therapeutischen Diskurs. Außerdem hat ihm der etwas "manierierte" und "gewollt originelle Stil" des Autors nicht so gut gefallen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 29.04.2009
Voller Zustimmung hat Ruth Fühner Till Brieglebs Essay über die Scham gelesen, die er nicht nur als ständigen Begleiter der Pubertät untersucht, sondern als Missempfindung angesichts der Verletzung selbst gesetzter Normen versteht. Trotz multikultureller Gesellschaft und Aufhebungen von Schamgrenzen sind laut Autor die Gründe, sich zu schämen, keineswegs verschwunden, sondern haben sich lediglich verschoben beziehungsweise vervielfältigt, erklärt die Rezensentin. Deshalb entnimmt sie dem Rat Brieglebs, sich der eigenen Scham und der Angst vor ihr zu stellen, seinen "Werten treu" zu bleiben und die Scham als Chance zu nutzen, auch einigen Trost.
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